
Dörte Pietron: Portrait einer Alpinistin
Foto: Unknown

Ihren Freiheitswillen spürt man schon, wenn man mit ihr einen Termin vereinbaren will: Profibergführerin und Spitzenalpinistin Dörte Pietron steht vor der Wahl zwischen Samstag oder Sonntag, das ganze drei Wochen im Voraus. Weil ich es ihr leicht machen will, lasse ich sie aussuchen. Ihr Problem dabei: Drei Wochen im Voraus ist völlig unklar, wie das Wetter wird. Falls nun der Tag mit dem Interview ein sonniger und der andere verregnet ist, dann kann sie an diesem anderen Tag nicht klettern. Und sie liebt die Publicity zu wenig und das Klettern zu sehr, um das leichtfertig zu riskieren. Aber dann kurzfristig absagen, umdisponieren, Sonderwünsche anmelden – das kommt bei ihr nicht infrage, das spürt man ebenfalls schon am Telefon. Verbindlich sein, zuverlässig sein: Das ist Pflicht.
„Ich plane einfach ungern langfristig“, sagt sie. „Wenn der Alpenverein mich für bestimmte Kurse buchen will, dann muss ich mich natürlich trotzdem ein halbes Jahr im Voraus festlegen oder noch länger. Schrecklich!“ Sie lacht verlegen, weil ihr klar ist, wie luxuriös diese Freiheit auf andere wirken muss. Das alles bringt sie ja auch noch mit der großen Liebe unter einen Hut: Mit dem Spitzenbergsteiger Rolando „Rolo“ Garibotti lebt sie die Hälfte des Jahres in Südtirol und die andere Hälfte in Patagonien, seiner argentinischen Heimat. Den Sommer in Europa, den Winter im Süden – was vom Rhythmus ein bisserl an Rentner erinnert, die zum Überwintern an die Costa Brava fliegen, ist bei ihr ein Lebensentwurf, auf den sie spät, aber mit äußerster Geradlinigkeit zusteuerte.
Die dunkle Seite der Berge lernte sie dabei empfindlich früh kennen: Ihr damaliger Freund starb während einer Skitour in einer Lawine. Zum Verlust kam hinzu, dass sie die Berge ja gerade erst als ihren Ort des Glücks entdeckt hatte. Die Berge aufgeben? Nein, sie hatte ja immer gewusst, dass etwas passieren kann. Einfach weitermachen? Das ging natürlich auch nicht.
Ihre Lösung: Sie ging allein auf Skitouren, um sich mit dem Geschehen und den Erinnerungen auseinanderzusetzen – ebendort, wo Lawinen abgehen können. Natürlich war das gefährlicher als zu zweit, aber fertigwerden mit dem Geschehenen musste sie ja auch allein.
Sie schloss das Studium mit einem Diplom in Physik ab und wäre nun eigentlich gern in die Forschung gegangen. Mit der vielen freien Zeit am Fels wäre es in so einem High-End-Job allerdings vorbei gewesen. Es gab nur eine Entscheidung, und die traf sie schnell: „Als Bergführer kannst du so wenig arbeiten, wie du willst.“ Rund vierhundertfünfzig Bergführer gab es damals in Deutschland, unter ihnen fünf Frauen – bald war es eine mehr. Sie hatte richtig entschieden: Sie war frei. Sie war glücklich. Und sie kletterte, so viel es ging.
Die unverzichtbare Exotin

Auf dem Torre in Patagonien war Dörte selbst bereits zweimal und viermal auf dem davon nicht weit entfernten Fitz Roy, 2010 hat sie beide Gipfel innerhalb einer Woche bestiegen. Die „Schweizer Führe“ an der Westlichen Zinne kletterte sie „on sight“, also ohne Herumprobieren im ersten Versuch.

Der Interkontinentalumzug
In Südtirol haben Dörte und Rollo eine kleine Wohnung in Davare gemietet, einem Neun-Häuser-Nest im Herzen der Dolomiten. In El Chaltén, dem Talort der Fitz-Roy-Gruppe, haben sie ein Häuschen gekauft – mit winzigen sechsunddreißig Quadratmetern. Der Komfort notgedrungen klein, die Freiheit ganz groß: Dörte Pietron hat ihren Weg ins Glück gefunden.

Zur Person
- DÖRTE PIETRON, geboren 1981 in Heidelberg, ist Diplomphysikerin und Profibergführerin.
- Zweimal stand sie auf dem Cerro Torre in Patagonien, einem der schwierigsten Berge der Welt. Seit sechs Jahren leitet sie den DAVFrauenkader, ein Ausbildungsprogramm für junge Bergsteigerinnen.
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