Berg-Know-How

Wie plant man die perfekte Skitour?

Wissenswertes • 18. März 2020
von Riki Daurer
Letzte Woche haben euch Bergwelten-Experten Riki Daurer und Stephan Mitterer verraten, was es im Vorfeld einer Skitour alles zu beachten gilt. Im zweiten Teil des Berg-Know-Hows rund um die perfekte Vorbereitung und Planung einer Skitour geben sie euch hilfreiche Tipps wie nun die konkrete Planung einer Skitour aussieht.
Skitourengeher: Zur Finstertaler Scharte in den Stubaier Alpen in Tirol
Foto: mauritius images / Bernd Ritschel
Skitourengeher: Zur Finstertaler Scharte in den Stubaier Alpen in Tirol

Zur Planung

Nun habt ihr mit Hilfe von Karten, Führerliteratur, Online-Portalen, Lawinenlagebericht und Experten – etwa Bergführern – eure Touren ausgewählt und beginnt in weiterer Folge mit der konkreten Planung. 

Prinzipiell wird die Tourenplanung am Abend vor der eigentlichen Tour durchgeführt. Arbeitet man mit Online-Anbietern sollte man alle Informationen zuvor offline abspeichern, denn: Weder auf Hütten noch in allen Tälern hat man immer zu 100% Empfang. Selbiges gilt für GPS-Tracks und Online-Karten: Alles sollte im Offline-Modus verfügbar sein.

Im Idealfall wird die Tourenplanung mit allen Beteiligten durchgeführt, sofern dies nicht möglich ist müssen alle relevanten Informationen mit den Begleitern vor dem morgendlichen Start geteilt werden. Speziell die Lawinensituation sowie der Lagebericht sollte von allen gehört und verstanden werden, damit auf Tour entsprechende Maßnahmen ergriffen werden können. Ein Beispiel: Im Lawinenlagebericht ist von Setzungsgeräuschen die Rede. Werden solche im flachen Gelände vernommen, sollten alle Tourenmitglieder über dessen Bedeutung Bescheid wissen und entweder eine Tourenänderung oder auch einen Abbruch in Erwägung ziehen.

1. Wegzeitberechnung

Der Wegzeitberechnung liegen allgemeine Formeln zur Verfügung: Für den Aufstieg wird mit 300 Höhenmetern oder 4 Kilometern pro Stunde kalkuliert. Da es im Hochwinter durch z.B. tiefen Schnee oder im Frühjahr aufgrund eisiger Verhältnisse zu starken Abweichungen kommen kann, sollte man die Tour auf alle Fälle durch einen qualifizierten Erfahrungswert ergänzen. Hierbei helfen Tourenbeschreibungen, Skitouren-Führer oder Hüttenwirte.

Selbiges gilt für die Abfahrt: Starke Skifahrer werden weniger Zeit für die Abfahrt benötigen als ungeübte Skitourengeher. Prinzipiell sollte für die Abfahrt ein Drittel der Aufstiegszeit eingerechnet werden.

Dennoch: Jegliche Informationen zur Tour, sei sie vom Tourenbuch, Bergführer oder Online-Berichten, sind lediglich Richtwerte an denen ihr euch orientieren könnt. Im Endeffekt müssen diese selbst bewertet und eigenverantwortlich angewandt werden. Zudem sollte unbedingt geklärt werden, ob die angegebenen Zeiten für Auf- und Abstieg oder nur für den Aufstieg gelten.

Auf Bergwelten.com findet ihr die „Hard-Facts“ (Länge, Höhenmeter, Zeit) zu den Touren jeweils direkt oberhalb beziehungsweise unterhalb der Tour.

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Wie bereits erwähnt, alle Zeitangaben müssen immer den aktuellen Verhältnissen, der eigenen Kondition und dem individuellen Können angepasst werden. Vor allem während der Tour solltet ihr immer wieder einen Blick auf die Uhr werfen und euch vergewissern, ob sich euer Zeitplan auch wirklich ausgeht. Regelmäßige Pausen sind essentiell - vor allem wenn ihr mit einer Gruppe unterwegs seid - um die Leistungsfähigkeit und Konzentration aufrechtzuerhalten. 

Für die Zeitberechnung relevant sind auch allfällige Materialwechsel: Auf- und Abfellen oder das Anlegen von Steigeisen fallen hierunter. Ebenso sollte man einen zeitlichen Polster für technisch anspruchsvolle Passagen einplanen.

2. Lesen von topographischem Kartenmaterial und Print-Karten

Öffnet man die Karte auf Bergwelten.com, erhält man eine topographische Karte von Kompass beziehungsweise von Hallwag Kümmerly & Frey, die wiederum auf der Swiss-Topo-Karte basieren. Diese Karten enthalten mehr Informationen als offene, kostenlos erhältliche Karten.

In diesen digitalen Karten ist die Tour als Track eingezeichnet. Anhand der Höhenlinien kann man bereits Geländeformen und Steilheit erkennen. Auf den topographischen Karten sind das gesamte Wegenetz sowie zahlreiche Skirouten eingezeichnet, sodass man sich einen guten Überblick verschaffen und gegebenenfalls Alternativen auswählen kann. Anhand der Symbole, Schraffuren und Reliefs kann man viele Informationen aus der Karte herauslesen. Besonders wichtig sind die Schlüsselstellen – die meist schon in der Beschreibung erwähnt sind – und in der Karte markiert werden sollten, um sie im Gelände wiederzufinden.

Auf Bergwelten.com kannst du dir die Touren auch in 3D ansehen. Das hat den Vorteil, dass man das Gelände bereits visualisieren und gut einprägen kann.

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3. Festlegung von Schlüsselstellen und Weg-, Check- oder Orientierungspunkten

Beispiel: Zuckerhütl im Stubai

  1. Start: Talstation Gletscherbahn – 08.30 Uhr: Auffahrt bis zum Schaufeljoch.
  2. Abfahrt über Gaiskarferner (zunächst Piste, dann weiter im freien Gelände) bis in die Mulde unterhalb des Schlepplifts. Circa: 2.750 m.
  3. Aufstieg: Richtung Süd/Südost unter einem Felskopf vorbei bis auf circa 2.860 m, weiter nach Osten über den Paffenferner bis zum Pfaffenjoch auf 3.208 m. Um den Gletscherrücken herum wieder in Richtung Süd/Osten, unter der Nordwand des Zuckerhütls vorbei zum Pfaffensattel auf 3.344 m und hier zum Skidepot, ehe es richtig steil wird. Zu Fuß (meist mit Steigeisen und eventuell Seilsicherung) zum Gipfel des Zuckerhütls auf 3.507 m.
  4. Abfahrt entlang des Aufstiegs – mit Gegenanstieg zum Lift.

Zeitaufwand: Insgesamt eine tagesfüllende Tour, auch wenn die Aufstiegszeit zum Gipfel mit knapp 3,5 Stunden nicht darauf schließen lässt. Aber: Aufgrund von Gegenanstieg und mehreren Abfahrten sollte man zeitig starten – gegen 08:00 Uhr. Tatsächlich ergibt sich für die Tour – unter Berücksichtigung aller Anforderungen – eine Gesamtzeit von circa 6 Stunden. Wohlgemerkt: bei guten Verhältnissen.

Ausrüstung:

  • Skihochtouren-Ausrüstung
  • 2 Paar Handschuhe
  • Mütze
  • Skitourenhose
  • Hochtourengurt
  • Seil
  • Karabiner
  • Pickel
  • Steigeisen
  • Harscheisen

Schlüsselstellen:

  • Steilstufen und -flanken,
  • Rinnen,
  • Felsgrate,
  • Gletscherbruch, etc.
  • konkret auf obiges Beispiel (Zuckerhütl) bezogen: 

    -Rinne unterhalb des Schlepplifts (ca. 35 Grad)

    -Letzter Anstieg zum Gipfel

Unter Berücksichtigung der Wegpunkte (im Text der Wegbeschreibung) und der Informationen aus dem Kartenmaterial kann man sogenannte Checkpoints für die Lawinensituation definieren.

  • Steilster Bereich = direkt unterhalb des Schlepplifts am Gaiskarferner in einer Rinne (circa 35 Grad) und oberhalb von P. 2860 in Richtung Pfaffenjoch (auch rund 35 Grad).
  • Für den Zeitplan eignet sich als Orientierungspunkt zum Beispiel das Pfaffenjoch (3.208 m). Hier sollte man nach rund 1,5 h  angelangt sein. Bis zum Pfaffensattel sollte man ungefähr 2,5 h brauchen.

Ein weiterer Vorteil der Einteilung einer Tour in Etappen zwischen Wegpunkten ist, dass man sich den Verlauf besser einprägen kann. Wegpunkte sollten markant sein, sodass man sie auch im Nebel oder schlechter Sicht findet. Ist man auf Schlüsselstellen vorbereitet, wird man davon nicht überrascht werden können. Im Zweifelsfall gilt: Früh genug reagieren und wenn notwendig – umdrehen.

Fotos zu Wegpunkten können für noch mehr Orientierung und Wiedererkennung vor Ort sorgen.

Digital (zum Beispiel): Kompass-App

  • Vorbereitung: App und Testkarte herunterladen
  • Auf Bergwelten Tour suchen
  • Track herunterladen und mit Kompass-App öffnen
  • Auf App öffnen und verwenden.

Warum wird das Smartphone immer öfter verwendet?

Das Smartphone ist zu unserem Allzweck-Alltagsgerät geworden und ständig im Einsatz! Die Hardware ist zuverlässig, Apps werden immer praxistauglicher. Es stehen unzählige Tracks zur Verfügung, man kann sich ständig neu orientieren und seinen Standort auf der Karte lokalisieren – selbst im Offline-Modus. Im absoluten Notfall, selbst wenn ihr keinen Empfang haben solltet, kann der Standort per SOS-Button versendet werden. In Tirol ist man sogar einen Schritt weiter gegangen und hat eine eigene Notfall-App entworfen, die in der akuten Notsituation auf Knopfdruck eine Übermittlung des eigenen Standorts (per GPS-Koordinaten) an die Leitstelle Tirol sendet und gleichzeitig eine Telefonverbindung mit dieser herstellt.

Nachteile der allgegenwärtigen Verwendung von Smartphones sind das Vernachlässigen des Kartenlesens, denn durch die kleinen Ausschnitte verliert man schnell den Überblick. Kostenloses Kartenmaterial ist zudem oft wenig informativ. Wichtig ist darüber hinaus, stets ein Akku-Pack mitzuführen, um das Handy unterwegs aufladen zu können.

Grundsätzlich gilt: Man sollte sich niemals ausschließlich aufs Smartphone verlassen. Wichtige Informationen gilt es als Ausdrucke mitzuführen, auch eine Karte sollte man stets dabei haben. Deshalb hier nochmals: Jede Information – ob aus dem Internet oder aus Print-Führern – muss man selbst bewerten und eigenverantwortlich anwenden können.

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4. Touren-Skizze erstellen

Nun kann man sich einen Zettel zur Hand nehmen und eine Tourenskizze anfertigen – ähnlich einer Roadmap bei Biketouren. Für manche Menschen ist es hilfreich eine Tour, unter besonderer Bezugnahme auf Wegpunkte, Wegzeiten und Schlüsselstellen, schemenhaft aufzuzeichnen, um zu wissen was einen erwarten wird. Ebenso hilfreich ist das Anfertigen von Weg-Zeit- oder Distanz-Höhenmeter-Diagrammen.

5. Wetter und Lawinenlagebericht

Das Lesen des Wetter- und Lawinenlageberichts ist elementarer Bestandteil jeder Tourenplanung. Alle Informationen (Schnee, Wind und Niederschlagsmenge) gilt es vor Ort nochmals im Gelände mit den tatsächlichen Gegebenheiten abzugleichen.

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6. Gruppe im Auge behalten

Ist man in einer Gruppe unterwegs, gilt es folgendes zu beachten:

  • Ist die Planung für alle Beteiligten in Ordnung?
  • Ist jedem bewusst, was uns auf der Tour erwarten wird?
  • Passen Ziel und Route für alle Beteiligten?
  • Sind alle Teilnehmer der Tour gewachsen?

7. Notfall

Keiner will den Teufel an die Wand malen, aber oft reicht es schon aus, dass sich die Gruppe in eine schnellere Vorhut und eine langsamere Nachzüglergruppe spaltet, um Kommunikationsprobleme herauf zu beschwören. Daher gilt: Alle sollten über die Telefonnummern der Beteiligten verfügen. Auch Funkgeräte können hilfreich sein für eine reibungslose Kommunikationskette. Ebenso wichtig: Die Internationale Notfallnummer (112) sollte in jedem Handy gespeichert sein – ebenso wie auch die Nummer von Hütten in der Nähe.

Auch empfehlenswert ist das Mitführen sogenannter Notfallkarten, z.B. von Ortovox. Auf ihnen kann man verschiedene Informationen festhalten und seine persönlichen Daten niederschreiben. Die Notfallkarte gehört ganz nach oben in die Deckeltasche.

8. Ausrüstungs-Check

Nun ist soweit alles für die Tour vorbereitet. Ehe man ins Bettenlager steigt, gilt es nun im letzten Schritt noch das Material und die Ausrüstung zu prüfen. Wer früh startet, sollte zudem auch seinen Rucksack schon am Vorabend packen. Dann kann man das Frühstück in Ruhe genießen und direkt aufbrechen. Entspannt – und vor allem gut vorbereitet!

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