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Die Fischer auf ihrem Weg am Ufer entlang zu den Angelspots.
Foto: Paul Kranzler
Fliegenfischen

Fliegenfischen an der Soča

• 10. Oktober 2021

Im Schutz der Berge bahnt sich die smaragdgrüne Soča ihren Weg von den Julischen Alpen bis zum Mittelmeer. Jetzt im Herbst ist die beste Zeit, um im Norden Sloweniens die Marmorata, die Königin der Forellen, zu fangen.

Achim Schneyder für das Bergwelten-Magazin Herbst 2015

Vereinzelt schleichen dünne Nebelschwaden über den erwachenden Fluss. Doch es sind nur noch einige wenige, die vorerst nicht ans Aufgeben denken. Auch der Gipfel des 2.244 Meter hohen Krn, Monte Nero mit anderem Namen, und die Gipfel der Berge ringsum sind bereits in jenes versöhnliche Morgenrot getaucht, dessen Schimmer einen prachtvollen Tag verheißt.

Die kühle Luft schmeckt nach Abenteuer und Aufbruch. „Los geht’s“, sagt Klemen. „Und bei jedem Schritt aufpassen.“ Dann überwinden sein Begleiter Lesly und er mit schlafwandlerischer Sicherheit den nicht sehr langen, aber extrem steil abfallenden und immer wieder von feinem Geröll übersäten Abhang hinunter zum Wasser.

Mitunter gilt es eben, unwegsames Gelände zu bezwingen, um an die richtig guten Stellen zu gelangen. An die Stellen mit der vermeintlichen Fanggarantie. Neben der Trittsicherheit sollte man im Übrigen auch eine gewisse Schwindelfreiheit mitbringen, wenn man die schmalen, schwingenden, hoch über dem Wasser gebauten Hängebrücken aus Holz überquert, die einen ans jeweils andere Ufer bringen.

Der Angler im türkisen Wasser wirft die Rute aus.
Foto: Paul Kranzler
Meister seines Faches: Der Niederländer Lesly Janssen verliebte sich vor vier Jahren in die Soča und beschloss, für immer hier zu bleiben.
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Die hohe Kunst des Angelsports

Vor gut einer Stunde, als das Schwarz der Nacht langsam an Kraft verlor, haben wir Klemen Čibej in seinem Geschäft im verträumten Zentrum des kleinen Ortes Kobarid getroffen. Gemeinsam mit drei Freunden, darunter Lesly Janssen, hat er es im Frühjahr 2013 eröffnet: „Soča Fly“ – ein Fachgeschäft für Fliegenfischer.

Heute gilt der kleine Laden als beliebter Treff- und Ausgangspunkt für all jene, die an die Soča und ihre Nebenflüsse kommen, um dieser hohen Kunst des Angelsports nachzugehen. Oder sie zu erlernen. Etwa mit einem wie Klemen als Guide, der schon als kleiner Bub das Fliegenfischen regelrecht in sich aufsog.

Oder mit Lesly. Der stammt aus den Niederlanden, ist aber ob seiner Liebe zur Fischerei bereits vor Jahren an der Soča  heimisch geworden und ebenfalls ein wahrer Meister seines Faches. Hier in Slowenien heißt der Fluss Soča, auf italienischem Boden Isonzo.

Und spätestens dann, wenn der italienische Name fällt, wird einem auch die von Kriegsgräueln geprägte Geschichte dieser Region bewusst. Kobarid beispielsweise galt während des Ersten Weltkriegs als einer der Brennpunkte der blutigen Isonzoschlachten. Insbesondere der zwölften, der Schlacht von Karfreit 1917.

Im darauffolgenden Jahr wurde der Ort von der italienischen Armee besetzt und fiel durch den Vertrag von SaintGermain 1920 an das Königreich Italien. Während des Zweiten Weltkriegs war Kobarid von September bis November 1943 unter der Kontrolle der Tito-Partisanen, ab Mai 1945 abermals. 

Fliegenfischen

Nach dem Pariser Friedensvertrag von 1946 gehörte Kobarid dann endgültig zum ehemaligen Jugoslawien. „Man sieht heute noch zahlreiche gut erhaltene Befestigungsanlagen im Verlauf unseres Tals. Sie sind die stummen Zeugen einer schrecklichen Zeit“, sagt Klemen und steigt in seiner Wathose, die ihm bis zur Brust reicht, ins smaragdgrüne Wasser.

Elegant und geschmeidig lässt er den künstlichen Köder an der Rute nur wenige Zentimeter über der Wasseroberfläche gleichsam umherschwirren und schließlich auf ihr zu liegen kommen. Exakt dort, wo er eine Forelle vermutet. In einer sogenannten Gumpe, einer Stelle am gegenüberliegenden Ufer, wo das Flussbett ausgewaschen und daher tiefer ist und die Fließgeschwindigkeit des Wassers weniger hoch. Tatsächlich schnappt ein Fisch innerhalb von Sekundenbruchteilen nach dem Köder. 

Den Drill, das Müdemachen des Fangs, erledigt Klemen mit all seiner Routine. Schließlich nimmt er die prachtvolle Regenbogenforelle vom Haken und entlässt sie wieder in die flutende Freiheit. Unverletzt, wie Klemen betont, denn gefischt werden darf hier ausschließlich mit Haken ohne Widerhaken.

Wie sie überhaupt recht streng sind, die Gesetze an und in der Soča, die in zwei Angelreviere unterteilt ist. EinemRevier, genannt „Catch & Release“, darf man überhaupt keine Fänge entnehmen, dem anderen maximal drei pro Angelkarte und Tag, nur ein Fisch darf dabei größer sein als 50 Zentimeter.

Die Königin der Salomiden

Die Soča ist seit jeher extrem gut bestückt. Regenbogenforellen mit einem Mindestmaß von 24 Zentimetern und einer Fangzeit, die am 1. April beginnt und am 31. Oktober endet, sind in reichhaltigen Beständen vorhanden. Genauso die Bachforellen, die zur selben Zeit gefangen werden können und ein Mindestmaß von 26 Zentimetern haben müssen.

Äschen dürfen nur vom 16. Mai bis zum 31. Oktober entnommen werden und müssen mindestens 45 Zentimeter messen. Die „Königin“ unter den hier beheimateten Salmoniden ist allerdings die Marmorataforelle, die marmorierte Forelle. Maximal eine darf man pro Tag entnehmen, und das nur bis zum 30. September.

55 Zentimeter muss sie groß sein. Durch ihre Musterung kann man sie sehr leicht von anderen Forellenarten unterscheiden. „Es gibt sie ausschließlich in Fließgewässern, die in die nördliche Adria entwässern“, erklärt Klemen. Was die Marmorataforelle darüber hinaus auszeichnet, ist die stattliche Größe, die sie mitunter erreicht.

„Es sind schon Exemplare mit über 1,20 Metern gefangen worden. Sie ist nachweislich die größte Forellenart in Europa.“ Hochsaison herrscht an der Soča, die am Fuße des 2.379 Meter hohen Travnik im Mangart-Jalovec-Gebiet in den Julischen Alpen einer Karstquelle entspringt, im Juli und im August.

Blick von oben auf die Fischer im Bachbett.
Foto: Paul Kranzler
Während Klemen bereits die Kunstfiege über das Wasser sausen lässt, steht Lesly noch auf dem Felsen und macht sich ein Bild von der Lage.

„Die beste Zeit, um zu fischen, sind der September und Oktober“, sagt Klemen. Und die beste Gegend? „Alles nördlich von Kobarid – und dann in Richtung Süden das Gebiet bis nach Tolmin und Most na Soči, wo sich auch der ebenfalls sehr fischreiche Stausee befindet. In dem darf man übrigens auch  vom Ruderboot aus fischen.

Fischer aus aller Welt kommen auch zu uns, weil man mit dem Angelschein für die Soča auch in den Nebenflüssen fischen darf. In der Idrijca, der Tolminka, der Trebuščica, der Ulča und der Bača.“ Jeder dieser Flüsse hat seine Eigenarten, seine Geheimnisse, seine Vor- und Nachteile. „Man kann“, sagt Klemen, „unsere Region mit einem großen Skigebiet vergleichen, wo jeder seinen Ansprüchen entsprechend auf seine Kosten kommt.“

Nach dem Stausee wird das Tal dann immer breiter. Ab Görz fließt der insgesamt 140 Kilometer lange Fluss auf seinem letzten Drittel durch Italien und fördert auf seinem Unterlauf in der Küstenebene von Friaul große Mengen Geröll in die Adria. Außer im Sommer. Im Sommer fließt hier nur ein kleines Rinnsal.

„Ist sie nicht wunderschön?“

Inzwischen steht die Sonne hoch am Himmel, und es ist deutlich mehr los an der Soča als bei Tagesanbruch. Von den zahlreichen Fischern abgesehen rauschen immer wieder Wassersportler in Kajaks oder Schlauchbooten flussabwärts, was den Fischern zwar mitunter ein Dorn im Auge ist, womit sie sich aber abgefunden haben.

Abfinden haben müssen. Klemen und Lesly haben dem zwischenzeitlich regen Verkehr zum Trotz bereits einige stattliche Regenbogen- und Bachforellen gefangen, ehe der erste Fischzug dieses Tages seine nicht mehr unbedingt erwartete Krönung erlebt.

„Ist sie nicht wunderschön?“, ruft Klemen und hält eine Marmorataforelle in die Höhe. Keine sehr große zwar, dennoch ist die Freude riesig. „Weil es relativ selten der Fall ist, dass man um diese Tageszeit noch eine fängt“, sagt Klemen. „Im Grunde sind Marmoratas nämlich nachtaktiv.“

Deshalb legen Lesly und er nun auch eine nachmittägliche Pause ein. Am Abend wollen sie ihr Glück erneut versuchen. „Nein“, sagt Lesly, der ausgewanderte Niederländer, „Fischen wird niemals langweilig. Und die schlimmste Zeit im Jahr ist die, in der man es nicht darf.“

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