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Ski(hoch)touren im Frühjahr: Worauf es ankommt

Wissenswertes • 5. Mai 2021

Im Hochgebirge liegt nach den letzten Niederschlägen immer noch genügend Schnee und während einige ihre Ski bereits im Keller verstaut haben, bedeutet das heurige (späte) Frühjahr für viele den Höhepunkt ihrer Skitourensaison. Einige Punkte gilt es dabei allerdings zu beachten. Wir klären euch über die Besonderheiten von Skitouren im Frühjahr auf.

„Der frühe Vogel fängt den Wurm“, oder erwischt den besten Firn. Aufstieg am Fuße des Dent du Geant (4.013 m) in der Mont Blanc-Gruppe
Foto: mauritius images / Cavan Images / Alamy
„Der frühe Vogel fängt den Wurm“, oder erwischt den besten Firn. Aufstieg am Fuße des Dent du Geant (4.013 m) in der Mont-Blanc-Gruppe

Frühjahrs-Skitouren sind für viele Tourengeher der Höhepunkt der Saison. Während im Tal der Schnee bereits verschwunden ist, warten weiter oben fantastische Verhältnisse auf begeisterte Skibergsteiger. Im Gegensatz zum Hochwinter sind Skitouren im Frühjahr – vor allem dieses Jahr, aufgrund der tiefen Temperaturen und ergiebigen Schneefälle in den letzten Wochen – aber etwas „anders“: Es müssen besondere Verhältnisse herrschen und der Tourengeher muss sich auch etwas anders verhalten.

Firn

Was Firn genau ist und warum es so viel Spaß macht, darauf hinabzuziehen, haben wir bereits hier erklärt. Im Frühjahr ist es einfach das Größte, in perfekt aufgefirntem Schnee abzufahren. Dies ist aber nur möglich, wenn

  • die Nacht klar war und der Schnee gefroren ist, weil er ins All abstrahlen konnte, d.h. viel Wärme abgeben konnte und dadurch massiv abgekühlt ist.
  • man zum richtigen Zeitpunkt abfährt, also wenn die hart gefrorene Schneeoberfläche durch die Sonneneinstrahlung beginnt weich zu werden, aber immer noch tragfähig ist – bevor sie also durchnässt ist und man „einbricht“.
Es gibt nichts besseres als im perfekten Firn hinunter zu zischen, Wettersteingebirge
Foto: mauritius images / Bernd Ritschel
Es gibt nichts besseres als im perfekten Firn hinunter zu zischen, Wettersteingebirge

Zeitplan

Im Frühjahr muss man rechtzeitig mit dem Aufstieg beginnen, um das ideale Abfahrts-, also Firnfenster nicht zu verpassen. Das bedeutet: Früh aufstehen und meist noch im Dunkeln mit der Stirnlampe bereits losstarten. Ist man sich, was den Zeitplan betrifft, unsicher – im Zweifelsfall immer früher starten, v.a. jetzt im späten Frühjahr!

Auf dem Gipfel eine Zeit lang abzuwarten, bis der Schnee auffirnt, ist kein Problem. Ist man allerdings zu spät dran und bricht bereits knietief ein, ist dies nicht nur ein skifahrerisches Problem sondern auch eine Gefahr. 

Ein früher Aufbruch zur Skitour ist im Frühjahr unumgänglich, Lofoten, Norwegen
Foto: mauritius images / Cavan Images / Alamy
Ein früher Aufbruch zur Skitour ist im Frühjahr unumgänglich, Lofoten, Norwegen

Umdrehen

Egal, ob man nun zu spät aufgebrochen ist, die Nacht doch nicht so klar war oder es wärmer als erwartet ist – jeder muss auf Frühjahrstouren immer wieder vor dem Erreichen des geplanten Zieles umdrehen, weil die Verhältnisse einfach nicht passen.

„Rechtzeitig umdrehen“ lautet daher die Devise, was bedeutet: nicht warten, bis es gefährlich wird, sondern die Tour dann abbrechen, wenn man noch sicher zum Ausgangspunkt zurückkehren kann, ohne im durchfeuchteten Schnee abfahren zu müssen oder an exponierten Stellen von Nassschneelawinen bedroht zu werden.

Hüttenzustiege/ -abstiege

Viele klassische Stützpunkte für Frühjahrsskitouren sind nur durch lange enge Täler oder durch Hangquerungen erreichbar, die mit steigender Erwärmung massiv von Nassschneelawinen bedroht sind.

Nach der Arbeit anreisen und am Nachmittag noch schnell auf die Hütte aufzusteigen funktioniert dann ebenso wenig wie nach Ende der Tour nach Mittag ins Tal abzufahren. Das muss bei der Planung berücksichtigt werden und es empfiehlt sich beim Hüttenwirt nachzufragen, wie er die aktuelle Situation beurteilt (bzw. welche Unterkunft im Tal er für einen frühen Aufstieg empfehlen kann).

Harsch- und Steigeisen

Nicht nur zu nasser Schnee, auch hart gefrorener Firn kann im Aufstieg zum Problem werden. Nämlich dann, wenn man keine Harscheisen dabei hat und mit den Fellen keinen sicheren Halt im gefrorenen Firn findet. Aufgrund der lawinentechnisch oft stabilen Firnsituation wählt man im Frühjahr gerne steilere Anstiege und Abfahrten aus, bei denen die Folge eines Ausrutschers jedoch oft fatale Folgen haben kann.

Auch wenn kein Felsabbruch o.ä. am Hangfuß wartet – wer einen gefrorenen Firnhang hinunterrutscht, wird sich ziemlich sicher üble Abschürfungen holen. Handschuhe und bedeckte Unterarme sind deshalb immer eine gute Idee. Ab einer gewissen Steilheit und v.a. in engeren Rinnen ergibt es mehr Sinn, in gerader Linie direkt mit Steigeisen an den Füßen und den Skiern am Rucksack aufzusteigen – dass man dann für die Abfahrt ein entsprechend sicherer und guter Skifahrer sein muss, versteht sich von selbst.

Harscheisen verhindern ein abrutschen v.a. bei steilen Querungen auf hart gefrorenem Schnee
Foto: mauritius images / go-images
Harscheisen verhindern ein abrutschen v.a. bei steilen Querungen auf hart gefrorenem Schnee

Winterverhältnisse

Aufgepasst: Nur weil es Anfang Mai ist und im Tal bereits alles blüht, bedeutet das nicht, dass im Hochgebirge nicht noch tiefwinterliche Verhältnisse herrschen können. Wenn es in tiefen Lagen regnet, bedeutet das auf den Bergen unter Umständen erheblichen Schneefall: tiefe Temperaturen, stürmische Winde, schlechte Sichtverhältnisse und vor allem ein Anstieg der Lawinengefahr durch Neu- und/oder Triebschneeprobleme. Vor allem auf mehrtägigen Durchquerungen sind das entsprechende Wissen und Können sowie eine adäquate Ausrüstung notwendig.

Gletscher & Grate

Gleiches gilt in noch stärkerem Maß für Skihochtouren, also wenn man sich im vergletscherten Gelände bewegt und auch ab und zu einen Felsgrat zum Gipfel begehen muss. Wie man einen Gletscher mit Skiern richtig begeht bzw. welche Ausrüstung man benötigt, haben wir bereits thematisiert.

Skihochtouren, eventuell sogar im Rahmen einer Durchquerung von Hütte zu Hütte, verlangen die komplette Skialpinistin und zählen nicht umsonst zur Königsdisziplin im Bergsport. Gut zu wissen: Da dabei oft die 4.000 m-Grenze erreicht wird, gilt es auch das Höhenproblem bzw. eine gute Akklimatisierung zu berücksichtigen.

Mit der entsprechenden Ausbildung bzw. einem Bergführer an seiner Seite lässt sich das alles aber gut berücksichtigen und unvergesslichen Frühjahrstouren steht nichts mehr im Weg.

Interview

Was es genau mit der Lawinensituation im Frühjahr bzw. der Nassschneeproblematik auf sich hat und wie Skitourengeher darauf reagieren können, wollten wir vom Lawinenforscher Christoph Mitterer wissen. Das Interview könnt ihr HIER nachlesen.

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