Bergporträt

Eiger: Ein Berg der Extreme

Wissenswertes • 5. Februar 2020
von Christina Geyer

Kein anderer Berg in den Alpen verkörpert mehr Extreme als der Eiger. Die Geschichte seiner alpinistischen Erschließung bewegt sich seit jeher zwischen Tragik, Sensation und alpinen Triumphen. Wir stellen euch den Eiger im Porträt vor.

Eiger
Foto: mauritius images / ClickAlps
Der Eiger (3.967 m) in den Berner Alpen in der Schweiz

Die weltberühmte Nordwand des Eigers ist sowohl Arena vertikaler Meisterleistungen als auch Projektionsfläche morbider Sensationslust. Was auch immer man in diesem Berg sehen will: die Mordwand, das ehemals letzte Problem der Alpen, einen Spielplatz kommerzieller Verwertung – der Eiger ist Kult. Der Eiger ist berüchtigt. Der Eiger ist Urheber der Wand aller Wände. Und: Er hat sogar sein eigenes Wetter. Auf die berühmte Schönwetterperiode wartet man als Eiger-Anwärter umsonst.

Die Nordwand empfängt das heranstürmende Wetter als erste – und hält es fest: „Es mag rundherum schön sein, der Eiger und seine Nordwand haben ihr eigenes Wetter“, stellte Nordwand-Erstdurchsteiger Heinrich Harrer einst fest. Der Eiger mag mit 3.967 m nicht der höchste Berg der Alpen sein. Dennoch: Keinem anderen Berg wurde eine ähnliche Aufmerksamkeit zuteil, keine andere Nordwand in den Alpen häufiger beschrieben, fotografiert oder gefilmt. Am Eiger findet der sensationshungrige Journalist perfekte Bedingungen zur medialen Aufbereitung vor: Aus Grindelwald ist die Nordwand direkt einsehbar, wie eine „Arena, eine Naturbühne, auf der man jede Bewegung der Akteure verfolgen kann“ (Harrer).

Blick von der Kleinen Scheidegg auf den Eiger in den Berner Alpen
Foto: mauritius images / imageBROKER / Paul Williams - Funkystock
Blick von der Kleinen Scheidegg auf den Eiger (3.967 m) in den Berner Alpen

Man kennt Anekdoten von einem bis aufs letzte Bett ausgebuchten Grindelwald, in dem sich eine ganze Traube von Menschen vor den Ferngläsern tummelte, um bei jedem Armzug und jedem Tritt der Nordwand-Aspiranten live und hautnah dabei zu sein. Noch näher kommt man dem Riesen bei einer Fahrt mit der 1912 fertiggestellten Jungfraubahn, die sich durch den Felsleib des Eigers schiebt. Das Stollenloch, eines von sieben künstlichen Öffnungen im Eigerfels, wurde bereits 1936 zum tragischen Schauplatz einer verzweifelten Rettungsaktion.

Es vermag die Rettungskräfte mitten ins Geschehen zu katapultieren, direkt in die Wand, wo seinerzeit der halb erfrorene Toni Kurz nach vier Nächten vor den Augen der Retter mit den Worten „Ich kann nicht mehr“ aus dem Leben schied. Er war Teil der zweiten Seilschaft, die den Angriff auf die Nordwand wagte. Keiner der vier Seilschaftsmitglieder überlebte den Versuch. Ebenso wenig wie Max Sedelmayr und Karl Mehringer, die ihr Glück an der Wand nur ein Jahr zuvor versuchten.

1937 war der Eiger von allen Seiten bestiegen worden. Die Erstbesteigung gelang 1858 dem Iren Charles Barrington in Begleitung der Grindelwalder Bergführer Christian Almer und Peter Bohren. Ihr Weg führte sie auf der heutigen Normalroute über die Westflanke und den Westgrat auf den Gipfel. Barrington resümierte nach seinem geglückten Vorstoß: „So endete mein erster und einziger Besuch in der Schweiz. Da ich nicht genug Geld hatte, um auch noch das Matterhorn zu probieren, fuhr ich heim.“

Wengernalpbahn vor der Eiger-Kulisse
Foto: mauritius images / imageBROKER / Paul Williams - Funkystock
Die Wengernalpbahn vor der Eiger-Kulisse

1871 glückte die Erstbegehung des Südwestgrats, 1876 die des Südgrats, 1878 folgte die erste führerlose Begehung des Eigers. Erst 1921 erfolgte die Erstbegehung des scharfen Mittellegigrats durch den Japaner Yuko Maki und drei Grindelwalder Bergführer. Maki, je nach Betrachtung beseelt vom erfolgreichen Vorstoß oder traumatisiert vom kalten Biwak am ungeschützten Grat, stiftete anschließend 10.000 Franken für den Bau einer Hütte. 1924 wurde die (mittlerweile neu errichtete) Mittellegihütte eröffnet.

1937 glückte schließlich die Erstbegehung der Südwand. Es blieb: „die als unersteigbar erachtete, unmögliche Nordwand“ (Harrer). 1938 – endlich – gelang das Unmögliche: Es ist 15.30 Uhr. Am 24. Juli 1938. Anderl Heckmair, Heinrich Harrer, Ludwig Vörg und Fritz Kasparek stehen auf dem Gipfel des Eigers. Sie haben die Nordwand durchstiegen. Entzaubert wurde sie dadurch nicht, die Wand der Wände. Daran ändern auch die mittlerweile 33 Routen in der Nordwand nichts. Rekorde und Spektakel machen zwar auch vor dem Eiger nicht Halt. Im Grunde ist all das aber nur Ausdruck seiner ungebrochenen Anziehungskraft. Der Respekt, ohne Frage, ist geblieben.

TV-Tipp

Am Montag, den 10. Februar 2020 zeigt ServusTV den ersten Teil einer packenden Nordwand-Serie. Neben Grandes Jorasses und Piz Badile wird in dieser Folge die Eiger Nordwand genau beleuchtet. 

Am 17. Februar folgt dann der zweite Teil mit Matterhorn, Petite Dru und Großer Zinne.

Grandes Jorasses
Düster, kalt, abweisend, steil: Nordwände sind der Inbegriff des extremen Bergsteigens.Nordwände wie Eiger, Matterhorn, Grandes Jorasses, Piz Badile, Petit Dru und die Drei Zinnen sind der Inbegriff des extremen Bergsteigens. In der zweiteiligen Bergwelten-Doku gehen weltbekannte Alpinisten der Faszination dieser Spielwiesen der Extreme nach. ServusTV zeigt den zweiten Teil am 17. Februar.

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Er hat die Eiger-Nordwand erstbestiegen, sieben Jahre in Tibet gelebt, über 20 Bücher geschrieben, Berge auf allen Kontinenten erklommen – und den Dalai Lama zu seinen engen Freunden gezählt. Heute wäre Heinrich Harrer 107 Jahre alt geworden. Ein Porträt über einen Pionier, dessen Leben im Zeichen großer Abenteuer und Entdeckungsreisen stand.

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