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Skitouren im Frühjahr: Morgenstund hat Firn im Mund!

17. April 2018
von Peter Plattner

Im Gebirge liegt nach dem niederschlagsreichen Winter immer noch so viel Schnee wie schon lange nicht mehr. Während einige ihre Ski bereits im Keller verstaut haben, bedeutet das heurige Frühjahr für viele Skitourengeher den Höhepunkt ihrer Skisaison. Bei Skitouren im Frühjahr und im Hochwinter gilt es allerdings unterschiedliche Punkte zu beachten. Experte Peter Plattner gibt Einblick in die Besonderheiten von Skitouren im Frühjahr.

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Foto: argonaut.pro
„Der frühe Vogel fängt den Wurm“, oder erwischt den besten Firn. Aufstieg zur Weißwand in den Stubaier Alpen

Frühjahrs-Skitouren sind für viele Tourengeher der Höhepunkt der Saison. Während im Tal der Schnee durch die steigenden Temperaturen immer mehr zurückgedrängt wird, warten weiter oben fantastische Verhältnisse auf begeisterte Skibergsteiger. Im Gegensatz zum Hochwinter sind die Skitouren im Frühjahr aber etwas „anders“: es müssen besondere Verhältnisse herrschen und der Tourengeher muss sich auch anders verhalten.

Firn

Was Firn genau ist und warum es so verdammt lässig ist, darauf hinunter zu zischen haben wir hier erklärt. Im Frühjahr ist es wohl das Größte der Gefühle in perfekt aufgefirntem Schnee abzufahren. Dies ist aber nur möglich, wenn

  • die Nacht klar war und der Schnee gefroren ist, weil er bis ins All abstrahlen konnte, d.h. viel Wärme abgeben konnte und dadurch massiv abkühlte
  • man zum idealen Zeitpunkt abfährt, d.h. wenn die hart gefrorene Schneeoberfläche durch die Sonnenstrahlung beginnt weich zu werden, aber noch tragfähig ist – bevor sie also durchnässt ist und man „einbricht“
Es gibt nichts besseres als im perfekten Firn hinunter zu zischen
Foto: argonaut.pro
Es gibt nichts besseres als im perfekten Firn hinunter zu zischen

Zeitplan

Im Frühjahr muss man rechtzeitig mit dem Aufstieg beginnen um das ideale Abfahrts- d.h. Firnfenster nicht zu verpassen. Das bedeutet früh aufstehen und meist noch im Dunkeln mit der Stirnlampe starten. Ist man sich was den Zeitplan betrifft unsicher – im Zweifelsfall immer früher gehen!

Auf dem Gipfel zuwarten bis der Schnee auffirnt ist kein Problem, ist man allerdings zu spät dran und sinkt knietief in die Schneedecke ein, hat man dagegen ein richtig großes Problem.

Früher Aufbruch von der Finsteraarhornhütte, Berner Alpen
Foto: argonaut.pro
Früher Aufbruch von der Finsteraarhornhütte, Berner Alpen

Umdrehen

Egal ob man zu spät aufgebrochen ist, die Nacht doch nicht so klar war oder es wärmer als erwartet ist ­– jeder muss auf Frühjahrstouren immer wieder vor dem Ziel umdrehen, weil die Verhältnisse einfach nicht passen. Rechtzeitig umdrehen bedeutet dabei, nicht zu warten bis nichts mehr geht sondern dann, wenn man noch sicher zum Ausgangspunkt zurückkehren kann, ohne im durchfeuchteten Schnee abfahren zu müssen oder an exponierten Stellen von Nasschneelawinen bedroht zu werden.

Hüttenzu- & -abstiege

Viele klassische Stützpunkte für Frühjahrsskitouren sind nur durch lange enge Täler oder mit Hangquerungen erreichbar, die mit steigender Erwärmung massiv von Nassschneelawinen bedroht sind. Nach der Arbeit anreisen und am Nachmittag noch schnell auf die Hütte aufsteigen funktioniert dann ebenso wenig, wie am letzten Tag nach Mittag ins Tal abzufahren. Das muss bei der Planung berücksichtigt werden und es empfiehlt sich beim Hüttenwirt nachzufragen, wie er die aktuelle Situation beurteilt (bzw. welche Unterkunft im Tal er für einen frühen Aufstieg empfehlen kann).

Harsch- und Steigeisen

Nicht nur zu nasser Schnee, auch hart gefrorener Firn kann im Aufstieg zum Problem werden. Nämlich dann, wenn man keine Harscheisen dabei hat und mit den Fellen keinen sicheren Halt im Aufstieg findet. Aufgrund der lawinentechnisch oft stabilen Firnsituation wählt man im Frühjahr gerne steilere Anstiege und Abfahrten aus, bei denen die Folge eines Ausrutschers oft ein fataler Absturz ist. Auch wenn kein Felsabbruch o.ä. am Hangfuß wartet, wer einen gefrorenen Firnhang hinunterrutscht, wird sich ziemlich sicher üble Abschürfungen holen – Handschuhe und bedeckte Unterarme sind deshalb immer eine gute Idee.

Harscheisen verhindern ein abrutschen v.a. bei steilen Querungen auf hart gefrorenem Schnee
Foto: argonaut.pro
Harscheisen verhindern ein abrutschen v.a. bei steilen Querungen auf hart gefrorenem Schnee

Ab einer gewissen Steilheit macht es mehr Sinn in gerader Linie direkt mit Steigeisen an den Füssen und den Skiern am Rucksack aufzusteigen ­– dass man dann für die Abfahrt ein entsprechend sicherer und guter Skifahrer sein muss, versteht sich von selbst...

Winterverhältnisse

Obacht, nur weil es Ende April ist und im Tal bereits alles blüht bedeutet das nicht, dass im Hochgebirge nicht noch tief winterliche Verhältnisse herrschen können. Wenn es in tiefen Lagen regnet bedeutet das unter Umständen erheblichen Schneefall auf den Bergen mit allem was dazu gehört: tiefe Temperaturen, stürmische Winde, schlechte Sichtverhältnisse und vor allem ein Anstieg der Lawinengefahr durch Neu- und/oder Triebschneeprobleme. Vor allem auf mehrtätigen Durchquerungen ist das entsprechende Wissen und Können und eine adäquate Ausrüstung notwendig.

Gletscher & Grate

Gleiches gilt für Skihochtouren, also wenn man sich im vergletscherten Gelände bewegt und auch ab und zu einen Felsgrat zum Gipfel begehen muss. Wie man einen Gletscher mit Skiern richtig begeht bzw. welche Ausrüstung man benötigt haben wir bereits thematisiert. Skihochtouren, eventuell sogar im Rahmen einer Durchquerung von Hütte zu Hütte, verlangen höchste physische und psychische Konzentration und gilt nicht umsonst zur Königsdisziplin im Skialpinismus.

PS: Da dabei oft die 4.000 m Grenze erreicht wird gilt es auch das Höhenproblem bzw. eine gute Akklimatisierung zu berücksichtigen.

Auf Skihochtour im vergletscherten Gelände muss in spaltenreichen Passagen auch angeseilt abgefahren werden (Agassizhorn/Berner Alpen).
Foto: argonaut.pro
Auf Skihochtour im vergletscherten Gelände muss in spaltenreichen Passagen auch angeseilt abgefahren werden (Agassizhorn/Berner Alpen).

Mit der entsprechenden Ausbildung bzw. einem Bergführer an seiner Seite lässt sich das alles aber gut berücksichtigen und unvergesslichen Frühjahrstouren steht nichts mehr im Weg.

Was es genau mit der Lawinensituation im Frühjahr bzw. der Nassschneeproblematik auf sich hat und wie Skitourengeher darauf reagieren können, wollten wir vom Lawinenforscher Christoph Mitterer wissen. Das Interview könnt ihr HIER lesen.

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