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Ein gelber Heißluftballon, dahinter die schneebedeckten Alpen
Foto: Hans-Martin Kudlinksi
Ballonwandern

Ballontrekking: Die Alpen von oben erleben

• 7. September 2021

Abheben mit Familie: Im Heißluftballon kennt allein der Wind das Ziel. Und von dort wandern wir wieder zurück, ausgerüstet mit Landkarte und Kompass.

Sibylle Hamann für das Bergweltenmagazin Februar/März 2019

Und plötzlich ist es so still, dass man nur noch den eigenen Atem hört. Der Gasbrenner ist abgedreht. Keine Flamme mehr. Auch kein Motor, kein Propeller, kein Düsenantrieb, nicht einmal ein Flügelschlag. Wir hängen in einem Korb an vier Seilen. Unter uns 3.500 Meter Luft. Über uns Luft in Richtung Unendlichkeit. Ein paar Cirruswolken, dahinter wahrscheinlich irgendwo das Weltall. Da sagen dann selbst die Kinder nichts mehr.

Auch Klaus Schweiger ist ganz still geworden in diesem Moment, und das will etwas heißen, denn solange Schweiger festen Boden unter den Füßen hat, ist er ein jovialer Mann, der selten um einen flotten Spruch verlegen ist. Klaus Schweiger ist unser Pilot. Mit ein paar wenigen sicheren Handgriffen hat er den Heißluftballon samt uns hier heraufgebracht: Gasflamme an, Gasflamme aus; spüren, schauen, lauschen; ab und zu ein Blick auf den Höhenmesser, den Rest hat der Pilot im Gefühl.

Vorbereitungen für den Flug
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Die Ruhe so weit über dem Boden, sagt Klaus Schweiger, habe auch für ihn, nach mehr als 4.000 Flugstunden, noch immer etwas Besonderes. Etwas Erhabenes. Kleines wird groß, Großes wird klein, die Perspektiven verschieben sich. Man lernt dabei Ehrfurcht. Und alles, was einem eben noch vertraut erschien, bekommt, aus der großen Höhe betrachtet, plötzlich rätselhafte Züge.

Die Landschaft zum Beispiel, die sich da unter uns ausbreitet: Sanft liegt das bayerische Alpenvorland da, Hügel, Felder, dazwischen zahlreiche kleine Teiche, alles zusammengehalten von einem Netz aus Feldwegen und Straßen. Die Erdenbewohner in dieser Landschaft sind es gewohnt, kleine Fahrten zu unternehmen. Sie packen Kind und Kegel ins Auto, klappen die Türen zu, schalten das Navi ein, dann geben sie den Zielort ein und fahren los.

Für Erdenbewohner scheint es ganz normal zu sein, dass eine Fahrt immer einen Ausgangspunkt und ein klar definiertes Ende hat. Sogar jene Fortbewegungsart, die der Natur am allernächsten ist, das Wandern, mutet, aus der Vogelperspektive betrachtet, eigentümlich an. Direkt vor uns faltet sich mit schroffer Abruptheit der mächtige Alpenhauptkamm auf; genau auf dem Kamm verläuft die Staatsgrenze zwischen Österreich und Deutschland.

Auch in diesen zerklüfteten, abweisend wirkenden Felsschluchten sind Erdenbewohner unterwegs. Sie packen Rucksäcke mit Proviant und Regenschutz, studieren die Wanderkarte, entscheiden sich für eine Route, schnüren ihre Bergschuhe und gehen los. Immer höher stapfen sie hinauf, immer den Markierungen nach, die auf die Baumstämme am Wegesrand gemalt sind.

Endlich das Gipfelkreuz: Geschafft! Jause! Gipfelfoto! Und danach der Abstieg. Egal was die Erdenbewohner dort unten tun: Ein Ziel haben sie offenbar immer. Sie wissen, wo sie hinwollen. Und dann folgen sie dem Weg dorthin. Beim Ballonfahren hingegen ist dieses Grundgesetz menschlicher Fortbewegung außer Kraft gesetzt. Denn beim Ballonfahren bestimmt man gar nichts. Man steuert nicht; aus diesem Grund kann man auch nie genau wissen, wo man am Ende landen wird.

Eine Familie im Heißluftballon
Foto: Hans-Martin Kudlinksi
In der Luft: Über 2.000 Metern beginnen auch die Kinder, still zu staunen.

„Das ist eine super Therapie“, sagt Schweiger. „Für mich und auch für viele andere Menschen, die es gewohnt sind, immer lenken zu wollen.“ Der Pilot im Ballon hat kein Lenkrad. Einzig die Flughöhe kann er beeinflussen: Schaltet er die Flamme ein, geht es aufwärts; lässt er durch kleine Lüftungsklappen heiße Luft austreten, geht es abwärts. So kann er sich in Luftströmungen in verschiedenen Höhen einklinken und den Ballon in unterschiedliche Richtungen treiben lassen.

„Der Wind bestimmt, nicht du“, sagt Klaus Schweiger. „Ich kann vorher nichts ausrechnen.“ Da man mit dem Wind unterwegs ist, spürt man beim Ballonfahren weder Luftwiderstand noch Fahrtwind – selbst wenn man Geschwindigkeiten von 100 km/h erreicht. Bei Föhnwind kommt man mit dieser Technik quer über den Alpenhauptkamm. Dutzende solcher Überquerungen hat Schweiger bereits gemacht, „in dreieinhalb Stunden bist du in Venedig“, erzählt er.

Es ist die Königsdisziplin beim Ballonfahren, und weil man über 4.000 Meter hoch unterwegs ist, muss man zum Atmen Sauerstoff dabeihaben. Doch auch hier gilt: „Erzwingen kannst du nichts. Du musst warten, bis alles passt, und wenn alles passt, lässt du dich treiben.“

Bis Venedig wollen wir heute nicht. Aber wohin stattdessen? Keine Ahnung. Wer nicht nur Ballonfahren, sondern dazu noch das echte Abenteuer Ballonwandern ausprobieren will, lässt sich auf diese Ungewissheit mit voller Absicht ein. Ballonwandern ist eine Art Orientierungsübung in fremdem Gelände. Man hat Kompass und Karten dabei. Noch aus der Luft versucht man sich zu orientieren.

Die Familie wandert durch den Wald zurück zum Ausgangspunkt
Foto: Hans-Martin Kudlinksi
Mit den Routentipps von Ballonpilot Klaus Schweiger geht es zurück zum Ausgangspunkt nach Seeg.

Nach der Landung – idealerweise auf freiem Feld – sucht man auf eigene Faust den Weg zurück zum Ausgangspunkt. Noch ist die Landung jedoch weit weg. Noch schweben wir in 3.000 Meter Höhe, wo einem die Welt zu Füßen liegt, als hätte man sie eben erst selber erschaffen. Sachte lässt Klaus Schweiger heiße Luft aus dem Ballon, um uns langsam wieder zurück auf die Erde zu bringen. 

Tausend Meter: Da schauen die Bergketten noch wie abstrakte Reliefkarten aus. 500 Meter: Da werden die Ortschaften konkreter, verdichten sich zu Punkten, Linien, Bauklötzen und Kirchtürmen. Auf 300 Metern belebt sich die Szenerie, menschliche Bewegungen werden sichtbar, Spielzeugautos fahren auf den Straßen hin und her. Zwanzig Meter, dann zehn Meter: Wir freuen uns an den schönen Mustern, die sich im Eis auf den Pfützen gebildet haben. 

Indiskret schauen wir von oben in Innenhöfe, Schuppen und Scheunen hinein, wir beobachten Hühner beim Körnerpicken, der Geruchssinn setzt wieder ein und bei Höhenempfindlichen auch sanfter Schwindel. Nach der Landung sind wir wieder ganz normale Menschen.

Und jetzt gehen wir los.

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