Bergwaldprojekt

Anpacken in der Idylle

Reportage • 2. Juli 2015
von Mara Simperler

Um im Rahmen eines Bergwaldprojektes Steine zu schleppen oder Latschen zu schneiden, nehmen viele Menschen extra Urlaub. Wieso tun sie sich das an?

Am Ende des Tages werden sie sagen, dass es das alles wert war. Das Steine schleppen. Das ständige Bücken. Die nassen Füße.

Klick-klack macht es, wenn Jörg Brederlow wieder einen Stein auf den Haufen wirft, der schön langsam inmitten der Gruppe anwächst. Immer wieder dieselbe Bewegung. Steinbrocken aufheben, zum Haufen gehen, werfen, klick-klack.

Bergwaldprojekts Schwarzensteinkees
Foto: Mara Simperler
Die Gruppe des Bergwaldprojekts auf dem Weg zum Schwarzensteinkees .

Er ist Teilnehmer am Bergwaldprojekt des Österreichischen Alpenvereins, das den Erhalt der Bergumwelt fördert. Gemeinsam mit etwa zehn anderen Freiwilligen verbringt er die Woche im Hinteren Zemmgrund, um rund um die geschichtsträchtige Berliner Hütte die Almlandschaft zu pflegen. Der Jüngste ist 24, die Älteste Jahrgang 1939. Jörg Brederlow ist von Beruf Krankenpfleger an der Charité, ein echtes Berliner Urgestein,  „Genau wie die Hütte.“ Um hier am Schwarzensteinkees Steine zu schleppen, hat er sich freigenommen, genau wie viele andere Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Projektes. Wieso tun sie sich das an?

„Ich bin hier, weil ich der Natur etwas zurückgeben will“, sagt Jörg Brederlow.

„Die Arbeit geht hier oben nicht aus“

Der Tag hat früh begonnen für die Gruppe, wie jeder Tag hier oben. Um sieben Uhr morgens haben sie beim Frühstück im urigen Speisesaal der Berliner Hütte besprochen, was heute ansteht: Latschen umschneiden, Wege sanieren und eben – Steine klauben. Als die letzten Brote verdrückt sind, machen sie sich auf den Weg.

Hans-Peter Pendl, der Pächter der Alm rund um die Berliner Hütte, begleitet die Gruppe, die am Schwarzensteinkees Steine aufräumen soll. Für ihn ist es eine Premiere, zum ersten Mal helfen ihm Freiwillige des Bergwaldprojektes, um die Kulturlandschaft der Alm zu erhalten. Durch die Entfernung von Latschen und Steinen wird mehr Weidefläche geschaffen und auch der Artenreichtum gefördert. Bisher ist er sehr zufrieden: „Wir haben vierhundert Schafe, Haflinger und Kühe hier oben. Alleine ist es fast nicht möglich, die gesamte Fläche zu bewirtschaften. Für das Gebiet kann gar nichts Besseres passieren als diese freiwilligen Helfer. Die Arbeit geht uns hier oben nicht aus.“

Berliner Hütte
Die Berliner Hütte (2.044 m) ist keine Hütte, sondern ein denkmalgeschützter alpiner Prachtbau aus einer anderen Zeit. Eine Burg zum Schutz seiner Bewohner vor der Kraft und Energie des Wetters in dieser Höhe. Und ein von Menschenhand geschaffenes Abbild eines Zillertaler Gipfels, für die Ewigkeit gebaut. In der Erschaffung der Berliner Hütte steckt auch der Eroberungswille, der alpine Pioniere auszeichnet. In dem Schutzhaus beschleicht einen das Gefühl, dass man in den Gängen, beim Abendessen oder Frühstück jederzeit auf Hans Dülfer, Paul Preuss, Anderl Heckmair oder Hermann Buhl treffen könnte. Die Berliner Hütte steht auf der Schwarzensteinalm im oberen Zemmgrund in den Zillertaler Alpen. 1879, bei der Eröffnung, stand das Haus nahe der Gletscherzungen von Hornkees und Waxeggkees. Die beiden Gletscher zogen bergwärts. Über Zemmgrund, Berliner Hütte und das vergängliche Gletscher-Eis wachen, wie seit ewigen Zeiten, Dreitausender wie der Große Möseler, Turnerkamp, Rossruggspitze, das Schönbichler Horn, Furtschaglspitze und die Hornspitzen mit der Berliner Spitze zuoberst. Das Haus ist natürlich Ziel und Raststation von bergaktiven Menschen jeder Art, wie Hochtouren-Gehern, Kletterern, Ein-Tages- und Weitwanderern, die etwa auf dem Berliner Höhenweg unterwegs sind, sowie Ski-Bergsteigern und Schneeschuhwanderern. Es sollte aber auch Ziel von Menschen sein, die Berg schauen und aus der Distanz spüren wollen. Und Menschen, die Alpinhütten-Geschichte in sich aufsaugen wollen, die sich für die architektonische Beschaffenheit von Schutzhäusern begeistern können, sollten erst recht auf die Berliner Hütte gehen.   brightcove.createExperiences();
Geöffnet
Jun - Sep
Verpflegung
Bewirtschaftet
Die Geräuschkulisse bei der Arbeit: Wasserrauschen

Der Weg von der Hütte zum Fuße des Gletschers gleicht einem Freilichtmuseum für Flora und Fauna. Mächtig ragen die Berggipfel rund um den Taleinschnitt auf, noch immer sind ihre Hänge weiß vom Schnee. Hinter einem Stein huscht ein Murmeltier zurück in den Bau, auf den Berghängen stehen Steinböcke, am Boden wachsen Meisterwurz, Schusternägele, Enzian aber auch unzählige Latschen. „Die gehören weg“, sagt Hans-Peter Pendel. Werden die grünen Nadelbäume nicht regelmäßig zurückgeschnitten, breiten sie sich wild aus und zerstören so den Lebensraum für all die kleinen Blumen und Gräser, die den Artenreichtum des Almgebiets ausmachen.

Eine zweite Gruppe des Bergwaldprojektes ist deshalb seit Tagen damit beschäftigt, eine Schneise unter der Materialseilbahn zu schwenden – so nennt man das Entfernen der Latschen. Hans-Peter Pendel und der Pächter der Berliner Hütte, Rupert Bürgler, haben mit der Motorsäge die größeren Stämme abgesägt. Jetzt knipsen die Helfer mit großen Zangen kleinere Äste ab.

Anita Gansfuss hat schon an 18 verschiedenen Bergwaldprojekten teilgenommen – in Sölden, auf der Höttinger Alm, im Großen Walsertal und sogar in Amrun an der Nordsee. Mittlerweile ist die energische Frau eine der Gruppenleiterinnen hier. „Als ich das erste Mal teilgenommen habe, hatte ich zu viel Resturlaub und Reisen war mir schon zu langweilig. Ich wollte meine Freizeit sinnvoll verbringen“, sagt sie.

Sie hat schon so ziemlich alle Aufgaben gemacht, die bei einem Bergwaldprojekt anstehen: Aufforsten, Schlagräumung, Wege sanieren, oder eben Latschen wegräumen, so wie jetzt.

Die Freiwilligen helfen
Foto: Mara Simperler
Die Freiwilligen helfen, die Alm steinfrei zu machen

Harte Arbeit, gute Laune

Alle hier wirken gut gelaunt, und das, obwohl die ersten zwei Arbeitstage ziemlich verregnet waren. Und auch inmitten einer idyllischen Kulisse ist Steine klauben und Latschen beseitigen harte Arbeit. „Das relativiert sich durch die gute Unterkunft und alles in allem macht in dieser Landschaft zu arbeiten einfach Spaß“, sagt Klaus Wiest, der beim Steine schleppen mit anpackt. Mittlerweile ist der Haufen beinahe zu einer Mauer angewachsen.

Die Gruppe am Schwarzensteinkees scherzt miteinander, im Hintergrund läuft eine kleine Herde Haflinger durch den Bach, über all dem thront der mächtige Gletscher. Hier hört man nichts außer dem Plätschern des Wassers und das Klacken der Steine. Man merkt in so einer Umgebung, dass man Teil des großen Ganzen ist, aber in Wahrheit zählen hier schlussendlich die kleinen Dinge.

„So ein kleines Areal freizulegen, schafft auch ein sichtbares Erfolgserlebnis. Das macht es aus am Ende des Tages“, sagt Klaus Wiest, „Und vielleicht steht unser Steinaltar ja in dreißig Jahren auch noch hier.“

Am Ende des Tages zählen die Blicke zum Gletscher. Das Pfeifen der Murmeltiere. Die Natur. Das ist es, was sie verbindet.

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