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Hütten

Moderne Hütten: Architektur im Hochgebirge

• 9. November 2016
von Christina Geyer

Moderne Hüttenbauten mögen nicht jedermanns Geschmack sein. Einen Sinn haben sie aber durchaus. Sie schließen die Lücke zwischen Umweltverträglichkeit und zeitgenössischer Architektur. Wir stellen euch 7 Hütten von architektonischer Bedeutung vor.

Sulzenauhütte in Tirol
Foto: Timm Humpfer
Lawinensicherer Bau: Die Sulzenauhütte (2.191 m) in den Stubaier Alpen in Tirol
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Obwohl die infrastrukturelle Erschließung der Alpen laut Alpenverein als abgeschlossen gilt und keine weiteren Hütten mehr gebaut werden sollen, ist die Frage nach Architektur im Hochgebirge nicht vom Tisch. Baufällige Hütten gilt es zu ersetzen, viele Bauten bedürfen außerdem größerer Kapazitäten und verlangen nach Erweiterungsbauten.

Während man sich beim Bau von Hütten im Hochgebirge bis in die 1960er Jahre hinein an den Wohnformen im Tal orientierte, läuteten die späten 70er-Jahre die Suche nach einer neuen architektonischen Sprache ein. Die medial allgegenwärtige ökologische Krise führte speziell in sensiblen Zonen wie den Alpen zu einem Umdenken, das sich auch in der Bauweise der Schutzhütten niederschlug.

Wichtiger als das klassische Erscheinungsbild der Hütte wurden eine umweltfreundliche Energieversorgung, geordnete Abfall- und Abwasserbeseitigung sowie die Reduktion der motorisierten Versorgung. Die zeitgenössische Architektur liefert darauf ihre ganz eigene Antwort und kombiniert die Strategie des ökologischen Bauens mit modernen Ansprüchen.

Wir stellen euch 7 Beispiele vor.


1. Berghotel Rudolfshütte, 2.315 m

Glocknergruppe / Salzburg

Das Berghotel Rudolfshütte ist gleich doppelt interessant: Zum einen ist der moderne Bau architektonisch bedeutsam, zum anderen ist auch seine Größe als Reaktion auf die wachsende Zahl an Bergbesuchern beachtlich. Die Hütte wurde nach dem Entwurf des Innsbrucker Architekturbüros Heinz & Mathoi & Streli im Rahmen eines Architekturwettbewerbs realisiert.


2. Hesshütte, 1.699 m

Ennstaler Alpen / Steiermark

Die Hesshütte (1.699 m) steht am Ennsecksattel zwischen Hochtor und Hochzinödl in den Gesäusebergen in den Ennstaler Alpen. Sie liegt mitten im Nationalpark Gesäuse und ist über vier Zustiege aus drei Gesäuse-Orten erreichbar: von Hieflau, von Johnsbach und von Gstatterboden. Die anspruchsvollsten Aufstiege führen von Gstatterboden über den legendären Peternpfad und den Wasserfallweg zur Hütte. Der Klassiker, oder sagen wir Normalweg zur Hütte, ist der Anstieg aus Johnsbach vom Gasthof Kölbl weg. Gleichgültig aus welcher Richtung man zur Hütte empor steigt, der Lohn für den zurückgelegten Weg ist mehrfach: eine prachtvolle Ostalpen-Hütte, die imposanten Gesäuse-Berge und im Falle einer sternenklaren oder sogar Vollmond-Nacht, ein Himmel und ein Panorama, das so schnell nicht zu vergessen ist.  In welcher alpinen Gesellschaft hält sich die Hesshütte auf: die Planspitze im Norden, die Hochtor-Gruppe im Westen, die Jahrlingmauer im Süden und der Zinödl im Osten sind jahraus, jahrein die ständigen Begleiter der Hütte. Schon die Anstiegswege zur Hütte sind richtige Bergtouren. Nur rund um die Hesshütte gehen die Wege weiter. Darunter sind auch eine Reihe verwegener Klettereien. So reicht der Hochtor-Ostgrat, der Rossschweif, bis zur Hütte herunter. Der "Normalweg" von Johnsbach ist allerdings familientauglich, vorausgesetzt, die heranwachsenden Alpinisten sind bereit, mindestens drei Stunden Fußmarsch in Kauf zu nehmen.
Geöffnet
Mai - Okt
Verpflegung
Bewirtschaftet

Das Schlafhaus der Hesshütte wurde 1978 nach den Plänen des Wiener Architekten Helmut Porsche errichtet und hebt sich in Optik und Bauweise erheblich von anderen bestehenden Hütten der 70er-Jahre ab. Ihre Form ist ein Ergebnis aus Wetterbeständigkeit auf der einen und Ortsgebundenheit auf der anderen Seite.


3. Sulzenauhütte, 2.191 m

Stubaier Alpen / Tirol

Die Sulzenauhütte (2.191 m) steht auf einem wunderbaren Flecken auf dem Hauptkamm der Stubaier Alpen. Sie schaut gemeinsam mit dem Zuckerhütl, dem höchsten Gipfel dieser Gebirgsgruppe der österreichischen Zentralalpen, und dem Wilden Freiger, der Siebenthöchste hier, auf das Stubaital hinunter. Nahezu die gesamte Hütten-Umgebung trägt den Namen Sulzenau. Während das Wasser des Sulzaubaches das Seitental des Stubaitales verlässt, kommen Bergsteiger und Wanderer über Sulzegg, die Sulzenau Alm zur Hütte herauf. Rechts der Hütte erstreckt sich die Hohe Sulze. Und der Sulzenaukogel liegt, fast in Griffweite, hinter der Hütte. Dass der Bergsee, der oberhalb des Schutzhauses liegt, Blaue Lacke und nicht etwa Sulzausee heißt, verwundert. Die Sulzenauhütte ist Anlaufstelle und Etappenziel auf dem Stubaier Höhenweg. Ihre Gäste sind Höhenluft-Schnupperer, die nicht weiter in die Hochgebirgswelt vordringen wollen. Sie beherbergt Weitwanderer, die Gehen als ihre Existenz-Grundlage sehen. Und sie kümmert sich um Alpinisten, die nach Höherem, Steilerem, Ausgesetzterem streben bis über ihren Köpfen nur mehr Luft und Himmel sind. Die Sulzenauhütte hat für alle Menschen was, die zu ihr kommen. Wer des klassischen Berggehens und -steigens überdrüssig ist oder davon eine Pause braucht, dem bietet die Hütte moderne Spielarten des Bergsports: Flying Fox, Übungsklettersteige, Sonnenklettergarten, Geocoach-Parcour, Slackline und Übungskletterfelsen sind im Hüttenbereich zu finden. Jene, die sich, beispielsweise, für Wasser in seiner Vielfältigkeit begeistern, können dieser Leidenschaft am Sulzenau- und Wilder-Freiger-Ferner, an den Bächen und Bergseen des Tals im Tale nachgehen. 
Geöffnet
Jun - Sep
Verpflegung
Bewirtschaftet

Auch die von Anton Schalle entworfene Sulzenauhütte reagiert auf die Widrigkeiten im Hochgebirge. Ihr Bau ist vom Lawinenschutz geprägt: Stahlbetonkeil und Betonwand sollen einem Lawinenabgang standhalten und die Schneemassen über das Dach ablenken.


4. Stüdlhütte, 2.801 m

Glocknergruppe / Tirol

Die vom deutschen Architekten Albin Glaser entworfene und 1996 fertiggestellte Stüdlhütte folgt bereits dem Trend einer energieoptimierten Bauweise. Die Energieeinsparung als Hauptthema der Architektur spiegelt sich in Form von Wärmedämmung und Sonnenkollektoren im Bau der Stüdlhütte wider. Die Unabhängigkeit von fossiler Energie rückt immer weiter in den Mittelpunkt der architektonischen Interessen im Hochgebirge.


5. Schiestlhaus, 2.154 m

Hochschwabgruppe / Steiermark

Das Ziel der Energieautarkie zieht sich fortan durch die gesamte Architektur im Hochgebirge. Das Schiestlhaus wurde vom Wiener Architektenbüro pos architekten entworfen, dessen Slogan nicht umsonst „ökologisch - nachhaltig - innovativ“ lautet. Entstanden ist das erste Passivhaus im Hochgebirge, ein „Prototyp für ökologisches Bauen unter extremen Klimabedingungen“, wie es pos architekten formulieren.


6. Olpererhütte, 2.389 m

Zillertaler Alpen / Tirol

Spätestens mit dem Bau der Olpererhütte wird das architektonisch festgefahrene Bild von Heimatschutzvorstellungen und Materialklischees überwunden. Im Mittelpunkt steht mehr denn je das klimarelevante Bauen. Im Rahmen eines Architekturwettbewerbs konnten sich 2006 die Vorarlberger Architekten um Hermann Kaufmann mit ihrem Entwurf durchsetzen.


7. Seethalerhütte, 2.740 m

Dachsteingebirge / Oberösterreich

Die bestehende Seethalerhütte „zerbröselt“, wie Obertrauns Bürgermeister Egon Höll angibt. Oberösterreichs höchstgelegenes Schutzhaus soll also erneuert werden. Als Gewinner ging ein Entwurf von dreiplus Architekten hervor, der so manch einem Traditionalisten sauer aufstoßen mag. Der nahezu futuristisch anmutende Bau sieht dafür aber jede Menge Neuerungen und Verbesserungen in puncto Umweltverträglichkeit und Nachhaltigkeit vor. So soll etwa eine größere Photovoltaikanlage das bestehende Dieselaggregat endgültig obsolet machen.

Entwurf: Neubau der Seethalerhütte in Oberösterreich
Foto: dreiplus Architekten
Der Gewinner-Entwurf von dreiplus Architekten für den Neubau der Seethalerhütte

Tipp

Weitere Informationen rund um das Thema Architektur im Hochgebirge sowie weiteres Wissenswertes rund um Hütten und Wege im Alpenraum findet ihr in der Publikation des Deutschen Alpenvereins, Österreichischen Alpenvereins und des Alpenvereins Südtirol:

Hoch hinaus! Wege und Hütten in den Alpen

Hoch hinaus! Band 1 - Alpenverein
Foto: Alpenverein
Hoch hinaus! Band 1 der Publikation zur Ausstellung

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