Frauen am Berg

Paula Wiesinger: Steil in jeder Lebensphase

Magazin • 8. März 2017

Sie war die beste Bergsteigerin ihrer Zeit und führte sogar den belgischen König durch ihre heimatlichen Dolomiten. Dort kletterte sie durch die seinerzeit schwierigsten Routen – im Vorstieg!

Paula Wiesinger und die große Marmolata-Südwand in Südtirol
Foto: Roland Vorlaufer
Paula Wiesinger und die große Marmolata-Südwand in Südtirol

Text: Veronika Dolna

Wie sicher sich Paula Wiesinger in den Bergen bewegte, sprach sich sogar bis nach Belgien durch. Wann immer der belgische König in den 1930er-Jahren klettern wollte, buchte er Wiesinger als Bergführerin. Nach außen hin konnte er seine Touren so als harmlos scheinen lassen. „Wenn sogar ein Mädchen das schafft, kann es nicht so schwierig sein“, war das Kalkül der PR-Botschaft. Das wahre Kalkül der Entscheidung war freilich ein anderes: Paula Wiesinger war eine der besten Bergsteigerinnen ihrer Zeit und hatte mehr Mut und Erfahrung als die meisten Männer.

Mit ihrem Ehemann Hans Steger kletterte die Südtirolerin die damals schwierigsten Routen der Dolomiten. 1928 gelang ihnen die Erstbegehung des Nordpfeilers des Einserkofels über den „Weg der Jugend“. Die Winklerturm- Südwand bestieg das Ehepaar als erste Seilschaft, die Nordwand des Zwölferkogels als zweite, den Südpfeiler der Marmolada als vierte. Auf all diesen Routen war Wiesinger die erste Frau und kletterte häufig im Vorstieg.

Gleichzeitig war sie auch eine der besten Skifahrerinnen ihrer Zeit. 1932 wurde sie Abfahrtsweltmeisterin, siebenmal war sie italienische Meisterin. Und ganz nebenbei wirkte sie in Bergfilmen mit und führte ein Hotel. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm das Ehepaar die Dellaihütte auf der Seiseralm, machte daraus ein Alpinhotel und führte es fast ein halbes Jahrhundert. Auch das sprach sich bis nach Belgien durch. Und weit darüber hinaus.

Facts: Paula Wiesinger

  • Geboren: 27. Februar 1907 in Bozen, † 12. Juni 2001.
  • Epoche: Bergfilm-Ära.
  • Wer sie zum Klettern brachte: der italienische Kletterer Gino Solda, der als Soldat in Südtirol stationiert war.
  • Was sie zur Bergheldin macht: Als Bergsteigerin, Skifahrerin, Hüttenwirtin und Stifterin für die Bergrettung machte sie die Bergwelt zum Mittelpunkt ihrer Biografie.
  • Lieblingsplatz: die Dolomiten. Nirgendwo fühlte sich Wiesinger so wohl wie daheim.
  • Was sie wäre, wenn sie keine Bergkarriere gemacht hätte: Lebenskünstlerin: Büroarbeiterin, Stuntfrau, Touristenführerin, Wirtin – es gibt fast nichts, worin sie sich nicht versuchte.
  • Was man von ihr lernen kann: Man ist nie zu alt, um Erfolg zu haben: Noch mit 91 Jahren führte Paula Wiesinger ihr Hotel.
  • Warum sie die Bergsteigergeschichte mitschreibt: weil sie keine einzige Zeitgenossin hatte, die damals annähernd gleich schwierige Routen im Vorstieg klettern konnte.

Dieser Artikel erschien erstmals im Bergwelten Magazin April / Mai 2016.

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