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Infos vom Lawinenwarndienst

Kritische Lawinensituation in den nächsten Tagen

Aktuelles • 15. November 2019
2 Min. Lesezeit

Ab heute startet der Tiroler Lawinenwarndienst wieder mit seiner täglichen Lawinenprognose – ein halbes Monat früher als üblich. Wir haben Christoph Mitterer, Prognostiker beim Lawinenwarndienst Tirol und fachlicher Koordinator des Euregio-Lawinenreports, um Infos zur aktuellen Lawinensituation und Schneeprognosen gebeten.

Aufgrund des zunehmenden Windeinflusses kommt es aktuell zu Schneeverfrachtung ´entlang des Alpenhauptkammes. Hochgurgl  (Foto: 14.11.2019)
Foto: Land Tirol
Aufgrund des zunehmenden Windeinflusses kommt es aktuell zu Schneeverfrachtung entlang des Alpenhauptkammes. Hochgurgl (Foto: 14.11.2019)

Bergwelten: Christoph, wie ist die Wetter- und Niederschlagsvorhersage für die nächsten Tage? Und was war in den letzten Tagen so los?
Christoph Mitterer: Wiederkehrende Südstaulagen haben die Alpensüdseite und den Alpenhauptkamm im Griff. Die letzten Tage waren am Alpenhauptkamm von den südlichen Ötztaler Alpen über den Brenner, die Zillertaler Alpen bis hin nach Osttirol von wiederkehrenden teils intensiven Niederschlagsphasen geprägt. Auch in den nächsten Stunden wird der Niederschlag in den besagten Gebieten wieder intensiver. Mit gefallenem und noch prognostiziertem Schnee steigt die Lawinengefahr an.

Was ist das aktuelle Lawinenproblem und welche Regionen sind massiv betroffen?
Wir haben es derzeit mit zwei ernst zu nehmenden Problemen zu tun, die sich ab Freitag, den 15.11.2019, aufgrund des massiven Südstaus mit zwei außergewöhnlichen Niederschlagsstaffeln weiter verschärfen werden. 
Einerseits handelt es sich um ein sehr ausgeprägtes Gleitschneeproblem, bei dem der kürzlich gefallene Schnee auf steilen, glatten Flächen abgleitet. So wurden uns während der vergangenen Tage zahlreiche Gleitschneelawinen gemeldet, die u.a. auch für umfangreiche Straßensperren in Osttirol verantwortlich waren bzw. weiterhin sind. Abgleitender Schnee kann aber auch auf steilen Hausdächern eine nicht zu unterschätzende Gefahr darstellen. Die Gefahr von Gleitschneelawinen wird durch die zunehmende Schneelast sowie den vermehrten Feuchtigkeitseintrag in die Schneedecke ansteigen. Wir möchten deshalb an alle Personen appellieren, diese Gefahr sehr ernst zu nehmen, Sperren unbedingt zu befolgen und sich nicht unterhalb von Gleitschneerissen aufzuhalten

Ein Problem sind Gleitschneelawinen. Im Bild Gleitschneerisse und Gleitschneelawinen im Defereggental. (Foto: 14.11.2019)
Foto: Mark Kleinerlercher
Ein Problem sind Gleitschneelawinen. Im Bild Gleitschneerisse und Gleitschneelawinen im Defereggental. (Foto: 14.11.2019)

Eine weitere Gefahr ergibt sich durch ein ausgeprägtes Neu- und Triebschneeproblem, vor allem oberhalb der Waldgrenze. Sehr starker Föhn, später in Kombination mit Schneefall, führte zu frischen, zum Teil sehr störanfälligen Triebschneepaketen. Nun erwarten uns in zwei Staffeln wieder sehr intensive Niederschläge: Ab Freitag, den 15.11. sollen in den Regionen entlang des Alpenhauptkamms vom Ventertal ostwärts inklusive Osttirol zwischen 50 cm und 100 cm dazukommen, am Sonntag nochmals ähnliche Mengen samt steigender Schneefallgrenze. Die Gefahr von spontanen, teils auch großen bis sehr großen Schneebrettlawinen steigt stetig an – dies vermehrt in windabgewandten, sehr steilen Hängen.

Die zweite Gefahr bilden spontane Schneebrettlawine. Frischer Triebschnee auf lockerem, kalten Pulverschnee. Hochgurgl  (Foto: 14.11.2019)
Foto: Land Tirol
Die zweite Gefahr bilden spontane Schneebrettlawinen. Frischer Triebschnee auf lockerem, kaltem Pulverschnee. Hochgurgl (Foto: 14.11.2019)

Ihr startet heute mit der Lawinenprognose, früher als normal?
Ja, ab heute, Freitag 15.11.2019 um 17 Uhr, werden die drei Warndienste der Euregio, Tirol, Südtirol und das Trentino, mit der täglichen Vorhersage der Lawinengefahr beginnen. Gleichzeitig bedeutet dies den früheste Saisonstart ever.

Schneedeckenuntersuchungen bilden die Basis für eine gute Gefahreneinschätzung. (Foto: 14.11.2019)
Foto: Land Tirol
Schneedeckenuntersuchungen bilden die Basis für eine gute Gefahreneinschätzung. (Foto: 14.11.2019)

Aber warum konnte man nicht in den letzten Tagen schon eine Prognose abgeben? 
Bis jetzt haben die Lawinenwarndienste der Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino über ihre Blogkanäle zur Situation informiert. Für eine Einschätzung der Gefahrenstufe waren bis vor kurzem nur wenige Informationen aus der Schneedecke vorhanden. Am Donnerstag, 14.11.2019, nutzten wir gemeinsam mit unseren Beobachtern das Schönwetterfenster, um unser Bild des Schneedeckenaufbaus zu schärfen. Zeitgleich führten Lawinenkommissionen in den neuschneereichen Regionen erste Erkundungsflüge durch.

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