Bergsteigerdorf

Tiroler Gailtal – Über Grenzen hinweg

Reportage • 12. April 2018
von Christina Schwann

Kartitsch, Obertilliach und Untertilliach – die drei zwischen Karnischem Kamm und Lienzer Dolomiten eingebetteten Grenzorte wurden durch die Wirren des 1. Weltkrieges schwer erschüttert und sind heute ein Symbol für die Freundschaft über Grenzen hinweg. Christina Schwann hat das Tiroler Gailtal in Osttirol besucht.

Tiroler Gailtal
Foto: Hansjörg Schneider
Das Haufendorf Obertilliach im Tiroler Gailtal

Das Tiroler Gailtal und das Kärntner Lesachtal gehören eigentlich zusammen. Gemeinsam bilden sie ein Tal mit zwei Anfängen und zwei Enden. Kommt man von Osten fährt man über Kötschach-Mauthen ins Lesachtal und weiter, bis man die Grenze zu Osttirol passiert. Kommt man von Westen, biegt man nach Sillian vom Pusteral ab und folgt der Straße hinauf nach Kartitsch, dem ersten Bergsteigerdorf im Gailtal: eine stolze Kirche vor dem Bergpanorama der Hollbrucker Spitze, eine Handvoll alter Bauernhöfe, ein paar verstreute Weiler mit Kapellen und dazwischen Heumännchen in der Sonne.

Fährt man weiter über den Kartitscher Sattel – über die Wasserscheide – gelangt man nach Obertilliach, das für sein Biathlonzentrum bekannt und Austragungsort des internationalen Dolomitenlaufes ist. Das unter Denkmalschutz stehende Haufendorf selbst ist einzigartig in Tirol: die Dachgiebel zeigen alle in dieselbe Richtung, enge Gassen winden sich zwischen den alten Höfen und auf dem Feld, auf dem „Tilliacher Möser“, stehen zwei Kapellen und unzählige Heuschupfen.

Ein Stück weiter unten, schon fast an der Grenze zu Kärnten, befindet sich die Gemeinde Untertilliach: Kirche, Widum, einige alte Bauernhöfe auf der Sonnenseite.

Untertilliach – die kleine Gemeinde besteht nur aus wenigen Häusern

Frontgebiet Karnischer Kamm

Nachdem 1871 die Pustertaler Bahn fertig gestellt wurde, erfreuten sich die Dolomitenorte wie etwas Prags, Toblach, Innichen, Sexten oder Weitlanbrunn regen Zuspruchs. Allein ins Tiroler Gailtal verirrten sich nur wenige Gäste. Am ehesten waren es noch Forscher und Botaniker, die vom Artenreichtum des Tales gehört hatten und den beschwerlichen Weg in das kaum erschlossene Tal auf sich nahmen.

Mit dem Beginn des 1. Weltkrieges war es dann mit der Idylle ohnehin schlagartig vorbei. Nicht nur, dass viele Männer an die Front gegen Serbien und Russland einrücken mussten, nur wenige Monate nach Kriegsbeginn, im Mai 1915, wurde das Tal selbst zu unmittelbarem Frontgebiet. Eiligst wurden befahrbare Wege in die Täler und Saumwege zu den Gebirgsstellungen am Karnischen Kamm gebaut. Verteilt auf das ganze Frontgebiet Karnischer Kamm wurden nicht weniger als 20 Kriegsseilbahnen errichtet.

Den erbitterten Kämpfen um die Grenzgipfel sowie der katastrophalen Situation im Tal, wo die ohnehin armen Ortschaften als Versorgungsstationen und Lazarette ausgeblutet wurden, widmete sich im Gedenkjahr 2015 eine berührende Ausstellung in Kartitsch. Entlang der Friedhofsmauer sind die gefallenen Kartitscher Männer gelistet – eine lange Reihe an Todesanzeigen.

Am Hochgränten befindet sich auf 2.429 m zudem der höchstgelegene Soldatenfriedhof Mitteleuropas. Die alten Grenzstellungen, die Pfade und Straßen – alles heute noch sichtbar und Mahnmal für die Gräuel dieser Zeit.

Am Karnischen Kamm findet man auch heute noch Relikte aus dem 1. Weltkrieg

Weg des Friedens

Der Friedensweg entlang des Karnischen Kamms verläuft zum Großteil auf den damals angelegten Versorgungswegen und ist heute Symbol für ein friedliches Miteinander. Die Hütten wurden bereits in der Zwischenkriegszeit durch die damalige Sektion Austria des DuOeAV errichtet. Die Sektion beteiligte sich darüber hinaus am Wegebau, übernahm Kostenbeteiligungen für Vereinsheime und Klettersteige. Mit geführten Wanderungen brachte der Alpenverein zudem aktiv Gäste ins Tal. Sogar das Skitourengehen auf den sanften Gailtaler Alpen nahm in der Zwischenkriegszeit seine Anfänge. Mit dem Ausbruch des 2. Weltkrieges kam der Tourismus allerdings gänzlich zum Erliegen.

Die Porze war einer jener Gipfel, der im 1. Weltkrieg erbittert umkämpft wurde.

Spuren der Vergangenheit

Heute präsentiert sich das Tiroler Gailtal mit den drei Gemeinden Kartitsch, Ober- und Untertilliach als eines der wenigen Tiroler Täler, das vom Massentourismus verschont geblieben ist. Obwohl nicht unter Naturschutz stehend, hat sich das Tal aufgrund seiner kleinräumigen Nutzungsvielfalt mit Almen, Hochmähdern, Wäldern und Gebirgsregionen zu einem wahren Hotspot für seltene Tier- und Pflanzenarten entwickelt. Die alte bäuerliche Tradition, das gediegene Brauchtum und gepflegte Gasthäuser mit ausgezeichneter Tiroler Küche heben das Tiroler Gailtal aus der Fülle der touristischen Destinationen hervor. Als Bergsteigerdorf bietet das Tal zusätzlich ein ausgezeichnet gewartetes Wegesystem – sowohl am Karnischen Kamm mit den Hütten der Sektion Austria, als auch auf dem Gailtaler Höhenweg – , einige interessante Klettersteige – wie jenen auf die Große Kinigat, auf der das „Eurpoakreuz“ thront – , eine Fülle an Skitourenmöglichkeiten – insbesondere auf den sanften Hängen der Gailtaler Alpen – sowie ein kleines Skigebiet am Golzentipp.

Geprägt von der Geschichte als Frontgebiet sind die Talbewohner bescheiden und weltoffen zugleich. Wer zu Gast im Tiroler Gailtal ist, wird fühlen, dass die Geschichte nicht nur ihre Spuren hinterlassen hat, sondern sich auch in der Gegenwart durch den Karnischen Höhenweg oder durch Veranstaltungen wie den Dolomitenlauf ausdrückt. Und das ist gut so, denn die Menschen hier leben im Bewusstsein, dass „Vergessen“ die Gefahr der Wiederholung in sich birgt; einer Gefahr, der man ins Auge sehen will.

So friedlich ist der Karnische Kamm heute: Blick auf die Filmoor-Standschützenhütte

Fakten: Bergsteigerdorf Tiroler Gailtal, Osttirol

  • Ortschaften: Kartitsch, Obertilliach, Untertilliach
  • Seehöhe: 1.450 m
  • Gebirgsgruppen: Karnischer Kamm, Gailtaler Alpen, Lienzer Dolomiten
  • Wichtigste Gipfel: Dorfberg (2.115 m), Eggenkofel (2.590 m), Golzentipp (2.317 m), Große Kinigat (2.689 m), Hochspitz (2.581 m), Hollbrucker Spitze (2.580 m), Pfannspitze (2.678 m), Porze (2.589 m), Steinkarspitz (2.524 m)

Alpenvereinshütten:

Obstanserseehütte
Im Osttiroler Teil der Karnischen Alpen direkt am nördlichen Ufer des Obstansersees gelegen, ist die Obstansersee-Hütte (2.300 m) wichtiger Etappenstützpunkt auf dem Karnischen Höhenweg. Die Wanderung auf die Hütte oder von der Hütte hinunter kann als erster Hüttenzustieg oder als Abstieg vom Höhenweg benutzt werden. Von der Hütte aus sind interessante, unterschiedlich schwierige Hochtouren wie auf den Roßkopf möglich. Die Region bietet auch gute Möglichkeiten für Skitouren. Eine Besonderheit dieser familienfreundlichen Hütte ist der Tretbootverleih, der speziell Kindern oft eine Riesenfreude bereitet. Unbeschreiblich ist der Blick von der Hütte auf den Großglockner und die Sextner Dolomiten.
Geöffnet
Jun - Sep
Verpflegung
Bewirtschaftet
Filmoorhütte
Die Filmoor-Standschützenhütte (2.350 m) steht auf dem Karnischen Hauptkamm oberhalb des Tiroler Gailtales in Osttirol. Die Dörfer Kartitsch, Obertilliach und Untertilliach repräsentieren wiederum das Tiroler Gailtal in den Bergsteigerdörfern des Österreichischen Alpenvereins. Die Hütte liegt auf dem Karnischen Höhenweg und ist auch Stützpunkt auf dem Friedensweg. Sie ist vergleichsweise jung. 1976 begannen Angehörige des Österreichischen Bundesheeres mit ihrer Errichtung. 1977 wurde sie eingeweiht. Ihren Namen trägt sie in Erinnerung an den Gebirgskrieg, der 1915 um Filmoor und den Gipfel Kinigat tobte und bei dem Lesachtaler Standschützen im Einsatz waren. Der Karnische Höhenweg und die Hütte werden das gesamte Jahr von Bergsportlern aufgesucht. Wanderer, Bergsteiger, Kletterer, Skitouren- und Schneeschuh-Geher verfolgen am Karnischen Hauptkamm unterschiedliche Ziele. Sind diese erreicht, geht es für sie wieder hinunter in das Tiroler Gailtal oder in das Kärntner Lesachtal.
Geöffnet
Jun - Okt
Verpflegung
Bewirtschaftet
Porzehütte
Hütte • Tirol

Porzehütte (1.942 m)

Die Porzehütte (1.942 m) steht auf dem Karnischen Hauptkamm, auf dem Gemeindegebiet der Osttiroler Gemeinde Obertilliach. Sie ist eine junge Hütte. 1976 erbaut, hat sie sich rasch als Anlaufstelle am Karnischen Höhenweg etabliert. Aus Obertilliach geht es über das Obertilliacher Tal und dem Klapfsee zum Schutzhaus. Die Hütte ist einfach und für jedermann zu Fuß zu erreichen. Wer ein wenig gehen will, fährt bis zum Klapfsee. Die Zufahrt ist bis zum Parkplatz am Klapfsee möglich, ab dort 1 Stunde Fußweg bis zur Hütte. Obertilliach ist ein Bergsteigerdorf des Tiroler Gailtales. Obertilliach ist aber auch ein Stück Filmgeschichte geworden. Szenen des James-Bond-Abenteuers Spectre wurden im Jänner 2015 im Ortskern sowie einem Waldstück neben dem Skigebiet Golzentipp gedreht. Der Ort steht aber auch für Biathlon und Langlauf. Der Norweger Ole Einar Bjorndalen, bis dato, gemessen an Medaillen erfolgreichster Biathlet und Olympionike wohnt in Obertilliach. 
Geöffnet
Jun - Sep
Verpflegung
Bewirtschaftet
Sillianer Hütte
Hütte • Trentino-Südtirol

Sillianer Hütte (2.447 m)

Die Sillianer Hütte bleibt in der Sommersaison 2018 aufgrund von Renovierungs-Arbeiten geschlossen. Ein Notbetrieb mit Snacks und Getränken wird eingerichtet. Die Sillianer Hütte (2.447 m) in Osttirol wurde erst 1986 errichtet und ersetzte die baufällig gewordene Hinterberger Hütte. Neben der Funktion als Stützpunkt für den Südalpen-Weitwanderweg ist sie ein beliebtes Ausflugsziel für Gäste und Einheimische aus dem Hochpustertal. In der näheren Umgebung führen gut markierte Wege zum Heimkehrerkreut (2.273 m), zum Helmgipfel (2.433 m), zum Hornischeck (2.551 m), zum Hollbrucker Eck (2.573 m) und zum Kriegerfriedhof Hochgränten. Das beliebteste Ziel von Hochgebirgswanderern ist der Karnische Höhenweg. Von hier aus hat man einen prächtigen Ausblick in das Pustertal, in die Hohen Tauern und die Dolomiten. Neben Wanderern schätzen auch Mountainbiker die Region.
Geöffnet
Jun - Okt
Verpflegung
Bewirtschaftet

Übernachten (Bergsteigerdorf-Partnerbetriebe):

Kartitsch: Hotel Waldruhe

Obertilliach: Hotel Weiler, Apartements Gannerhof

Links:

Offizielle Website Bergsteigerdörfer

Tourismusbüro Obertilliach

Tourismusbüro Kartitsch


Touren im Tiroler Gailtal

Wandern • Tirol

Grenzlandwanderweg

Dauer
2:30 h
Anspruch
T1 leicht
Länge
15,9 km
Aufstieg
230 hm
Abstieg
480 hm
Wandern • Tirol

Pfannspitze

Dauer
6:15 h
Anspruch
T2 mäßig
Länge
14,2 km
Aufstieg
1.280 hm
Abstieg
1.280 hm
Karnischer Höhenweg: Obstanserseehütte
Am Karnischen Höhenweg wird jeder Wanderer zum Grenzgänger. Kein Wunder: Der Karnische Hauptkamm trennt schließlich Österreich von Italien. Man wandelt also stets auf der Grenze – und Geschichte – dieser beiden Länder. Wir stellen euch den historisch gewachsenen Höhenweg im Detail vor.

Mehr zum Thema

Bergsteigerdorf Lesachtal
Kein Tal in Österreich hat so viele Auszeichnungen erhalten, wie das Kärntner Lesachtal. Unter anderem jene für das „naturbelassenste und umweltfreundlichste Tal Europas“. Zu Recht, wie unsere Autorin Christina Schwann findet. Uns stellt sie das Kärntner Idyll zwischen kleinstrukturierter Berglandwirtschaft und sanftem Tourismus vor – eine andere Welt.
Gesäuse Bergsteigerdorf Johnsbach
Im steirischen Bergsteigerdorf Johnsbach werden sie noch erzählt, die Geschichten der „Gesäuse-Pioniere“ – waghalsiger junger Burschen, die sich an den schier unüberwindbaren Felswänden des Gesäuses versuchten. Heute ist das „Xeis“, der jüngste Nationalpark Österreichs, ein Ausflugsziel für alle Naturliebhaber.
Bergsteigerdorf Lesachtal in Kärnten
Auch in den touristisch stark beanspruchten Alpen gibt es noch Orte, die weder ihre Besonderheiten noch ihre Eigenständigkeit verloren haben – die Bergsteigerdörfer. Wir stellen sie euch im Detail vor.

Bergwelten entdecken