Mein Bergprojekt
Foto: Klaus Haselböck
Mein Bergprojekt

Ein großer Gipfel in kleinen Schritten

Interview • 3. Juni 2019
von Robert Maruna

Er ist kein klassischer Bergfex. Trotzdem hat sich Andi aus Niederösterreich den großen Traum vom Gipfel erfüllt und ist dabei gleich auf den höchsten Berg Österreichs gestiegen, den Großglockner: Wie man sich auf ein solches Bergprojekt vorbereitet und was es für ein Gefühl ist auf über 3.000 m zu stehen, erfahrt ihr hier.

„Ich habe mich immer auf den nächsten Schritt konzentriert und nicht ständig an den Gipfel gedacht.“
Foto: Klaus Haselböck
„Ich habe mich immer auf den nächsten Schritt konzentriert und nicht ständig an den Gipfel gedacht.“

Mein Bergprojekt

Wir stellen Geschichten von Menschen vor, die sich ihren großen Traum in den Bergen erfüllt haben. Es muss nicht immer hoch hinausgehen, es geht um die Überschreitung persönlicher Grenzen und die Überwindung der individuellen Machbarkeit. Ihr habt euch euren Traum vom großen Bergprojekt verwirklicht? Dann schreibt uns doch und mit ein wenig Glück erzählen wir bald eure Geschichte.

Im Gänsemarsch unterwegs zum Gipfel des Großglockner (3.789 m)
Foto: Klaus Haselböck
Im Gänsemarsch unterwegs zum Gipfel des Großglockner (3.789 m)

„Schritt für Schritt.“ Immer wieder betont Andi die notwendige Herangehensweise, um große Projekte zu realisieren: in kurzen Etappen planen, kleine Schritte machen und trotzdem dabei das große Ganze nicht aus den Augen verlieren. „Wenn du unten in Kals stehst und zum Glockner hinaufblickst, kann es schon passieren, dass du an der Mächtigkeit seines Anblicks zerbrichst und einfach wieder umdrehen willst.“ Weil der Berg groß und hoch, der Mensch im Vergleich aber klein und schmächtig erscheint, hätte Andi in der Gipfelnacht genau das beinahe getan.

Glücklicherweise konnten ihn seine Freunde dann doch dazu überreden den Versuch zu wagen, „letztlich war es aber das Vertrauen in den Bergführer, warum ich dann in der Früh doch losgegangen bin.“ Oder war es das blinde Vertrauen des Bergführers in den bergunerfahrenen Andi? „Eigentlich hat er mir keine Wahl gelassen und einfach gemeint, „Komm Andi, wir gehen!““, und vielleicht war genau dies der Grund, warum Andi ein paar Stunden später am Gipfel und 2.000 Hm weiter unten wieder heil und munter im Tal angekommen ist. Man hat zwar immer die Wahl, „aber manchmal muss man auch einfach vertrauen“. Und wenn einen das Vertrauen verlässt, dann kann man sich immer noch anhalten. Am Seil, am Berg oder eben auch am Bergführer. Ein Bergprojekt, das auf den höchsten Berg Österreichs führt und wohl vielen Menschen durch den Kopf geht. Ein Gespräch über persönliche Erlebnisse am Weg nach oben und nach unten.

Frühmorgens am Glocknerleitl
Foto: Klaus Haselböck
Frühmorgens am Glocknerleitl

Bergwelten: War es schon immer dein größter Traum irgendwann einmal am Gipfel des Glockner zu stehen?

Andi: Also es war ein spontaner Traum. Ich habe ehrlich gestanden nicht über Jahre hinweg vom Gipfel des Glockner geträumt. Das hat sich eigentlich recht kurzfristig im Gespräch mit Kollegen ergeben. In dem Moment, wo wir dann den Termin fixiert haben und ich gesagt habe: „Ok, das machen wir jetzt“, da wurde es erst zu einem echten Traum und es entstanden Bilder von der Besteigung in meinem Kopf. Das waren am Anfang schöne Bilder und je näher wir uns dem Tag der Wahrheit genähert haben, desto verzerrter und trüber wurden auf einmal diese Bilder. Dann kam zuerst Respekt und irgendwann auch ein wenig Angst, die Angst es nicht zu schaffen. Weil ich ja auch noch nie auf so einem hohen Berg war. Ich habe dann in den letzten Tagen zuvor immer wieder das Wetter gecheckt und insgeheim gehofft, dass das Wetter schlecht wird und wir es vielleicht doch absagen. Soweit kam es zum Glück aber nicht…Und ich hatte sehr viel Glück, dass ich praktisch nur von Profis umgeben war: Sowohl meine Bergkameraden sind sehr erfahren, als auch natürlich die Bergführer, mit denen wir aufgestiegen sind. Beide stammen aus Kals, einer von ihnen ist der ehemalige Hüttenwirt der Adlersruhe am Glockner.

Du hast jetzt immer wieder von Respekt und Angst gesprochen, zwei Gemütszustände, die ganz knapp nebeneinander liegen. Wovor hattest du denn mehr Respekt: Vor der körperlichen oder mentalen Herausforderung, die da oben auf dich gewartet hat?

In diesem Fall glaube ich, dass diese beiden Herausforderungen irgendwann miteinander verschmolzen sind. Primär habe ich mir aber die Frage gestellt, ob ich diesem Berg körperlich gewachsen bin – also, ob ich fit genug für den Glockner bin. In einem nächsten Schritt habe ich dann begonnen über meine eigenen Stärken und Schwächen nachzudenken, und da sind viele Fragen in mir aufgetaucht. Trotzallem habe ich die erste Nacht in Kals, am Fuße des Berges, großartig geschlafen und mich beim Weggehen Richtung Glockner herrlich gefühlt. Da war die Nervosität eigentlich völlig weg und die Freude auf das bevorstehende Erlebnis hat überwogen. In der zweiten Nacht auf der Adelsruhe hat die Sache dann ganz anders ausgesehen, da haben mir meine Gedanken wirklich den Schlaf geraubt und ich war in der Früh kurz davor das Ganze abzublasen…

„Ich war in der Früh kurz davor das Ganze abzublasen.“
Foto: Klaus Haselböck
„Ich war in der Früh kurz davor das Ganze abzublasen.“

Hast du aber nicht.

Genau, ich habe mich dann einer Sache besonnen, doch dafür muss ich ein wenig ausholen: Ich habe kurz vor dem Glockner das Kinderbuch „Momo“ gelesen und da gibt es einen Protagonisten, Peppo Straßenkehrer, der ist ein sehr glücklicher Mensch, obwohl seine Aufgabe darin besteht, scheinbar nie enden wollende Straßen zu kehren. Seine Erklärung zum Glücklichsein ist aber einleuchtend: Ein Schritt, ein Besenstrich, ein Atemzug. Er sieht nicht bis zum Ende der Straße, er lebt im hier und jetzt und konzentriert sich immer auf den nächsten Besenstrich. Also habe ich mich immer auf den nächsten Schritt konzentriert und nicht ständig an den Gipfel gedacht.

Große Ziele erfordern eben viele kleine Schritte, wie hast du dich denn auf den Großglockner vorbereitet?

Ich hatte das große Glück, dass einer meiner Freunde den Großteil der Vorbereitungsarbeit übernommen hat. Wir wussten über die Route, Ausrüstung, etc. Bescheid. Insofern konnte ich mich vorab – neben kleineren Bergtouren und kontinuierlichem Fitnessprogramm – ganz gezielt mit meiner Euphorie und meinem Respekt diesem Berg gegenüber auseinandersetzen. Das war überaus wichtig und hat dazu geführt, dass ich ab dem Moment, wo wir in Kals gestartet sind, einfach gegangen bin: Schritt für Schritt für Schritt…Da kommt man einfach in so einen Flow hinein und der Blick reduziert sich auf das unmittelbar vor einem Liegende. Alles andere blendet man in diesem Moment aus.

Trotz der Bezeichnung „Normalweg“ hält die beliebte Route auf den Großglockner viele exponierte Stellen für die Bergsteiger parat
Foto: Klaus Haselböck
Trotz der Bezeichnung „Normalweg“ hält die beliebte Route auf den Großglockner viele exponierte Stellen für die Bergsteiger parat

Wie ist es dir dann beim weiteren Aufstieg ergangen?

Wir sind über den Normalweg, mit Übernachtung auf der Adlersruhe, auf den Gipfel gestiegen. Während des ersten Tages hatten wir zwar schlechtes Wetter und leichten Regenfall, trotzdem war die Stimmung in der Gruppe gut und jeder von uns war überaus motiviert zu gehen. Die zwei Bergführer haben mir immer wieder Tipps beim Klettern gegeben und so hat alles wunderbar geklappt. Als wir auf der Hütte angekommen sind, hatte ich allerdings höhenbedingt ein wenig Kopfschmerzen. Und dann kam eben die Nacht: Ich wusste zwar, dass wir da oben nicht besonders gut schlafen werden, aber mit so wenig Schlaf habe ich dann doch nicht gerechnet. Ich bin im Bett gelegen, meine Gedanken haben rotiert und ich war mir sicher, dass ich am nächsten Morgen nicht weitergehen würde. Im Halbschlaf habe ich dann mit Atemübungen begonnen, um meinen Puls zu beruhigen. Als dann alle munter geworden sind, haben wir uns angezogen, ein kleines Frühstück genommen und sind einfach losmarschiert. Da war kein Platz mehr für Diskussionen und der wilde Affe in meinem Kopf hat aufgehört zu tanzen.

Was war das für ein Gefühl, das erste Mal im Leben auf dem höchsten Berg Österreichs zu stehen?

Eigentlich war die Besteigung eine Metapher für mein Leben. Oft hat man im Vorfeld eines Projekts unglaublich viele Ängste, Unsicherheiten und traut sich einfach viel zu wenig zu. Wenn man sich aber darauf einlässt, dann geht oft alles wie von selbst – man realisiert, dass man eigentlich zu viel mehr in der Lage ist, als man manchmal annimmt. Das ist natürlich keine neue Erkenntnis für die Menschheit, aber für mich persönlich war das ein irrsinnig ergreifender Moment dort oben. Ich habe keine Anstrengung verspürt, sondern war fasziniert von dem Weitblick, dem blauen Himmel, den weißen Gipfeln und dieser wahnsinnig frischen Luft. Ich war einfach glücklich. Ich habe mich wie ein kleines Kind gefühlt und auch so gefreut.

Andi am Gipfel, umgeben von seinen Freunden und den Bergführern aus Kals
Foto: Klaus Haselböck
Andi am Gipfel, umgeben von seinen Freunden und den Bergführern aus Kals

Und wie hat sich dann der Abstieg vom Gipfel gestaltet?

Ich war vom Gipfelerlebnis so beflügelt und so fokussiert zugleich, dass der Abstieg dann eine weit weniger große Herausforderung war, als ich ursprünglich angenommen hatte. Unten im Tal angekommen habe ich mich hingesetzt und gemerkt wie die Anspannung meinen Körper verlässt und die Müdigkeit einsetzt. In diesem Moment habe ich für mich beschlossen wieder einen hohen Berg zu besteigen. Einfach nur für mich selbst. Dinge einfach nur für sich selbst zu tun steht in krassem Gegensatz zu meinem normalen Leben, wo du ja oft und gern Verantwortung für andere übernimmst. Am Berg bist du zwar in einer Seilschaft unterwegs und übernimmst auch Verantwortung für deine Seilpartner, trotzdem besteigt man einen Berg aus freien Stücken. Und dieses Gefühl möchte ich wieder verspüren.

Du bist gesund und munter zurückgekehrt. Was würdest du einem Menschen raten, bevor er das erste Mal auf den Glockner steigt?

Die Vorbereitung ist essentiell – sowohl die körperliche, als auch die mentale. Man sollte auch mit seiner Ausrüstung vertraut sein und sich mit Menschen am Berg bewegen, die im Idealfall mehr Erfahrung haben und denen man absolut vertraut. Diesen Menschen vertraust du – nicht nur im übertragenen Sinne – schließlich auch dein Leben an. Außerdem sollte man mit dem notwendigen Respekt an so eine Sache herantreten: Den Mut aufzubringen, um etwas zu wagen ist eine Sache, die Demut gegenüber diesem Wagnis ist vielleicht noch wichtiger.

„Den Mut aufzubringen, um etwas zu wagen ist eine Sache, die Demut gegenüber diesem Wagnis ist vielleicht noch wichtiger.“
Foto: Klaus Haselböck
„Den Mut aufzubringen, um etwas zu wagen ist eine Sache, die Demut gegenüber diesem Wagnis ist vielleicht noch wichtiger.“

Traum vom Großglockner

Auch du träumst davon einmal im Leben am höchsten Gipfel Österreichs zu stehen, aber hast bist jetzt noch nicht den Mut dazu gefunden? Eines gleich vorweg: Der Großglockner mag zwar mit seinen 3.789 m mächtig und unbezwingbar wirken, doch mit der richtigen Planung und Vorbereitung seid ihr diesem Berg allemal gewachsen. Denn trotz seiner beachtlichen Höhe ist der Glockner – rein technisch betrachtet – ein einfacher 3.000er und über den Normalweg in zwei Tagen locker zu schaffen. Doch nehmt euch ausreichend Zeit für die Vorbereitung:

  • Vermeidet Aufzüge, Rolltreppen und steigt nach der Arbeit auf euren Hausberg und trainiert so an eurer Kraftausdauer.
  • Geht klettern in der Halle, im Sportklettergarten oder im alpinen Gelände und bezwingt so die Angst vor der Höhe.
  • Tragt eure Wanderschuhe: daheim, auf dem Weg zur Arbeit und, wenn's sein muss, sogar im Schanigarten oder Freiluftkino – eure Bergschuhe sind am Weg zum Gipfel entweder eure besten Freunde, oder eure schlimmsten Feinde.
  • Checkt eure Ausrüstung und macht euch mit dem Umgang von Seil, Steigeisen und Pickel vertraut.
  • Lasst den Weg zum Gipfel immer wieder vor eurem geistigen Auge aufkommen: wenn euch eure Vorstellung nach oben führen kann, schaffen eure zwei Beine das mit links.

Und immer daran denken: Schritt für Schritt für Schritt...

Wie du dich auf das Gipfelerlebnis Glockner bestmöglich vorbereitest, welche Routen auf den Gipfel führen und welche Tourenmöglichkeiten es rund um den höchsten Berg Österreichs es noch so gibt, erfahrt ihr hier: 

Peter Tembler, Hüttenwirt der Adlersruh, auf dem Weg zum Glocknergipfel
Für viele ist es ein Ziel, das man zumindest einmal verwirklichen möchte: Auf Österreichs höchsten Berg, den 3.798 m hohen Großglockner an der Grenze zwischen Osttirol und Kärnten, steigen. So ein Vorhaben braucht allerdings solide Vorbereitung und einen Trainingsplan.
Großglockner
Berg der Berge

Der Großglockner

Der Großglockner: Mit 3.798 Metern ist er der höchste Gipfel Österreichs. Seine außergewöhnliche Anziehungskraft geht jedoch über diese Superlative hinaus. Wir beleuchten den Tauernkönig an der Grenze von Kärnten und Osttirol aus mehreren Blickwinkeln.

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