
Mazedonien: Die Entdeckung der Einsamkeit
Foto: Unknown
von Simon Schöpf
Die Überzeugung, mit der uns der Vollbärtige dies mitteilt, duldet keine Zweifel. Also nicken wir bedächtig, sind innerlich aber naturgemäß skeptisch. Energie des Pferdes in uns aufnehmen? Esoterisches Gelaber, kann man da schnell mal denken, wir sind doch hier, um ein neues Land und eine neue Kultur kennenzulernen, aber bestimmt nicht auf einem Selbstfindungs-Trip.
Und der Mann mit Vollbart, der heißt Vasko. Wären wir nicht gerade in Mazedonien, man würde ihn einen Cowboy rufen. Er ist einer, der auf dem Pferd sitzt, als hätte er nie etwas anderes getan. Hat er auch fast nicht, könnte man behaupten, Vasko wuchs quasi auf dem Pferd auf, im kleinen Bergdorf Galičnik auf 1.500 Metern. Hier oben wird seit jeher, und auch heute noch, das Pferd für feierliche Hochzeitsfestivitäten und weniger feierliche Holzarbeit eingesetzt. Es war aber erst im fernen Ausland, bei einer Kanada-Reise, dass das für ihn Selbstverständliche in ein neues Licht rückte: „Ich war dort 14 Tage mit einer geführten Reitgruppe unterwegs, und hinterher dachte ich: Hey, das wäre doch die beste Möglichkeit, Besuchern mein eigenes Land näherzubringen – von einem Pferderücken aus. Die Pferde waren ja immerhin schon da, die mussten eigentlich nur noch gesattelt werden“. Seine lobenswerte Mission dabei: „Die Leute wieder mit der Natur in Einklang bringen“.
Und genau deshalb sind wir hier: Um dieses unbekannte Bergland samt seinen Leuten endlich besser kennen zu lernen, und zwar auf Pferden, klimaneutral und geländetauglich. Vasko wird uns die nächsten vier Tage durch seine Heimat guiden, mit dabei ein bunter Haufen: Paolo aus Portugal, Michelle aus den USA, Kalle aus Finnland und Tomislav aus Kroatien. Inklusive seinem 5-jährigen Sohn Tan. Ob das nicht etwas jung ist für doch recht tagesfüllende Ausritte? „Ach, das beste, was man einem Kind geben kann, ist möglichst viel Zeit draußen und in den Bergen“, meint Tomislav darauf, „ich habe uns extra einen traditionellen Sattel aus Spanien bestellt, ich will nämlich, dass er vor mir sitzen kann und auch die Landschaft genießen kann!“
Ziegen melken, Käse machen, losreiten
Nach einer bodenständigen Einschulung für die Huftier-Novizen unter uns schwingen wir uns dann endlich in die Sattel, motiviert und respektvoll, Zügel straff in der Hand. Denn zugegeben, ein bisschen nervös ist man schon, das erste Mal auf einer halben Tonne gestählter Muskeln. Nervös und klein. Meine schwarz-weiße Rennmaschine hört auf den Namen Cvetko (sprich: Tschwetko) und ist, augenscheinlich wie alle Pferde hier „a really good horse.“ Diese Pferde sind das ganze Jahr über im Freien, fressen sieben Monate die besten Berggräser. Nichts da mit Stallhaltung. „Look, how strong! So gute Pferde findest du sonst nirgends“, ist Vasko überzeugt, „nowhere else.“
Wir nächtigen im rustikalen Berghotel Kalin, aufgetischt wird Wildfleisch und Rotwein. Und natürlich Rakija. Alles lokal und selbstproduziert, die Mazedonier essen fast nur, was sie selbst angebaut oder geschossen haben. Der Rakija sorgt für guten Schlaf, daran kann es also nicht liegen, dass sich am nächsten Morgen mein Rücken anfühlt wie nach zwei Wochen Dauerklettern, mein Hintern wie nach zehntausend Höhenmetern biken und meine Beine wie nach einer trans-alp Wanderung. Nein, die Erkenntnis: Reiten ist Ganzkörpersport!
Mit Pferd zum High-Mountain-Basecamp
So langsam setzt auch ein gewisses Bewusstsein ein: Hey, wir reiten gerade durch das mazedonische Bergland, wie abgefahren ist das denn! Nach ein paar Stunden, die nächste Erkenntnis: Seit zwei Tagen haben wir unterwegs keinen anderen Menschen gesehen, kein Hupen vernommen, nicht mal ein fernes Flugzeug erspäht. Nichts, absolut nichts, was dich hier vom Genuss des Moments ablenken würde. Reiten, schauen, staunen. Nun beginnt man auch Vaskos Worte zu verstehen, der da letzte Nacht irgendwann einem alten Guru ähnlich sprach: „Reiten ist meine Form von Meditation. Reiten macht glücklich. Ich will, dass möglichst viele Menschen dieses Glück spüren können, you will feel happiness.“
Im Hintergrund hundert Gipfel, sechs Pferde und ein surrealer Sonnenuntergang. Momente wie diese sind dann nur mehr sehr schwer zu toppen im Leben.
Infos & Adressen: Mavrovo Nationalpark, Mazedonien

- Direktflüge nach Skopje mit AUA ab Wien (1:30 h) oder ab München & Berlin mit Stopover in Istanbul.
- Transfer Skopje – Mavrovo NP entweder via Tour oder auf eigene Faust per Taxi (generell sehr billig in Mazedonien) bzw. Mietauto (ca. 1 h).
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