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Die Glattalphütte umringt von Bergen.
Foto: Marvin Zilm
Hüttenportrait

Die Glattalphütte im Muotatal

• 29. Oktober 2021

Im urtümlichen Muotatal wartet eine kleine, charmante Hütte auf unternehmungslustige Familien – inmitten einer idyllischen Landschaft, wo sich Rinder, Schafe und Schweine tummeln.

Stefani Rigutto für das Bergweltenmagazin Oktober/November 2018 aus der Schweiz

Ein Wanderer liegt auf dem Liegestuhl und blinzelt in die Sonne. Er hat die Schuhe ausgezogen und lässt die Socken auf dem warmen Kies trocknen. Kinder spielen im Sandkasten, eine Gruppe Freundinnen isst ein Plättli mit Speck und Alpkäse, dazu gibt’s einen Aperol Spritz. Das Gebimmel von Kuhglocken dringt zu uns, irgendwo blökt ein Schaf, auf einer Wiese weiter hinten rennen Schweine herum.

Aus dem Inneren der Glattalphütte riecht es verführerisch nach frisch gebackenem Kuchen. Franziska Gwerder serviert einen Hüttenkafi – er wird hier mit Baileys verfeinert – und setzt sich. „Sooo", sagt die Hüttenwartin und schnauft tief durch. Franziska Gwerder ist 35 Jahre alt, trägt schulterlange, blondierte Haare, ein pinkfarbenes Trägershirt und schwarze Hüttencrocs. Wenn sie lacht, dann geht die Sonne auf.

Und sie lacht viel. Vor allem, wenn sie von ihrem „Hüttli" erzählen kann. 

Ein See in den Bergen.
Foto: Marvin Zilm
Die Wanderung um den nahe gelegenen Glattalpsee dauert rund zwei Stunden.
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Das „Hüttli", offiziell SAC-Hütte Glattalp, ist die vielleicht entspannteste Berghütte der Alpen. Von hier starten keine Bergsteiger zu abenteuerlichen Touren. Man ist nicht umgeben von berühmten Bergen und kann abends beim Nachtessen auch nicht von einer krassen Gipfelbesteigung erzählen. Wer hierherkommen will, fährt einfach mit der kleinen roten Gondelbahn von Sahli im Muotatal hoch.

In die Glattalphütte kommen viele Familien. Hinter dem Haus wartet ein Trampolin, im nahen Bächlein badet man auf warmen Steinen, in der Stube gibt’s eine Kiste Lego, und zum Zvieri verdrückt man einen Nutella-Muffin. „Wir sind einfach und unkompliziert – bei uns fühlen sich alle wohl", sagt Franziska Gwerder. 

Die Hüttenwirtin und ihre Kollegen.
Foto: v
Hüttenwartin Franziska Gwerder (Mitte) inmitten ihres Frauenteams.

Von Kindesbeinen an

Die Hüttenwartin ist hier oben aufgewachsen. Ihre Eltern haben einen Bauernhof in Muotathal, die Sommermonate über weidete das Vieh auf der Glattalp. Wie war’s damals? „Schön", sagt sie, „wirklich schön." Sie und ihr Zwillingsbruder haben die Geissen gemolken und sind auf den Felsen rumgeklettert. Sie wälzten sich im Dreck, hüpften in den Glattalpsee, misteten den Stall aus. Was ist geblieben von damals?

„Die Verbundenheit", sagt Franziska Gwerder. „Die Glattalp, das ist Heimat für mich." Schon als Kind hat Franziska Gwerder in den Sommerferien in der Glattalphütte ausgeholfen. Hat das Geschirr abgetrocknet und die Milch raufgebracht. Als sie 24 Jahre alt war, wurde die Pacht der Hütte frei. Sie bewarb sich zusammen mit einer Freundin. „Ich war ja eh immer hier oben."

Die Freundin übernahm die Leitung, Franziska Gwerder war der Sparringpartner. Damals, das war im Jahr 2007, kochten sie noch auf dem Feuer, Strom gab es keinen. „Wir mussten alles von Hand abwaschen." Nach vier Jahren wurde die Freundin schwanger und stieg aus. Für Franziska Gwerder brach eine Welt zusammen. „Ich wollte die Hütte auf keinen Fall verlieren."

Aber wie die Aufgabe als alleinige Hüttenwartin in Einklang bringen mit ihrem Job als Kindergärtnerin, der ihr ein festes Einkommen garantierte? Sie reduzierte ihr Pensum als Kindergärtnerin und stellte jemanden auf der Glattalp ein, der sie während ihrer Abwesenheit vertrat. „Ich konnte die Hütte einfach nicht loslassen."

Schweine auf der Wiese.
Foto: Marvin Zilm
Auch Schweine zählen zu den Glattalp-Bewohnern.

Ein starkes Frauenteam

Elf Jahre dauert ihr Hüttenabenteuer nun schon. Ermüdungserscheinungen? „Nein", sagt Franziska Gwerder bestimmt. Aber, fügt sie an, auch auf der Glattalp habe sich das Leben verändert. „Das Tempo ist schneller geworden." Vor zehn Jahren zählte das Hüttli – es war damals nur am Wochenende und während der Sommerferien offen – 1.200 Übernachtungen pro Saison.

„Heute sind es 1.900. Wir sind stark gewachsen." Wandern sei halt im Trend, die Leute ziehe es einfach in die Natur, sagt Franziska Gwerder. „Es läuft viel mehr, die Ansprüche sind gestiegen, und dank der Seilbahn haben wir auch viele Tagestouristen. Wir spüren hier oben durchaus eine gewisse Hektik." Hektik? Wir waren selten so tiefenentspannt! Draußen erfreut das Hüttli mit rot-weisßen Fensterläden, grauen Eternitschindeln und Blumenschalen voller Edelweiss. Der Brunnen plätschert vergnügt, das Wasser ist eiskalt. Drinnen, in der heimeligen Stube, warten Gesellschaftsspiele und eine kleine, feine Auswahl an guten Weinen.

Über eine steile Treppe gelangt man in den oberen Stock. Alles ist liebevoll eingerichtet: Die Matratzenlager heißen „Blick zum Ortstock" oder „Gruäss vom Höch Turä", die Duvets sind im hellblauen Edelweiss-Print, an der Wand hängen in weiße Schafwolle eingewickelte Herzen. Es ist klein, aber urgemütlich.
 

Die Berghütte mitten in der Natur.
Foto: Marvin Zilm
Auf der Hütte angekommen, lädt die grosse Sonnenterrasse zum Verweilen ein.

Franziska Gwerder wird in der Küche verlangt. Dort wird gerade das Abendessen vorbereitet. Hinter dem Herd steht eine reine Frauencrew: Zwei feste Angestellte, zwei Ferienmädchen und ihr Patenkind. Die Atmosphäre ist ruhig und konzentriert. „Wir sind mittlerweile ein großes Frauenteam", sagt die Hüttenwartin. Viele, die hier eine Saison gearbeitet hätten, kämen in den folgenden Jahren als Ehemalige für ein paar Tage zum Aushelfen.

„Alle Frauen sind der Hütte sehr verbunden." Am Wochenende kommt ihr Freund hoch. Er hilft aus, wo er kann, „und er ist sehr gut darin, wenn man etwas flicken muss." Das Paar hat sich in der Glattalphütte kennengelernt. Wo sonst?! „Das Hüttli", sagt Franziska Gwerder, „ist für mich eine Liebesgeschichte. In jeder Hinsicht."

Ein Gast raucht eine Pfeife.
Foto: Marvin Zilm
Auch Gast Hans-Peter Winkler nimmt’s gemütlich und raucht eine Pfeife.

„Sali Fränzi", tönt es von draußen auf der Terrasse. Vater Edi, Zwillingsbruder Christian und Hund Gina sind zu Besuch. Sie waren unterwegs auf der Alp und haben die Rinder gezählt: rund 500 Stück. 300 Schafe kommen noch dazu. Fast vier Stunden waren die beiden unterwegs, bis sie endlich auch das letzte Rind gefunden hatten. Vater Edi hat aufgeweckte Augen, einen wilden grauen Bart und trägt ein vergilbtes Edelweiß-Hemd.

Ein richtiger Alpöhi, „wie man ihn sich vorstellt", schmunzelt Franziska Gwerder. Ihr Vater sei gerne allein, ein Einsiedler, zufrieden und genügsam. Um die Schulter trägt Edi eine schöne alte Ledertasche – für den Feldstecher, mit dem er die Kühe zählt. Und wie merkt er sich all die Rinder? Hat er ein Notizbuch? Edi lacht laut und tippt sich an die Stirn: „Alles im Kopf!" Manchmal, unter der Woche, wenn Franziska Gwerder Zeit hat, geht sie mit auf die „Rinder-Tour" mit ihrem „Daddy" und ihrem Bruder.

„Da tanke ich Energie", sagt sie. Die Tage hier oben seien lang und zehrten manchmal schon an den Kräften. „Ich könnte ohne mein Hüttli nicht sein – aber ab und zu bin selbst ich froh um einen ruhigen Regentag!"

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