Fahr zur Höhle

Höhlenwandern auf der Schwäbischen Alb

Blog • 20. April 2017
von Frank Eberhard

Unter der Karstlandschaft der Schwäbischen Alb in Baden-Württemberg erstrecken sich große Tunnelsysteme – einige Schaugrotten sind für Besucher begehbar. Frank Eberhard stellt uns eine ausgedehnte Höhlentour für regnerische Apriltage vor.

Höhlenwandern auf der Schwäbischen Alb: In der Laichinger Tiefenhöhle
Foto: Frank Eberhard
Höhlenwandern auf der Schwäbischen Alb: In der Laichinger Tiefenhöhle

Am Eingang der Schertelshöhle herrscht große Aufregung. Ein kleiner Junge hat hinter einem Fensterladen eine Fledermaus entdeckt und befunden, dass dies nicht der richtige Ort für das Tier ist. Zusammen mit Papa und einem Führer des Höhlenvereins Westerheim stellt er kurzerhand eine Rettungsaktion auf die Beine. Wenig später hängt die Fledermaus wieder kopfüber in der kalten Höhle. Auch der nächste Schwung an Besuchern folgt ihr bald über die Treppen in die Dunkelheit, behält allerdings die Füße auf dem Boden.

Sie erkunden die Höhle bei einer rund halbstündigen Führung. Dabei bestaunen sie auf den 160 zugänglichen Metern jede Menge Tropfsteine und Sinterschmuck. Bereits auf dem Weg vom Parkplatz zum Eingang haben die Besucher eine abgesperrte Doline passiert. In einem großen Raum der Schertelshöhle kommt der Karsttrichter wieder zur Geltung: Über den Köpfen der Besucher lässt er durch Gras und Büsche grünlich gefärbtes Licht in die Höhle scheinen. Das erhellt jedoch nur diesen einen Raum. Wenige Schritte weiter würde ohne Lampen totale Dunkelheit herrschen – zum Wohlgefallen der Fledermäuse. Die frühen Bewunderer der Unterwelt besuchten diese im 19. Jahrhundert mit Fackeln. Spuren davon sind noch heute in früh entdeckten Grotten wie der Schertelshöhle zu sehen: Der Ruß hat Wände und Decken geschwärzt.

Höhlenwandern auf der Schwäbischen Alb: In der Schertelshöhle

Ebenfalls im 19. Jahrhundert entdeckte ein Sandgräber die elf Kilometer entfernte Laichinger Tiefenhöhle. Oberirdisch trennen wenige Schritte über eine von Bäumen beschattete Wiese ihren Ein- und Ausgang. Doch die lehmige Dunkelheit mit ihrem System aus Schächten, Hallen und Tropfsteingebilden kann einen locker zwei Stunden lang in ihren Bann ziehen. Steile Treppen führen zum tiefsten für Touristen erreichbaren Punkt. In der „Kleinen Halle“ trennen 55 Meter Fels und Erde die Besucher von der Sonne. Dort unten wartet eine andere Welt. Eine Welt, in der nur künstliches Licht dem Menschen seinen Weg leuchtet.

Wie anders die ewige Dunkelheit ist, wird beim Blick auf die Lampen im gemauerten Eingangsschacht deutlich: Ihr gelbliches Licht lässt sofort Moose um sie herum wuchern. Für diese Illumination sorgt seit 1947 der Höhlen- und Heimatverein Laichingen. Seine Vorgänger montierten 1936 erste elektrische Lampen, nachdem sie die Höhle in den Jahren zuvor ausgebaut und mit Betonstufen und Eisentreppen zugänglich gemacht hatten. Über diese Wege arbeiten sich die Besucher noch heute nach unten. Manche der im Laufe der Zeit erneuerten Metalltreppen sind so steil, dass man sich besser umdreht und mit beiden Händen am Geländer festhält. Damit die Hosenbeine nach der kleinen Expedition nicht vor Lehm stehen, legen die Gäste am Eingang rudimentäre Gamaschen an.

Höhlenwandern auf der Schwäbischen Alb: In der Laichinger Tiefenhöhle mit angeschlossenem Museum

Wer gute Sachen trägt, sollte aufpassen, wenn er sich in der Tiefe durch den  Streuselkuchengang quetscht. Dieser ist mit sogenanntem Perlsinter überzogen, der mit seinen kugelförmigen Auswüchsen an Blumenkohl erinnert – oder eben an Streuselkuchen. Feuchtigkeit müssen Besucher und Kleidung vor allem im „Nassen Schacht“ aushalten. Dort tropft es selbst bei trockenem Wetter. Trotzdem fällt es schwer, schnellstmöglich in höhere und trockenere Gänge zu eilen. Denn dieser Schacht hält die ersten richtig spektakulären Tropfsteine bereit.

In Sachen Erschließung noch einen Schritt weiter gegangen sind die Nachbarn vom Höhlenverein Sontheim: Um ihre knapp neun Kilometer von Laichingen entfernte Sontheimer Höhle bestmöglich zu erhalten, haben sie ihr vor wenigen Jahren LED-Lampen verpasst. Das kühle Licht setzt die älteste Schauhöhle Deutschlands gut in Szene. Auch dort bietet der Verein rund 45-minütige Touren an. Sie führen wortwörtlich ins Herz eines großen Fledermausquartiers – bis zu 500 Tiere halten dort ihren Winterschlaf. Auch im Sommer hängen Fledermäuse an der Decke. Im letzten großen Raum trennen fast 200 Meter Strecke und 90 Meter in der Vertikalen die Besucher von Sonne und Wärme. An dieser Stelle wird klar, was es mit dem Höhlenherzen auf sich hat: Ein Durchbruch im Gang hat genau diese Form. Um den Effekt zu verstärkten, leuchtet der Verein das Herz strahlend rot aus.

Höhlenwandern auf der Schwäbischen Alb: In der Sontheimer Höhle

Ganz in der Nähe wächst ein großer weißer Stalagmit langsam, aber unaufhaltsam aus dem Boden. Auch die Entstehung der Höhle lässt sich nachvollziehen: Von gegenüber kommt ein großer Schacht, den ein unterirdischer Fluss ausgespült hat. Am Umkehrpunkt zeigt sich der größte Stalagmit, der bis zur Decke reicht. Seit Wasser den Boden wegspülte, hängt er freischwebend von oben herab. Er wird nach unten immer breiter und erinnert an eine überdimensionale Dampfabzugshaube. Der Verein nennt das Gebilde „die Glocke“ – auch diesen Schluss lässt die Fantasie zu.

Die größte und spektakulärste Höhle der Gegend, die Blauhöhle, bleibt Forschern mit voller Ausrüstung vorbehalten. Das Magazin National Geographic hat sie zur schönsten Grotte Deutschlands erkoren. Doch auch ohne in die Blauhöhle abtauchen zu können, lohnen sich die zwölf Kilometer Fahrt von Sontheim nach Blaubeuren. Immerhin ist dort der Blautopf zu sehen, eine große, leuchtend blaue Karstquelle. Sie war bis vor wenigen Jahren der einzige bekannte Zugang zur riesigen Blauhöhle. Ein Spaziergang um den Topf und durch Blaubeuren mit seinen hübschen Fachwerkhäusern beendet einen Tag im Reich der Dunkelheit kontrastreich.

Von der Höhle ins Tageslicht: Wandern in Blaubeuren auf der Schwäbischen Alb

Weitere Informationen


1. Anreise

Laichingen, das Zentrum der Höhlentour, liegt knapp 30 Kilometer von Ulm entfernt und ist entweder über die Landstraße oder über die A8 erreichbar.

2. Beste Zeit

Die Temperaturen in den Höhlen schwanken nur geringfügig.

  • Die Liachinger Tiefenhöhle ist von Palmsonntag bis zum Ende der Herbstferien in Baden-Württemberg (Anfang November) geöffnet.
  • Die Schertelshöhle ist von April bis November zu besichtigen.
  • Führungen in der Sontheimer Höhle setzen zwischen November und April aus, um die Fledermäuse zu schützen.

3. Eintritt

  • Erwachsene zahlen in der Laichinger Tiefenhöhle (inklusive Museums-Besichtigung) 3,80€.
  • In der Schertelshöhle kostet der Eintritt 3,50€.
  • Für die Besichtigung der Sontheimer Höhle zahlt man 3€.

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