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Die Schwarzsteinhütte am Berg.
Foto: Michael Pezzel
Hüttenportrait

Die Schwarzsteinhütte in den Zillertaler Alpen

• 14. Oktober 2021

Wie ein Fels steht die moderne Schwarzensteinhütte in den Zillertaler Alpen. Sie ist eine Frauendomäne, ein Streitfall und ein kupfernes Schutzversprechen zwischen Gletscher und Granit.

Barbara Bachmann für das Bergweltenmagazin Juni/Juli 2020

Oft ist sie in bedrohliche Wolken gehüllt, die Wetterverhältnisse sind unbeständig in diesen Höhen, der Alpenhauptkamm ist ungnädig. Wintereinbrüche sind auch im Hochsommer nicht ungewöhnlich. Sonnenschein, Wind und Regen wechseln im Minutentakt. Aber gerade ist die Sicht klar. „In solchen Momenten“, sagt Margit Ainhauser, 37 und seit dem Sommer 2019 Wirtin der neuen Schwarzensteinhütte, „ist der wahre Luxus hier oben das Panorama.“

Hinter der großzügigen Fensterfront der hellen Stube liegen die Berge wie ausgebreitet vor einem: Zillertaler Alpen, Hohe Tauern, Dolomiten, Großvenediger, Dreiherrnspitze, Marmolata. Bis das Abendessen auf den Tisch kommt, kann man sich an ihnen sattsehen. Margit Ainhauser blickt noch einmal aus dem Fenster, ehe sie wieder in die Küche eilt. Sie hat die dunklen Haare zum praktischen Pferdeschwanz zusammengebunden, ihre Hände sind groß und kräftig – die Hände einer Frau, die anpackt.

Ainhauser war 17 Jahre lang als Maurerin tätig, hat eine Ausbildung zur Maschinenbautechnikerin absolviert. Und doch, sagt sie, sei die Arbeit auf dem höchstgelegenen Refugium der Zillertaler Alpen strenger als jene früher auf dem Bau.

Ein Bergsteiger auf dem Weg zum Gipfel.
Foto: Michael Pezzel
Die meisten Gäste steigen auf den Berg, der der Hütte den Namen gab: den Schwarzenstein.
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Dünne Luft im Tal

Schon vom Tal aus sieht man die Schwarzensteinhütte als dunklen Punkt am hochgelegenen Horizont. Beim Ausgangspunkt des Aufstiegs, dem Parkplatz vor der Jausenstation Stallila in St. Johann im Ahrntal, ist sie noch einen Fußmarsch von vier bis fünf Stunden entfernt. Nach der letzten Einkehrmöglichkeit, der Daimerhütte, geht es in steilen Serpentinen vorbei an hoch aufragenden Felswänden, an steinbeschlagenen Grashängen, an Blockwerk und Eisfeldern – ein mühsamer Aufstieg durch eine unverwechselbare Landschaft.

Je näher man der Hütte kommt, desto augenfälliger wirkt das Gebäude: ein unregelmäßiges Sechseck; ein turmartiges Bollwerk, das von allen Seiten anders aussieht; ein Zufluchtsort in einer Umgebung aus Gletscher und Granit. Jeder im Tal kennt das Refugium, zumindest haben alle eine Meinung über seine außergewöhnliche Architektur – manche, ohne oben gewesen zu sein, ohne die Hütte aus der Nähe betrachtet zu haben. Der Neubau einer alpinen Schutzhütte, vor allem wenn sie einen innovativen Baustil aufweist wie die neue Schwarzensteinhütte, bietet mitunter Stoff für monatelange Diskussionen.

„Die Luft zum Planen war im Tal viel dünner als später auf der Baustelle in 3.000 Meter Seehöhe“, schreiben die Architekten Stifter+Bachmann in ihrem Buch „Die neue Schwarzensteinhütte“, worin sie den Bau dokumentieren. Jahrelang wurde daran getüftelt. Das Schutzhaus liegt auf dem Trippachsattel, in einer leichten Einkerbung unmittelbar zur Staatsgrenze zwischen Südtirol und Österreich. Wer aus dem Süden kommt, beginnt den Aufstieg im Ahrntal; von Norden steigt man aus dem Zillertal auf – und trifft sich auf der Schwarzensteinhütte. Rundum steile Felsabbrüche, unterm Schutzhaus Gletscherspalten, blankes Eis. Die Gegend ist ideales Kursgelände für Kletterei und Gletscher, auch wenn das Eis zunehmend schwindet.

Die äußere Hülle, ein Schutzversprechen aus Kupfer, wurde durch die Witterung nach nur zwei Jahren schwarz gefärbt. Passend zum Namen der Hütte – und zur Landschaft, in die sie wie hineingewachsen steht.

Ausblick vom Speisesaal der Hütte.
Foto: Michael Pezzel
Hinter der großzügigen Fensterfront ragt gleich der Berg in die Höhe.

Einen Neubau in diesen Verhältnissen zu organisieren ist kein Kinderspiel, allein die Baustelleneinrichtung dauerte zwei Monate. Im Hochsommer 2016 floss dererste Beton, im Oktober 2017 beendete man schließlich die Arbeiten. Gesamtkosten: mehr als vier Millionen Euro. Als gelernte Maurerin sieht Margit Ainhauser ihren Arbeitsplatz nicht mit normalen Hüttenwirt-Augen. Gerne hätte sie daran mitgebaut.

Das Ergebnis gefällt ihr – besonders der Energiespargedanke bei der Planung: Eine Photovoltaikanlage sorgt zusätzlich für Strom, Trinkwasser kommt vom Gletscher und wird in einer Aufbereitungsanlage entkeimt und mineralisiert. Für ihre Ausstattung ist die Schutzhütte 2018 mit dem Sonderpreis des KlimaHaus-Award der Provinz Bozen ausgezeichnet worden.

Aber der Bau ist nicht nur effizient, sondern auch elegant: Die Nutzungen sind vertikal übereinandergeschichtet und verleihen der Hütte die Form einer Zinne. In den unteren Ebenen befinden sich Trockenräume, Duschen, Tagestoiletten, Lager- und Technikräume. Von den Schlafkojen im ersten und zweiten Obergeschoß ist die Sicht nicht minder überwältigend als von der Stube aus, nur die Fenster sind kleiner. Ganz oben, über allem, die Privaträume der Pächterin. 

Die Hüttengäste bereiten sich auf die Wanderung vor.
Foto: Michael Pezzel
Frühmorgens zeigt der Vater der Hüttenwirtin Wanderinnen den Weg.

Ein Präsident inkognito

Ihre frühere Arbeit kommt Margit Ainhauser nun auch als Hüttenwirtin zugute. Als Vorarbeiterin hat sie sich in einer klassischen Männerbranche Respekt verschafft. „Und ich habe das Organisieren gelernt“, sagt sie. Neben der kostspieligen Versorgung per Hubschrauber ist die Organisation wohl eine der größten Herausforderungen auf der Hütte. „Man muss ständig improvisieren.“ Vor ein paar Tagen erst ist der Generator kaputt geworden – es gab weder Wasser noch Strom. Abends aßen die Gäste bei Kerzenlicht.

An der öffentlichen Ausschreibung für den dreijährigen Pachtvertrag hat neben Margit Ainhauser nur eine Person teilgenommen, diese ist heute ihre Mitarbeiterin, erzählt die Wirtin: „Hütten im hochalpinen Gelände sind nicht so beliebt, weil die Gewinnspanne klein ist. “„Ohne Bergbegeisterung würde man hier oben keinen Sommer bleiben“, sagt Margit Ainhauser. Früher hat sie selbst viele Touren gemacht, heute bleibt dafür keine Zeit. Es reicht ihr, wenn die Gäste ihr Fotos von den Gipfeln zeigen, „dann weiß ich, wie es oben ausschaut“. Ihre schönsten Momente sind nun jene, „wenn die Gäste zufrieden sind“.

Die Wirtin posiert vor der Schwarzsteinhütte.
Foto: Michael Pezzel
Wirtin Margit Ainhauser ist eigentlich gelernte Maurerin.

Vor kurzem erst war ein deutscher Politiker darunter, erkannt hat ihn niemand. Am Abend haben ihn die Wirtin und ihre Mitarbeiterinnen – nur Frauen arbeiten auf der Hütte – gegoogelt: Frank-Walter Steinmeier, deutscher Bundespräsident. Er ist oft in Südtirol zu Gast, liebt lange Wanderungen in den Bergen. „Bei uns werden alle gleich behandelt“, sagt Margit Ainhauser unbeeindruckt. Das gilt für deutsche Bundespräsidenten ebenso wie für Südtiroler Bergbauern. Von der gegenüberliegenden Seite des Tals sieht Franz Strauss die neue Schwarzensteinhütte täglich von seinem Hof aus. Nun steht er vor ihr – zum ersten Mal –, gemeinsam mit seiner Tochter.

Hüttenwirtin und Vater tragen Gasflasche.
Foto: Michael Pezzel
Vater Mario hilft Hüttenwirtin Margit Ainhauser, eine Gasflasche zu tragen.
In der Küche wird Speck geschnitten.
Foto: Michael Pezzel
Ausschließlich Frauen arbeiten auf der Schwarzensteinhütte: Katrin Kirchler schneidet Südtiroler Speck.

Unzählige Male ist er in der alten Hütte eingekehrt, hat einen familiären Bezug zu ihr. Von der alten Hütte, die knapp 100 Höhenmeter tiefer stand, ist physisch nichts mehr da. Übrig geblieben sind nur Erinnerungen. „Meine Mutter hat dort gearbeitet. Mein Opa war Träger, einmal die Woche ist er mit 80 Kilogramm auf dem Rücken hinaufmarschiert“, erzählt Franz Strauss.

Die leichte Skepsis gegenüber dem Neubau ist beim Bergbauern aber schnell verflogen. Während draußen die Sonne hinter den Bergspitzen untertaucht, haben die Menschen drinnen an den Tischen Platz gefunden. Mineraliensucher aus dem Tal sitzen ohne Beute neben Wanderern aus Deutschland und Italien, junge Familien zwischen Seniorinnen und Senioren. Manche blättern in Zeitschriften, andere planen über Karten gebeugt die weiteren Touren. 

Ein Knödelgericht überzogen mit geriebenem Käse.
Foto: Michael Pezzel
Hausgemachte Gerichte wie das Knödeltris stärken die hungrigen Gäste.

Braten oder Forelle?

Zum Abendessen haben sie die Wahl zwischen Braten und Forelle. Ein Festmahl, denn auf über 3.000 Metern steht Fisch nicht oft auf dem Speiseplan. Gekocht hat ihn die Wirtin persönlich. Nach der Arbeit setzt sie sich für einen Moment zu den Gästen und wechselt mit ihnen ein paar Worte. Margit Ainhauser ist keine, die viel spricht, nur das Nötigste.

Bald gehen sie und ihr Hund Schebby schlafen. Nach einem 17-stündigen Arbeitstag sind ihre Augen klein, ist der Körper müde. Am nächsten Morgen ist sie dafür als eine der Ersten wach. Gemeinsam mit ihren Mitarbeiterinnen hat sie ein kleines Frühstücksbuffet für die Wanderer aufgebaut. Draußen wartet ein blauer Himmel. Und ein Sonnenaufgang, der die Wolken in violettes Licht hüllt: Mit ihrer Pracht geizt die Natur in dieser Höhe wirklich nicht. Man muss sie sich bloß verdienen. 

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