Tag der Freundschaft

Bergkameradschaft: Von Wesensgleichheit, Lust und Werten

Philosophie • 29. Juli 2020
von Christina Geyer

Die vielbeschworene Bergkameradschaft macht einen wesentlichen Bestandteil des Alpinismus aus. Immer wieder kommt sie zur Sprache, wenn Bergsteiger von ihren Erlebnissen und Abenteuern berichten. Zeit zu fragen, warum das eigentlich so ist und was das Wesen der Bergkameradschaft ausmacht.

Bergkameradschaft
Foto: mauritius images / Alaska Stock / Scott Dickerson
Bergkameradschaft: Freunde bei Freudenssprung in den Bergen

Eine Kameradschaft ist eng verwandt mit der Freundschaft. Auch sie beruht auf Freiwilligkeit, also auf der freien Wahl der Kameraden. Freunde kann man sich aussuchen, Familie nicht, besagt ein geläufiges Sprichwort – und das stimmt. Freiwilligkeit ist ein wesentliches Charakteristikum von Freundschaft.

Der Begriff „Freund“ stammt übrigens von der indogermanischen Wurzel „fri“ für „lieben“ und „hegen“ ab, umfasst also sinngemäß die klassischen Merkmale einer Freundschaft: Schutz, Beistand, Zuneigung, Wertschätzung. Darüber hinaus zeichnet sie sich durch ihre Beständigkeit aus, was sich im Vertrauen ausdrückt. Ein Freund gibt Halt, macht Mut und spendet Trost. Kein Wunder, dass die Freundschaft in der Philosophie weithin als die edelste Form menschlicher Verbindungen gilt.

Bergkameradschaft: Wanderer in den Bergen
Foto: mauritius images / Alaska Stock / Scott Dickerson
Bergkameradschaft: Wanderer in den Bergen

Anders als die Freundschaft orientiert sich die Kameradschaft allerdings vorrangig an den verbindenden Gemeinsamkeiten der Kameraden. Während eine Freundschaft zuweilen auch grundverschiedene Menschen zu verbinden vermag, sind die Kameraden vor allem durch ihre gemeinsamen Interessen und Leidenschaften zu einer Art Schicksalsgemeinschaft verschworen.

Werte, Lust und Wesensgleichheit

Für Aristoteles hat die Freundschaft „Werte und Lust zum Ziel und beruht auf Wesensgleichheit.“ In der Bergkameradschaft drücken sich „Lust“ und „Wesensgleichheit“ in der Freude an der gemeinsamen Sache aus, während die „Werte“ sicherstellen, dass man sich im richtigen Moment voll und ganz auf den Kameraden verlassen kann.

Beide Seiten des aristotelischen Freundschaftsbegriffs sind wesentlich für die Bergkameradschaft: Geteilte Leidenschaft für die Berge einerseits („Lust“ und „Wesensgleichheit“), Verlässlichkeit und Vertrauen in brenzligen Situationen andererseits („Werte“). Auch Ausnahme-Kletterer David Lama definiert gemeinsame Unternehmungen am Berg als Projekt, das „von ähnlichen Vorstellungen über Routen, Taktik und Risikobereitschaft“ lebt.

Das Einende der Kameradschaft ist ihr entscheidender Kern. Wo extreme Situationen am Berg innerste Charakterzüge schonungslos nach außen kehren, muss die zwischenmenschliche Verbundenheit ungebrochen bleiben. Denn auch das macht die Kameradschaft besonders: Das Teilen von Erlebnissen, ob positiver oder negativer Natur.

Sie hat nämlich, wie auch die Freundschaft, eine Zauberkraft: Was man teilt, potenziert sich ins Positive. Teilt man Niederlagen mit Kameraden, werden sie kleiner, teilt man Freude, wird sie größer. Es ist ein bisschen wie Magie. Und davon kann man auch – und gerade – am Berg nie genug haben.

Mehr zum Thema

Blick von der Zugspitze im Wettersteingebirge
Warum steigen wir eigentlich auf Berge? Welche Rolle spielen Faktoren wie Ehrgeiz und Leidenschaft? Wird Zeit am Berg größer oder kleiner? Hier findet ihr Gedanken, Fragen und Antworten rund um die Berge.
Tenzing Norgay und Edmund Hillary
Im Jahr 1953 erreichten der neuseeländische Bergsteiger Sir Edmund Hillary und der nepalesische Sherpa Tenzing Norgay erstmals den Gipfel des Mount Everest (8.848 m). Als Hillary einmal gefragt wurde, warum er auf hohe Berge steigt, gab er ganz lapidar zur Antwort: „Weil sie da sind.“ Er hätte auch sagen können: Weil halt. Aber: Wie plausibel ist diese Begründung eigentlich? Ist sie überhaupt ein Grund im herkömmlichen Sinne?
Berg-Know-How
Von der Pflege der Skifelle über das richtige Verhalten auf der Hütte, von der Entstehung des Gipfelbuchs zur Packliste für Hochtouren: In unseren Berg-Know-How's erfahrt ihr allerlei Wissenswertes rund um die Berge.

Bergwelten entdecken