Bergsagen

Mystische Pfade im Allgäu: 6 Tourentipps

Reportage • 26. April 2017
von Frank Eberhard

Um viele Berge zwischen Füssen und Bodensee ranken sich Sagen: Von Hexen, Teufeln und anderen mystischen Kreaturen, die in den Allgäuer Bergen ihr Unwesen treiben sollen. Eine Annäherung an eine raue Welt.

Blick in die Allgäuer Berge: Säuling
Foto: Frank Eberhard
Der Sitz mystischer Kreaturen: Blick auf den Säuling aus dem Tannheimer Reintal im Allgäu

Die meisten Bergsteiger träumen von diesen Tagen: Die Hände spüren warmen Kalk und die Schuhsohlen finden Halt auf trockenem Fels. Über dem Kopf erstreckt sich makelloses Blau und weit unter den Füßen machen sich die unerhört grünen Wiesen des Allgäus breit. Doch zeigen sich die Berge oft genug von einer anderen Seite: düster und unwirtlich, abweisend und gefährlich. Vor allem dieser Seite der Bergwelt ist es zu verdanken, dass sich viele Mythen und Sagen um die Allgäuer Alpen ranken. An solchen Tagen lässt es sich besser vorstellen, dass Geister in den grün-grauen Kalkriesen wohnen und Hexen sie als Bühne für ihre okkulten Rituale nutzen. In den Tälern lauern dunkle Wälder und menschenfressende Moore. Ein Streifzug durch und über die mystischen Berge des Allgäus lohnt sich.

Die düstere Seite der Natur beschäftigt und fasziniert die Menschen seit jeher. Geschah etwas Unerklärliches, sahen sie früher höhere Mächte am Werk. Viel Grund zur Spekulation hätten sie aktuell am Hochvogel (2.593 m) – jener Dolomit-Pyramide, die an fast jedem Berg im Allgäu die Aussicht dominiert. Ihr Gipfel droht auseinander zu brechen. Früher war nur ein Spalt zu sehen, mittlerweile trennt eine Schlucht die Gipfelfelsen. Seit Herbst 2014 hat die Alpenvereinssektion Donauwörth ihren Bäumenheimer Weg auf der Südseite des Bergs gesperrt. Ob und wann diese steile, aber nie schwere Route wieder begehbar sein wird steht in den Sternen. Bereits seit Jahrhunderten existiert eine Sage über den Berggeist, der am Hochvogel spukt. Sicherlich hätten unsere Vorfahren ihm die Schuld in die Schuhe geschoben. Denn er soll eine Art Venedigermännle sein, das Bergbau betreibt, jedoch nichts Gutes im Sinn hat. Das passt zum Riss, der uns heute den Bäumenheimer Weg verdirbt.

Rund um den Hochvogel (2.593 m) im Allgäu

Die Venedigermännle tauchen in der Allgäuer Mythenwelt immer wieder auf. Hinter ihnen steckt vermutlich ein wahrer Hintergrund: Sie gehen auf Besucher aus Venedig zurück, die im Allgäu nach Stoffen für ihre einzigartige Glaskunst suchten. In den Sagen handelt es sich um harmlose kleine Wesen, die sich gut darauf verstehen, Wertvolles in den Bergen zu finden. Auch an der Sturmannshöhle bei Obermaiselstein und am Grünten (1.738 m), dem Wächter des Allgäus, waren sie demnach auf Schatzsuche. Im Herzen dieses nördlichsten Bergs der Region soll ein „Goldbrünnle“ fließen. Wer ein Gefäß darunter stellt, wird reich. Doch nur geschickte Venedigermännle finden den Tunnel dorthin. Eines von ihnen traf auf einer der Alpflächen am Grünten einen Hirten. Der Älpler warf einem seiner Ochsen einen Stein hinterher, um ihm Beine zu machen. Das Männle wusste, woher der Stein stammt und sagte: „Büeble, der Stein, den du diesmal dem Ochsen nachgeworfen hast, ist mehr wert als der ganze Ochs!“

Rund um den Grünten (1.738 m) in den Allgäuer Alpen

Doch genug vom Ochsen und zurück zum Hochvogel mit seinem Berggeist. Dort heißt es heute zum drohenden Bergsturz vonseiten der Tiroler Landesgeologie wenig romantisch: „Die Auswertung von Luftbildern seit 1974 zeigt, dass die Auflösungsprozesse am Hochvogel progressiv voranschreiten und es keinen Grund gibt anzunehmen, dass die Bewegungen langsamer werden oder gar stoppen könnten.“ Aber es bleibt noch ein Weg auf den Hochvogel: Von Hinterstein auf der deutschen Seite führt dieser über das Prinz Luitpold Haus und über das Firnfeld des Kalten Winkels oder den leichten Klettersteig an der Kreuzspitze. Der Nachteil: Der Anstieg zieht sich in die Länge. Ihn als Tagestour zu bewältigen, setzt neben Ambition ein Moutainbike zur Anfahrt und ordentlich Ausdauer voraus.

Der Vorteil: Vom Hintersteiner Tal aus lassen sich noch andere mystische Orte in den Bergen erforschen. Dazu gehört der Wildfräuleinstein am Fuß von Bschießer (2.000 m) und Ponten (2.045 m). Ein Besuch lässt sich gut mit einer Rundtour über die urige Zipfelsalpe, die beiden Gipfel und die historische Willersalpe verbinden. Der Stein sieht aus wie ein überdimensionaler Emmentaler und soll Heimat von Wilden Fräulein gewesen sein. Diese tauchen in mehreren Allgäuer Geschichten auf: als fleißige und gute Naturen. Auch sie haben einen geschichtlichen Hintergrund: Möglicherweise haben Teile der keltischen Bevölkerung die Jahrhunderte in abgelegenen Tälern überdauert und bei ihren Besuchen in den Tälern wie Wilde gewirkt.

Rund um das Hintersteiner Tal im Allgäu: Wildfräuleinstein und Ponten

Ebenfalls aus dem Hintersteiner Tal schlängelt sich vom E-Werk „Auele“ der Weg zum Schrecksee hinauf. Egal ob bei Sonnenschein oder bei bedrohlich grauem Himmel, dieser Ort strahlt Übernatürliches aus. Germanische Götter sollen sich an dem Gewässer in über 1.800 Metern Höhe getroffen haben. Muotis, besser bekannt als Wotan oder Odin, hat einer Sage nach an einem „Wildsee“ seinen Hengst zurückgelassen. Da dieser See am Kugelhorn liegt, kann es sich nur um den heutigen Schrecksee handeln. Eine zweite Sage um den Schrecksee lässt sich in der Mythenwelt vieler Allgäuer Gewässer finden: Ein Mann wollte mit einem Stein an einer Schnur die Tiefe des Sees messen.

Doch da schoss ein Ungeheuer aus dem Wasser. Es schnaubte ihm entgegen: „Ergründ’st du mich, so fress' ich dich!“ Heute werden Bergsteiger sich weniger für die Tiefe des Sees als für die umliegenden Gipfel interessieren. Doch trotz der landschaftlichen Schönheit erhalten die Spitzen in diesem grün-grauen Kranz selten Besuch. Entsprechend dünn zeigen sich die Trittspuren auf Kasten- und Knappenkopf, ja sogar auf das schöne Kugelhorn (2.126 m). Lediglich der Jubiläumsweg führt deutlich ausgetrampelt und markiert knapp unter Letzterem vorbei und umgeht später das Rauhhorn (2.241 m). Doch dieser zum Fels erstarrte Irokese bietet Bergsteigern eine tolle Überschreitung in ausgesetztem Kraxelgelände. Dahinter liegt der Abstieg über die Willersalpe und den Wildfräuleinstein ins Dorf. Fitte Alpinisten steigen noch über das Gaishorn (2.247 m).

Rund um den Schrecksee in den Allgäuer Alpen

Doch genug von freundlichen Gestalten oder Monstern, die lediglich ihren See verteidigen. Auch der Teufel persönlich und seine Handlangerinnen treiben in der Schattenwelt ihr Unwesen. So tragisch der Hintergrund dieser Sagen ist – Hexenwahn und massenhafter Mord an unschuldigen Frauen – sie sind ein Teil der Kultur. Beispielsweise ist das Gipfelplateau des Säulings (2.047 m) als Hexabödle bekannt. Und der Teufel soll von dort oben einen Stein auf Roßhaupten geschleudert haben, um eine Kirche zu vernichten. Statt Hexen und Teufeln begegnen Bergwanderer am Säuling heute vielen Gleichgesinnten am Berg – auch die treten Steine los, jedoch nicht in satanischer Absicht.

Allgäu: Blick über den Plansee zur Zugspitze
Foto: Frank Eberhard
Allgäu: Blick über den Plansee bis zur Zugspitze (2.962 m)

Der Säuling liegt am Ostrand des Allgäus und gehört streng genommen zu den Ammergauer Alpen. Gut 50 Kilometer weiter westlich, am anderen Ende der Bergkette, bietet das Kleinwalsertal mit dem Hohen Ifen (2.230 m) und dem Gottesackerplateau einmalige Berglandschaft. Im Tal zieht die pittoreske Breitachklamm die Touristenmassen an. Oben wirkt die Felswüste des Gottesackers wie ein versteinertes Gletscherspalten-Labyrinth. Eine fruchtbare Alpe soll dort gelegen haben, bis die Älpler einen Bettler schroff fortschickten. Dieser verfluchte sie der Sage nach und die Natur verödete zu dem heute so viel bewunderten Karstplateau.

Wer jahrtausendealte Geschichte erleben möchte, verbindet eine Tour an Ifen oder Gottesacker mit einem Abstecher ins Kürental. Dort fand der Walsertaler Künstler Detlef Willand 1998 unter einem Felsüberhang ein rund 9.000 Jahre altes Lager steinzeitlicher Jäger. Diese verbrachten den Sommer unter der geschützten, der Sonne zugewandten Wand an der Baumgrenze. Die einzige Wasserstelle weit und breit liegt direkt daneben und war ein perfekter Platz, um Hirschen aufzulauern. Überhaupt in das Tal gezogen waren die Menschen, um Feuersteine zu finden. Nahe des Großen Widdersteins (2.533 m) fanden sie die Ader des roten und grünen Steins, aus dem sie sogut wie alles herstellten. Diese Steinzeitmenschen waren die ersten Siedler in dieser rauen Gegend. Sie legten den Grundstein für alle Mythen und Sagen.

Allgäu: Hoher Ifen mit Blick über das Gottesackerplateau
Foto: Frank Eberhard
Am Gipfel des Hohen Ifen (2.230 m) mit Blick über das Gottesackerplateau

Tipp

Weitere sagenumwobene Geschichten aus dem Allgäu lest ihr in:

Mystische Pfade Allgäu – 35 Wanderungen auf den Spuren von Mythen und Sagen“ von Frank Eberhard, erschienen im Bruckmann Verlag.

Bruckmann Verlag: Mystische Pfade Allgäu - Cover
Foto: Bruckmann/Frank Eberhard
Cover: „Mystische Pfade Allgäu“ von Frank Eberhard - erschienen im Bruckmann Verlag

Tourentipps

Wandern • Bayern

Zum Schrecksee

Dauer
7:00 h
Anspruch
T3 anspruchsvoll
Länge
17 km
Aufstieg
1.140 hm
Abstieg
1.140 hm
Wandern • Vorarlberg

Auf den Hohen Ifen

Dauer
1:28 h
Anspruch
T3 anspruchsvoll
Länge
2,7 km
Aufstieg
639 hm
Abstieg
29 hm

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