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Zum 70. Geburtstag

Reinhard Karl: Bergphilosophie in 4 Punkten

• 2. November 2016
von Uwe Schwinghammer

Am 3. November wäre der deutsche Alpinist Reinhard Karl 70 Jahre alt geworden. Eine teilweise sehr persönliche Erinnerung an den faszinierenden Kletterer, Fotografen und Philosophen.

Reinhard Karl
Foto: Eva Altmeier
Reinhard Karl
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Im Jahr 1986 war ich 16 Jahre alt und ging in ein naturwissenschaftliches Gymnasium in Innsbruck. Aber ausgerechnet Mathe, Physik, Chemie, Darstellende Geometrie waren spanische Dörfer für mich. Dafür konnte ich die schwierigsten Routen in Yosemite oder Joshua Tree herbeten. Neben mir in der Bank saß noch so ein Kandidat. Und tagtäglich fragten wir uns, was wir überhaupt in diesem muffigen Klassenzimmer machten. Wo doch draußen die Sonne schien, die tollsten Berge auf uns warteten, der warme Fels, das pure Abenteuer.

Und wer war für dieses Elend verantwortlich? Reinhard Karl. Oder vielmehr dessen Bücher „Erlebnis Berg – Zeit zum Atmen“ und „Yosemite – Klettern im senkrechten Paradies“. Aus deren Zeilen und Bildern sogen wir Reinhard Karls Philosophie vom Leben und den Bergen. Doch wie sah die – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – aus?

Bergpanorama in Nepal
Foto: Unsplash / Rohit Tandon
Bergpanorama in Nepal

1. Glaub an die Kraft der Berge!

Reinhard Karl war unter schwierigen und eher ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen in Heidelberg. Mit 14 Jahren wählte er „unter den Traumjobs den dreckigsten und miesesten“ und wurde Automechaniker. Auch wenn er technisch interessiert und stolz darauf war, Motoren zerlegen, reparieren und wieder zusammenbauen zu können, fühlte er sich in der dunklen Werkstatt doch klein, elend und unterdrückt.

Erst seine ersten Klettererfahrungen als 17-Jähriger boten ihm eine neue Perspektive. Berge wurden sein Fluchtpunkt, seine Kraftquelle, änderten seine Sichtweise: „Nach jedem Oben wurde ich ein anderer unten.“ Sie ermöglichten ihm ein Leben ohne schwarze Finger und den Geruch von Schmieröl und letztlich auch einen sozialen Aufstieg. Und so schrieb er, er habe durch die Berge zu sich selbst gefunden und „sich selbst zu sein ist doch schon ziemlich viel.“

Imposante Berglandschaft
Foto: Unsplash / Andrew Collins
Imposante Berglandschaft

2. Lebe intensiv!

Allein durch das ständige Suchen neuer Herausforderungen am Berg lebte Reinhard Karl intensiv. Die Gefahr ließ ihn den Wert des Lebens mehr schätzen. Eine lange Lehr- und Anlaufzeit gönnte er sich als Alpinist nicht. Schon ein Jahr nachdem er in erstmals am Battert bei Baden-Baden geklettert war, durchstieg er klassische Touren in den Dolomiten. Im Jahr 1969 gelang ihm mit seinem damaligen Kletterpartner die Eiger-Nordwand in damals beachtlichen eineinhalb Tagen.

1977 eröffnete er mit Helmut Kiene mit den Pumprissen am Fleischbankpfeiler im Wilden Kaiser den 7. Schwierigkeitsgrad. 1978 stand er schließlich als erster Deutscher auf dem Mount Everest. Dazwischen unternahm er zahlreiche Kletterfahrten in die USA und gilt als einer jener Alpinisten, die das Sportklettern wieder zurück nach Europa brachten. Und nicht zuletzt war aus dem Mechanikerlehrling ein Student geworden – wenngleich ein wenig erfolgreicher.

Berge in der Schweiz
Foto: Unsplash / Michael Moser
Berge in der Schweiz

3. Bleib' (oder werde) Ästhet!

Schon recht bald nachdem ihn seine ersten Begehungen in der Szene bekannt gemacht hatten, genügte es Reinhard Karl nicht mehr, irgendwie irgendwo hinauf zu klettern. Es musste sauber, es musste auf idealen, schönen Linien sein. Diesen Wandel verursachte ein Hobby, das ihm bald auch zu einem Teil seines Broterwerbs wurde: das Fotografieren. Dadurch, dass er durch eine Linse schaue, sei er zum „Sehenden“ geworden. Auch wenn ihm – typisch Reinhard Karl – dabei bewusst war, dass der Blick durchs Kameraobjektiv ihn eigentlich einschränkte, wie die Scheuklappen ein Pferd. Wie auch immer: Nachdem er das erste Mal die Welt durch eine Kameraoptik geworfen hatte, legte er verstärkten Wert auf Ästhetik.

Twentynine Palms, USA
Foto: Unsplash / Jon Grogan
Twentynine Palms, USA

4. Bleib' immer (selbst)kritisch!

Karl reflektierte stets, was er tat. Jeden Griff, jeden Tritt, jedes Handeln hinterfragte er. Er war zweifelnd im negativen, kritisch im positiven Sinne. Ewig blieb er auf der Suche – nicht nur nach neuen Bergabenteuern. Auch hier begriff er den Berg als sinnerweiternd. Wer auf einem Gipfel stehe, sehe mehr, schrieb er. Und das selbstverständlich nicht nur im rein physikalischen oder geografischen Sinn. Als er den Everest bestiegen hatte, war er beinahe enttäuscht, weil er ein so hohes, weit gestecktes Ziel erreicht hatte: „Die Utopie war Wirklichkeit geworden.“ Was er sich erwartet hatte, was er tatsächlich suchte, das wusste er wohl selbst nicht so genau, aber „mir war klar, dass der Everest nur ein Vorgipfel ist“.

Vielleicht hat Reinhard Karl den Gipfel zu diesem Vorgipfel ja gefunden. Er starb am 19. Mai 1982 in einer Eislawine, die das Zelt traf, in dem er und Expeditionsleiter Wolfgang Nairz gelegen hatten. Nairz wurde schwer verletzt, Karl war sofort tot. Als wir Halbwüchsigen ihn als unser Idol, als unseren Philosophen entdeckten, war er also schon vier Jahre nicht mehr am Leben.

 

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