16.000 Touren,  1.700 Hütten  und täglich Neues aus den Bergen
Die Hütte vor atemberaubenden Panorama.
Foto: Thomas Straub
Hüttenportrait

Still leben auf der Oberetteshütte

• 28. Oktober 2021

Hoch überm Südtiroler Vinschgau bietet die Oberetteshütte Schutz vor Wetter, Wind und Alltagsstress. Oben begegnen einem Steinböcke, Almgespenster und bekannte Gesichter.

Alexander Liste für das Bergweltenmagazin März 2016

Hätte es vor 200 Jahren schon Food Blogs gegeben, wären die Beurteilungen für das Matscher Tal verheerend gewesen. Nicht wegen des Essens: Das war gut und reichlich. Wenn ein Wanderer auf der Matscher Alm eine leer stehende Hütte betrat, musste er nur „Sudl, bring mir Nudl“ murmeln – schon stand eine riesige Pfanne schmalztriefender Nudeln auf dem Tisch.

Aber das Service! Glaubt man der alten Matscher Sage, drehte die Sudl jedem den Hals um, der ihre riesigen Portionen nicht aufessen konnte. Das hätte heutzutage einen Shitstorm zur Folge, frage nicht.

Die Hütenfamilie.
Foto: Thomas Straub
Herz und Seele der Oberetteshütte: die Hüttenwirte Edwin und Karin Heinisch mit den Juniorchefs Leonhard und Frida. Unten: Über die Matscher Alm geht’s zu den Saldurseen.
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Auf der Oberetteshütte, 600 Höhenmeter oberhalb der Matscher Alm, gibt es heute Mittag ebenfalls Nudelpfanne. Die Wanderer an den Tischen, von denen man zum Ortler und zum Stilfser Joch hinübersieht, schaufeln ihre mit Ricotta und Pinienkernen abgeschmeckten Kohlenhydratbomben vom Teller, als gäbe es kein Morgen.

Dabei ist Karin Heinisch, die Wirtin der Oberetteshütte, von viel friedlicherer Natur als die Sudl. Sie würde keinem den Hals umdrehen, nur weil er ihre Kochkünste verschmäht.

Der gute Appetit der Gäste hat eher mit der kulinarischen Seehöhe des Gebotenen zu tun: Edwin und Karin Heinisch servieren hier heroben auf 2.670 Metern Gerichte, die es mit manchem Gourmetlokal im Tal auf­nehmen könnten. Zu ihrer Oberettes­-Pfanne und dem Biolammbraten, zu Knödel-­Tris oder hausgeselchtem Speck kann man sogar aus einer kleinen, aber feinen Weinkarte wählen.

Zwei Wanderer beim Aufstieg.
Foto: Thomas Straub
Wunderschönes Bergpanorama beim Aufstieg zur Oberetteshütte.

Es hat aber auch noch ein paar handfestere Gründe, warum die Wanderer ihre Kalorienspeicher mit solchem Eifer füllen. Die einen hat bereits der zweieinhalbstündige Aufstieg hungrig gemacht, der gerade knackig genug ist, um die Halbschuhtouristen fernzuhalten. Die anderen bereiten sich auf ambitioniertere Touren vor, für die die Hütte der perfekte Ausgangspunkt ist.

„Die da hinten am Fenster werden morgen Früh zur Weißkugel aufsteigen“, sagt Edwin Heinisch, „und Holger, Irmgard und Bettina vom Tisch neben dem Kachelofen wollen zu den Saldurseen wandern.“ „Der Edwin“, kommentiert seine Frau, „merkt sich den Namen und das Ziel von jedem Gast. Der hat ein Gedächtnis wie ein Computer.“

Es sind oft die kleinen Dinge.

Eine Hütte mit drei Leben

Die Oberetteshütte selber hat auch ein gutes Gedächtnis: Manche der Erinnerungen, die auf den Schwarzweißfotos in der Gaststube festgehalten sind, liegen schon 132 Jahre zurück.

Trotzdem kann man den Erbauer der Oberetteshütte manchmal am Stammtisch beim Kartenspielen treffen. Dabei ist Wilhelm Gunsch kein Almgespenst wie die Sudl, sondern durchaus lebendig. Die Erklärung: Der 66 Jahre alte Sass-Willi, wie ihn hier alle nennen, ist nur für die jüngste, die dritte Inkarnation der Hütte verantwortlich, die seit 1988 an dieser Stelle steht.

Davor, nämlich seit 1883, stand hier die Carlsbader Hütte. 1902 wechselte sie nach einem Zubau ihren Namen und wurde zur Höllerhütte. 1945 brannte die Höllerhütte bis auf die Grundmauern nieder – offiziell wegen der Unachtsamkeit übernachtender Wehrmachtssoldaten, gerüchtehalber, weil sie der geistig nicht mehr ganz klare Besitzer absichtlich angezündet hatte.

Danach passierten die Wanderer auf diesem wichtigen Knotenpunkt zwischen Matscher Tal, Langtauferer Tal und Schnalstal 40 Jahre lang nur eine Ruine.

Die Stube der Oberetteshütte.
Foto: Thomas Straub
In der Gaststube treffen sich Tradition und Moderne.

„Wir sind als Jugendliche oft an den verkohlten Mauern vorbeigestiegen“, erzählt Willi Gunsch, „und haben uns gewünscht, dass uns jemand wieder eine Hütte hier hinstellt.“ Doch es gibt nichts Gutes, außer man tut es: Also beschloss der gelernte Zimmermann Gunsch Mitte der 1980er-Jahre, mithilfe von Freunden und mit der Unterstützung des Südtiroler Alpenvereins eine neue Hütte zu errichten.

Man muss sich Willi Gunsch, Feuerwehrhauptmann, Oberförster und Kapellmeister in Rente, als durchaus zielbewussten Menschen vorstellen. Als Förster zum Beispiel hat er den Wilderern das Handwerk legen wollen. „Die haben mir zweimal das Auto angezündet und einmal die Fensterscheiben meines Hauses eingeworfen“, sagt er, „aber heute ist Ruhe.“

Wilderer jagen war dennoch Kinderkram im Vergleich zum hochalpinen Hausbau. „Einmal hat ein Sturm unsere ganze Werkzeughütte samt Inhalt ins Tal geweht. Und ein anderes Mal sind wir mit einem neunsitzigen Bus bergwärts gefahren, als ein Unwetter aufgezogen ist. Wir haben also den Bus an der Muttbrücke bei der Matscher Alm abgestellt und sind zu Fuß weiter zur Hütte aufgestiegen – und als wir am nächsten Tag zurückgekommen sind, war der Bus bis zum Dach verschüttet.“

Willi Gunsch hat sich davon nicht unterkriegen lassen. 1988, nach drei Jahren Bauzeit, ging das neue Schutzhaus mit zwei Gaststuben, sieben Gästezimmern und zwei Hochlagern in Betrieb, versorgt von einer Materialseilbahn und einem eigenen Miniwasserkraftwerk. In ihrem dritten Leben nahm die Hütte, deren Grundmauer aus den Steinen der alten Carlsbader Hütte besteht, ihren dritten Namen an. Der Oberettesferner knapp oberhalb der Hütte hat ihn ihr spendiert.

Hoch am Berg, mit der Natur im Einklang.

Neustart mit den Heinischs

Nach den 40 Jahren Dornröschenschlaf brauchte die Oberetteshütte etwas Zeit, bis das Geschäft brummte. „Als wir die Hütte vor sechs Jahren übernommen haben“, sagt Edwin Heinisch, „war hier tote Hose.“ Für den Vermessungstechniker und die Deutsch- und Geschichtelehrerin, die davor nie in der Gastronomie gearbeitet hatten, war die Schonzeit im Nachhinein gar nicht so schlecht.

Wie man für 40 Leute kocht, wie man Vorräte kalkuliert, wie man auf sich allein gestellt mit Pech und Pannen zurechtkommt, das mussten sie erst lernen. „Aber mit jedem Tag, an dem wir Erfahrungen gesammelt haben, sind auch die Gästezahlen gestiegen.“

Zwei Mädels, die das warme Sommerwetter für einen Ausflug genützt haben, können sich noch gut an die ersten zwei Saisonen erinnern. Sara Heinisch und Deborah Gunsch haben nämlich vor sechs und fünf Jahren in den Schulferien als Kellnerinnen ausgeholfen. „In der Küche herrschte das pure Chaos“, sagt Sara und kann heute darüber lachen, „und jeden Tag gab es irgendein neues Problem, mit dem keiner gerechnet hatte. Aber missen möchte ich keinen Tag.“

Für die beiden Studentinnen aus Matsch, nur ein paar Kilometer weiter unten im Tal, ist die Oberetteshütte bis heute ein Fixpunkt geblieben. „Seit Edi und Karin da sind“, sagen sie, „sind die Hälfte aller Gäste Einheimische, weil die Atmosphäre so angenehm ist.“

Die Oberetteshütte ist für ihre Stammgäste ein Ruhepol geworden. „Am Anfang“, sagt Karin Heinisch, „hatten wir so viele Ideen, die wir umsetzen wollten. Aber wir bemerkten schnell, dass es kein Programm braucht, dass die Leute zu uns kommen, weil sie Ruhe haben wollen.“

Drei Kletterer machen Rast.
Foto: Thomas Straub
Florian, Jakob und Achim aus Freiburg (von li. nach re.) rasten am Rückweg von der Weißkugel.

Besuch aus Berlin

Für Edwin und Karin Heinisch ist Ruhe zwischen Juni und September nicht vorgesehen. Jeden Tag sind sie von 4 Uhr in der Früh bis Mitternacht auf den Beinen, machen Frühstück und Betten, bespaßen die Gäste und die Juniorchefs Leonhard, 1 1⁄2, und Frida, 3 1⁄2.

Jeden Donnerstag marschiert Edwin hinunter ins Tal, um Nachschub einzukaufen und auf die Materialseilbahn zu laden: sechs Fässer Bier, Gemüse, frisches Fleisch, Eier, Milch und Mehl. Wenn er frühmorgens losgeht, begegnet er von Zeit zu Zeit Steinböcken und Gämsen, manchmal sieht er sogar einen der seltenen Bartgeier kreisen.

Oft leistet ihm dabei Horst Ruepp Gesellschaft. „Ich bin der Hüttensherpa“, sagt Horst lachend. Wenn etwas repariert werden muss, reicht ein Anruf, und Horst steht ein paar Stunden später schon mit den Ersatzteilen vor der Tür. „Auf einer Schutzhütte geht ja dauernd etwas kaputt“, sagt er, „ein Abflussrohr, ein Generator oder die Geschirrspülmaschine.“ Selbst wenn nichts zu tun ist, hält es Horst aber auch so nicht sehr lang im Tal, mindestens zweimal in der Woche schaut er herauf, „weil’s hier so herrlich ruhig ist“.

Wie herrlich ruhig es auf der Oberetteshütte ist, hat sich inzwischen bis ins Ausland herumgesprochen. Letztes Jahr zum Beispiel, erzählt Edwin, war eine deutsche Wanderin bei ihm zu Gast.

„Zuerst sind zwei fitte Typen mit Sonnenbrillen gekommen und haben sich auf der Terrasse Apfelschorle bestellt“, sagt er.

Köstliche Mahlzeiten auf der Sonnenterasse.

Dann, ein paar Minuten später, kam ihre Bergkameradin nach: eine unauffällige Frau mit Knickerbockerhosen, kariertem Hemd und einer Frisur unter der grünen Schildkappe, die ihm irgendwie bekannt vorkam. Zusammen mit ihrem Mann setzte sich Europas mächtigste Frau etwas abseits in den Schatten, während ihre Bodyguards weitere Apfelschorlen von der Schank holten.

„Erst wollte ich sie ansprechen und ihr einen Schnaps aufs Haus ausgeben“, sagt Edwin, „aber aufdringlich rüberkommen will man ja auch nicht.“ Im letzten Moment – er hatte schon Kurs auf ihren Tisch genommen – ließ er es dann doch lieber bleiben.

Denn schließlich steigt ein jeder aus dem gleichen Grund auf die Oberetteshütte, egal ob er Angela Merkel heißt oder nicht: um einfach einmal seine Ruhe zu haben.

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