Eine Juristin auf 3.500 m Höhe

Kai Tschan: „Der Berg relativiert die Dinge“

Interview • 19. März 2019
von Robert Maruna

Kai Leonie Tschan ist 34 Jahre alt und Hüttenwirtin auf einer der exponiertesten Berghütten der Alpen, der Schweizer Mittellegihütte (3.355 m). Wie es die junge Frau aus Bern auf den Nordostgrat des Eiger verschlagen hat und warum die studierte Juristin die Gesetztesparagrafen gegen das Gesetz der Natur getauscht hat, erzählt sie uns im Interview.

Die junge Hüttenwirtin aus Bern auf ihrem Weg zum Gipfel des Eiger
Foto: Kai Leonie Tschan
Die junge Hüttenwirtin aus Bern auf ihrem Weg zum Gipfel des Eiger

Kai Leonie Tschan entspricht nicht dem gängigen Bild eines Hüttenwirts: zierlich in ihrer Erscheinung, bedacht in ihrer Wortwahl und noch dazu eine Frau. Ganz auf sich allein gestellt, bewirtet sie die entlegene Mittellegihütte auf dem gleichnamigen Gipfelgrat des berüchtigten Schicksalsbergs Eiger. Ihren Arbeitsplatz, die rauen Kalkwände des Dreigestirns Eiger, Mönch und Jungfrau sowie die einsame Landschaft des Eismeer-Gletschers, möchte sie um nichts in der Welt tauschen. Ein Gespräch über spontane Berufswahl, improvisierte Kulinarik und warum für Einsamkeit in den Bergen kein Platz ist.

Die Mittellegihütte (3.355 m) am gleichnamigen Nordostgrat des Eiger
Foto: Kai Leonie Tschan
Die Mittellegihütte (3.355 m) am gleichnamigen Nordostgrat des Eiger

Bergwelten: Liebe Kai, beginnen wir mit einer simplen Frage, die vielleicht nicht ganz einfach zu beantworten ist: Wieso Hüttenwirtin?

Das war eigentlich ein lang gehegter Traum, der in den letzten Jahren immer stärker wurde und nicht mehr aus meinem Kopf verschwinden wollte. Irgendwann habe ich dann das Büro verlassen und zu den Bergen geblickt…

…du bist eigentlich Juristin?

Genau! Also ich bin in der Region Bern aufgewachsen, habe dort Jura studiert und danach mehrere Jahre als Juristin gearbeitet. Ich bin dann aber eben an einem Punkt im Leben angelangt, wo ich einmal etwas ganz Anderes machen wollte, etwas in den Bergen…

Und dann hat es dich auf die Mittellegihütte verschlagen. Was treibt einen jungen Menschen aus der Stadt an so einen rauen und abgeschiedenen Ort? Es gibt doch sicher zugänglichere Hütten in der Schweiz…

Eigentlich hat hier der Zufall eine große Rolle gespielt, ich kannte die Hütte zuvor gar nicht. Ich habe einem Kollegen gegenüber erwähnt, dass ich gerne auf einer Hütte arbeiten möchte und so hat sich das dann ergeben. Mit der Mittellegihütte hatte ich einfach ein riesen Glück, da ging ein lang ersehnter Traum für mich in Erfüllung. Und dass diese Hütte nicht so zugänglich ist wie andere, das macht es für mich gerade aus! Diese Abgeschiedenheit dort oben zieht mich irgendwie an und hat für mich etwas Magisches. Dieser Ort ist einfach einmalig.

Worin begründet sich denn diese Einmaligkeit?

Nun ja, eigentlich ist dieser Ort nicht unbedingt für den Menschen geeignet und die Lebensumstände sind alles andere als einfach. Aber umgeben von dieser Wildnis und Rauheit, das finde ich einfach unglaublich schön und faszinierend.  So nah am Berg zu leben hat einfach etwas ganz Besonderes und lässt sich schwer in Worte fassen… Ich glaube man versteht dies nur, wenn man selbst einmal dort oben gewesen ist.

Aber bergen diese Wildnis und Rauheit nicht auch eine gewisse Einsamkeit in sich?

Für mich ist das eine schöne Art der Einsamkeit. Gerade, wenn ich ganz alleine da oben bin, kommt die Schönheit dieser wilden Umgebung erst richtig zur Geltung – dieses „Alleinesein“ passt einfach sehr zu diesem Ort. Würde es diese Hütte nicht geben, dann wären dort oben vermutlich weit weniger Menschen. Im Grunde bin ich aber nur sehr, sehr selten alleine dort oben. Es sind ja fast jeden Tag Gäste zu Besuch…

Das Leben auf der Hütte

Wie viele Gäste empfängst du denn so am Tag?

Also die Hütte umfasst 37 Schlafplätze und wenn das Wetter schön ist, dann ist sie fast jeden Tag voll besetzt. Aber wenn schlechtes Wetter aufzieht, dann kann es schon einmal passieren, dass eben nur ein paar Bergsteiger oder eben gar niemand kommt.

Und woher kommen die meisten Bergsteiger?

Es sind natürlich sehr viele Schweizer, Österreicher und Franzosen unterwegs zum Gipfel des Eiger. Es kommen aber auch Asiaten, Spanier, Skandinavier, Rumänen… also eigentlich sind auf dieser kleinen Hütte so gut wie alle Nationen vertreten.

Wie sieht denn so ein typischer Tagesablauf auf der Mittellegihütte aus?

Ich stehe sehr früh auf, anfangs Saison bereits um 3:00 Uhr morgens, und bereite dann gleich das Frühstück vor. Diese Zeit ist meist recht hektisch, weil die Gäste ja alle früh loswollen. Gegen 4:30 Uhr verlassen dann die Bergsteiger nacheinander in Gruppen die Hütte – das beobachte ich gerne, wenn sie mit ihren Stirnlampen im Dunkeln den Mittellegigrat entlang klettern und die Kegel der Lichter auf dem Grat immer kleiner werden. Dann wird es wieder ganz still auf der Mittellegihütte und ich lege mich meistens noch für zwei Stunden schlafen und beginne anschließend schon mit den Vorbereitungen für die nächsten Gäste. Also putzen, aufräumen, kochen, etc. Ich versuche schon immer recht früh zu kochen, damit ich mich dann auch wirklich um die Gäste kümmern kann, wenn sie kommen. Gegen Abend ist die Hütte dann wieder ziemlich voll, wobei das Abendessen immer in zwei Schichten abläuft – auf der Hütte ist ja recht wenig Platz. Aber jetzt wird die Hütte umgebaut, sodass der Aufenthaltsraum größer und auch mein Bereich ein wenig geräumiger wird (Anmerkung: Kai schläft in einem Raum, der mit der Größe einer Besenkammer vergleichbar ist).

Stichwort Abendessen: Ich habe es ja bei unserem Aufstieg zum Eiger erlebt, du hast auf einer 4 m2 großen Küche ein dreigängiges Gericht für 35 Menschen gezaubert. Das hat mich wirklich beeindruckt – was ist dein Geheimnis Kai?

Ich denke Improvisation (lacht)!

Improvisation ist gut, aber du musst doch sicher die Mahlzeiten einplanen und mit der Versorgung durch den Helikopter abstimmen oder?

Ja klar, der kommt ungefähr einmal pro Woche hinauf zur Hütte – abhängig davon wie viele Gäste nun wirklich auf den Berg kommen. Ich versuche natürlich Abwechslung in die Gerichte zu bringen, da ja viele Bergführer regelmäßig auf den Eiger steigen und die sollen ja auch nicht ständig das Gleiche essen müssen. Das fände ich schade…

Was ist denn dein Lieblingsgericht auf der Hütte?

Ich liebe Nusskuchen, den backe ich sicher am liebsten.

Ach, in den Genuss des Nusskuchens bin ich damals leider nicht gekommen…

Ja da hatten wir schlechtes Wetter und deshalb konnte ich den nicht so gut zubereiten. Den backe ich nämlich über dem Kugelgriller draußen vor der Hütte, das ist schon ein wenig speziell.

Blick von der Mittellegihütte über den Eismeergletscher an der Südseite des Eiger
Foto: Kai Leonie Tschan
Blick von der Mittellegihütte über den Eismeergletscher an der Südseite des Eiger

Lass uns neben deinen kulinarischen Raffinessen noch über etwas Anderes sprechen. Eine Frage die ich mir damals auf der Hütte öfter gestellt habe: Du bist doch eine junge Frau, auf einer sehr exponierten Hütte, die vorwiegend von Männern (ich habe im Hüttenbuch nachgelesen) besucht wird. Gab es da schon einmal unangenehme Momente, etwa dass jemand spätnachts an deiner Zimmertür geklopft hat?

Eigentlich nicht, aber du hast recht, das ist eine Frage, die mir vorab auch in den Sinn gekommen ist – glücklicherweise ist es aber nie dazu gekommen. Ich habe wirklich nur gute Erfahrungen mit den Menschen auf der Hütte gemacht. Es gab nie eine Situation, in der ich mich wirklich unwohl gefühlt hätte. Nur ein einziges Mal kam mir jemand etwas zu nahe. Aber das kann einem ja unten im Tal genauso passieren wie dort oben. Insofern bin ich mir aber sicher, dass ich immer auf die vollste Unterstützung der Bergführer zählen kann, welche ich mittlerweile gut kenne.

Ich habe auch gesehen, dass die Bergführer sehr um dein Wohl besorgt waren und dir beim Abwasch oder Holzhacken zur Hand gegangen sind…

Das stimmt und ist sicher nicht auf jeder Hütte in der Schweiz so üblich. Ich denke das liegt daran, dass die Mittellegihütte eben speziell ist. Ohne die Hilfe der Bergführer würde ich es kaum schaffen, alles für 37 Gäste zu erledigen. Diese zuvorkommende Hilfe der Bergführer weiß ich wirklich sehr zu schätzen. Oftmals bringen mir sie sogar etwas aus dem Tal mit oder sie rufen an, um sich zu erkundigen ob ich etwas gebrauchen könnte. Und gerade diese kleinen zwischenmenschlichen Erlebnisse machen das Leben dort oben einfach schön.

Was war denn bis jetzt dein schönstes Erlebnis auf der Hütte?

Ich habe befürchtet, dass diese Frage kommt (lacht). Nein ehrlich, es gab so viele schöne Momente, dass es mir schwer fällt mich auf einen einzigen zu beschränken. Alleine die Zusage für die Hütte war schon ein unglaublich ergreifender Moment für mich. Als ich dann das erste Mal auf der Hütte abgesetzt wurde, der Helikopter wegflog und ich ganz allein zurückblieb… das war ein unvergesslich schöner, extrem emotionaler aber auch sehr angsteinflößender Moment. Weil ich einfach wusste, „okay, jetzt bin ich wirklich alleine auf mich gestellt“. Da wurde mir schlagartig bewusst, dass ich vorher eigentlich noch nie wirklich alleine war – im Tal hast du ja immer irgendwie Menschen um dich herum. Natürlich gab es auch eine Reihe von unglaublich tollen Begegnungen und Gesprächen mit Bergführern und Gästen aus der ganzen Welt, die alle ihre eigene Geschichte zu erzählen hatten. Aber das schönste Erlebnis ist wohl der Ort an sich: diesen Ort jeden Tag aufs Neue erleben zu dürfen, ist vermutlich das schönste Geschenk.

Obwohl deine Augen jeden Tag dasselbe sehen. Wird man nicht irgendwann müde, immer den gleichen Ort zu bestaunen?

Das stört mich überhaupt nicht. Ich könnte stunden- oder eben tagelang auf den Eiger, über den Gletscher hinweg oder nach Grindelwald schauen und es würde mir nicht langweilig werden. Ich sitze gern auf der Bank vor der Türe, trinke Kaffee und lass dieses Szenario einfach nur auf mich wirken. Das hat fast etwas Meditatives für mich.

Und jetzt die klassische Gegenfrage: was war denn dein schlimmstes Erlebnis dort oben?

Als ein Gast abgestürzt ist und ich die Bergung durch den Helikopter beobachtet habe. Das war ein sehr seltsames Gefühl, weil es ja ein Mensch gewesen ist, der nachts zuvor noch auf der Hütte übernachtet hat. Das war ziemlich hart und macht einen sehr betroffen, aber zum Glück passiert so etwas sehr selten.

Kai beim Klettern über den Mittellegigrat

Das ist absolut nachvollziehbar, aber der Weg auf den Eiger ist eben kein Spaziergang. Warst du eigentlich schon selbst auf dem Gipfel?

Ja, Bergsteigen beinhaltet halt immer ein Risiko. Ich war Ende des Sommers oben. Ich bin mit einem der Bergführer­ – übrigens dem Hüttenzuständigen des Bergführervereins Grindelwald – über den Mittellegigrat hinauf und die Tour war noch schöner als ich es mir ausgemalt habe.

Was macht denn die Faszination des Eiger aus? Warum gehen so viele Menschen auf diesen Berg?

Es ist einfach ein sehr imposanter Berg, seine Erscheinung, so wie er über Grindelwald thront, und diese beeindruckende, fast schon angsteinflößende Nordwand. Das macht diesen Berg schlichtweg aus. Wobei wohl jeder einen anderen Grund, warum es ihn auf diesen Berg zieht. Das Spektrum reicht wohl von Sehnsucht nach Freiheit, Überwindung der eigenen Ängste oder einfach Spaß an der Kletterei. Für mich wurde der Eiger auf jeden Fall zu einem neuen zu Hause.

Eine abschließende Frage: Ist der Weg auf eine entlegene Hütte am Berg gleichzeitig auch eine Flucht vor der Gesellschaft im Tal?

Ja, für viele vermutlich schon. Ich denke der Mensch besinnt sich immer wieder dieser existenziellen Dinge im Leben und sucht sie dann beispielsweise in den Bergen. Ich persönlich empfinde es als überaus wohltuend, wenn sich das Leben um einfache Dinge dreht – also kurz gesagt, ums Überleben. Diese Reduktion auf Essen, Wärme, Schlaf, etc. hat etwas Befreiendes und diese Abgeschiedenheit am Berg entfernt einen ja auch vom Alltag im Tal. Der Berg relativiert die Dinge und bietet einem eine andere Perspektive. Ich glaube diesen Gegensatz zu unserer schnelllebigen Gesellschaft suchen die Menschen heutzutage mehr denn je.

Ist das mitunter ein Grund warum wir Menschen in die Berge gehen?

Mit Sicherheit. Die Menschen sind dort oben viel offener und zugänglicher. Vermutlich, weil sie abgeschieden, exponiert und auf einander angewiesen sind, so tretet man auf der Mittellegihütte mit den Menschen viel schneller und auf eine ganz andere, ehrlichere Art und Weise in Kontakt. Ich hatte auf der Mittelegihütte sehr intensive und offene Gespräche mit Menschen, die ich vorher nicht kannte und vielleicht auch niemals wiedersehen werde. Das ist mir in der Stadt nur sehr selten auf diese Weise passiert. Vermutlich führt die Distanz zum Tal dazu, dass sich der Mensch in den Bergen irgendwie freier fühlt und klarer denkt. Schließlich gibt es dort oben kaum Ablenkung – da gibt es nur den Berg, dich und den nächsten Schritt, der vor dir liegt.

Okay, nun aber wirklich die letzte Frage: Träumst du von einer eigenen Hütte oder siehst du dich in fünf Jahren ganz wo anders?

Also momentan gefällt mir mein Leben wirklich sehr, es ist eigentlich nahezu perfekt. Ich meine, ich wohne und arbeite im Sommer an einem der schönsten Orte der Welt. Ich weiß aber ehrlich gestanden nicht, was in ein paar Jahren sein wird und das ist auch gut so. Wer weiß das schon?! Das ist etwas, was ich da oben gelernt habe: Viel stärker im Moment zu leben, denn meistens kommt es eh anders als gedacht. Ich schaue einfach was die Zukunft bringt und freue mich schon drauf.

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