Reise

Wildcampen und Klettern auf den Lofoten

Reise • 11. Juli 2016
von Peter Knauseder

Steile Granitgipfel, zahllose Fjorde, unberührte Natur soweit das Auge reicht: Die Inselgruppe der Lofoten vor der Küste Norwegens ist ein Paradies für abenteuerlustige Kletterer und Naturliebhaber. Peter Knauseder und seine „Crew“ haben es im Van erkundet.

Campen und Klettern auf den Lofoten Norwegen
Foto: Foto: Cody Duncan
Die Lofoten in Norwegen

4 Stunden Tageslicht, wunderbar mildes Klima, legales Wildcampen, unzählige wunderschöne Seen und Fjorde – dazu perfekter Granit zum Bouldern und Klettern. Als ich das erste Mal von den Lofoten höre, klingt alles zu gut, um wahr zu sein. Doch nach ein paar Recherchen wird mir klar: diesen Flecken Erde muss ich einfach mit eigenen Augen sehen. Es ist gerade Frühling, die Sommerferien liegen noch in weiter Ferne, der Uni-Prüfungsstress macht mir zu schaffen. Doch das ist mir alles egal, ich greife – durch meine Entdeckung top motiviert – zum Handy, um für das Abenteuer zu werben. Und tatsächlich: nach wenigen Telefonaten ist die Crew komplett – 8 Mann, ein Van und ein PKW. Voller Energie und hungrig auf Fels packen wir Mitte Juli unsere Autos randvoll mit Kletterequipment und machen uns auf die lange Reise in den hohen Norden.

In unseren Vehikeln ist nicht einmal genug Platz, um sich am Rücken zu kratzen. Trotzdem fahren wir – von einigen Badestopps an Flüssen und Seen abgesehen – fast ohne Pause durch Deutschland, Dänemark und Norwegen. Unsere letzte Festland-Station, „Bodø“, liegt schon nördlich des Polarkreises. Bei der Überfahrt mit der Fähre können wir erste Blicke auf die unzähligen steilen Felswände und die spitzen, bis zu 1.000 m hohen Gipfel der Lofoten erhaschen. Überwältigt von der Schönheit des Anblicks und mit Kribbeln in den Fingern legen wir an. Das Abenteuer kann losgehen.

Baden, Bouldern, Blaubeeren essen

Erster Halt unserer Tour ist ein malerisches Örtchen mit dem klingenden Namen „Å“. Nach einer verdient langen aber sehr hellen Nacht – die wir in guter Boulderer-Manier unter freiem Himmel auf unseren Crashpads (Bouldermatten) verbringen – wollen wir so schnell wie möglich Höhenmeter machen, um die unzähligen Gipfel von oben sehen zu können. Für zusätzliche Motivation sorgt eine willkommene Entdeckung: Schokolade, unser Hauptnahrungsmittel, ist hier erstaunlich günstig – der während der Anreise stark minimierte Vorrat wird somit gleich wieder aufgefüllt.

Campen auf den Lofoten
Foto: Peter Knauseder
Unser erstes „Basiscamp“ am Parkplatz zum Hermannsdalstinden – auf den Lofoten ist das Nomadenleben kein Problem

Schon nach der ersten Stunde auf unserer Wanderung auf den „Hermannsdalstinden“ wissen wir mit Bestimmtheit, dass die Lofoten mehr zu bieten haben als leistbare Schoko. Von Bergsee zu Bergsee, einer schöner als der andere, gewinnen wir langsam an Höhe und nach zahlreichen Bade-Intermezzos, Blaubeerjausen und Bouldertraversen kommen wir dem Gipfel näher. Knapp 7 Stunden nach dem Aufbruch stehen wir auf dem Gipfel – gerade rechtzeitig zum Sonnenuntergang. Der scheint hier endlos lang und ist wunderschön. Nach unzähligen Gipfelfotos machen wir uns wieder auf den Rückweg. In den Alpen müssten wir jetzt ein mulmiges Gefühl haben – nicht so hier auf den Lofoten. Die Sonne geht zwar eben unter, aber in weniger als 2 Stunden schon wieder auf. Auch dazwischen wird es nicht richtig dunkel. Nach gut zwölf Stunden haben wir es schließlich geschafft und kommen müde und zufrieden in unserem „Basecamp“, dem öffentlichen Parkplatz, an.

Ausblick vom Gipfel des Hermannsdalstinden (1.029 m)
Foto: Peter Knauseder
Ausblick vom Gipfel des Hermannsdalstinden (1.029 m)

Nach einem kleinen Morgenbad im eher kühlen Atlantik geht die Reise weiter. Nächstes Ziel ist „Henningsvær“ – Epizentrum des Klettersports auf den Lofoten. Einige Brücken und Tunnel später werden wir erneut mit einem atemberaubenden Anblick empfangen. Der majestätische „Presten“ (deutsch: „Priester“) – das Herzstück dieses Klettergebiets – hat seinen Fuß fast direkt am Meer von wo aus er sich auf 680 m erhebt. Auf dem imposanten Granitmonolith sind alpine Klettereien in zahlreichen Schwierigkeitsgraden möglich. Außerdem gibt es in der unmittelbaren Umgebung tollen Fels zum Sportklettern und Bouldern. Nachdem wir uns an der Schönheit der Szenerie sattgesehen haben, schlagen wir unser Camp auf und gehen erstmal kräftig bouldern – überglücklich darüber, endlich Fels auf der Haut zu spüren.

Klettern auf den Lofoten
Foto: Peter Knauseder
Klettern auf den Lofoten

Schere, Stein, Papier – dann 12-Seillängen

Nach gut einer Woche Bouldern und Sportklettern haben wir uns gänzlich von der langen Anreise erholt und befinden uns für fit genug, um den 12-Seillängen-Klassiker „Vestpillaren“ in Angriff zu nehmen. Er zählt zu den schönsten Touren der Lofoten im Grad VI+ (UIAA) und ist nur auf den ersten vier Ständen mit Bohrhaken ausgestattet – danach muss man selbst absichern. Nach ausgedehntem Frühstück und Morgenbad folgt eine Schere-Stein-Papier-Runde – auf diese Weise bestimmen wir die Einstiegsreihenfolge unserer vier Seilschaften. Noch ein letzter Espresso, dann kann es losgehen. Was folgt sind die schönsten und entspanntesten 12 Seillängen meines Lebens. Die Aussicht auf den Ozean und auf den Ort Henningsvær, der malerisch auf einer kleinen Insel liegt, werde ich nie vergessen. Kein Zeitdruck trübt die Eindrücke – ich beobachte vorbeifliegende Adler und werde das Lächeln in meinem Gesicht nicht mehr los. Es ist meine erste Klettertour, bei der Sonnenauf- und Sonnenuntergang in ein und derselben Himmelsrichtung stattfinden.

Klettern auf den Lofoten

Mit diesen unvergesslichen Erinnerungen im Gepäck reisen wir weiter. Laut Wetterprognose stehen uns erstmals einige Regentage bevor. Nach kurzer Recherche beschließen wir als nächstes das Sportklettergebiet „Eggum“ zu besuchen, das als überaus wettersicher gilt. Und wirklich: trotz apokalyptischer Wetterbedingungen mit drei Tagen Nonstop-Regen bleiben wir so trocken wie der traumhaft griffige Granit.

Klettern auf den Lofoten
Foto: Peter Knauseder
Moderne Höhlenmenschen: so passen sich Kletterer an Schlechtwetter an

Nach drei Tagen Höhlenmenschdasein ist das Wettertief zum Glück hinfort und wir können unser Lager abbauen. Bevor es weiter geht, widmen wir uns endlich wieder unserer Lieblingsbeschäftigung – Schokolade shoppen. Mit einigen Kilos Endorphinnahrung und der wiedergekehrten Sonne im Gepäck machen wir uns zu unserem nächsten Ziel auf: „Unstad“. Das kleine, direkt am Meer gelegene Örtchen hat uns ein einheimischer Surfer empfohlen. Strand und Wellen seien einen Besuch wert. Zum Glück hatte ich vor dem Antritt unserer Reise in weiser Voraussicht mein Surfbrett auf das Dach meines Vans geschnallt. Jetzt kann ich es kaum noch erwarten damit in See zu stechen – zum ersten Mal nördlich des Polarkreises.

Am Strand angekommen stellt sich der Tipp unseres norwegischen Informanten als absolut wahrheitsgetreu heraus und – Schwups – springe ich in meine 5mm-Neopren-Gummimontur und paddle den rund ein Meter hohen und 7 Grad kalten Wellen entgegen.

Klettern auf den Lofoten
Foto: Peter Knauseder
Wellen am traumhaften Strand von „Unstad“

Langsam wird die Tageslänge etwas kürzer – sie beträgt nur noch 19 Stunden – und das Budget knapper. Wir beschließen noch einen letzten Halt einzulegen, bevor wir die Heimreise antreten. Nach kurzem Schmökern im Reiseführer sticht uns ein Ort mit dem klingenden Namen „Paradiset“ ins Auge. Das Boulder- und Sportklettergebiet liegt direkt am Meer. Dort angekommen, verbringen wir erst einmal einige Zeit damit, über die unglaubliche Schönheit dieses Ortes zu staunen. Nachdem wir unser Camp aufgebaut haben, nehmen wir ein Bad im See und machen uns dann auf, um das Gebiet zu erkunden. Zu unserer Freude finden wir schier unendliches Potenzial für Boulder und Routen in quasi unberührtem, Bohrhaken-freiem Granit vor.

Klettern auf den Lofoten

Es ist Mitte September. Die letzte Woche fühlt sich an wie ein endloser Traum. Er platzt mit der ernüchternden Nachricht, dass das Wetter bald umschlagen wird. Insgeheim war uns allen bewusst, dass dieser Tag irgendwann kommen würde. Schließlich befinden wir uns immer noch nördlich des Polarkreises und der Herbst rückt langsam näher. Wir beschließen unser Wetterglück nicht weiter auszureizen, packen unsere sieben Sachen und treten die lange Heimreise an. Mit unvergesslichen Erinnerungen, lächelnden Gesichtern und – natürlich – genügend Schokolade im Gepäck. Sie versüßt uns ein wenig den Abschied von den Lofoten.

Lofoten Campen Klettern
Foto: Peter Knauseder
Die malerischen Sonnenuntergänge auf den Lofoten dauern oft mehrere Stunden an

Infos und Adressen: Lofoten, Norwegen

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Beste Reisezeit: Juni bis September ist definitiv die beste Zeit für jegliche Sommeraktivität auf den Lofoten. Ein gewisses Maß an Wetterglück ist dennoch notwendig, da es auf den Lofoten auch im Sommer oft regnen kann.
Im Winter/Frühling kann man Skitouren gehen oder Eisklettern.
 

Anreise

PKW: Die günstigste Variante ist mit Sicherheit die Anreise mit dem eigenen Auto. Die Distanz ist zwar sehr weit (ca. 3.000 km von Wien), doch die Straßen in Norwegen sind gut und mautfrei, der Treibstoff verhältnismäßig günstig. Für Individualreisen ist ein Auto ohnehin zwingend, denn öffentliche Verkehrsmittel sind auf den Lofoten rar.
Flugzeug: Von Oslo (OSL) fliegt Norwegian Airlines täglich nach Bodø (BOO). Von Bodø kann man mit der Airline Widerøe weiter nach Svolvær (SVJ), Leknes (LKN) oder Røst (RET) fliegen.

Mietauto: Mietautos (SIXT, AVIS, etc.)  sind auf den Lofoten (am besten in Svolvær) an mehreren Orten verfügbar. Die Preise sind jedoch sehr hoch.

Kletter- und Wanderführer:

  • Der Kletterführer „Lofoten Rock“ vom „Rockfax“ ist wärmstens zu empfehlen. Er informiert über Mehrseillängen- und Sportklettertouren auf der gesamten Inselgruppe und kostet rund 45€.
  • Der Bergverlag Rother hat 2016 einen Wanderführer für die Lofoten veröffentlicht. Er deckt auf 184 Seiten die besten Wandertouren der Inselgruppe ab und ist für 15€ erhältlich.

Übernachten: Campen ist auf den Lofoten, wie auch im restlichen Norwegen, generell auf allen öffentlichen Flächen erlaubt. Ein guter Schlafsack für die kalten Nächte wird empfohlen. Es gibt natürlich auch in jeder etwas größeren Ortschaft Hotels und Pensionen sowie zahlreiche Campingplätze.

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