15.600 Touren,  1.600 Hütten  und täglich Neues aus den Bergen
Anzeige
Aus dem Leben eines Alpinisten

Simon Messner: Sind wir Narzissten?

• 23. September 2022
4 Min. Lesezeit

In der Bergwelten-Kolumne erzählt Simon Messner, Sohn von Reinhold Messner, von seinem Leben als Alpinist. Diesmal: Über Egomanie und Narzissmus in den Bergen.

Stockfoto Bergsteiger
Foto: Adobe Stock / m.mphoto
Gipfelsiege für Anerkennung und Ruhm: Sind Bergsteiger Egomanen?
Anzeige
Anzeige

Vorweggenommen: Die meisten von uns sind mit einem gewissen Hang zum Egoismus ausgestattet und das ist an sich nicht verwerflich. Ein kleinwenig Selbstverliebtheit gehört wohl dazu, um nicht zu sagen: Das ist menschlich. Personen mit einer „narzisstischen Persönlichkeit“ haben jedoch ein extremes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Anerkennung. In ihrem Verhalten oder in ihrer Fantasie finden sich ein tiefgreifendes Muster von Großartigkeit, ein durchgehendes Bedürfnis nach Bewunderung, sowie ein Mangel an Einfühlungsvermögen. Personen mit dieser Störung legen für gewöhnlich ein übertriebenes Selbstwertgefühl an den Tag.

Mir ist durchaus bewusst, dass die Aussage: „Bergsteiger seien mehrheitlich Narzissten“ den einen oder anderen Alpinisten vor den Kopf stoßen wird. Aber das sollte uns nicht abschrecken, im Gegenteil. Vielmehr ist diese Thematik ja gerade deshalb so spannend, weil es dem Anschein nach jeder zu meiden versucht, obwohl es doch auf der Hand liegt: Leute, die willentlich große bis erhebliche Strapazen und Risiken eingehen, müssen zwangsläufig anders ticken. Sei es des Egos wegen oder weil Anerkennung generell ein Grundbedürfnis ist (der eine hat´s eben mehr, der andere weniger), irgendetwas muss es sein, dass diese Leute im Kern antreibt und immer wieder an der Grenze zwischen „Selbstverschwendung und Selbstzerstörung“ agieren lässt. Nur, was genau ist es?

Das könnte dich auch interessieren:

  • Die Erkenntnis

    Kürzlich bin ich auf das Werk des Psychologen Manfred Ruoß: „Zwischen Flow und Narzissmus - Die Psychologie des Bergsteigens“ gestoßen. Das Buch ist zwar phasenweise etwas holprig geschrieben, inhaltlich macht es ganz klar: Bergsteiger tendieren dazu, starke bis extreme Narzissten zu sein oder wurden es irgendwann in ihrem Leben. Jedenfalls leiden Bergsteiger auffallend häufig unter einer „narzisstischen Persönlichkeitsstörung“.

    Da ich mich selbst als Alpinist sehe und ich mit dem Wort „Störung“ schwerlich etwas Positives in Verbindung bringen kann, hat mich das Thema sofort interessiert. Sind wir Bergsteiger, wir Kletterer, tatsächlich mehrheitlich solche „Unmenschen“?

    Stock Foto Kletterer
    Foto: Adobe Stock / mbolina
    Narzisstische Züge lassen sich oft bei Kletterern finden – aber es gibt Lichtblicke

    Es zahlt sich jedenfalls aus, genauer hinzuschauen. Wer sich das Leben von Alpin-Größen anschaut, wird eine verblüffende Gemeinsamkeit erkennen: Die große Mehrheit von ihnen blickt auf eine schwierige Kindheit zurück und ist bereits im frühen Alter mit Widerständen und Zurückweisungen konfrontiert worden. Daraus resultiert laut Ruoß ein vermindertes bis kaum vorhandenes Selbstwertgefühl.

    Selbstwert­stabilisierung durch bergsteigerische Leistung

    Und dann ist da der Berg, der sich weder wertend noch kritisierend verhält und der schnell zur „Bühne für Heldentaten“ wird: Anerkennung und Bewunderung sind dort garantiert! Dazu das Flow-Erleben, (was das ist, liest du hier) bei dem man zur Gänze im eigenen Tun aufgeht und sich dadurch kurzfristig vom Ego befreit – wie ein Kind, das sich völlig im Spielen verliert. Besonders Kletterer berichten häufig von diesem Gefühl der „Ichlosigkeit“. Am Berg sind alle Sorgen und Gefühle der Minderwertigkeit zumindest kurzzeitig wenigstens vergessen. Auch, weil kein Platz dafür ist.

    Die Falle

    Andererseits stehen Bergsteiger – vor allem Profis – in einem fortwährenden Konkurrenzkampf. Sponsoren und Medien, sowie unsere Gesellschaft hungern nach Sensationen und hofieren Menschen, die kompromisslos in ihrem Tun sind. Man könnte auch sagen: das System bevorzugt Leute (ob im Sport oder in der Wirtschaft), die an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leiden. Ob ein Narzisst das Bergsteigen oder eine andere Tätigkeit als Strategie zur Selbstwert­stabilisierung wählt, ist laut Ruoß einer zufälligen Konstellation geschuldet. Das eigentliche Problem ist dabei: die inneren Probleme bleiben selbst bei großen Erfolgen ungelöst. Selbstausbeutung, suchtähnliches Verhalten und innere Leere sind häufig die Folgen. Ganz abgesehen davon, dass Egomanen nicht mit sich reden lassen, da sie sich immer im Recht sehen und mit Kritik per se nicht umgehen können. Wer am meisten darunter zu leiden hat, sind Freunde und Familie. Nicht selten bezahlen Profi-Bergsteiger ihren unersättlichen Hunger nach Anerkennung und Aufmerksamkeit schließlich mit dem Tod am Berg.

    Das könnte dich auch interessieren:

  • Was bleibt …

    Damit steht die Frage im Raum: Sollen Bergsteiger, die extreme Risiken eingehen, um dadurch ihr Ego zu „boosten“ überhaupt als Helden und Vorbilder gelten können? Ruoß jedenfalls warnt eindringlich davor, „die Handlungsmuster der Extremen kritiklos und wie selbstverständlich auf das eigene Tun zu übertragen.“ Im richtigen Maße betrieben ist das Bergsteigen sicher eine Bereicherung für das eigene Leben und stärkt die Gesundheit. Innere Konflikte aber kann es nicht lösen, so viel steht fest. Somit sind Bergsteiger nur in den seltensten Fällen „bessere Menschen“, sondern vielmehr getrieben vom grenzenlosen Wunsch etwas ganz Besonderes zu sein.

    Mit diesem Wissen sollten wir eigentlich skeptischer sein im Angesicht der ungeheuren Potenz, die Social Media auf uns Menschen und unser Verhalten ausübt. Wer nicht vorsichtig und reflektiert damit umgeht, läuft schnell Gefahr, ebenso narzisstische Verhaltensmuster anzunehmen. Denn eines steht fest: der Konsum von Social Media kann nicht nur süchtig machen, sondern ist die moderne Narzissten-Schmiede par excellence! Und wenn man bedenkt, dass eine „narzisstische Persönlichkeitsstörung“ vor allem das eigene Umfeld belastet, bleibt die Frage, ob wir tatsächlich in einer Gesellschaft der Zukunft leben wollen, in der sich jeder selbst am meisten liebt?

    Ein Lichtblick

    Es wäre also an der Zeit, unser Verhalten und vor allem unsere inneren Beweggründe zu hinterfragen. Ein Umdenken käme nicht nur uns allen zugute, – unseren Freunden, Verwandten und Partnern – sondern könnte sogar dabei helfen, unseren Planeten – und wenn es auch nur ein Kleinwenig ist – nachhaltiger zu gestalten. Ein Lichtblick, der durchaus Hoffnung gibt.

    Anzeige
    Simon Messner
    Alpinist und Kolumnist: Simon Messner

    Mehr von Simon Messner

    Seit Anfang des Jahres lest ihr auf bergwelten.com regelmäßig Simons Kolumne. Einmal im Monat erzählt er Geschichten aus seinem Leben als Alpinist und setzt sich mit den großen Themen des Bergsports auseinander. Seine bisherigen Beiträge könnt ihr hier nachlesen:

  • Bergwelten entdecken