
Folge #102: Die Berghütte der Zukunft
Foto: Andrea Deplazes
Inhalt
Worum geht es in dieser Folge?
Abbildungen zur Podcast-Folge
Eine kurze Geschichte des Hüttenbaus
Zusammenfassung: Wie sieht die „Hütte der Zukunft“ aus?
Mehr zu den besprochenen Hütten
Worum geht es in dieser Folge?
Abbildungen zur Podcast-Folge



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Andrea Deplazes, Architekt der neuen Monte-Rosa-Hütte:
- Die Form und Bauweise einer Berghütte ist kein ästhetischer Selbstzweck, sondern das Ergebnis vieler Rahmenbedingungen. Die entsprechende Architektur entsteht aus einem Abwägen von Faktoren wie Gelände, Klima, Energieversorgung und Materialtransport.
- Der Klimawandel verändert die Grundlagen des Bauens im Hochgebirge. So destabilisiert etwa das Auftauen des Permafrosts den Untergrund hochalpiner Hüttenbauten. Durch das häufigere Auftreten von Wetterextremen müssen Materialien besonders langlebig sein, was z.B. für das Verwenden von Aluminium als Außenfassade spricht.
- Moderne Hütten müssen möglichst energieautark funktionieren. Sonnenkraft spielt dabei eine entscheidende Rolle. So wird auf der Monte-Rosa-Hütte etwa Strom durch Photovoltaik und passive Solarwärme durch strategisch angeordnete Fensterbänder gewonnen.
- Wasser wird im Hüttenbau zum entscheidenden Zukunftsproblem. Wenn die Gletscher verschwinden, fehlt eine unverzichtbare Wasserressource. Ohne Wasser wird man sich die grundlegende Frage stellen müssen: Soll man an bestimmten Orten überhaupt noch Hütten bauen?
- Die Zukunft der Berghütte könnte zwei Extreme entwickeln: sehr spartanische Schutzhütten ohne Wasserversorgung für Spezialisten und stark touristische Berganlagen, die eine geschützte Erlebniswelt für die breite Masse bieten. Andrea Deplazes sieht letztere Vision in der neuen
Berg-Station am Titlis (geplante Eröffnung 2029) bereits teilweise realisiert.
Thomas Heil von dreiplus Architekten, Planer der neuen Seethalerhütte:
- Der Hüttenentwurf für die neue Seethalerhütte hat zunächst einen regelrechten „Shitstorm“ ausgelöst. Viele Menschen haben ein romantisches Bild der klassischen Berghütte (Holzschindeln, Fensterläden etc.) und erkennen erst später die Vorzüge moderner Bauten.
- Die Energieautarkie und das selbstständige Funktionieren einer Berghütte sind zentral. So sind beispielsweise die Dach- und Fassadenflächen der neuen Seethalerhütte optimal zur Sonne ausgerichtet, die schrägen Flächen dienen auch dazu, Regenwasser zu sammeln.
- Der Klimawandel verändert die Nutzung der Berge. Am Dachstein, dem Standort der Seethalerhütte, wird er durch den Rückgang der Gletscher besonders sichtbar.
- In Zukunft könnten im Hüttenwesen neue Technologien wie 3D-Druck, neue Baumaterialien und die Versorgung mittels Drohnen eine Rolle spielen.
- Moderne Hütten sollen trotz innovativer Technik gemütlich bleiben. Innenräume aus Holz und kleinere Zimmer statt großer Matratzenlager sind mögliche Lösungen.
Lukas Kremser, Hütten-Experte des Österreichischen Alpenvereins:
- Der OAV betreibt rund 223 Hütten, von denen viele über einhundert Jahre alt sind und damit ihr natürliches Lebensende erreichen. Jährlich müssen derzeit zwischen einer bis drei Hütten saniert oder neu gebaut werden.
- Ein zentrales Problem ist das Zurückgehen der Gletscher und die dadurch knapper werdenden Wasserreserven für höher gelegene Hütten. Lösungen sind derzeit größere Zwischenspeicher und Regenwassernutzung.
- Berghütten müssen sich wieder stärker auf das Notwendige reduzieren. Gästeduschen in Lagen mit Wasserknappheit lehnt der OAV grundsätzlich ab. Eine Hütte soll eine einfache Unterkunft sein und nur so viel Technik haben wie nötig.
- Die Berghütte ist kein statisches Konzept, sondern entwickelt sich ständig weiter. In den letzten hundertdreißig Jahren haben sich Baumaterialien, Technik, aber auch Ansprüche – insbesondere seitens der Pächter und des Personals – stark verändert.
- Bei der Energieversorgung sind heute Photovoltaikanlagen, Batteriespeicher und teilweise auch Kleinwasserkraftwerke Standard. Experimentiert wird bereits mit Windrädern und Wasserstoffsystemen.

Eine kurze Geschichte des Hüttenbaus
- Die ersten dokumentierten Berg-Unterkünfte in den Alpen waren Hospize für Pilger und Reisende, deren Weg im Mittelalter über die Alpen führte – sowas wie die Vorläufer der heutigen Schutzhütten. Später waren es eher Wissenschaftler, z.B. Kartographen, und die Pioniere des Bergsteigens, die Stützpunkte und einfache Unterschlüpfe brauchten. Der Schutz vor den extremen Wetterbedingungen im Hochgebirge und spartanische Übernachtungsmöglichkeiten standen im Vordergrund.
- Als Baumaterial diente, was man in der näheren Umgebung fand, oberhalb der Baumgrenze also oft Stein, später ergänzt durch Holzfachwerksbau, der bereits einen gewissen Grad an Standardisierung ermöglichte. Die Bauteile wurden im Tal gezimmert und am Berg zusammengesetzt.
- Die ersten Alpenvereinshütten für eine breitere Masse entstanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Alpinismus entwickelte sich immer mehr zu einer breitenwirksamen sportlichen Betätigung. Nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg kam es zu einem regelrechten Ansturm auf die Alpen, der bis heute anhält. Viele Hütten wurden erweitert, aufgestockt und mit mehr Komfort wie etwa Duschen und mit Materialseilbahnen versehen. Ende der 1950er-Jahre wurde im Hüttenbau erstmals ein Hubschrauber eingesetzt.
- Erst spät im 20. Jahrhunderts rückte die Erderwärmung infolge des Treibhauseffekts ins allgemeine Bewusstsein, womit der Umweltschutzgedanke auch ins Hüttenwesen verstärkt Einzug hielt. Vor allem auf hoch gelegenen Schutzhütten lautet die Devise. seither: Ressourcen und Energie sparen, umweltschonende Materialien und Techniken einsetzen.
- Zusätzliche Hütten werden durch die Alpenvereine heute keine mehr gebaut, dafür sind bei Sanierungen oder Ersatzbauten innovative und nachhaltige Konzepte gefragt. Der Deutsche Alpenverein hat sich selbst zum Ziel gesetzt, bis 2030 klimaneutral zu sein. Beim AV lautet das Zieldatum 2033.

Zusammenfassung: Wie sieht die „Hütte der Zukunft“ aus?
- Auftauender Permafrost macht den Baugrund instabil.
- Extreme Wetterbedingungen stellen höhere Anforderungen an Dächer und Fassaden.
- Schmelzende Gletscher führen langfristig zu Wasserknappheit.
- Photovoltaik-Anlagen zur Stromgewinnung an sonnenexponierten Fassaden
- Batteriespeicher für den erzeugten Strom
- Fensterbänder zur Nutzung passiver Solarwärme
- Wetterfeste Aluminiumfassaden für hohe Langlebigkeit
- Holzleichtbau im Inneren (vorgefertigt und leicht transportierbar)
- Wassersammel- und Aufbereitungssysteme für Regen- und Schmelzwasser
Mehr zu den besprochenen Hütten

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