16.000 Touren,  1.700 Hütten  und täglich Neues aus den Bergen
Das Prinz-Luitpold-Haus in der Berglandschaft.
Foto: Martin Erd
Hüttenportrait

Das Prinz-Luitpold-Haus am Allgäuer Hauptkamm

• 29. Oktober 2021

Ein herrschaftliches Haus mit eigenem Pool in aussichtsreicher Lage: Im Allgäu überrascht eine der größten Alpenvereinshütten mit familiärem Flair. Ein Besuch auf dem Prinz-Luitpold-Haus.

Sissi Pärsch für das Bergweltenmagazin August/September 2020

Sie kommen von allen Seiten. Erst von unten, dann von oben, viele von links und auch ein paar von rechts. Die einen schwer schnaufend, andere schnell laufend. Man bekommt einiges zu sehen auf dem Prinz-Luitpold-Haus am Allgäuer Hauptkamm, und die Stimmung ist gut. Seine Gäste, sagt Wirt Christoph Erd, seien sehr unterschiedlich, aber „alle ziemlich gechillt. Jeder hat ja ein gutes Stück Weg in den Beinen, da hat man keine Kraft mehr, grantig zu sein, wenn man ankommt.“

Es geht also angenehm friedlich zu in dem stolzen Steinbau auf 1.846 Metern – und tagsüber auch überraschend ruhig. Immerhin finden hier bis zu 268 Bergsteiger und Bergsteigerinnen einen Schlafplatz in den begehrten Mehrbettzimmern und großen Lagern. Entsprechend hektisch ist die Aufbruchstimmung am Morgen: Frühstück verschlingen, Schuhwerk finden, Blasenpflaster aufrubbeln, Stöcke ausfahren, erste Schritte. Doch nach der Rushhour leert sich die Hütte, und Stille kehrt ein.

Erst am Nachmittag tröpfelt dann stetig die neue Schar mehr oder weniger erschöpfter Übernachtungsgäste ein. Fast schon familiär wird es so tagsüber auf dem Prinz-Luitpold-Haus. Die drei Erd-Kinder – Lina, 15, Hannes, 12, und Felizitas, 8 – springen Valentin hinterher. Der hat im letzten Frühjahr sein Abitur gemacht und arbeitet den Sommer über auf der Hütte. Jetzt steckt er in einer mit gelben Birnen verzierten Badehose und macht sich, ein Handtuch über die breite Klettererschulter geschmissen, auf den Weg hinunter zum kleinen See hinterm Haus.

Wenige Minuten später paddelt der Trupp inmitten der rau-felsigen Gebirgslandschaft auf einem SUP-Board – Hannes als Gondoliere, Valentin als mutiger Kaltwasserhechter. 

Ein Wanderer auf dem Weg zur Hütte.
Foto: Martin Erd
Der Jubiläumsweg über die Bockkarscharte ist schmal und anstrengend.
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Alle Wege führen nach oben

Das Prinz-Luitpold-Haus liegt auf einem Balkon, von dem man das Hintere Ostrachtal in seiner Ursprünglichkeit wunderbar überblickt. Der Fluss, die Ostrach, entspringt hier, sammelt fleißig das Wasser aus dem Gebirge und fließt hinaus über den Bergsteigerweiler Hinterstein nach Hindelang, dem recht beschaulichen Kurort im Oberallgäu.

Das Alpenvereinshaus sitzt selbstbewusst neben dem wuchtigen Wiedemer Kopf und vor einem felsigen Aufwurf mit zackigem Grat namens Fuchskarspitze. Die lockt nicht viele Bergsteiger, dabei ist ihre Überschreitung alpinistisch anspruchsvoll und laut Philipp Munkler „eine der lohnendsten Tagestouren in den Allgäuer Alpen“. 

Das Prinz-Luitpold-Haus.
Foto: Martin Erd
Tagsüber sitzt man entspannt auf der Sonnenterrasse bei Kaffee und Kuchen.

Der 25-Jährige ist einer der wenigen, die am Morgen nicht mit den Massen aufgebrochen sind. Er muss aber auch nicht wie die meisten der Gäste die Bockkarscharte hinauf, um auf dem Jubiläumsweg – stets am Hauptgrat der Allgäuer Alpen und an der Grenze zu Tirol entlang – über den Schrecksee in gut sieben bis acht Stunden die Willersalpe zu erreichen.

Er muss auch nicht weiter zum EdmundProbst-Haus im Nebelhorngebiet oder gar in einem neunstündigen Gewaltmarsch zur Kemptner Hütte. Und Philipp zieht es heute auch nicht auf den Hochvogel. Der 2.592 Meter hohe Berg ist einer der schönsten Allgäuer Gipfel, wunderbar freistehend und mit seinem herausstechenden Pyramidenaufbau von schier überall zu erkennen. Das Prinz-Luitpold-Haus ist das Hochvogel-Basislager schlechthin – doch gerade von hier aus zeigt er sich uneinsichtig. Nur sein Gipfelkreuz lugt hinter den vorgelagerten Brocken an Bergen hervor. 

Ein Arbeiter bringt den Wanderweg auf Vordermann.
Foto: Martin Erd
Philipp Munkler saniert ehrenamtlich die Traditionskletterrouten um die Hütte.

Vom Boom zum Geheimtipp

Philipp hat es nicht weit heute, hat aber einiges vor. Mit zwei Kletterfreunden saniert er ehrenamtlich die vielen Routen um die Hütte. Das „Täle“ zum Beispiel liegt direkt am Wanderpfad und bietet Kurztouren um den III. und IV. Schwierigkeitsgrad. Deutlich anspruchsvoller wird es da schon am „Grind“ (dem Allgäuer Ausdruck für Kopf), wo Mehrseillängen bis zum VIII. Schwierigkeitsgrad geklettert werden. Speziell in den 1980ern, zu Zeiten des Sportkletterbooms, war das Gebiet äußerst beliebt.

Heute ist es ein Geheimtipp, denn bequem ist der Zustieg nicht. Philipp lächelt und zuckt mit den Schultern: „Viele mögen es, wenn sie mehr oder weniger direkt vom Parkplatz wegklettern können. Ich steig gern auf.“ Der angehende Erlebnispädagoge fährt mit dem Bike über die Mautstraße bis zur Materialseilbahn und „springt dann schnell hinauf zur Hütte“ – 600 Höhenmeter. Seine Hosen sind löchrig, sein Lachen breit, seine schwarzen Locken gebändigt vom Kletterhelm.

Während er die Expressschlingen sortiert, erklärt er seine Vorliebe für das Gebiet: „Viele Klettergärten im Tal sind überlaufen, die Routen verspeckt. Hier hat man einen wunderbaren Fels. Der Kalk ist sehr wasserzerfressen und hat dadurch wunderschöne Strukturen. So etwas habe ich sonst eher in Südfrankreich gefunden.“ Das Prinz-Luitpold-Haus dient ihm als „coole Base“. 

Die Betreiber der Hütte vor dem Haus.
Foto: Martin Erd
Auch die Kinder von Christoph und Ulli Erd findet man an oft am See. Für das Familienfoto nahmen sich Lina, Hannes und Felizitas (von links) aber trotzdem Zeit.

Errichtet wurde die Hütte als Stützpunkt für die vielen Bergsteiger, die bereits im 19. Jahrhundert auf den Hochvogel wollten. Anfang Juli 1881 wurde das Haus eröffnet: eine Küche mit Herd und Schlafmöglichkeiten für zwölf Personen. Prinzregent Luitpold von Bayern erlaubte, dass die Hütte – die immerhin auf seinen Jagdgründen erbaut worden war – seinen Namen tragen darf.

Und weil das Interesse der Bergsteiger nicht abriss, wurde die Unterkunft fast im Jahrzehnte-Rhythmus erweitert. 1934 kam Willi Wechs als Wirt auf die Hütte und mit ihm die alpine Blütezeit. Der Hindelanger war Hirtenbub und Nagelschmied, Erstbesteiger, Skientwickler und Schriftsteller. Rund um die Fuchskarspitze erschloss er zig Routen – von der Muttergotteskante bis zur Gelben Wand – und machte aus dem Haus ein alpines Schulungszentrum.

Als die NSDAP von ihrem Bezirksamt im nahen Sonthofen das Bergsteigen außerhalb von freigegebenen Wegen verbot, wurde im Hinteren Ostrachtal selbstbewusst weitergeklettert.
 

Die Berglandschaft rund um das Haus.
Foto: Martin Erd
Das Prinz-Luitpold-Haus ist kaum sichtbar am Fuße des Wiedemer Kopfs (2.163m) mit seinen markanten Felsfalten. Dahinter ragen die steilen Flanken von Rotkopf und Salober auf.

Während Wechs 1935 das Haus sogar im Winter als Skitourenstützpunkt bewirtschaftete (an einem Wochenende im März sollen 200 Gäste über Nacht geblieben sein), machen die Erds heutzutage die Hütte im Oktober dicht. Christoph, seine Frau Ulli und die drei Kinder sind erst seit einem Jahr heroben. 14 Jahre waren sie zuvor ein paar Luftkilometer weiter auf dem Staufner Haus am Hochgrat.

Dort haben sie noch das ganze Jahr in der Höhe verbracht, mit der Seilbahn vor der Haustür und regem Tagesgeschäft. Natürlich ist ihr neues Bergzuhause groß, „aber tagsüber haben wir es so ruhig wie zuvor nicht“, sagt Ulli. Das Paar wollte „raus aus der Routine und sich noch einmal auf etwas Neues einlassen“. Und: Das Prinz-Luitpold-Haus war schon immer ihr Traum. 

Das Haus neben einem Bergsee.
Foto: Martin Erd
Inmitten der Allgäuer Alpen, nah an der Grenze zu Tirol, hat das Prinz-Luitpold-Haus seinen Platz am See gefunden.

600 Höhenmeter nach Hause

„Mein Schwiegervater hat mir eingeflüstert, dass das Hüttenleben etwas für uns wäre“, erzählt Christoph. „Der wäre so gern selbst Wirt geworden.“ Tatsächlich haben sie sich damals schon für das Prinz-Luitpold-Haus beworben und es auch fast bekommen. Ein paar Jahre später stand erneut ein Wechsel an – die Erds wurden zwar gefragt, führten jedoch schon das Staufner Haus. Nach dem ersten Sommer freut es sie vor allem, dass mehr und mehr Tagesgäste kommen.

Es hat sich herumgesprochen, dass sich die Einkehr bei dem gelernten Koch lohnt. Die Zutaten stammen aus der Region – das Fleisch, der Bio-Kaffee, die frischen Früchte, die von Christoph auf der Hütte in Marmelade verwandelt werden.

Der Hüttenwirt beim Kochen.
Foto: Martin Erd
Hüttenwirt Christoph Erd ist gelernter Koch. Die Ruhephase tagsüber nutzt er zum Marmeladekochen.

Und die drei Kinder? Speziell Lina, die Älteste, konnte sich nur schwer von ihrem Fast-Geburtshaus lösen. Sie kam zwei Monate nach dem Hüttenantritt (im Tal) auf die Welt. „Das Staufner Haus war halt mein Zuhause“, sagt sie. Die beiden Jüngeren haben sich schneller eingelebt in dem neuen stattlichen Heim. Ohne – oder nur mit ein bisschen – Murren steigen sie die 600 Höhenmeter auf.

Während der Schulzeit jedes Wochenende. „Das Hinauf ist nicht schön, aber das Obensein schon“, sagt Lina und räumt ein, dass sie es inzwischen sehr genießt – den Freiraum, den hauseigenen See mitsamt SUP-Board, die Hausschweine Paul und Paula und das Team, das zum guten Teil vom Staufner Haus mit herübergewandert ist. Es geht eben recht familiär zu auf einer der größten Hütten des Alpenraums.

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