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Bergwelten Event

Mit Gerlinde Kaltenbrunner am Totenkirchl, oder: Was ein gutes Leben ausmacht

von Simon Schöpf

Mit Gerlinde Kaltenbrunner richtiges Atmen, Yoga und vegane Ernährung erleben, außerdem fast nebenbei auf das Totenkirchl im Wilden Kaiser steigen: Von unserem Bergwelten-Event haben wir drei Lektionen und eine Bergtour für die Ewigkeit mitgenommen.

am Totenkirchl Wilder Kaiser
Foto: Simon Schöpf
Die Bergwelten-Truppe glücklich am Gipfel des Totenkirchl im Wilden Kaiser
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„Auf was freust du dich heute? Was macht es aus, ein gutes Leben zu führen? Was hat die Welt davon, dass es dich gibt?“ Es sind nicht gerade die banalsten Fragen, mit denen wir – knapp zwanzig Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieses Bergwelten-Events – in den Tag starten. Aber vielleicht die wichtigsten. Yogi Manfred Jericha leitet uns durch eine sanfte Pranayama-Einheit, während Gerlinde Kaltenbrunner, Extrem-Bergsteigerin, Yogalehrerin und dessen Lebenspartnerin, behutsam Korrekturen bei den Übenden durchführt. Idyllischer als auf der Terrasse der Angerer Alm am Kitzbüheler Horn in der Region St. Johann in Tirol könnte ein Sonnenaufgangs-Setting nicht sein: Sanftblaue Berg-Silhouetten bieten den optischen Rahmen, während Kuhglocken für den Hintergrund-Sound sorgen und die Morgensonne vom Himmel strahlt.

Gute Seelen: Gerlinde Kaltenbrunner und Manfred Jericha
Foto: Simon Schöpf
Gute Seelen: Gerlinde Kaltenbrunner und Manfred Jericha

Gerlinde Kaltenbrunner hat als erste Frau alle 14 Achttausender ohne zusätzlichen Sauerstoff bestiegen. Wer mit Gerlinde, Bergwelten und Schöffel in den letzten Jahren den Großglockner oder den Ortler besteigen durfte, weiß außerdem, dass sie sich auf ihren Expeditionen himalayaerprobtes Wissen rund um Ernährung, Körperarbeit und die richtige Atmung aufgebaut hat. Einblicke in diese Schatzkiste, also in Gerlindes Welt, zu bekommen, stand bei diesem Event im Mittelpunkt. Das Gelernte sollten die Teilnehmerinnen und Teilnehmern dann bei einer Besteigung des Totenkirchls im Wilden Kaiser direkt umsetzen können.

Das Totenkirchl ist auf den ersten Blick ein denkbar unnahbarer Berg. So unnahbar, dass es früher als unbesteigbar galt – und nach seiner dann doch gelungenen Erstbesteigung 1881 als „Grenze des Menschenmöglichen“. Sprich: Das Totenkirchl ist kein Wanderberg, es ist ein steiler, felsiger Koloss. Bei genauerer Betrachtung offenbaren sich jedoch drei Terrassen, drei grasige Unterbrechungen zwischen den Steilwänden. Über diese drei Terrassen muss jeder steigen, der bis zum Gipfel will. Also genau wie im Leben.

Perfektes Setting, um über ein gelungenes Leben nachzudenken: Die Angerer Alm in den Kitzbüheler Alpen

Erste Terrasse: Die gute Ernährung.

Halb sechs Uhr früh, die Sonne schenkt uns einen spektakulären Tagesstart. Der Himmel glüht goldgelb und die Wände des Wilden Kaisers strahlen rosarot. Kitschig, traumhaft. Wer zur ersten Terrasse des Totenkirchls will, der muss zuerst die Basis erklimmen: Den Weg zum Stripsenjoch. Die Basis unseres guten Lebens ist die Ernährung: Du bist, was du isst. Über Ernährung kann man mit Gerlinde lange und detailreich sprechen, genau das hat sie am Vortag auch getan. Über den Säure-Basen-Haushalt, resistente Stärke, über das Mikrobiom. Sie ernährt sich seit 14 Jahren rein pflanzlich und oft musste sie sich der Frage stellen: „Wie kannst du ohne Fleisch einen Achttausender besteigen?“. Ihre Antworten darauf überzeugend: „Die Umstellung auf pflanzliche Ernährung hat bei mir die Regeneration zwischen den Trainingseinheiten verkürzt, meinen Schlaf verbessert, die Konzentration geschärft. Mich noch mehr in meine Kraft kommen lassen“, erzählte sie uns auf der Angerer Alm am Kitzbüheler Horn, wo wir mit exzellentem veganen Essen versorgt werden. „Wir können mit so etwas ganz Einfachem wie der Ernährung so unglaublich viel bei uns verändern. Deshalb lade ich euch ein: Bleibts neugierig, geht’s aus eurer Komfortzone heraus, probiert’s aus.“ Und dann der Nachsatz, der für sie eine ungeheure Bedeutung hat und der in ihrem oberösterreichischen Dialekt ganz besonders charmant kommt: „Einfach amal einig’spiarn in euch.“

Eine gute Möglichkeit zum „Einig’spiarn“ bekommen wir am Weg zum Stripsenjoch, unsere neuen Komperdell-Stöcke als stützende Begleiter. Bereits nach zwei Tagen der gesunden veganen Ernährung fühlen wir uns leicht, frisch und motiviert. Vorbei am überdimensionalen Fels-U der Steinernen Rinne baut sich das Totenkirchl immer noch steiler und mächtiger vor uns auf, je näher wir ihm kommen. Von der „Strips“ aus verstehen wir dann langsam, warum der Berg bei den Alten als unbezwingbar galt: Genauso schaut er nämlich aus. Aber der Trupp an – durchwegs feschen – Kitzbüheler Bergführern, die uns für die Kletterpassagen ans Seil nehmen werden, macht Hoffnung. Oder in Gerlindes Worten: „Ihr werdets da so auffisauß’n!“

Traumhafter Sonnenaufgang auf der Angerer Alm

Zweite Terrasse: Die richtige Atmung.

Also hinauf in die Wand, ausgestattet mit Schöffel-Jacken: Wir haben uns für den „Führerweg“ entschieden, den leichtesten Anstieg auf das Totenkirchl. Ein Spaziergang ist das keinesfalls: Ausgesetzte Kletterstellen bis zum dritten Grad, verzwickte Wegfindung, 400 Meter Wandhöhe – angesichts der nackten Fakten könnten einem doch glatt die Luft wegbleiben. Aber auch für diesen Fall haben wir bereits am Vortag vorgesorgt, wir haben ausführlich über das gesprochen, was jede und jeder von uns von der Geburt an erstaunlich kontinuierlich macht: Genau, atmen!

Auch hier hat Gerlinde eine fundierte Glaubwürdigkeit. Wir erinnern uns, dass sie in der „Todeszone“, also dem Bereich über 8.000 Meter, stets ohne zusätzlichen Sauerstoff unterwegs war und immer wieder heil herunterkommen ist. Wir hören ihr also zu, wenn sie sagt: „Die meisten Menschen atmen einfach nicht richtig. Dabei haben wir das selbst in der Hand, es kostet nichts, und neben der gesunden Ernährung ist die richtige Atmung so ein Gewinn für unsere Gesundheit.“ Das lässt sich auch alles wissenschaftlich wunderbar begründen: Es geht um Stickstoffmonoxid, rote Blutkörperchen, die Sauerstoffsättigung. Der einfachste und wichtigste Ratschlag ist: „Atme durch die Nase in deinen Bauch ein und durch die Nase auch wieder aus. Immer.“

Und dieses „immer“ beinhaltet eben auch ein Bergansteigen im vertikalen Gelände, so wie wir nun, mitten im kaiserlichen Traumkalk des Totenkirchl. Zugegeben, zwischen dem ganzen Ziehen, Höhersteigen, Ausspreizen manchmal gar nicht so einfach. Aber wie alles im Leben ist dies eben auch eine Übungssache. Das lässt sich im Alltag erlernen und im Sport weiter perfektionieren. Unser Tiefblick wird eindrücklicher, je höher wir kommen. Tief durchschnaufen – aber eben durch die Nase.

Auf dem Führerweg (III) auf's Totenkirchl: Immer spannend, nie langweilig.
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Wir haben in diesen drei Tagen, die das Bergwelten-Event gedauert hat, mit Gerlinde und Manfred zwar auch einen schwierigen Felsgipfel bestiegen, aber vor allem einige Türen aufgestoßen. Türen zu neuen möglichen Lebenswegen, Türen zu mehr Gesundheit, Türen hin zu einem bewussten Leben. Was jeder einzelne von uns daraus macht, bleibt jedem selbst überlassen. Viel geschafft ist aber schon, wenn wir uns hin und wieder an eine Weisheit erinnern: „Liebe, was dir das Leben bietet“. Heute jedenfalls fällt uns allen sehr leicht, das zu sehen.

Guido Unterwurzacher von den Kitzbüheler Bergführern kennt den Weg aufs Totenkirchl bestens.
Foto: Simon Schöpf
Guido Unterwurzacher von den Kitzbüheler Bergführern kennt den Weg aufs Totenkirchl bestens.

Dritte Terrasse: Yoga oder das gelungene Leben.

Enge Kamine liegen hinter uns, senkrechte Wände, flachere Rinnen. Abwechslungsreich ist der „Führerweg“, der 1881 erstbestiegen wurde, allemal. Angekommen auf den sanften Graspolstern der dritten Terrasse ist es endgültig Zeit für eine kleine Stärkung (Gerlinde empfiehlt Trockenfrüchte für jede Tour) und ein letztes Innehalten vor dem Gipfel. Wir lassen den Blick schweifen und erinnern uns an die dritte Einheit in Punkto Lebensqualität vom Vortag auf der Angerer Alm: Yoga!

Manfred, Gerlindes Lebenspartner, weiß als Yogalehrer-Ausbildner und (passt hier einfach gut) Guru wovon er spricht, wenn er Dinge sagt wie: „Im Yoga strebt man nichts im Außen an, es geht immer nach innen. Wir wollen unsere Wahrnehmungsfähigkeit heben, um unser Leben tiefer zu spüren. Yoga, das ist ein permanenter Prozess des Loslassens. Wenn ich mein Ich auflöse, was bleibt dann übrig?“ Fragen, die einiges an Gedanken beanspruchen. Gedanken, die am Vortrag durch die sanfte Pranayama-Einheit, ein paar Asanas und die Sonnengrüße angestoßen, auch am Berg noch nachschwingen.

Geschafft! Die Bergwelten-Truppe am exponierten Gipfel des Totenkirchls

Unsere Sonnengrüße scheinen vorzüglich funktioniert zu haben, so wie gestern scheint auch heute uneingeschränkt die Sonne vom tiefblauen Himmel. Zurück zum Jetzt, noch zwei Seillängen bis zum Gipfel des Totenkirchl, auf dem exponierten Platz in 2.190 Metern Höhe sind wir schlussendlich voller Freude über das Geschaffte. Doch gleichzeitig ist uns nun auch klar, dass es hier nicht um Leistung geht, sondern um Akzeptanz und Dankbarkeit.

Wir bedanken uns bei den Partnern, die das Bergwelten-Event unterstützt haben:

Wir danken unseren Partnern!
Foto: Bergwelten
Wir danken unseren Partnern!

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