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Red Bull Dolomitenmann

Andrzej Biel: „Ich bin bloß dagelegen und habe nach Luft geschnappt“

Interview • 3. November 2020
5 Min. Lesezeit
von Robert Maruna

Andrzej Biel läuft jeden Tag zu seiner Arbeitsstätte in Osttirol, dem Defreggerhaus auf 2.962 m, hinauf. Ein Höhentraining, das den Hüttenwirt und Familienvater weit gebracht hat: Beim Red Bull Dolomitenmann 2020 durfte er für das Team Hervis an den Start gehen und sich so seinen größten Traum erfüllen.

Andrzej Biel lebt, arbeitet und läuft in den Bergen Osttirols, Ziel Simonyseeberglauf, 2015
Foto: Archiv Andrzej Biel
Andrzej Biel lebt, arbeitet und läuft in den Bergen Osttirols, Ziel Simonyseeberglauf, 2015
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Bergwelten: Lieber Andrzej, beginnen wir einfach mit der naheliegendsten Frage: Wie bist du mit den Bergen erstmals in Berührung gekommen?

Andrzej Biel: Ich bin in Polen geboren und aufgewachsen, die Karpaten waren der Spielplatz meiner Kindheitstage. Die Berge waren also schon immer da und sie sind auch der Grund, warum ich vor neun Jahren mit meiner Frau nach Österreich gezogen bin: Wir wollten auf einer Berghütte leben und arbeiten. So hat es uns dann auf die Essener und Rostocker-Hütte verschlagen: Eine malerische Hütte im Maurertal in Osttirol inmitten des Nationalparks Hohe Tauern. Anfangs war es schwierig für uns hier Fuß zu fassen.

Aller Anfang ist bekanntlich schwer. Wie ist das Leben heute am Fuße des Großvenedigers?

Nach zwei Wintersaisonen auf der Essener und Rostocker Hütte habe ich mit meiner Frau die Clarahütte im Umbaltal übernommen. Als Wirtsleute haben wir dort fünf glückliche Sommersaisonen verbracht, davon zwei mit unserem Sohn. Letztes Jahr ist unsere Tochter zur Welt gekommen und seitdem leben wir unten im Tal. Ich arbeite aber immer noch sechs Tage die Woche im Defreggerhaus auf 2.962 m. Jeden Morgen laufe ich die 1.500 Höhenmeter aus dem Tal hinauf und abends wieder zurück.

Der 35-jährige Bergläufer und Familienvater Andrzej Biel vor seinem Arbeitsplatz, dem Defreggerhaus in Osttirol
Foto: Katarzyna Pawlus-Biel
Der 35-jährige Bergläufer und Familienvater Andrzej Biel vor seinem Arbeitsplatz, dem Defreggerhaus in Osttirol

Dein täglicher Weg zur Arbeit ist also gleichzeitig deine Trainingsstrecke. Was fasziniert dich so am Berglauf?

Es fühlt sich natürlich an. Ich bin in einer Zeit geboren und aufgewachsen, in der es noch keine Smartphones gab. Ich habe also meine gesamte Jugend in den Bergen verbracht. Außerdem braucht es fürs Laufen neben Laufschuhen und Sportgewand keine zusätzliche Ausrüstung, jeder Mensch kann diesen Sport jederzeit ausüben. Es gibt eigentlich keinen Grund, nicht zu laufen.

Der „innere Schweinehund“ kann einem aber schon auch zum Verhängnis werden. Fällt es dir manchmal schwer, dich für das Laufen zu motivieren?

Ja klar, an manchen Tagen kostet es auch mich Überwindung die Laufschuhe zu schnüren. Aber es dauert meist gar nicht lange, dann strotze ich wieder vor neuer Energie und Tatendrang.

Bei meinen Trainingsrunden versuche ich immer neue Wege zu entdecken, so halte ich meinen Geist und Körper fit. Außerdem betreibe ich viele Sportarten: Schwimmen, Mountainbiken, Skitourengehen – ich trainiere viel, aber nicht immer das gleiche.

Wie genau trainierst du denn eigentlich, wie sieht dein wöchentlicher Trainingsumfang genau aus?

Ich bin kein Profisportler, insofern ist mein Training oft sehr spontan. Seitdem ich in Österreich lebe, arbeite ich während der Saisonzeiten sehr intensiv. Selbstständig eine Hütte zu führen bedeutet, 7 Tage die Woche zu arbeiten. Oft sind dabei mehr als 450 Stunden Arbeit pro Monat zusammengekommen. In dieser Zeit konnte ich zumeist nur vor der Arbeit, also von 5 bis 7 Uhr morgens, trainieren.

Seit 2019 bin ich fest angestellt und mein Arbeitsweg von zuhause hinauf zum Defreggerhaus ist meine tägliche Trainingsdistanz. Einen Tag in der Woche nehme ich mir aber frei vom Laufen.

Und wie verbringst du diese Rasttage?

Diese Zeit gehört ganz meiner Familie. Wir sind aber nicht so gut im Rumsitzen und Nichtstun, meist sind wir an den freien Tagen draußen in der Natur und in Bewegung.

Andrzej Biel hat sich seinen Traum erfüllt und durfte für beim Red Bull Dolomitenmann für das Team Hervis an den Start gehen
Foto: www.mirjageh.com
Andrzej Biel hat sich seinen Traum erfüllt und durfte für beim Red Bull Dolomitenmann für das Team Hervis an den Start gehen

Sprechen wir nun über den Red Bull Dolomitenmann: Du hattest das große Glück an diesem Rennen teilnehmen zu können und bist mit dem „Team Hervis“ an den Start gegangen. Wie ist es dazu gekommen?

Der Red Bull Dolomitenmann war seit vielen Jahren mein größter Traum.  Als wir damals nach Osttirol gekommen sind, habe ich das erste Mal von diesem Bewerb gehört, auf den Hütten habe ich einige Menschen kennengelernt, die bereits daran teilgenommen hatten und ich, ich konnte nur davon träumen: Ich hatte nie genügend Zeit, um richtig dafür zu trainieren und einen Startplatz zu ergattern.

Als meine Frau und ich uns dann dazu entschlossen hatten, die Clarahütte zu verlassen und hinab ins Tal zu ziehen, haben wir festgestellt, dass nun die Zeit reif wäre, unsere Träume zu erfüllen. Dann habe ich auf Facebook gesehen, dass das Team Hervis nach Teilnehmern für den Dolomitenmann sucht. Da habe ich gewusst, das ist meine große Chance und habe mich sofort beworben. Als ich die Bestätigung erhielt, war ich einfach nur überglücklich.

Und wie hat es sich dann angefühlt Teil des Dolomitenmannes zu sein?

Es war mir eine große Ehre mit den weltbesten Bergläufern gemeinsam am Start zu stehen und für das Team Hervis zu laufen. Es war ein wunderschöner Tag, blauer Himmel, keine Wolken, milde Temperaturen – also perfekte Bedingungen zum Laufen. Die Stimmung am Start war allerdings sehr ernst. Für viele Profisportler war der Dolomitenmann ja auch der einzige Wettkampf in Corona-Jahr 2020. Deswegen waren auch alle sehr motiviert. Unterwegs auf der Strecke waren viele Zuschauer, die jeden gleichermaßen angefeuert haben. Es war einfach genial, ich war selten so glücklich in meinem Leben.

Andrzej auf den letzten Metern zum Ziel des Bewerbs Eleminator in Ustron, Polen
Foto: Andrzej Tomczyk
Andrzej auf den letzten Metern zum Ziel des Bewerbs Eleminator in Ustron, Polen

Glück gehört wohl auch dazu, wenn man den Dolomitenmann gewinnen will. Worin liegen denn die größten Herausforderungen während der Berglauf-Etappe?

Das Tempo zu halten. Du musst versuchen, immer gleich schnell zu laufen. Die Streckendistanz ist mit 11 km Länge eher kurz, aber es gilt dabei rund 2.000 Höhenmeter zu bewältigen. Du versuchst also ein konstantes Tempo zu laufen, dich von niemand anders überholen zu lassen und im Idealfall solltest du eigentlich alle anderen überholen (lacht).

Deine Zeit im Ziel hat 1 h 47 min 19 sek. betragen, hättest du damit gerechnet?

Vor dem Start habe ich davon geträumt unter 2 Stunden zu laufen. Mein Coach, Manuel Seibald, hat gemeint, wenn ich unter 1 h 50 min laufe, dann bin ich als Amateur schon sehr gut dabei. Er selbst hat das Rennen als bester Österreicher mit dem 9. Platz beendet. Er ist viel fitter als ich.

Er ist ja auch ein Vollprofi. Was waren deine ersten Gedanken, als du im Ziel angekommen bist?

Ich hatte keine, zumindest kann ich mich an nichts erinnern. Ich bin bloß dagelegen und habe nach Luft geschnappt.  

Dein Team hat letztlich den 43. Platz belegt, wie zufrieden bist du mit dieser Leistung?

Die Platzierung könnte natürlich besser sein, aber unser Team hat wirklich alles gegeben. Überdies war die Konkurrenz extrem stark. Nach der dritten Teildisziplin sind wir ja sogar noch auf dem 27. Platz gelegen, leider hatte unsere Mountainbike-Fahrer dann technische Probleme und mit einer Panne zu kämpfen.  So ist das aber im Sport, es kann immer besser oder schlechter sein. Ich persönlich bin sehr zufrieden.

Hast du weitere Wettkämpfe für 2021 geplant?

Momentan ist es sehr schwierig etwas zu planen. Natürlich schwirren Ideen in meinem Kopf herum und wenn es möglich ist, würde ich gerne nochmals am Red Bull Dolomitenmann teilnehmen. Ich wollte ja eigentlich noch beim Großglockner Ultra Trail starten, aber aufgrund Covid 19 wurde dieses Rennen abgesagt. Auch der Drei Zinnen-Lauf würde mich sehr reizen, aber wir müssen erst einmal sehen, was die Zukunft bringt.

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