Sicherheit

Orientierung im Gelände: Wo bin ich?

Wissenswertes • 24. Juli 2018
von Peter Plattner

Orientierung im Gelände: Die Sicherheitsexperten Peter Plattner und Walter Würtl verraten, wie man weiß, wo man ist – und wie man den richtigen Weg im Gelände findet.

Kletterer im freien Gelände
Foto: argonaut.pro
Kletterer im Abstieg: Steinmännchen sind ein guter Anhaltspunkt für die Wegfindung

Karte, Kompass, Höhenmesser, GPS: Diese Dinge sind zum Orientieren beziehungsweise Navigieren im Gebirge zwingend notwendig. Das stimmt – nicht ganz. Denn wie fast immer ist das Ding zwischen unseren Ohren entscheidend. Entsprechendes Wissen, Können und vor allem gesunder Hausverstand sind die wichtigsten Voraussetzungen für sicheres Bergsteigen; und auch für die Orientierung.

Verirren – Versteigen

Das Österreichische Kuratorium für alpine Sicherheit gibt an, dass im Beobachtungszeitraum vom 1. November 2015 bis 31. Oktober 2016 knapp die Hälfte (49%) aller „Wanderunfälle mit Unverletzten“ in Österreich wegen „Verirren/Versteigen“ zustande kam. Das will heißen: Wanderer haben die Orientierung verloren und benötigten – obwohl unverletzt – die Hilfe der Bergrettung. Weitere Gründe für ein solches Notfallmuster waren Erschöpfung und Wettersturz.

Diese Zahlen beziehen sich wohlgemerkt nur auf das Bergwandern und nicht etwa auf Gletscheranstiege oder Hochtouren. Obwohl es immer schwierig ist aufgrund von Statistiken nachzuvollziehen was tatsächlich geschehen ist, zeigt diese eindrucksvolle Zahl doch sehr deutlich, welche Rolle Orientierung im Gelände spielt.

Bergsteiger im Gelände
Foto: argonaut.pro
Bergsteiger im Gelände: Letztes Jahr befanden sich in Österreich 400 Wanderer in einer Notsituation, weil sie die Orientierung verloren haben

Tourenplanung und Orientierung

Wie leicht man vom richtigen Weg abkommt oder nicht, hängt nicht zuletzt mit der Tourenplanung zusammen. Um Navigieren zu können muss nebst Ausgangspunkt auch das Ziel bekannt sein – und der Weg, auf welchem man dieses erreichen möchte. Natürlich macht es einen Unterschied, ob etwa die Hütte über einen prominent beschilderten Forstweg erreicht wird oder über einen kaum markierten und selten begangenen Steig, bei dem eine Abzweigung nicht verpasst werden darf.

Entsprechend gilt es sich vorzubereiten: Auf dem breiten Weg, der direkt zur Hütte führt, werde ich mir kaum Sorgen machen müssen und weder Karte noch GPS-Track benötigen. Beim versteckten Steig muss ich mir merken, wo die Abzweigung sein wird, notiere eventuell die entsprechende Höhe und gleiche sie regelmäßig mit dem Höhenmesser ab. Ich beschäftige mich ganz einfach mit dem Anstieg und möglichen Orientierungsentscheidungen, die auf mich zukommen. Allerdings kann man sich auch auf gut markierten Wegen verlaufen, heißt: vom Weg abkommen, weil man beispielsweise eine falsche Abzweigung erwischt hat. Das passiert oft, wenn die Sichtverhältnisse schlecht sind oder es finster wird. „Sie wurden von der Dunkelheit überrascht“, liest man dann. Höflich formuliert: Das ist Schwachsinn. Wann – abhängig von der Jahreszeit etwas früher oder später – die Sonne untergeht ist bekannt und muss im Rahmen der Tourenplanung berücksichtigt werden – Stichwort: realistische Zeitplanung und regelmäßige Checks.

Gewitterwolken und Dämmerung: Orientierung im Gelände
Foto: argonaut.pro
Gewitterwolken und Dämmerung: Glücklicherweise weist ein Steinmännchen den richtigen Weg

Um in der Dunkelheit nicht vom Weg abzukommen, ist es hilfreich eine Stirnlampe zur Hand zu haben. Nicht ohne Grund zählt sie zur Standard-Notfallausrüstung. Besonders sommerlicher Schneefall bei Wetterumstürzen muss berücksichtigt werden: Viele Wegmarkierungen verschwinden dann schnell einmal unter der dünnen Schneedecke. Im Zweifelsfall gilt: Lieber rechtzeitig umdrehen als orientierungslos weiterzulaufen! Steinmännchen haben gegenüber Markierungen den Vorteil, dass sie als Wegweiser auch noch bei Schneefall sichtbar bleiben.

Orientierung im Gelände: Schneefall
Foto: argonaut.pro
Bereits wenige Zentimeter Schnee reichen und schon verschwinden die Markierungen unter der Schneedecke

Augen auf

Die oberste Devise im Gelände lautet: Orientiere dich an „natürlichen“ Punkten, um zu wissen, wo du dich gerade (im Raum/Gelände) befindest. Das müssen keine präzisen Koordinaten- oder Höhenangaben sein, vielmehr geht es darum permanent mitlaufen zu lassen, wo man sich in Relation zum Ausgangs- und Zielpunkt befindet. Das nennt man auch Orientierungssinn und der kann trainiert werden, indem man bewusst alle Informationen aufnimmt und in seiner „virtuellen Karte“ verknüpft und abgleicht. Klingt geschwollen, ist aber einfach und macht Spaß. Im Detail heißt das zum Beispiel:

  • Am Vorabend informiere ich mich über die Tour im Führer und auf einschlägigen Tourenplattformen und merke mir relevante Abschnitte. Eventuell mache ich mir auch ein paar Notizen dazu.
  • Am Ausgangspunkt steht unter Umständen eine übersichtliche Panoramakarte, die mein „Bild“ bestätigt und einige neue Infos bringt – zum Beispiel: dass meine Wegabzweigung direkt hinter einer Brücke ist, dass es einen Aussichtspunkt namens „Teufelskanzel“ gibt, ...
  • Unterwegs achte ich auf Wegweiser und ihre Zeitangaben/Wegnummern und präge mir markante Geländepunkte ein.
  • Auch wenn mein Ziel nicht sichtbar ist, versuche ich die direkte Richtung zu ihm abzuschätzen.
  • Ich schätze die Zeit zum nächsten markanten Punkt und vergleiche meine Schätzung dann mit der tatsächlichen Gehzeit.
Wanderer vor Panoramakarte
Foto: argonaut.pro
Wanderer vor Panoramakarte: Tolle Übersicht mit zusätzlichen Informationen und wertvolle Ergänzung für die Orientierung
Wegweiser im Gelände
Foto: argonaut.pro
Wegweiser im Gelände bestätigen beziehungsweise ergänzen die „virtuelle Karte“ in unserem Kopf

Es geht also darum aufmerksam und bewusst wahrzunehmen, wo man sich gegenwärtig im Gelände befindet und auf die Frage „Wo sind wir?“ beispielsweise antworten zu können: Auf dem Weg Nummer 47 von Hinterau zur Berglerhütte, rund 30 Minuten vor der Teufelskanzel am Bach, der direkt von der Hütte hinunter fließt.

GPS und digitale Karten

Natürlich: Das GPS-Modul im Smartphone zeigt mir in der heruntergeladenen Karte (auch ohne Mobilnetzabdeckung) immer auf wenige Meter genau an, wo ich mich gerade befinde. Eine geniale Sache, die auch die Navigation beim Bergsteigen grundlegend verändert hat. Es wäre dumm darauf zu verzichten, sind exakte Koordinaten doch auch bei einem Notfall für die Bergrettung eine große Hilfe. Allerdings gilt es hier aus der Fülle von Anbietern jene  Apps/Karten herunterzuladen, die wirklich hilfreich sind und „Outdoor“ auch entsprechend bedient werden können. Das braucht im Übrigen einiges an Auseinandersetzung und Know-How – womit wir wieder beim Ding zwischen den Ohren wären.

Ebenso dumm wäre es aber auch sich alleine auf das Telefon zu verlassen, denn wie bereits erwähnt: Man benötigt ein funktionierendes Smartphone (Akku) mit GPS-Modul und für die Navigation heruntergeladene digitale Karten (oder eine datentaugliche Mobilfunkverbindung). Das Ganze ist ein super Backup, das man ebenso regelmäßig wie die analoge Karte verwenden sollte, um in Übung zu bleiben – idealerweise, um seinen natürlichen Orientierungssinn zu überprüfen. Es macht Spaß in der Gruppe zu bestimmen, wo man sich genau auf dem Weg/in der Karte befindet oder in welcher Richtung der Parkplatz liegt, etc. – und das dann mit dem GPS zu überprüfen. So übt man beides: den natürlichen Orientierungssinn und die Navigation mit dem GPS – eine ideale Verbindung aus dem Besten beider Welten.

Orientierung: Bergsteiger im freien Gelände
Foto: argonaut.pro
Bergsteiger im freien Gelände: Man nutzt gute Übersichtspunkte, um das Ziel (die Muttekopfhütte rechts oben) und den besten Weg dorthin zu bestimmen

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