Interview

Alastair Humphreys: „Geh raus und such das Abenteuer!“

Interview • 6. Mai 2015

Alastair Humphreys ist ein britischer Abenteurer, Autor und Vortragender. Und er ist ein Experte für epische Expeditionen. Er hat vier Jahre lang mit dem Rad die Welt umrundet, ist über den Atlantik gerudert und zu Fuß quer durch Indien gegangen. Jetzt sucht er das Abenteuer vor seiner Haustüre.

„Microadventures“ (dt. Mikroabenteuer) nennt Alastair Humphreys es, wenn er dem Alltag für kurze Zeit entflieht. Die Idee fing Feuer: 2012 verlieh ihm das Magazin National Geographic dafür den „Adventurer of the Year“-Preis, in den Sozialen Medien tauschen sich tausende Fans über ihre eigenen Microadventues aus. Im Interview erzählt der Brite, wie Abenteuer mit einem Vollzeitjob zu vereinbaren sind, warum man kaum Ausrüstung braucht und wie man das innere Kind wieder findet.

Interview: Mara Simperler

Krabbenfischen
Foto: Alastair Humphreys
Es muss nicht gleich Krabbenfischen sein: Als erstes Microadventure taugt auch eine Nacht im eigenen Garten.

Bergwelten: Was ist ein Microadventure?
 
Alastair Humphreys: Ein Mikroabenteuer ist einfach ein Abenteuer. Viele Menschen glauben, das sind zwei verschiedene Dinge. Der einzige Unterschied besteht darin, nach einer Möglichkeit für ein Abenteuer zu suchen und sich nicht von irgendwelchen Einschränkungen des Alltags aufhalten zu lassen. Ein Microadventure kann ganz nahe bei deinem Zuhause sein, es muss nicht viel kosten.
 
Wann kam dir die Idee zu diesem Projekt?
 
Als meine großen Expeditionen so bekannt wurden, dass ich davon leben konnte, ein Abenteurer zu sein. Die Leute kaufen meine Bücher, ich werde für Reden gebucht. Das ist toll, aber es führte auch dazu, dass mich diese Menschen als Abenteurer behandelten und nicht mehr wie einen normalen Menschen. Ich hörte oft: „Klar, du kannst Abenteuer erleben, aber ich bin nur ein normaler Mensch.“ Das gefiel mir nicht. Ich wollte zeigen, dass jeder Mensch Abenteuer erleben kann.
 
Was braucht es, um ein Microadventure zu starten?
 
Das Wichtigste ist, sich dafür zu entscheiden und einen Tag in deinem Kalender rot anzustreichen. Es tatsächlich zu machen, ist das Schwerste. Das gilt für alles, egal, ob du auf einem Hügel übernachten oder den Mount Everest bezwingen willst.

Schlafen im Freien
Foto: Alastair Humphreys
Ein guter Einstieg: eine Übernachtung in der Natur.

Was empfiehlst du für Einsteiger?
 
Überleg dir, was dich begeistert. Das ist für jeden unterschiedlich: Manche wollen relaxen, ihren Kopf freikriegen, andere möchten den Adrenalinrush spüren und sich bewegen. Finde heraus, wofür dein Herz schlägt und dann überleg dir, was dich daran hindert, es umzusetzen. Ist es Zeitnot? Geld? Dein Fitnesslevel? Mach einen Plan der trotz dieser Hindernisse funktioniert.
 
Egal wie klein das erste Abenteuer ist, es ist der wichtigste Schritt zu großen Veränderungen. Es ist schon fast Sommer, die Tage sind länger. Was hindert dich daran, nach der Arbeit mit Rucksack und Rad in die Natur zu fahren und unter den Sternen zu schlafen? Am nächsten Morgen fährst du heim, isst ein Müsli und gehst wieder ins Büro.
 
Das ist etwas, an das du dich dein Leben lang erinnern wirst. Im Gegensatz zu all den Abenden, an denen du daheim ferngesehen hast. 
 
Ist draußen schlafen für Frauen anders als für Männer?
 
Ich denke schon, dass zumindest die Wahrnehmung eine andere ist. Viele Frauen fürchten sich mehr als Männer, alleine draußen zu übernachten. Das ist normal. Ich habe schon hunderte Male im Freien übernachtet und fürchte mich auch noch manchmal. Vermutlich, weil ich zu viele Horrorfilme gesehen habe.
 
Aber mal ganz ehrlich: Wenn ein Platz unter Tags friedlich und verlassen ist, wieso sollte sich das in der Nacht ändern? Das erste Mal fühlen sich viele Frauen sicherer, wenn sie zu mehrt unterwegs sind. Das halte ich für eine gute Idee.
 
Und was macht man mit Kindern?
 
Kinder sind unglaublich abenteuerlustig, sie lieben so etwas. Das Problem sind nicht die Kinder, sondern die nervösen und übervorsichtigen Erwachsenen. Natürlich musst du anders planen – du schränkst ein, wohin du gehst und du bringst viel mehr Essen, um deine Kinder bei Laune zu halten. Aber warum nicht einmal klein anfangen und im eigenen Garten übernachten?
 
Mikroadventures zu erleben bedeutet im Prinzip auch für Erwachsene, ihre kindliche Seite wieder zu finden und enthusiastisch und spielerisch an neue Dinge heranzutreten.

Campen
Foto: Alastair Humphreys
Nicht immer Kriterium für einen guten Schlafplatz: eine traumhafte Aussicht.

Was ist die essentielle Packliste?
 
Nehmen wir an, du schläfst auf einer Wiese, zu der du leicht gelangst, mit dem Rad, dem Zug oder einem Auto. Dann brauchst du eigentlich nur einen Schlafsack, eine Campingmatte, warme Kleidung, Wasser, ein paar Snacks und eine Taschenlampe. Diese Dinge besitzen die meisten Leute sowieso. Das einzige, was dir die Nacht ruinieren kann, ist mieses Wetter, also machen ein Biwak-Sack oder eine Plane durchaus Sinn. Aber das kostet auch so gut wie nichts.
 
Was war das beste Microadventure, das du je unternommen hast?
 
Es waren zwei, um genau zu sein. Und beide haben mit Flüssen zu tun.
 
Einmal bin ich einen Fluss entlanggeschwommen. Ich war viel langsamer als je zuvor auf einer Reise. Und ich war halb unter Wasser, also hatte ich einen ganz anderen Blickwinkel. Das ist wichtig: die bekannten Wege mit anderen Augen sehen.
 
Ein anderes Mal bin ich mit Freunden in Traktorschläuchen einen Fluss entlanggetrieben und habe an Sandbänken gecampt. Das war als Kind schon toll und es ist es auch noch als Erwachsener.
 
Und das Schlimmste?
 
Alle Nächte, die schön gewirkt haben, und in denen um elf Uhr Abends zu schütten begonnen hat. Das macht keinen Spaß.

Schwimmen im Fluss

Entdecker gehen in die Welt hinaus um etwas Neues zu finden. Was suchst du?
 
Ich fühle mich nicht als Entdecker, aber ich finde mit den Microadventures viel Neues: Ich habe gelernt, dass mein Heimatland aufregend und wunderschön ist. Ich habe gelernt, mir Auszeiten zu nehmen, auch wenn es nur eine Nacht ist. Das macht meinen Kopf frei.
 
Ich lebe in Südengland – das ist eigentlich kein Ort, an dem man die Wildnis findet. Aber auch hier kann man Abenteuer erleben – man muss gar nicht in ferne Länder reisen.
 
Was hat dich auf deinen Trips am meisten überrascht?
 
Dass ich mich nie gelangweilt habe. Ich habe dieses Projekt eigentlich für meinen Blog gestartet und dachte, es wird für meine Leser interessanter sein als für mich. Da habe ich mich gründlich geirrt.
 
Du schreibst deine Tipps für Menschen, die einen normalen Berufsalltag haben. Hast du den eigentlich selbst auch?
 
Es ist neun Uhr Morgens, ich sitze an meinem Computer und rede mit dir – beantwortet das deine Frage? Ich verbringe viel Zeit an meinem Computer, damit ein Abenteuer auch danach aussieht: Filmbearbeitung, Bücher schreiben, Fotos hochladen. Manche dieser Dinge finde ich langweilig, wie E-Mails schreiben, deswegen brauche ich diese Nächte auf einem Hügel.
 
Und jetzt mal ehrlich: Lieber ein großer Trip oder ein kleiner?
 
Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich die großen Expeditionen nicht liebe. Sie haben mein Leben nachhaltig geprägt. Aber ich habe erkannt, dass nicht mein ganzes Leben aus solchen Abenteuern bestehen muss. Microadventures geben mir das, was ich an den großen Trips liebe in kleinem Rahmen.

Es müssen nicht immer epische Abenteuer sein. Manchmal tun die aber auch gut. Wie hier in der Rub al-Chali Wüste.
Foto: Alastair Humphreys
Es müssen nicht immer epische Abenteuer sein. Manchmal tun die aber auch gut. Wie hier in der Rub al-Chali Wüste.

Mehr über Alastair Humphreys Microadventures findet ihr auf seinem Blog oder im gleichnamigen Buch.
Wer seine eigenen Alltagsabenteuer teilen mag, tut das am Besten unter dem Hashtag #microadventure .

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