Berg-Philosophie

Faszination Abenteuer: Von Neuland und Fremde

Philosophie • 10. November 2017
von Christina Geyer

Wer nach Abenteuern sucht, wird in den Bergen fündig. Nicht umsonst sind die großen Expeditionen namhafter Alpinisten untrennbar mit dem Begriff des Abenteuers verbunden. Aber was genau zeichnet ein Abenteuer eigentlich aus? Und warum schwingt dabei immer auch der Hauch von Faszination mit? Eine Spurensuche.

Winter: Zelten im Karwendel-Gebirge
Foto: mauritius images / go-images
Abenteuer-Flair: Zelten bei Schnee im Karwendel-Gebirge

Ein Abenteuer ist naturgemäß eine risikoreiche Unternehmung. Es bewegt sich im Spannungsfeld von Faszination und Gefahr – aus demselben Grund. Sein Ausgang ist offen. Der Verlauf eines Abenteuers ist im Vorfeld nicht absehbar. Das macht den Reiz eines Abenteuers aus, aber auch seine Gefahr. Könnte man es durchtakten und exakt planen, wäre es kein Abenteuer mehr. Das Nicht-Vorhersehbare ist gewissermaßen die wichtigste Zutat für ein richtiges Abenteuer. Man lässt sich auf etwas ein, dessen Ablauf sich unserem Einfluss entzieht. Das erfordert Mut.

Warum lohnt sich Mut, wo Risiko und Gefahr lauern?

Nun, wer das Abenteuer will, kommt um Risiko und Gefahr schwerlich herum. Die viel wesentlichere Frage lautet: Reizt uns das Abenteuer, weil es risikobehaftet ist oder wird das Risiko billigend in Kauf genommen, weil es nun einmal untrennbar mit dem Abenteuer verbunden ist? In der Philosophie würde man fragen: Ist das Abenteuer ein Selbstzweck oder Mittel zum Zweck? Anders formuliert: Will man das Abenteuer, weil man das Abenteuer will – oder will man das Abenteuer, weil es der Schlüssel zu etwas anderem ist, das man eigentlich begehrt? Man darf davon ausgehen, dass die Antwort – wie so oft – irgendwo in der Mitte liegt.


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Gewiss ist: Hätte der Alltag ein Gegenstück, es wäre das Abenteuer. Dass Letzteres eben nicht nach Plan abläuft und damit immer auch ein Risiko mit sich bringt, scheint zumindest mit ein Grund dafür zu sein, dass es einen solchen Reiz auf uns ausübt. Das Abenteuer leitet sich vom lateinischen Begriff für „Ereignis“ („adventura“) ab, heißt zunächst einmal also nicht mehr, als dass überhaupt etwas passiert. Der Alltag hingegen scheint oftmals aus einer Abfolge des immer gleichen Tags zu bestehen.

Die Heimat des Abenteuers

Routine und Langeweile liegen nah beieinander. Das Abenteuer verheißt Neuland: Man verlässt das gewohnte Umfeld, versetzt den von Sicherheit geprägten Alltag für das Abenteuer. Nicht umsonst hat Schriftsteller Emil Gött bereits Ende des 19. Jahrhunderts festgehalten: „Die Heimat des Abenteuers ist die Fremde.“ Aus nachvollziehbaren Gründen. Wo Gefahr droht, müssen alle Kräfte mobilisiert werden: Jede Entscheidung kann folgenschwer sein. Man muss also hellwach und konzentriert sein. Jeder Schritt muss sitzen. Kurzum: Existenzielle Situationen bündeln die Intensität des Erlebens. Das Abenteuer macht uns lebendiger, bewusster, wacher – nicht obwohl, sondern gerade weil es sich im Dunstkreis der Gefahr bewegt.


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