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Die Autorin bouldert im Überhang.
Foto: Julian Rohn
Bouldern im Tessin

Boulderparadies Verzascatal

• 21. Oktober 2021

Die Felsblöcke rund um Cresciano, Chironico und Brione im Verzascatal ziehen die stärksten Boulderer und Boulderinnen der Welt an. Aber auch Anfänger werden in der Sonnenstube der Schweiz fündig.

Rabea Zühlke für das Bergwelten-Magazin April/Mai 2020 für die Schweiz

Der Kanton Tessin hat mehr als 4.000 Probleme. Einige von ihnen liegen nahe des kleinen Ortes Chironico, andere am Fluss im hintersten Verzascatal, wieder andere im Schatten der Kastanienbäume oberhalb von Cresciano.

Manchmal sind die Lösungen einfach: ein Heel- oder ToeHook, ein Dynamo, ein Crimp-Grip oder einfach blockieren und durchziehen. Kryptische Worte, doch eigentlich ist es ganz einfach: Bouldern ist Klettern in Absprunghöhe.

Dafür braucht es nur eine dicke Matte, die einen Sturz abfängt, ein Paar Kletterschuhe und einen Beutel voller Magnesium. Und ein ideales Problem – also eine kletterbare Linie an einem Felsblock. Klingt simpel.

st es auch. Nur dass sich manche Probleme nicht so schnell lösen lassen. Die perfekte Aneinanderreihung von athletischen und kraftvollen Kletterzügen kann Wochen – oder sogar Jahre – dauern.

Valdo sucht mit seinem Crashpad am Rücken den perfekten Spot.
Foto: Julian Rohn
Auf der Suche nach Dächern, Überhängen und Grotten steigt Valdo Chilese über ein paar Blöcke hinab in den Sektor Piee in Brione.
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Einer der „Problemlöser“ ist Valdo Chilese. Der studierte Physiker verklemmt seinen Fuß in einem überhängenden Riss, dreht sein Knie nach unten ein, legt die Fingerkuppen seiner linken Hand auf die Leisten, krallt sich mit der Rechten die Zange und schiebt die Hüfte zum Fels.

„Ein Problem des Profis Dave Graham“, sagt Valdo nach seinem Sturz auf die Matte. Weiße Magnesiumspuren markieren den roten, in der Abendsonne schimmernden Granitblock.

Neben uns rauscht das kristallklare, smaragdgrüne Wasser des Verzasca-Flusses. Noch einige Male probiert Valdo die Linie. Immer wieder fliegt er auf das Crashpad, putzt mit der Bürste penibel den Fels und taucht die Hände in den Magnesium-Beutel.

Doch dann gelingt es ihm: „Frogger“, strahlt Valdo und betrachtet die Linie. Ein Klassiker im Sektor Piee in Brione. Die Schwierigkeit: 8a. Für Nicht-Boulderer: Das bedeutet extrem schwierig.

Einzigartiger Granit

„Neben Fontainebleau in Frankreich und den Rocklands in Südafrika gehört das Tessin zu den besten Gebieten der Welt», sagt Valdo. „Vor allem der Granit ist einzigartig.“ So haben sich  Chironico, Cresciano, Brione, der Gotthardpass und das nahegelegene Bündner Calancatal international etabliert.

Boulderer aus der ganzen Welt pilgern für die Probleme an den Tessiner Blöcken in die südliche Schweiz. Brione im Verzascatal wurde in den letzten Jahren von den Locals erschlossen. Hier finden Profis genauso wie Anfänger über 700 Boulder in allen Schwierigkeitsgraden, von 3 bis 8c+.

„Brione ist ruhiger als Chironico oder Cresciano, aber gleichzeitig wilder“, beschreibt Valdo sein Lieblingsgebiet, während er sich den zweiten Boulder im Sektor Piee anschaut – ebenfalls ein Problem von Dave Graham.

„Und die hier relativ glatte Oberfläche des Granits schont die Haut.“ Das erste Mal kam Valdo mit 16 Jahren ins Tessin. Fasziniert von den Geschichten rund um das Boulder-Mekka, suchte der ambitionierte Sportkletterer mit einem selbst gebastelten Crashpad den perfekten Fels.

„Und ich fand ihn“, sagt der 30-Jährige lächelnd. Sechs Jahre später kehrte er zurück, und dieses Mal blieb er mehrere Jahre. Nach einer Schulterverletzung beendete der Italiener seine Wettkampfkletter-Karriere und fand mit dem Bouldern im Tessin seine Passion.

Bouldern am Verzasca-Fluss.
Foto: Julian Rohn
Die besten Objekte für Liebhaber überhängender Felsdächer liegen am kühlen, smaragdgrünen Verzasca-Fluss.

Die erste 8c weltweit

Kultstatus erreichte die Südschweiz erst um die Jahrtausendwende. Über viele Jahre waren die riesigen Felsen nur eine Trainingsmöglichkeit für Alpinisten, die sich auf die großen Wände vorbereiteten. „Wir beachteten die kleinen Blöcke auf dem Weg zu unseren langen Klettertouren gar nicht“, erzählt Claudio Cameroni, der zu den bekanntesten Boulderern und Pionieren der Gegend gehört.

Sein wettergegerbtes Gesicht ist von den Bergen gezeichnet, seine Hände sind groß und kräftig – die eines Kletterers. In jungen Jahren erschloss er viele alpine Touren genauso wie athletische Sportkletterrouten im Tessin und reiste zu den Big Walls des amerikanischen Yosemite Valley.

„Wir hielten das Level hoch“, grinst Claudio. Dass sich das Bouldern zu einer eigenen Disziplin entwickeln könnte und er mitten im Paradies wohnt, wurde ihm bewusst, als er den Westschweizer Fred Nicole einlud. „Fred war damals schon begeisterter Boulderer und erkannte das riesige Potenzial“, so der heute 58-Jährige.

Im Oktober 2000 machte das Tessin international Schlagzeilen: Mit der Erstbegehung der Route „Dreamtime“ in Cresciano eröffnete Fred Nicole die weltweit erste Route im Schwierigkeitsgrad 8c.

Bouldern im moosigen Wald.
Foto: Julian Rohn
Moosiger Waldboden trifft im Bündner Val Calanca auf scharfkantigen, abweisenden Granit mit zahlreichen Tritt- und Griffmöglichkeiten.

Der neue Standard von hartem Bouldern war gesetzt, Profis aus der ganzen Welt kamen in die Region: Dave Graham, Chris Sharma und Adam Ondra versuchten sich an dem Masterpiece. Obwohl „Dreamtime“ längst nicht mehr die schwierigste Linie ist, bleibt sie ein Meilenstein im Bouldern.

Die beiden bekannten Gebiete Cresciano und Chironico liegen südlich vom Gotthardpass. Valdo und Diego entscheiden sich am Nachmittag für Chironico, das sich etwa 30 Kilometer weiter nördlich im  Leventinatal befindet.

In den frühen 80er-Jahren erschloss der Boulderer Richi Signer hier die ersten Linien. Danach geriet das Gebiet in Vergessenheit. Erst 1995 kam Signer zusammen mit Fred Nicole und anderen Boulderern zurück und begann die Blöcke zu begehen. Heute gilt Chironico mit über 2.100 Problemen als einer der Topspots im Tessin.

Am Ende des Tages fährt uns Valdo zum Sektor Schattental – allerdings nicht mehr zum Bouldern. Die Unterarme sind dick, die Finger müde und die Sonne gerade noch stark genug, um eine Abkühlung im eiskalten Wasser zu genießen. Spät am Abend sitzen wir im Alpha Boulder, der kleinen Boulderhalle von Enea und Miki.

Pizza und Bier stehen auf zusammengestellten Tischen, es wird italienisch, englisch und deutsch gesprochen. Die Szene ist international – und herzlich, das Bouldern verbindet. „Ich freue mich, dass meine Söhne die gleiche Passion teilen“, sagt Claudio.

Zusammen mit seiner Frau und seinen Söhnen war er auf der ganzen Welt unterwegs. Die Vorzeichen haben sich allerdings geändert, wie Claudio mit einem Augenzwinkern erklärt: „Mittlerweile machen wir die leichten Boulder und die Jungs die schweren.“

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