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Wolfgang Nairz bereitet den Ballon vor.
Foto: Sebastian Stiphout
Ballonfahrt

Die schwebende Veranda

• 21. Oktober 2021

Schach spielen in der Luft: über die eleganteste Möglichkeit, die Alpen zu überqueren. Eine Ausfahrt im Heißluftballon mit Mount-Everest-Pionier Wolfgang Nairz.

Markus Honsig für das Bergweltenmagazin Jänner 2016

Ballonfliegen ist ein umständlicher und langweiliger Sport. Wenn man sich mit wenigen Worten viele Feinde machen will, wäre das der perfekte Einstiegssatz in diese Geschichte. 

Dieser Satz ist natürlich auf mehreren Ebenen falsch. Richtig ist aber auch, dass er viele Missverständnisse rund um den Heißluftballon kompakt zusammenfasst. Davon später.

Der Heißluftballon im Startvorgang.
Foto: Sebastian Stiphout
Feuer frei: Mit zwei bis vier Meter pro Sekunde steigt man auf, 2.000 Meter Höhe erreicht man also in rund 15 Minuten.
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Zuvor nehmen wir einen neuen Anlauf, um in diese Geschichte zu kommen. Also: Wahr ist, dass man sich an einem strahlenden Hochwintertag in den Alpen kaum Schöneres vorstellen kann, als in einen Ballon zu steigen und über die höchsten Gipfel des Landes zu fahren.

Da oben, in dreitausend Meter Höhe, wird die Welt größer, werden die Menschen kleiner – eine Perspektive, die man auf Rezept verschreiben sollte, gegen Blickwinkelverengung zum Beispiel oder gegen Herzenskälte.

Weil da oben, unter den Brennern und mit dieser grandiosen Aussicht, ist noch allen warm ums Herz geworden, selbst bei Außentemperaturen von minus 20 Grad. Eben noch war rechts der Großvenediger, da taucht links schon der Großglockner auf – wobei „links“ und „rechts“ ziemlich relative Angaben sind, wenn man sich gerade im 360-Grad-3D-Panorama dreht. Dieses Erlebnis gibt’s nicht digital. Das gibt’s nur analog.

Wolfgang Nairz im Ballon

Leichter als Luft

Zurück zu den üblichen Missverständnissen. Wichtig ist: Ballone fliegen nicht, Ballone fahren. Sagen Sie also niemals „Ballonfliegen“! Niemals und in keinem Zusammenhang. Es würde Sie nicht nur Ansehen, sondern auch eine Runde Getränke kosten, mindestens.

Das hat mehrere Gründe, historische zum Beispiel: Als der erste Ballon aufstieg, 1783 in Frankreich, war das Fliegen noch lange nicht erfunden. Daher orientierte man sich von Beginn weg mehr an den Seefahrern. Außerdem definiert die Physik: Alles, was leichter ist als Luft, fährt, zum Beispiel auch ein Zeppelin. Und alles, was schwerer ist als Luft, fliegt. Keine Regel ohne Ausnahmen: Im Englischen dürfen Ballone durchaus fliegen.

Kein Missverständnis ist: Ballonfahren ist ein bissl umständlich. Erstens ist es ein Schönwettersport wie wenig andere und verlangt von den Reisenden entsprechend hohe Flexibilität in der Planung.


Und zweitens: Bis 1.200 Quadratmeter Stoff mit rund 4.200 Kubikmeter heißer Luft gefüllt sind, braucht es etwas Zeit und ein paar helfende Hände. Sobald der rund 30 Meter hohe Ballon aber in voller Pracht dasteht und man versucht, möglichst elegant in den Korb zu klettern, gewinnt das Unternehmen an Erhabenheit und Abenteuergeist gleichermaßen.

Der Pilot.
Foto: Sebastian Stiphout
Mount-Everest-Pionier Wolfgang Nairz.

„An keiner Leine ziehen“, sagt Chef­pilot Wolfgang Nairz, während wir langsam losschweben, „keine Schläuche durchschneiden. Nicht hinausspringen.“

Und damit wären wir schon bei einem zweiten Missverständnis: Ballonfahren ist nicht langweilig. Dafür ist Wolfgang Nairz der denkbar beste Zeuge. Der Mann ist das Gegenteil von einem Langweiler und einer der bekanntesten Bergsteiger und Abenteurer Österreichs.

„Mit zunehmendem Alter aber“, sagt der 71­-Jährige, „muss man darauf schauen, leichter Höhe zu gewinnen.“ Deshalb begann er schon Ende der 1980er­-Jahre mit dem Ballonfahren. Seither war er über 2.000 Stunden in der Luft, war mit dem Ballon in Kenia, Nepal oder der Mongolei unterwegs, überquerte mehr­mals die Alpen.

Zu Fuß erreichte er freilich bisher noch größere Höhen als mit dem Ballon. Wolfgang Nairz war – gemeinsam mit Robert Schauer und Horst Bergmann – am 3. Mai 1978 einer der ersten Österreicher auf dem höchsten Berg der Welt, dem Mount Everest, auf 8.848 Metern.
Was kann einen Extrembergsteiger am Ballonfahren reizen? „Keine Fahrt ist wie die andere. Und man muss sehr aufmerksam, sehr konzentriert sein. Passt man eine Minute nicht auf, verliert man auch schon an Höhe.“

Die technischen Instrumente des Heißluftballons.
Foto: Sebastian Stiphout
Was es an technischer Ausstattung braucht: Kompass und Funkgerät.

Bitte Feuer

Einen Ballon kann man nicht direkt steuern. Man kann ihn nur in die richtige Luftströmung stellen. Das verlangt eine sorgfältige Vorbereitung. „Die besten Freunde der Ballonfahrer sind die Meteorologen“, weiß Nairz aus eigener Erfahrung. Nur wenn man Windrichtung und Windgeschwindigkeiten in allen Höhenbereichen kennt, kann man Startplatz und Route für größere Ausfahrten sinnvoll planen. Und in der Luft braucht es eine gute Hand am Brenner, um dem Ballon in den richtigen Momenten Feuer zu geben.

In dieser Hinsicht ist Ballonfahren wie Schachspielen: Man sollte immer ein Stück vorausdenken, will man sein Ziel erreichen. Wie weit man am Ende kommt, ist von vielen Faktoren abhängig, von Gewicht, Windgeschwindigkeit, Höhe und Temperatur.

Die Ballonfahrt

Je höher man steigt, desto kürzer wird man unterwegs sein, weil dünnere Luft schlechter trägt. Je wärmer es ist, desto weniger weit wird man kommen, weil man mehr hei­zen muss, um den nötigen Temperatur­unterschied zwischen Außen­- und Balloninnentemperatur herzustellen.


Man braucht also ein gut ausgebildetes Sensorium für Luftströmungen und Wetterlagen: Ballonfahren mag ein Schönwettersport sein, aber Sport ist es allemal.

Die Königsdisziplin ist die Alpenüberquerung, die eleganteste Möglichkeit, im Winter über die Berge zu kommen. Nairz hat das schon mehrmals erlebt, darunter waren auch legendäre Fahrten wie 2001, als es mit mehr 160 km/h über die Berge ging, oder 2008 vor dem Sturmtief Paula, als er die Alpen in knapp weniger als zwei Stunden überquerte.

Wolfgang Nairz hat schon einiges gesehen von dieser Welt. „Am schönsten aber“, sagt er, „sind die Alpen.“ Aus einer Höhe von 3.000 Metern betrachtet, kann man ihm jedenfalls nur zustimmen.

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