Drei Schitourengeher am Berg
Foto: Elias Holzknecht
Bergportrait

Das kleine Galtür

• 10. September 2021

Ganz hinten und hoch oben im Tiroler Paznauntal liegt das kleine Galtür. Von dort lassen sich die Silvretta und das Montafon entdecken – auf Tourenskiern, Schneeschuhen und Langlauflatten.

Katharina Lehner für das Bergweltenmagazin Juni 2020.

Von Ischgl nach Galtür sind es zwar nur zehn Kilometer taleinwärts im Tiroler Paz­naun, aber der Unterschied könnte grö­ßer nicht sein: Das laute Ischgl, das zuletzt nicht nur mit den Schneehöhen in der internationalen Presse stand. Und das lei­se Galtür, das Bergmenschen vielleicht im­mer schon näher war, gerade weil es wei­ter weg von allem liegt. Doch was macht einen Ort überhaupt aus, abgesehen von seiner Lage? Was ein Tal, einen Berg?


Manche meinen: seine Geschichte; die Namen berühmter Persönlichkeiten; die Daten großer Tage – erbaut, besiedelt, bestiegen. Aber sind es nicht auch die vielen kleinen Geschichten – wahre und erfundene, aktuelle und längst vergangene? Galtür jedenfalls hat einige davon parat. Wir malen ein Bild aus neun Erzählungen: von berühmten Bergführer­familien, harten Zeiten und seltenen Schnäpsen bis hin zu einer Inspirations­quelle für einen legendären Schriftsteller.

Zwei Schneeschuhwanderer am Berg
Foto: Elias Holzknecht
Die Schneeschuhtour über das Zeinisjoch, die Christoph Pfeifer oft mit Gästen macht, bietet einen Ausblick aufzahlreiche Gipfel, etwa auf die Fluhspitzen in der Silvretta.

1. Berühmte Bergführer

Vom Hausberg zum Hausnamen 

„Dies ist die berühmteste Führerfamilie im Ganzen Paznaun“, schreibt der Alpin­schriftsteller Walther Flaig in „Das Sil­vrettabuch“ (1940) und meint die Familie Lorenz. Wie das so üblich ist in Tiroler Bergdörfern, sind die Menschen dort vor allem unter ihren Hausnamen bekannt: „Im Weiler Wirl, von Galtür gegen das kleine Fermunt hinein, liegt ge­rade unter der Ballunspitze ein Berghof, dessen Insassen deshalb im Volksmund ‚die Balluner‘ genannt werden.“

Begründet wurde diese Berühmtheit von den Brüdern Ignaz und Gottlieb Lorenz. Beide waren seit 1882 als Berg­führer in den Ostalpen, aber auch in der Schweiz und in Frankreich, unterwegs. Die Liste von Ignaz’ Erstbesteigungen ist lang und für Silvrettakenner klingend: Flucht­horn, Gamshorn, Piz Buin und viele mehr. Auch die nachfolgenden Generationen zog es beruflich in die Berge. So landen wir heute bei Christoph „I bin koa Lo­renz“ Pfeifer. Ein Balluner ist Christoph sehr wohl und Bergführer natürlich auch. Sein Credo: Manche Dinge in den Bergen lassen sich nicht planen.

2. Tragische Erinnerungen 

Überrascht von der Lawine 

Galtür liegt auf 1.584 Meter Höhe, ganz im Westen Tirols, ganz hinten im Paznaun – und auf der Bekanntheitsskala ziem­lich weit hinter dem Nachbarort Ischgl. Den Galtürer Tourismus könnte man als sanft bezeichnen: Es kommen Familien, Stammgäste und viele Ruhesuchende. Die Winter hier sind lang und schneereich, die Berge hoch, ihre Hänge steil.

Doch selbst wenn man sich nur den schönen Seiten des Winters widmet – wer „Galtür“ denkt, denkt auch „Lawine“. Es ist eine dieser Geschichten, die sich aufgrund ihrer Tragik ins Gedächtnis einprägen: Eine dreißigtausend Tonnen schwere Lawine verschüttete und zerstörte im Februar 1999 große Teile des Ortes – 38 Menschen starben. Für die Galtürer ist das Thema „Lawine“ immer präsent.

Neben seinem Job als Bergführer ist der Balluner-Nachfahre Christoph Pfeifer auch in der Lawinenkommission tätig. Er hilft mit, zu bewerten, welche Gebiete gesperrt werden müssen. Wer den Schnee und die Lawinengefahr einschätzen will, braucht Erfahrung. „Vor der Tour nachdenken, alles abwägen. Und danach beantworten. Wie war es wirklich? Hätte ich es so eingeschätzt? Und ehrlich sein, wenn es nicht so war“, sagt er.

Porträt von Christoph Pfeifer
Foto: Elias Holzknecht
Christoph Pfeifer vulgo Balluner ist Bergführer in Galtür. Er trat mit der Berufswahl in die Fußstapfen seiner Vorfahren.

3. Schneereicher August

Ein Tag für die Ewigkeit

Ist das Jamtal – ein Seitental des Paznaun – gesperrt, kann selbst ein Balluner-Bergführer nichts machen. Auch dann nicht, wenn die Gäste bitten, betteln und die ganz großen Argumente auspacken: „Aber wir haben das gebucht! Aber da sind wir letztes Jahr doch auch gefahren!“ „Ich versuche, unsere Gäste zu erziehen. Wenn es lawinengefährlich ist, kann man nicht hin. Seit ich Bergführer bin, gab’s aber immer was zu tun.“ Er erzählt von einem August in den 1990ern: Es hatte geschneit.

Die ursprünglich geplante Bergtour war nicht machbar gewesen, da der Schnee kniehoch lag. Kurzerhand hatte er Langlaufski ausgeliehen und war mit seinen Gästen aufs Zeinisjoch rauf, um dort eine Langlauftour zu machen. „Die Leute reden mich heute noch drauf an und erzählen mir, wie toll das war“, sagt er und lacht dabei.

4. Einsame Tour

Blauer See, verkokter Schnee 

Auch für uns hat er alternative Pläne. Eine Woche lang hat es durchgeschneit, jetzt scheint die Sonne. Das Jamtal ist gesperrt. Das Zeinisjoch und der Stausee Kops sind angesagt. Früh am Morgen geht es mit der Alpkogelbahn nach oben. Ein paar Skifahrer mit müden Augen und kalten Muskeln bemühen sich, die gleichmäßigen Schneerillen auf der Piste rasch mit ihren Kanten zu zerfurchen. Wir tun dasselbe mit den Zacken unserer Schneeschuhe. Aber nicht lange, denn nach fünf Minuten geht es über einen Gupf, und das Skigebiet liegt hinter uns. Vor uns unberührter Schnee, die erste Sonne auf nachtkalten Hängen, das stechend blaue Stauseewasser, die Menschenleere.

Der Bergführer spurt durchs Weiß. Hügelab, den Hang hinauf, am See entlang. Der Schnee ist nicht einfach nur gefrorenes Wasser, das sich gleichmäßig über diese Landschaft gelegt hat. Von einem auf den nächsten Schritt ist er steinhart statt pulvrig, mit einer Oberfläche wie Holzkohle, nur eben weiß statt schwarz – das Ergebnis davon, wenn es erst schneit, dann regnet, dann friert, wieder schneit und schließlich der Wind den Pulverschnee fortbläst.

Das Blau des Stausees haben wir hinter uns gelassen. Nun stapfen wir über ein Plateau auf rund 1.700 Meter Höhe. Auf der einen Seite ragen die Fluhspitzen in der Verwallgruppe auf, die andere zeigt uns die Gorfenspitze im Silvrettagebirge – Galtürs zweiten Hausberg neben der Ballunspitze. Wir folgen dem Balluner bergab in eine Mulde, wo eine kleine Kapelle aus dem Schnee ragt: das Rearkapelli.

Drei Tourengeher beim Gipfelkreuz
Foto: Elias Holzknecht
Gipfelgratulationen auf der Breitspitze, bevor es einen Schluck vom seltenen Schnaps gibt. Unten: Hatte Hemingway als Gast im Madlenerhaus im Jahr 1925 vielleicht dieses Zimmer?

5. Arme Bauernkinder

Tränen beim Abschied

Wie fast überall in den Alpen war das Leben in Galtür hart, bevor sich der Bergtourismus auch hier entwickelte. Die Menschen bewirtschafteten die Fel­der und lebten von ihrem Ernteertrag. In vielen Familien reichte der jedoch nicht für alle Kinder aus. Daher schickten sie ihren Nachwuchs zum Arbeiten ins Schwabenland. Die Kinder traten die Reise allein an, ihre Mütter begleite­ten sie nur bis auf das Zeinisjoch hinauf.

Das Rearakapelli markiert also einen Ort des Abschieds – und der steckt auch im Namen. „Reara“ bedeutet im Galtürer Dialekt nämlich „weinen“. Hatten sie den anstrengenden Weg über die Silvretta hinter sich, arbeiteten sie als Kindsmägde und Viehhirten auf Höfen und wurden mit Mahlzeiten dafür entlohnt. Erst zu Winterbeginn kehrten sie zurück.

6. Frohe Bauersfrauen

Neid aus den Nachbardörfern 

Für so manche Frau hatte die Karg­heit auch ihre guten Seiten, wenn man den Erzählungen glaubt: In Galtür sei die Feldarbeit wegen des rauen Klimas so hart gewesen, dass nur Männer dafür in Frage kamen. Wenn eine Frau also nach Galtür heiratete, wurde ihr nachgesagt, sie sei jetzt im „Weiberhimml“, weil sie nicht wie die Frauen der Nachbardörfer aufs Feld musste.

Auch zu dieser Geschichte gibt es einen Ort. Er ist jedoch weniger Er­innerungsdenkmal für die Entbehrungen der Vergangenheit, sondern mehr Tem­pel für die Genüsse der Gegenwart: die Skihütte „Weiberhimml“. Unser Bal­luner hat uns hingeführt und seinen Nef­fen Tobi mitgebracht. „Wir sind nicht nur Onkel und Neffe, sondern gute Freunde“, erzählt der Bergführer. Im Winter sind die beiden oft gemeinsam unterwegs. „Der Tobi weiß, was ich in einer Situation mache. Und ich weiß, was er tut.“ – „Wir reden die meiste Zeit nicht miteinander“, ergänzt der Neffe.

Zwei Schifahrer ziehen die ersten Spuren
Foto: Elias Holzknecht
Der Balluner und Neffe Tobi setzen die ersten Spuren in den unberührten Pulver. Nach der Abfahrt wird für den letzten Anstieg Richtung Breitspitze wieder aufgefellt.

7. Rare Wurzeln

Die Lotterie für Hochprozentiges 

Unsere Skitour mit den beiden auf die 2.203 Meter hohe Breitspitze ver­läuft dann genau so: still. Aber nicht, weil wir nicht miteinander reden wür­den, sondern weil wir hier – hoch über dem anderen Ufer des Stausees Kops – ganz allein unterwegs sind. „Man trifft hier fast nie jemanden“, sagt Christoph Pfeifer und lässt damit das Versprechen auf unverspurte Pulverhänge mitschwin­gen. Wohlgemerkt: auf einer einfachen, leicht zugänglichen Skitour in der Nähe des Skigebiets. Und genau so ist es dann.

Wir ziehen die Ski über ebene Plateaus und sind allein; spuren knackige Hänge hinauf, und niemand ist da; fellen ab und gleiten einsame Stücke bergab; fellen auf und steigen zum Gipfelkreuz – auch dort sind wir unter uns. Der Blick geht nach Partenen und Gaschurn in Vor­arlberg und reicht darüber hinweg weit in die Montafoner Bergwelt. Nach dem obligatorischen Abklatschen am Gipfel packt der Bergführer den Gipfelschnaps aus. „Riech mal, was ist das?“ – „Enzian!“

Es ist eine Ehre, wenn ein Galtürer seinen Enzian mit dir teilt. Denn man kann ihn nicht kaufen, und er wird nur ausgepackt, wenn man ihn sich verdient hat. Seit den 1960er­Jahren steht der En­zian unter Naturschutz. Weder dürfen seine Blüten gepflückt, noch seine Wur­zeln ausgegraben werden. Doch diese braucht es für den Galtürer Schnaps – die Wurzeln des gelben Enzian. Und so wurde mit den Einwohnern vereinbart, dass sie 1.300 Kilo Wurzeln ausgraben und zu Schnaps verarbeiten dürfen.

Ganze fünfzehn Kilo Wurzeln braucht es für einen Liter Schnaps. Damit sich also jede Familie alle paar Jahre einen kleinen Vorrat anlegen kann, gibt es eine Art Lotterie: Jedes Jahr werden drei­zehn Familien gezogen, die dann je hun­dert Kilo Wurzeln ausgraben dürfen. Macht sieben Liter flüssigen Enzian.

Wir trinken also unsere Stamperln beim Gipfelkreuz mit gebührender Ehr­furcht, blinzeln kurz in die Sonne und fellen dann ab, denn die unverspurten Hänge warten. Und tatsächlich geht es dann so geschmeidig bergab, dass uns das Gefühl des beinahe widerstandslosen Gleitens noch bis in den Schlaf hinein be­gleiten wird.

8. Gefrorener Grusel

Ernest Hemingway in Galtür

„Ich hatte das Skilaufen ein bisschen über. Wir waren zu lange geblieben.“ Die beiden Protagonisten in Hemingways Kurz­ eschichte „Ein Gebirgsidyll“ kommen nach einem Monat im Silvrettagebirge wieder in Galtür an und freuen sich, dem Schnee und der Sonne entkommen zu sein. Im Ort findet ein Begräbnis statt, der Totengräber erzählt ihnen von grausigen Umständen: Das Gesicht der Toten soll ganz entstellt gewesen sein, weil der Witwer die Leiche seiner Frau den Winter über in der Scheune gelagert hatte.

Nächtens habe er die Laterne wie selbstverständlich im­mer an ihren offen eingefrorenen Mund gehängt. Eine halbwahre Gruselgeschichte, wie sie vielerorts kursieren. Hemingway hatte sie während eines Aufenthalts auf­geschnappt und verarbeitet.
 

Kasspatzln in heißem Pfand
Foto: Elias Holzknecht
Kasspatzln findet man in jedem ordentlichen Tiroler Gasthaus – so auch auf der Weiberhimml-Hütte im Galtürer Skigebiet.

Ernst blickt er heute von manchen Paz­nauner Stubenwänden herab. So im Mad­lenerhaus auf der Bielerhöhe, wo er 1925 zu Gast war. Auch wir haben die Nacht dort verbracht, das Skilaufen haben wir aber noch nicht satt. Also die Langlaufski angeschnallt und auf die Loipe gestartet – oder sagen wir besser: Loipenabfahrt. Denn von der Bielerhöhe (2.037 m) geht es acht Kilometer und 280 Höhenmeter bergab. Wir beeilen uns, denn unten war­tet der Balluner-Bergführer, der in Galtür vielleicht sogar noch berühmter ist als Hemingway. Und Berühmtheiten lässt man bekanntlich nicht warten.

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