Berg-Know-How

Perfektes Skiservice in 6 Schritten

Wissenswertes • 16. November 2017
von Siegfried Rumpfhuber

Jeder Wintersportler wünscht sich einen perfekt servicierten Ski am Fuß. Denn nicht immer drehen unsere Ski perfekt oder haben scharfe Kanten. Ein professionelles Skiservice kann da wahre Wunder wirken. Sigi Rumpfhuber hat sich angesehen, was da alles passiert.

Skiservice
Foto: Sigi Rumpfhuber
Skiservice: Zunächst erfolgt die Annahme und das persönliche Kundengespräch

Wer „Skiservice“ hört, denkt wohl in den allermeisten Fällen an scharfe Kanten, das Ausbessern von Belagsschäden und das Wachsen der Beläge. Ski unterliegen naturgemäß einem Verschleiß: Schneekristalle und Reibwirkung nutzen Kanten und Beläge ab, sodass diese mit der Zeit stumpfer und langsamer werden. Dazu kommt, dass Fremdkörper wie Steine, Staub und Holz im Schnee zu Kratzern im Belag und Kantenschäden führen.

Als Faustregel gilt:

  • Kanten sollten spätestens alle 4 Skitage nachgeschärft werden.
  • Die Beläge sollten alle 5-7 Tage nachgewachst werden.

Bei eisigen Verhältnissen oder aggressivem Kunstschnee kann die Abnutzung auch schon mal schneller passieren. Die Pflege des Equipments trägt darüber hinaus auch maßgeblich zur Unfallsicherheit bei.

Die wesentlichsten Probleme haben drei Ursachen:

  1. Unscharfe Kanten verhindern ein präzises Steuern und Bremsen.
  2. Verrostete Kanten und oxidierte Beläge (Erkennungsmerkmal: der Belag ist deutlich grau) führen zu schlechten Gleiteigenschaften – die Ski können „stocken“ und zu bösen Stürzen führen.
  3. Nicht korrekt eingestellte Sicherheitsbindungen.

Beide Faktoren – Fahrspaß und Sicherheit – werden durch regelmäßiges Service sichergestellt. Für gewisse Serviceschritte kann selbst Hand angelegt werden, meist empfiehlt sich aber der Weg zur Fachwerkstätte. Wir haben uns dort angesehen, was bei einem Skiservice passiert.


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1. Schritt: Annahme und Begutachtung

Wie beim Facharzt beginnt das professionelle Service mit einem Annahmegespräch. In der Regel stellen sich dort zwei Fragen:

  1. Was braucht der Ski?
  2. Welche Ziele hat der Kunde?

Um das zu beantworten, schaut sich der Fachmann den Ski an und überprüft, welche Schäden vorliegen. Kratzer der unterschiedlichsten Tiefe (bis hin zu den berüchtigten „Core Shots“), runde und/oder zerkratzte Kanten sowie Roststellen sind die gängigsten Problemzonen. Der echte Profi packt aber spätestens hier ein Instrument aus: Das Haarlineal. Dieses Instrument ist ein 100% gerades Lineal aus gehärtetem Stahl mit einer scharfen Messkante.

Quer über den Belag gelegt kann so im Lichtspaltverfahren festgestellt werden, ob der Belag plan ist. Im Idealfall liegt das Haarlineal bündig am Belag und es dringt kein Licht durch. Ist dies nicht der Fall, ist der Ski konvex oder konkav verbogen. Ski-Experten sprechen hier auch von „hohl“ oder „ballig“. Beides ist von der Produktionsqualität des Herstellers, aber auch vom bisherigen Skiservice abhängig. Und hier ist es tatsächlich so, dass manche – auch große – Produzenten notorisch hohle Ski produzieren. Leider schleifen auch manche Skiservicebetriebe durch mangelnde Maschinenwartung oder fehlendes Know-How plane Ski zu hohlen Skiern. Balligkeit ist ein eher selten auftretendes Problem.

Egal ob hohl oder ballig: Die Ski haben unter diesen Voraussetzungen katastrophale Lauf- und Dreheigenschaften. Für den Skifahrer fühlt es sich an, als ob die Ski nicht ordentlich drehen wollen, als ob die Schaufeln abrupt und unkontrollierbar einlenken oder auch die Skienden den Fahrer immer in Rücklage „drücken“. Hochwertiges Skiservice erkennt man daran, dass dergleichen Fehler des Materials bei der Annahme entdeckt werden. Dann nämlich lassen sich die Probleme auch direkt im Service beheben. Darüber hinaus kann der Kunde bei der Skiannahme natürlich auch spezifische Wünsche deponieren – etwa schärfere oder gutmütigere Kantwinkel, spezielle Belagsstrukturen oder besonderes Skiwachs. Insgesamt ist die Skiannahme der wohl wesentlichste Arbeitsschritt im gesamten Service. Er sollte im persönlichen Gespräch erfolgen.


2. Schritt: Vorschliff und Belagsreparatur

Der zweite Schritt im Skiservice beinhaltet immer das Reparieren von Kratzern im Belag und – bei Auftreten der oben beschriebenen Probleme – das Reparieren von konvexen oder konkaven Belägen. Am Ende sollte ein wiederhergestellter Belag im Rohzustand stehen. Dazu werden zunächst mit einer Band- oder Steinschliffmaschine grobe Matzen und Überstände plangeschliffen. Das entfernt auch allfälligen Schmutz und Rost und raut den Belag auf. So ist für den folgenden Schritt ein optimaler Haftgrund geschaffen.

Nun wird neues Belagsmaterial in die Kratzer und Löcher eingeschmolzen. Dies kann mit kleinen Handapparaten oder vollautomatisch erfolgen. Wesentlicher Unterschied zu den „Tropfstiften“ für den Hausgebrauch: Im Service wird originales Belagsmaterial bei einer definierten Schmelztemperatur in den Belag eingeschmolzen. Belag und Ausbesserungsmaterial werden auf gleiche Temperatur gebracht und gehen so eine optimale Bindung ein. Beim „Austropfen“ wird Belagsmaterial bis zum Brennpunkt gebracht und dann auf einen kalten Skibelag getropft. Darum ist es eigentlich unumgänglich, Kratzer beim Skiservice professionell reparieren zu lassen.

Nach dem Aufschmelzen werden die Ski abgekühlt, ehe grobe Überstände zunächst händisch abgehobelt und in weiterer Folge mit Schleifband oder Schleifstein plan geschliffen werden. Ist der Ski hohl, wird der Fehler hier behoben: Durch schier unzählige Wiederholungen auf der Schleifmaschine wird der Ski plan. Und zwar möglichst schonend: mit wenig Druck und in vielen Wiederholungen. Nur so wird er sanft und gleichmäßig in die richtige Form gebracht.

Skiservice: Der zweite Schritt befasst sich mit dem Reparieren von Kratzern im Belag

3. Schritt: Abrichten und Planschleifen

Der nächste Schritt findet auf Steinschleifmaschinen statt. Hier geht es nun darum, den Ski zu 100% plan zu schleifen und die Oberflächenstruktur des Belags maximal glatt zu machen. Denn das Grundprinzip des Skibelags in puncto Drehverhalten ist einfach: Je glatter, desto drehfreudiger. Schleifsteine sind daher ein Muss: Sie erzeugen im Vergleich zu Schleifbändern eine nochmals deutlich ebenere Belagsfläche. Skischleifsteine sind hochtechnische Werkstoffe. Sie erfüllen zwei Besonderheiten:

  1. Einerseits braucht es einen kühlen Schliff, da sonst Belag und Kanten verbrennen würden.
  2. Andererseits müssen Stahl (Kanten) und Kunststoff (Belag) in einem Arbeitsschritt plan geschliffen werden.

Am Ende dieses Arbeitsschrittes soll ein maximal glatter und planer Belag stehen.

Skiservice: Der dritte Schritt führt an die Steinschleifmaschine

4. Schritt: Belagsstruktur

So vorbereitet ist der Ski nun bereit für den ersten Finish-Schritt. Ähnlich wie Autoreifen ein bestimmtes Profil haben, wird nun auch für die Ski eine Belagsstruktur erzeugt. Landläufig wird von „Struktur reinschleifen“ gesprochen. Tatsächlich wird die Struktur in den Belag geschnitten. Doch warum eine Struktur in den planen Belag schneiden? Das Ziel sind möglichst optimale Gleiteigenschaften – oder eben: ein schneller und gut drehender Ski. Wer im Physikunterricht aufgepasst hat, wird sich vielleicht noch an den Terminus der Adhäsionskraft erinnern. Diese erklärt, warum manche glatten Oberflächen aufeinander haften. Zum Beispiel die Schutzfolie auf dem Display des Handys oder eben die Ski am Schnee. Das heißt: Der Skibelag soll nun eben nicht perfekt glatt sein, sondern in einer regelmäßigen Struktur unterbrochen.

Wie Schnee und Belag zusammenspielen ist eine Wissenschaft für sich – und erklärt, warum Marcel Hirscher mit 90 verschiedenen Paar Ski zur heurigen Ski-WM nach St. Moritz angereist ist. Für „Otto-Normalverbraucher“ ist das Ziel üblicherweise: Eine Struktur anbringen, die auf einem breiten Spektrum von Schneetemperatur, Schneefeuchtigkeit und kristalliner Struktur des Schnees funktioniert. Einfach gesagt: Je mehr Schnitte im Belag – und je tiefer diese sind –, desto schneller läuft der Belag auf nassem und warmem Schnee; je feiner und weniger tief die Schnitte, desto eher auf kaltem und trockenem Schnee.

Skiservice: Im vierten Schritt wird eine Struktur in den Belag geschnitten

5. Schritt: Kantentuning

Beim Thema Kantentuning sollte zunächst mit einem Mythos aufgeräumt werden. Der seitliche Kantwinkel wird immer wieder nachgefragt, frei nach dem Motto: Je spitzer, desto schärfer. Wer mit Weltcup-Serviceleuten spricht weiß aber: Selbst Weltcup-Profis sind oft nicht in der Lage, einen Kantwinkel von 86° oder 87° im Blindtest zu unterscheiden. Normalskifahrer werden dazu also schon gar nicht in der Lage sein. Der seitliche Kantwinkel per se ist somit relativ irrelevant. Logischerweise gilt zu bedenken, dass ein spitzerer Winkel (86° oder 87°) schneller verschleißt als ein eher rechter Winkel (89° oder 90°). Womit für fast alle Anwendungsbereiche ein seitlicher Kantwinkel von 88° die goldene Mitte aus Schärfe und Verschleißfestigkeit darstellt.

Selten diskutiert wird hingegen der belagseitige Kantwinkel. Dabei ist dieser im gesamten Skiservice der mit Abstand wichtigste Einzelparameter, was Drehverhalten und Kantengrip betrifft. Die Kanten müssen belagseitig leicht abhängend vom Belag geschliffen werden. Wenn die Kanten nicht abhängen und komplett plan mit dem Belag stehen, fährt der Ski geradeaus und lässt sich nicht drehen. Im Gegensatz zum seitlichen Belagswinkel wird beim belagseitigen Kantwinkel auch der Laie in der Lage sein zwischen Nuancen im Viertel-Grad Bereich zu unterscheiden. Somit sind ideale belagseitige Kantwinkel im Bereich zwischen 0,7° und 1,5° hängend. Wer mehr auf der Piste unterwegs ist, wird unter 1° fahren, für Freeride- und Tourenski kann es auch etwas über 1° sein.

Der nächste Mythos: Kanten werden händisch „besser“ geschliffen als in der Maschine. Dabei arbeitet die Maschine aber in 99% aller Fälle präziser. Am Ende dieses Arbeitsschritts haben die Kanten im Idealfall einen belagseitigen Kantwinkel von circa 1° und einen seitlichen Kantwinkel von 88°.

Skiservice: Kantentuningmaschine von Reichmann
Foto: Sigi Rumpfhuber
Skiservice – 5. Schritt: Kantentuning mit einer Maschine, hier von Reichmann

6. Schritt: Wachsen und Polieren

Fahrbar wäre der Ski nun bereits, allerdings noch nicht besonders schnell. Hochwertige Beläge haben feine Poren und diese gilt es nun mit Wachs zu füllen. Dadurch wird der Belag noch schneller, durch die wasserabweisenden Eigenschaften von Paraffin- oder Fluorwachsen steigt die Gleitfähigkeit. Gut gleitende Ski sind nicht nur schneller, sondern auch sicherer. Gewachst werden kann klassisch mit Bügeleisen, Wachsrollen oder Infrarotanlagen. Im Skiservicebetrieb werden überwiegend Wachsrollen eingesetzt. Herstellerseitig wird der Wachsauftrag mit 1 Gramm pro Ski angegeben: Die Ski werden hierbei schnell über eine auf circa 90° Celsius erwärmte Rolle gezogen. Es ist allerdings auch klar, dass das Wachs in dieser Sekunde keine tiefe Bindung mit dem Belag eingehen kann.

Solcherart Wachs wird wahrscheinlich nicht länger als 1-2 Abfahrten halten. Will man einen besseren Ski wachsen, empfiehlt es sich daher, nach Bügelwachsen oder Infrarotwachsen nachzufragen. Letzteres ist eine Infrarotlampe, die den Ski über längere Dauer bestrahlt und dann wieder kühlen lässt. Dadurch öffnen und schließen sich die Poren des Belags immer wieder und „saugen“ so das Wachs quasi auf. Das Wachs dringt messbar tiefer in den Belag ein, wodurch sich die Molekülketten von Wachs und Belagsmaterial besser verzahnen. Ergebnis: Das Wachs hält länger im Belag. Nach einem abschließenden Ausbürsten und Polieren befindet sich der Ski nun quasi wieder im Neuzustand – und einem freudvollen und vor allem sicheren Skierlebnis steht nichts weiter im Weg.

Viel Spaß!

Im letzten Schritt wird der Ski gewachst und poliert

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