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Vom Können und Dürfen am Berg

Philosophie • 13. Juni 2016
2 Min. Lesezeit
von Christina Geyer

Das Können ist des Dürfens Maß: Ein kurzer, knackiger Satz. Aber er ist mehr als nur ein Satz, er ist eine Maxime, die Eintrittskarte in die Berge. Inhaltlich geht er zurück auf den österreichischen Alpinisten Paul Preuß (1886-1913). Wir wollen wissen: Hat er damit recht?

Vom Können und Dürfen am Berg
Foto: Stocksnap/Cam Adams
Unterwegs in den Bergen: Man darf, was man kann?
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Preuß, der „Philosoph des Freikletterns“, schreibt in seiner Maxime mehr als nur einen Zusammenhang zwischen „Können“ und „Dürfen“ fest. Für ihn fällt am Berg beides zusammen. Anders formuliert: Nur was man garantiert sicher kann, darf man auch durchführen. Man darf, was man kann. Für die Praxis bedeutet das etwa: Klettern darf man, was ohne Risiko eines Falls zu klettern möglich ist. Wo das eigene Können nicht auf felsenfestem Untergrund steht, muss vom geplanten Vorhaben Abstand genommen werden. Falscher Ehrgeiz hat in Preuß' Augen nichts verloren am Berg. 

Allerdings ist das eigene Können kein statisch festgeschriebenes Potenzial. Es kann sich verändern – wenn etwa das „Wollen“ ins Spiel kommt. Ein fordernder Berg, von dessen Besteigung man schon lange träumt, wird mehr Kräfte mobilisieren können, als eine nur halbherzig angestrebte Unternehmung. Ja, das Dürfen hängt vom Können ab, das Können aber wiederum hat Potenzial: Es kann sich verändern. Wenn man es zulässt.

Vom Können und Dürfen am Berg
Foto: Stocksnap/Jared Erondu
Man muss auch ins Seil fallen dürfen

Bekanntermaßen lernt man durch Fehler. Wer nur tut, was er zweifelsfrei kann, verharrt im Stillstand. Das soll nicht heißen, dass waghalsige Unternehmungen und unbedachte Gipfelpläne legitim werden, nur weil sie wirklich gewollt werden. Aber: Wo das eigene „Wollen“ nicht auf die Probe gestellt werden darf, wird die Möglichkeit der Entfaltung, des Über-Sich-Hinauswachsens grob beschnitten.

Paul Preuß' Maxime stimmt – insbesondere, wo sie technisches Können adressiert. Aber: Man muss Fehler machen dürfen, um daraus zu lernen. Am Berg heißt das, dass man auch ins Seil fallen dürfen muss. Der Wille, also das, was uns etwas wirklich wollen lässt – die schweißtreibenden Wanderungen etwa oder Gipfeltouren in Eiseskälte –, er lässt uns auch besser werden. Und: erweitert den moralischen Rahmen dessen, was wir dann auch dürfen, weil wir es können.

Vom Können und Dürfen am Berg
Foto: Stocksnap/Pablo GarciaSaldaña
Das, was wir wirklich wollen, lässt uns besser werden

Unsere Lieblingszitate von Paul Preuß

  • „Mit künstlichen Steighilfen habt ihr die Berge in ein mechanisches Spielzeug umgewandelt.“
  • „In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister!“
  • „Bergtouren, die man unternimmt, soll man nicht gewachsen, sondern überlegen sein.“
  • „Das Maß der Schwierigkeiten, die ein Kletterer im Abstieg mit Sicherheit zu überwinden imstande ist (...), muss die oberste Grenze dessen darstellen, was er im Aufstieg begeht.“
  • „Zu den höchsten Prinzipien gehört das Prinzip der Sicherheit. Doch nicht die krampfhafte (...) Korrektur eigener Unsicherheit, sondern jene primäre Sicherheit, die (...) in der richtigen Einschätzung seines Könnens zu seinem Wollen beruhen soll.“

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