Gipfelblick
Foto: Andreas Jakwerth
Bergporträt

Vom Mythos Untersberg

• 28. Juli 2021

Der Untersberg: eine Legende, ein Hollywoodstar. Auf seinem Plateau verläuft die Grenze zwischen Österreich und Deutschland und in seinem Inneren angeblich die Grenze zwischen Ober- und Unterwelt.

Maria Simperler für das Bergwelten Magazin Februar 2018.

In einer der berühmtesten Szenen der Filmgeschichte dreht sich Julie Andrews auf einer grünen Wiese im Kreis, die Arme weit ausgebreitet, und singt: „The hills are alive with the sound of music.“ Die Einstiegsszene von „The Sound of Music“ wurde auf einer Anhöhe in Marktschellenberg gedreht, markant ragt im Hintergrund das Untersbergmassiv auf. Dem Musikfilm über die Geschichte der Familie Trapp ist es auch zu verdanken, dass jährlich eine halbe Million Menschen zum Untersberg pilgern.

Dabei hat der Berg für die Menschen, die um ihn herum wohnen, einen ganz anderen Charakter. Wäre der Untersberg ein Mensch, wäre das keiner, den man spontan auf eine Feier einlädt. Er wäre eher ein kühler, mürrischer Typ, sogar ein wenig hinterlistig. Er ist ein Berg, der ein bisschen Zeit braucht, bis man warm miteinander wird. Die Grödiger haben den Untersberg zwar überlistet und ein Seil von seinem Fuß auf den Gipfel gespannt. Jetzt kann man dem Berg so schnell so nahe kommen, dass es einem auf dem Weg hinauf die Ohren verschlägt.


 

Klettersteig
Foto: Andreas Jakwerth
Der Anstieg über den Dopplersteig ist zwar schweißtreibend, aber auch lohnender

Der langsame Weg – der, bei dem man sich Zeit lassen muss, um den Berg kennenzulernen – führt über unzählige Stufen nach oben. Warm wird einem dabei auf jeden Fall. Alex Pircher hält inne und sagt: „Die Menschen unterschätzen den Untersberg. Wir mussten schon Leute mit Flip-Flops vom Berg holen.“ Der 25-Jährige engagiert sich in der Bergrettung in Grödig, unweit von Salzburg; zumeist führen die Einsätze ihn in das Gebiet um den Untersberg.

Mächtig erhebt sich der Untersberg aus dem flachen Salzburger Becken, flankiert vom Hohen Staufen im Nordwesten und dem Hohen Göll im Süden. Dabei zeigt er aus dem Tal viele Gesichter, je nachdem, von wo aus man ihn betrachtet. Auf der einen Seite fast schon sanft ansteigende Wälder, auf der anderen steile Felswände. Und obenauf ein 17 Quadratkilometer großes Plateau, auf dem die Grenze zwischen Österreich und Deutschland verläuft. Der flache Rücken des Berges ist es auch, dem manche Wanderer nicht genügend Respekt zollen. Denn was viele nicht wissen: Hier kann man abseits der markierten Wege nur allzu leicht verschwinden. Aber mehr dazu später.

Wanderin in einem Höhleneingang
Foto: Andreas Jakwerth
In die Kolowratshöhle kamen dieSalzburger früher zum Eislaufen. Heute sind das einzig Rutschige hier die Felsen.

Mit Schlittschuhen auf den Berg

Wir haben uns mittlerweile durch den Wald hinausgekämpft und zweigen auf einen ausgesetzten schmalen Weg ab, der nach etwa hundert Metern im Berg zu verschwinden scheint – und eigentlich stimmt das ja auch, denn der Pfad führt direkt zum Eingang der Kolowratshöhle. Der Untersberg, der von den mächtigen Gletschern der letzten Eiszeit geformt wurde, verdankt dem beständig tropfenden Schmelzwasser zigtausender Jahre ein riesiges unterirdisches Höhlensystem, das noch immer nicht vollständig erforscht ist. Alex knipst die Stirnlampe an, im Lichtstrahl tanzen Wölkchen warmer Atemluft.

Auf glitschigen Stufen geht es hinunter in die Höhle; bei jedem Schritt muss man achtgeben, um nicht auszurutschen. Mitte des 19. Jahrhunderts war genau das die Attraktion in der Höhle, selbst wenn die Umstände etwas anders waren. Die Kolowratshöhle ist nämlich eine jener Höhlen im Untersberg, in der bei Minusgraden das Wasser, das durch das Gestein tropft, zu absonderlichen Gebilden gefriert – und früher auch zu einer spiegelglatten Fläche auf dem Grund der Höhle, die zum Eislaufplatz erkoren wurde.

Zwei lachende Gesichter

Man muss sich das einmal vorstellen, wie die Salzburger, die Schlittschuhe geschultert, da auf den Untersberg stiegen, sich durch den winzigen Eingang der Höhle zwängten und im Fackelschein ihre Runden zogen. Leider besiegelte die Beliebtheit der Eislaufhöhle auch ihr Schicksal, denn um leichter zum unterirdischen Eislaufplatz zu gelangen, wurde der Eingang der Höhle immer weiter vergrößert – was dazu führte, dass die Temperaturen in der Höhle stiegen und das Eis schmolz. Uns ist aber auch ohne Eisfläche kalt genug, und wir setzen den Anstieg auf den Untersberg fort, begleitet von den neugierigen Blicken mehrerer Gämsen, die auf der steilen Wiese grasen und sich von den Wanderern nicht stören lassen.

Oberhalb der Wiese beginnt die Schlüsselstelle des Dopplersteigs, steile, in den Fels gehauene Stiegen. Hier muss jeder Schritt sicher gesetzt werden, auch wenn der Weg gar nicht so furchteinflößend wirkt. Diese Charakteristik gilt eigentlich für den gesamten Untersberg; weil man mit der Seilbahn bequem in die Höhe gondeln kann und weil der Rücken des Untersbergs ein weitläufiges Plateau ist, gibt es genügend Menschen, die ihm zu wenig Respekt entgegenbringen. Dabei sind am Untersberg in den letzten hundert Jahren rund vierzig Menschen verschwunden.

Unterwelt und Alpenschamanen

Schon seit Jahrhunderten gilt der Untersberg daher als Ort, an dem sich die Grenzen zwischen Ober- und Unterwelt auflösen, an dem die Zeit anderen Gesetzen folgt und unerklärliche Dinge passieren. Bis heute treffen sich hier spirituell Interessierte, Esoteriker und selbsternannte Alpenschamanen, um die spezielle Energie des Berges zu erleben. Spricht man mit jemandem wie Alex von der Bergrettung, sind die Gründe für das Verschwinden jedoch viel weltlicher: „Am Plateau gibt es zahllose Dolinen, also Spalten im Boden.

Wenn man abseits der Wege unter wegs ist, läuft man Gefahr, im Berg zu verschwinden.“ Manche werden nach wenigen Tagen gefunden, andere gibt der Berg erst nach Jahrzehnten wieder frei. Und dann gab es noch einen berühmten Fall, in dem drei Freunde am Untersberg spurlos verschwanden, Wochen später aber auf einem Frachter im Roten Meer auftauchten: Sie hatten den Mythos des Berges genutzt, um unterzutauchen. Wir haben mittlerweile die letzten Meter hinter uns gebracht, vorbei am urigen Zeppezauerhaus und der gut besuchten Hochalm. Oben am Plateau treffen sie dann aufeinander, die Seilbahntouristen mit ihren Selfie-Sticks, die Hüttenwanderer mit den Wanderstecken, die Kletterer mit klimpernden Karabinern am Hüftgurt.

Von Wandern bis Klettern.

Ums Gipfelkreuz des Salzburger Hochthrons drängen sich Japaner, Chinesen und Amerikaner, die hergekommen sind, um die Kulisse eines Films zu bestaunen, für den Österreich berühmt ist, obwohl kaum ein Österreicher ihn je gesehen hat. Ein paar Meter weiter unten packt eine Familie aus Kalifornien gerade Seil, Expressen und Friends aus. Die elfjährige Helen befestigt ein rotes Walkie-Talkie am Brustgurt, sie wird heute am Blausandpfeiler vorsteigen.

Fest am Fels

Wir halten uns am nächsten Tag hingegen an die Farbe Rot, genauer gesagt, die Route Mezzo Rosso, die über schroffe Platten bis in den sechsten Schwierigkeitsgrad reicht. Für Kletterer ist die  Untersbergbahn praktisch, sie schweben erst nach oben und seilen sich dann vom Plateau zum Ausgangspunkt der Kletterroute ab.

Gerade arbeiten sich Teresa Grossauer und Kathi Maier gemeinsam den Fels hinauf. Kathi ist Sozialpädagogin und Jugendleiterin beim Alpenverein, Teresa ist Unfallchirurgin im Salzburger Krankenhaus und kommt direkt von einer 25-Stunden-Schicht. Nur an den etwas müden Augen sieht man ihr den langen Arbeitstag an, sonst wirkt sie voller Energie. „Nach so einem Dienst muss ich sofort raus und was machen, erst dann gehe ich ins Bett“, sagt die 27-Jährige. Teresa war das erste Mal am Untersberg, als sie noch nicht einmal gehen konnte – sie wurde von ihren Eltern in der Kraxe  hinaufgetragen.

„Man sagt, als Salzburger gehst du einmal im Jahr auf den Untersberg“, klärt uns die Ärztin auf, und sie fügt lachend hinzu: „Öfter gehen die meisten wirklich nicht rauf.“ Auf die beiden Freundinnen trifft das nicht zu: Kathi läuft als Training gelegentlich den Dopplersteig hinauf; auch zum Klettern sind beide oft hier. Der Fels, aus dem der Untersberg besteht, ist aber nicht nur für Kletterer interessant.

An seinem Fuß gab es bis vor gar nicht allzu langer Zeit Steinbrüche und Kugelmühlen, aus denen bereits im 16. Jahrhundert Marmorkugeln in die Welt exportiert wurden – als Andenken, Spielzeug für Kinder, Schiffsballast oder Munition für Kanonen. Heute ist das letzte Überbleibsel die Marktschellenberger Marmorkugelmühle für Touristen.
 

Die Seele baumeln lassen

Nach der einsamen Kletterpartie kehren wir ein in der belebten Hochalm. Wirt Christian Pongruber deutet auf den Bergretter-Stammtisch links neben der Eingangstür, der ist noch frei. Erschöpft und zufrieden lassen wir den Blick ins Tal schweifen, wo die Dächer Salzburgs in der Sonne blitzen.

Irgendwo dort unten fährt sicher ein Bus, der Touristen aus aller Welt die Stationen des Kultfilms „Sound of Music“ zeigt. Vielleicht werden sie sogar das Titellied spielen, das mit den Zeilen endet: „I go to the hills when my heart is lonely./ I know I will hear what I've heard  before./ My heart will be blessed with the sound of music/And I’ll sing once more.“

Damit kann man sich am Untersberg selbst dann identifizieren, wenn man den Film, der ihn in der Welt berühmt gemacht hat, nie gesehen hat.

Sagenhaft: Der Kaiser im Berg

Seit fünfhundert Jahren erzählen sich die Menschen mystische Geschichten über den Untersberg. Die Protagonisten dieser Sagen sind wilde Frauen, Zwerge, Riesen und sogar Kaiser. Karl der Große, so heißt es in einer der bekanntesten Sagen, wurde einst in den Berg geschickt, wo er mit seinem Gefolge um einen Tisch sitzt (wie auf dieser Lithografie aus dem Jahr 1847).

Sein Bart ist so lang, dass er schon zweimal um den Tisch herumreicht. Alle hundert Jahre schickt der Kaiser Späher aus, um zu erfahren, ob der Zeitpunkt für die große Schlacht zwischen Gut und Böse ansteht, die auf dem Walserfeld neben einem alten Birnbaum geschlagen werden soll. Wann dieser Zeitpunkt ist und wer der Böse, darüber gibt es unterschiedliche Meinungen, einmal ist es der Antichrist, dann Frankreich als Erbfeind Deutschlands (da Salzburg bis ins 19. Jahrhunderts ein Teil von Bayern war).

Historische Zeichnung
Foto: Andreas Jakwerth
Der Kaiser im Berg.

Die Schlacht steht jedenfalls dann an, wenn über dem Untersberg keine Raben mehr kreisen oder der Bart des Kaisers zum dritten Mal um den Tisch gewachsen ist. Sollte die Sagenfigur tatsächlich einmal auf dem Walserfeld auftauchen, kann man nur hoffen, dass der Kaiser den Birnbaum erkennt: Das aktuelle Naturdenkmal als Würdigung der Sage wurde nämlich erst 2015 dort gepflanzt.

Almbachklamm: Wilde Wasser

Gäbe es den Untersberg nicht, wären die Salzburger vielleicht ein wenig durstiger. Immerhin bezieht ein Großteil der Landeshauptstadt sein Trinkwasser aus den Quellen, die in der Nähe des Berges entspringen. Ein besonders schöner Weg am Wasser und eine willkommene Abkühlung an heißen Tagen ist die Almbachklamm bei Marktschellenberg in Bayern. Schon Ende des 19. Jahrhunderts wurden hier Stufen und Tritte angebracht sowie Brücken gebaut, damit Soldaten die Klamm leichter überwinden konnten.

 

Wasserfall Almbachklamm
Foto: Andreas Jakwerth
Wandern in der Almbachklamm.

Heute ist die Almbachklamm ein sehr beliebtes Ausflugsziel, und man kann auf einer rund einstündigen Wanderung die türkisen Wasser des Almbachs in Gumpen, Strömen und Wasser-fällen bewundern. Wer mutig ist, kann an einigen Stellen sogar im Fluss baden – das Wasser hat aber kaum zehn Grad.

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