Bergführer im Portrait

Günter Karnutsch:„Das Bild des Bergführers ist antiquiert“

• 8. September 2020
von Robert Maruna

Günter Karnutsch ist Präsident des Verbands der Salzburger Bergsportführer: Mit rund 40 Jahren Berufserfahrung darf er auf ein ereignisreiches und abenteuerliches Leben zurückblicken. Wir haben mit ihm über die Faszination der Berge, Skitourengäste, die im Anzug anreisen, sowie zukünftige Herausforderungen an seinen Beruf gesprochen.

Günter Karnutsch mit einem seiner Gäste im Aufstieg auf den Gipfel des Dachsteins, Steiermark
Foto: Archiv Günter Karnutsch
Günter Karnutsch mit einem seiner Gäste im Aufstieg auf den Gipfel des Dachsteins, Steiermark

Bergwelten: Beginnen wir mit einer simplen Frage: Warum eigentlich Bergführer?

Günter Karnutsch: Die Bergführer meines Heimatorts faszinierten mich von Anbeginn. Vor allem jene, die wirklich hauptberuflich als Führer in den Bergen gearbeitet hatten. Das war irgendwie ein besonderer Schlag von Menschen.

Klettern und Skitourengehen waren damals noch eher Randsportarten, doch gerade aus diesem Grund zog es mich in diese Richtung. Als sich dann noch mein damaliger Kletterpartner zur Aufnahmeprüfung der Bergführer anmeldete, war auch in mir der Ehrgeiz geweckt. Eine erfolgreiche Ausbildung zum Bergführer gilt unter Kletterern quasi als „Ritterschlag“. In erster Linie wollte ich aber einfach mein bergsteigerisches Wissen und Können vertiefen. Nachdem ich die große Hürde des Eignungstests geschafft hatte, war der weitere Weg vorgezeichnet. Die verpflichtende Praxistätigkeit im Zuge der Ausbildung weckte dann in mir die Lust am beruflichen Führen und beeinflusste meinen künftigen Lebensweg maßgeblich.

Und diese Faszination an deinem Beruf hält immer noch an?

In meinem ehemaligen Beruf als Pädagoge lag die Herausforderung darin, erst einmal das Interesse der zu Unterrichtenden zu wecken. Die intrinsische Motivation – das Lernen aus eigenem Antrieb und Interesse heraus – wird zunehmend zur Seltenheit. Das berufliche Erfolgserlebnis als Pädagoge wird somit zunehmend zur Mangelware. Als Bergführer aber begegne ich von Anfang an hoch motivierte Menschen, die es nach Wissen und Erlebnissen dürstet! Hinzu kommt, dass der natürliche Raum der Bergwelt mein (täglicher) Büroplatz ist. Mehr kann ich eigentlich gar nicht verlangen vom Leben.

Günter Karnutsch
Foto: Archiv Günter Karnutsch
Bergführer Günter Karnutsch

Und welche Berge deiner Bürowelt besteigst du am liebsten mit deinen Gästen?

Ich habe da keine richtigen Präferenzen. Zumeist ist es gerade das aktuelle Ziel, dort ist das Erlebnis doch am intensivsten.

Aber du hast sicher einen persönlicher Lieblingsberg? Verrätst du uns auch deine drei schönsten Tourentipps aus den heimatlichen Bergen.

Wie schon gesagt, die momentane Tour ist mir persönlich am nächsten und wird somit auch am intensivsten genossen: Oft bin ich in dieser Situation davon überzeugt, dass das gewählte Tourenziel wohl eines der attraktivsten überhaupt ist. Auf der nächsten Tour scheint mir dann das neue Ziel wiederum noch attraktiver. Die Attraktivität liegt wohl in der schier unendlich großen Auswahl begründet, mit der uns gerade die heimische Bergwelt beglückt. Spontan assoziiere ich damit als Salzburger Berg- und Skiführer unbeschwertes Genußklettern am Untersberg, klassische Anstiege am Watzmann und einsame Skitouren im Nationalpark Hohe Tauern.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag in deinem Leben als Bergführer aus?

Die Morgen und Abende widme ich nahezu ausnahmslos der Büroarbeit. Der potenzielle Kunde des 21. Jahrhunderts ist es gewohnt zeitnahe Antworten auf Anfragen zu erhalten. Administrative Tätigkeiten werden somit zu einem immer größeren Bestandteil meiner Arbeit. Dabei ist meine Tätigkeit als Präsident der Salzburger Bergsportführer noch gar nicht miteingerechnet. Die eigentliche Führung am Berg kann man also fast schon als erholenden Ausgleich betrachten. Rückblickend – als Bergführer mit fast 40 Jahren beruflicher Erfahrung – wird der radikale Wandel unseres Berufsbildes in puncto Büroalltag erst so richtig verdeutlicht.

Seilbahnplatten Dachstein
Foto: Archiv Günter Karnutsch
Unterwegs am Dachstein auf den „Seilbahnplatten“

Mit rund 40 Jahren Berufserfahrung wirst du sicherlich einiges erlebt haben. Was war denn so dein skurrilstes Erlebnis mit Gästen am Berg?

Bei einem Skihochtouren-Wochenende am Großglockner – wir hatten einen zweistündigen Skianstieg zur Oberwalderhütte vor uns – warteten am Treffpunkt Franz-Josefs-Höhe die Kursteilnehmer auf mich. Zwei von ihnen hatten Reisekoffer anstelle von Rucksäcken dabei, sie waren in Straßenbekleidung und ohne jegliche Skitourenausrüstung unterwegs. Die Beiden hatten da wohl in der Ausschreibung einige Zeilen überlesen. Dass dann trotzdem noch alles klappte, ist dem Rest der Gruppe und ihrer Geduld zu danken.

Grundsätzlich muss leider festgestellt werden, dass gerade in jüngster Zeit viele früher beim Klienten als selbstverständlich vorausgesetzte Anforderungen nicht mehr gegeben sind und nun die Erwartungshaltung vor Kursantritt noch mehr im Detail hinterfragt werden muss. Wie sonst ließe es sich erklären, dass beispielsweise vermehrt Kunden ohne Schwimmbekleidung und noch dazu als Nichtschwimmer an einer Canyoningtour teilnehmen wollen...

Das Führen am Berg ist ja alles andere als ein Zuckerschlecken. Neben lustigen Geschichten passieren leider auch immer wieder unerfreuliche Geschehnisse am Berg. Was sind die Schattenseiten deines Berufs?

„Der schönste Arbeitsplatz der Welt“ klingt zweifelsohne plakativ und ist bei genauerer Betrachtung eine ständige Gratwanderung: Da treffen ungemein positiven Empfindungen in einer schier grenzenlosen Bergwelt auf der einen Seite und Leid, Schmerz und Tod auf der anderen Seite aufeinander. Ohne Zweifel arbeiten wir gerade bei schönem Wetter – hauptsächlich da sind wir ja für die Öffentlichkeit sichtbar und werden nicht selten darum beneidet. Bei Sturm, Regen und anderen Wetterunbilden kann sich die Situation allerdings ganz schnell ändern. Unfälle – für Betroffene und vor allem Angehörige meist eine Katastrophe – sind im Rahmen dieser Arbeit leider allgegenwärtig und können unmöglich ausgeblendet werden. Auch wenn wir Bergführer und die uns anvertrauten Gäste bloß eine sehr geringe Summe der Gesamtzahl der Opfer von Bergunfällen ausmachen.

In vielen Fällen ist die Gefahr am Berg für den Gast bei scheinbar optimalen Verhältnissen nicht leicht nachvollziehbar. Die stetig steigende Erwartung der Klienten, die immer mehr nach Fun und Action verlangen, bringt uns zusehends unter Druck. Dem diametral entgegengesetzt sind die motorischen Grundfertigkeiten und die physische Leistungsfähigkeit der Klienten. In Summe überwiegen aber natürlich die positiven Erlebnisse und die Bergwelt, aus der wir so viel Kraft schöpfen können.

Lodrino Canyon
Foto: Archiv Günter Karnutsch
Im Canyon in Lodrino im Schweizer Kanton Tessin

Wie lässt sich der Beruf Bergführer mit Freundschaften, Familie bzw. Partner vereinbaren?

Natürlich gibt es Ausnahmen, jedoch lautet für mich die Antwort „nur schwer“ oder „gar nicht“! Nicht umsonst sind mir persönlich über die Jahre hinweg nur ganz wenige dauerhafte Partnerschaften bekannt. Unbedingte Voraussetzungen dafür wären wohl übergroße Toleranz, grenzenloses Vertrauen und eine neue Definition von Ehe und Partnerschaft. Mit Kindern wird’s dann so richtig schwierig. Nicht zufällig fand ich mein persönliches Eheglück erst mit 60 Jahren, hielt doch meinem bergsteigerischen Ego bis dahin keine dauerhafte Beziehung stand. Wochenlange Trennung und dann in der spärlichen Freizeit erneut am Berg, welcher Partner will dies schon teilen? Sicherlich ein ernüchterndes Resümee, es dürfte aber der Realität entsprechen.

Schön zu hören, dass es letztlich doch noch geklappt hat mit dem Liebesglück. Wieviel Zeit verbringst du denn noch auf nicht-berufliche Art und Weise in den Bergen?

Selbst in der Freizeit können bei mir augenscheinlich die Berge nicht ganz ausgeblendet werden, felsige Meeresküsten sind nun einmal besser zum Klettern geeignet als ein Sandstrand! Zum Glück kann ich diese Leidenschaft heute mit meiner Ehefrau teilen und richtig genießen.

Abschließende Frage: Wie siehst du die Zukunft der Bergführer?

Unser Berufsbild war in den letzten Jahrzehnten einem stetigen Wandel unterzogen, der sich weiterhin fortsetzt. Und das ist auch gut so, denn Stillstand bedeutet Rückschritt. Das klassische Bild des Bergführers ist weitgehend antiquiert und hat längst einem neuen Dienstleiter Platz gemacht, dessen Aufgabenbereiche den aktuellen Outdoortrends Rechnung zu tragen haben. Nur so wird es den „Hauptberuflichen“ auch in Zukunft weiterhin möglich sein, von diesem Beruf leben zu können.

Die Problematik wird aber auch sein, oftmals überbordende Erwartungshaltung von Seiten des Gastes den verantwortbaren Möglichkeiten anzupassen, ohne dabei zu enttäuschen. Dass diese Dienstleistungen zurzeit in vielen EU-Ländern offensichtlich durch neu, protektionistische Gesetzen bzw. Verordnungen und Auflagen arg erschwert werden, macht die Arbeit nicht gerade leichter und stellt unsere Bergführerverbände vor große Probleme, deren Bewältigung uns viel Kraft kosten wird.

Verband der Österreichischen Berg- und Skiführer
Foto: Verband der Österreichischen Berg- und Skiführer
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