Portraitreihe Bergführer

Klaus Kranebitter: „Bergführer sind moderne Dienstleister“

Interview • 18. Februar 2020
von Robert Maruna

Klaus Kranebitter, 46, ist Bergführer, Fotograf und Gründer der SAAC-Camps sowie der Initiative SnowHow. Der gebürtige Innsbrucker hat sich schon Früh für ein Leben in und von den Bergen entschieden. In seiner beruflichen Laufbahn hat er nicht nur ferne Länder bereist und entlegene Berge bestiegen, sondern auch gelernt, was den Beruf Bergführer wirklich ausmacht. Wir haben ihn zum Interview getroffen und eröffnen mit ihm unsere neue Portraitreihe auf Bergwelten.com, die sich den Bergführern unserer Alpen widmet. 

Klaus Kranebitter ist am liebsten draußen unterwegs, egal ob als Bergführer oder privat mit der Fotokamera im Gepäck
Foto: Archiv Klaus Kranebitter
Klaus Kranebitter ist am liebsten draußen unterwegs, egal ob als Bergführer oder privat mit der Fotokamera im Gepäck

Bergwelten: Gleich zu Beginn eine simple Frage: Warum eigentlich Bergführer?  

Klaus Kranebitter: Ein gute Frage, die ich mir aber nie gestellt habe. Im Grunde hat alles vor vielen Jahren begonnen: Ich war gerade einmal 23 Jahre alt, viel am Berg unterwegs und ließ mich dazu überreden, an der Aufnahmeprüfung zur Bergführerausbildung teilzunehmen. Insgesamt waren wir eine Gruppe von sechs Skilehrerkollegen aus Innsbruck, die alle gut am Ski gestanden sind, aber aufgrund des feucht-fröhlichen Vorabends dann alle bei der Skiprüfung durchgefallen sind (lacht). Für meine Kollegen war die Sache damit erledigt. Mich hat’s dann aber doch gewurmt und ich bin im Folgejahr wieder angetreten. Ich war motiviert, ausgeschlafen und gut vorbereitet, also hat es dann auch geklappt. Seitdem bin ich Bergführer.

Und was macht den Beruf Bergführer so faszinierend?

Es ist sicherlich nicht der angebliche Nimbus, der über unseren Köpfen leuchtet, noch das besagte Heldentum aus vergangenen Jahrzehnten und schon gar nicht die romantische Vorstellung des nomadischen Bergführers, der sein Leben in den Rucksack packt und jeder Gefahr ins Gesicht lacht. Das ist reine Utopie und für mich persönlich wäre es eigentlich die unattraktive Seite des Bergführerberufs. Der heutige Bergführer ist ein moderner Dienstleister. Und die Herausforderung des Bergführerwesens begründet sich in einer einfachen Frage: „Wie kann ich, angepasst an die mir anvertraute Gruppe, einen Berg so begehen, dass es in das Erlebniskonzept der Gäste passt?“ Das ist der Aspekt meines Berufs, der mich tagtäglich anspornt, zur Kreativität beflügelt und die ganze Sache spannend macht.

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Foto: Klaus Kranebitter

Spannend sind die Berge allemal, welche von ihnen besteigst du denn am liebsten mit deinen Gästen und warum?

Eigentlich habe ich da keine Präferenzen. Spannend ist für mich die kreative Auseinandersetzung mit Gast und Gelände. Egal welcher Berg, welche Disziplin oder auch Jahreszeit.

Aber du hast sicher einen persönlichen Lieblingsberg oder?

Du wirst lachen, aber so etwas habe ich leider auch nicht und hatte ich nie. Ich bin – glücklicherweise – völlig frei von alpinen Wünschen, die sich am Namen oder Ruf eines Berges orientieren. Ich bin einfach gerne daußen in der Natur unterwegs – das war schon immer so: Mal mit Ski, mal mit dem Bike, mal zu Fuß, mal mit Kletterschuhen, je nach Lust und Laune bzw. eben Verfassung meiner Gäste.

Klingt einleuchtend, wenn du nun aber drei Tourentipps aus den heimatlichen Bergen aussuchen müsstest, welche wären das?

Im Winter bin ich gerne mit den Skiern im Raum Innsbruck unterwegs: Vor meiner Haustüre bieten sich sehr viele Skitourenziele an, eines der vielseitigsten ist für mich der Aufstieg auf die Serles. Dieser Gipfel bietet auf jeder Seite spannende Linien.

Im Sommer mache ich mich gerne in Richtung Karwendel auf: Direkt über der Stadt erheben sich Gipfel, wie das Brandjoch mit seinem grazilen Südgrat, den man von nahezu jedem Kaffehaus in Innsbruck bewundern kann. Natürlich zieht es einen da regelmäßig hinauf.

Besonders verlockend ist auch die Entwicklung des Mountainbikens in Tirol: Es werden immer mehr Trails offiziell eröffnet, die variantenreich und vielseitig sind. Der Reiz besteht wohl aus der Kombination von Bike und Öffis. Mit der Bahn ist man schnell aus der Stadt heraussen, über Forstwege und grüne Almen geht es dann auf den Gipfel hinauf und mit dem Bike über natürliche Singletrails wieder zurück ins Tal und bis zur Eisdiele in die Stadt.

Klaus hat durch die Berge seine Liebe zur Fotografie entdeckt: hier beim Eisklettern auf Island
Foto: Klaus Kranebitter
Klaus hat durch die Berge seine Liebe zur Fotografie entdeckt: hier beim Eisklettern auf Island

Wie sieht eigentlich ein typischer Arbeitstag in deinem Leben als Bergführer aus?

Sofern ich nicht direkt hinaus in die Natur starte, beinhaltet mein Morgen Büroarbeit. Da wühle ich mich zumeist durch einen Berg an unbeantworteten Emails. Meine Arbeit als Bergführer, mit all den unterschiedlichen Projekten in die ich verwickelt bin, bedeutet eben auch viel Organisation. Sobald das aber erledigt ist, geht es mit meinen Gästen nach draußen, auf den Berg und ins Gelände. In diesem Punkt kommt auch viel Geländeerkundung hinzu, für die Entwicklung neuer Projekte beispielsweise und das ist wiederum ein sehr schöner Teil meiner Arbeit. Dabei fließt die gesamte Erfahrung meines über 20jährigen Bergführerdaseins mit ein.

In diesen 20 Jahren hast du sicher vieles erlebt. Was war denn dein skurrillstes Erlebnis mit Gästen am Berg?

Das war eigentlich erst kürzlich. Eine Teilnehmerin bei einem der Snowhow-Workshops rund um Lawinen hat mich folgendes gefragt: „Ob es denn Sinn mache, dass, wenn man zu zweit von einer Lawine erfasst wird, versuchen sollte gemeinsam verschüttet zu werden, damit die Retter bloß ein Loch für zwei Menschen graben müssen?“ Ich habe dann ein wenig nachdenken müssen, wie ich der Dame auf höfliche und auch sinnvolle Art und Weise antworten könnte...

Stichwort: Lawine. Was sind denn die Sonnen- und Schattenseiten deines Berufs als Bergführer?

Die Sonnenseiten sind zweifelsfrei die zahlreichen Stunden an der frischen Luft und der Moment am Tagesende, wenn alle wieder gesund und munter im Tal herunten sind. Schattenseiten gibt es leider auch unzählige: Manch ungemütliche Hüttenübernachtung schlägt einem am Saisonende schon auf’s Gemüt. Dann sind es natürlich Gefahrensituationen, welche einen ständigen Abgleich zwischen Fachwissen und Strategie im Gelände erfordern. Das ist prinzipiell eine spannende Seite unseres Berufs. Allerdings wächst bei schlechten Verhältnissen der Druck, Erwartungen zu erfüllen. Das kann auf Dauer sehr zehrend sein. Hinzu kommen dann natürlich die klimatischen Veränderungen in den Bergen, schwindende Gletscher oder abtauende Permafrostgipfel stimmen mich sehr nachdenklich.

Außerdem gilt es in unseren Berufsverbände strukturell einiges zu ändern: Es sollten klar definierte und in meinen Augen auch höhere Tagessätze eingeführt werden. Und eben eine Modernisierung unsres Images, weg vom immer braungebrannten Berghelden hin zum modernen Dienstleister. Ein realistisches Bild des Bergführers, dieses sollten wir versuchen in Zukunft in den Köpfen unserer Kundengruppen zu verankern.

Auch dieses Foto stammt von Klaus: tiefster Powder in den Alpen
Foto: Klaus Kranebitter
Auch dieses Foto stammt von Klaus: tiefster Powder in den Alpen

Wieviel Zeit verbringst du denn noch auf private Art und Weise in den Bergen?

Ich schätze das Verhältnis liegt so bei 50:50 zwischen privat und beruflich. 

Und wie lässt sich der Beruf des Bergführers mit Freundschaften, einer Familie bzw. einem Lebenspartner vereinbaren?

Das bestehende Modell des Bergführers lässt sich mit dem modernen Bild einer Familie kaum vereinbaren. Insofern braucht es eben dringend eine Überholung. Familienmodelle mit hauptberuflichen Bergführern funktionieren in meinem Beobachtungsradius nur in sehr, sehr wenigen Ausnahmen. Und dann auch nur, weil die Familie bereit dazu ist, den Vater, Ehemann und Bergführer oder eben die Mutter, Ehefrau und Bergführerin über lange Strecken hinweg, also wochen- bzw. monatelang, nicht zu sehen. Für mich geht das überhaupt nicht.

Wie siehst du die Zukunft des Bergführerberufs?

Wie bereits gesagt, moderner Dienstleister. Der Bergführer der Zukunft muss sehr stark umdenken, er wird nicht nur Bergsteigen, Klettern und Skifahren können müssen, sondern auch Radfahren. Der Zustieg zu vielen (Ski-)Hochtouren ist ohne ein Mountainbike kaum mehr zumutbar. Zudem werden viele Sommerhochtouren in Zukunft sicherlich wegbrechen und die Winter werden sich nachhaltig verändern. Möglicherweise wird für manche Bergsportarten sogar der Winter zum neuen Sommer. Der Klimawandel ist real und unser Beruf ist stark davon betroffen.

Außerdem müssen wir der Tatsache ins Auge blicken, dass die bürokratischen Hindernisse für von Bergführern geführte Touren in anderen Ländern (auch EU-Länder) immer mühseliger werden. Für mich persönlich ist das der eindeutig falsche Weg. Diese neue Art des Protektionismus schadet dem liberalen Fundament des modernen Bergsteigens, auch im touristischen Sinne ist dieser Weg eine völlige Sackgasse. Die Zukunft des Bergführers kann nur dann attraktiv werden, wenn wir uns vom antiquierten, romantischen Bild des epochalen Berghelden endlich lösen.

Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute in den Bergen!

Ihr wollt mit Klaus gemeinsam in die Berge?

Hier findet ihr alle Infos:

www.klauskranebitter.com

www.snowhow.info

Tourentipps von Klaus Kranebitter

1. Skitour Kemacher

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2. Wanderung Brandjoch

3. Naviser Unterweg

Mountainbike • Tirol

Naviser Unterweg

Dauer
2:00 h
Anspruch
S0 leicht
Länge
13,4 km
Aufstieg
920 hm
Abstieg
140 hm

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