Zippert steigt auf

Folge 1: Mit Heines Pistolen auf Goethes Spuren

Kolumne • 1. August 2016
von Hans Zippert

Über die Gefahren des spontanen Nach-­hinten­-Kippens, rubinroten Kräuterbitter und warum man den Brocken nicht unbewaffnet besteigen sollte.

Hans Zippert beim Wandern
Foto: Achim Apell
Der härteste Teil des Aufstiegs: der Hirtenstieg, eine alte russische Panzerstraße

Ich bin gerade eine halbe Stunde un­terwegs, als eine verzweifelte Stimme das Rauschen der idyllischen Ilsefälle übertönt: „Hallo, können Sie  mir helfen, mein Mann kippt immer so nach hinten.“ Ein älteres Ehepaar in landes­ üblicher Funktionstracht schwankt mir entgegen. Der Mann macht keinen guten Eindruck. Ich führe ihn zu einer Bank, mein Begleiter verständigt den Notarzt. 

Keine Frage, man hilft sich am Berg, aber das eigene, lang und intensiv vorbe­reitete Gipfelprojekt ist nun in Gefahr. Die Sonne steht schon recht tief, der Ran­ger im Nationalparkhaus in Ilsenburg hat­te zwar gesagt, man könnte es in drei, ja, zweieinhalb Stunden schaffen, „wenn Sie schnell gehen“. Aber wie oft werde ich hier noch Männern begegnen, die einfach nach hinten kippen? Der Brocken scheint tückischer, als ich geglaubt habe.

Natürlich hätte man früher mit dem Aufstieg beginnen können, jetzt rächt es sich möglicherweise, dass ich mir noch die Max­-und-­Moritz­Mühle in Ebergötzen an­ sehen musste, und die Rostbratwurst an der B27 hätte man sich auch einpacken lassen können. Oft sind es ja genau solche Kleinigkeiten, die über den Erfolg einer Expedition entscheiden können.

Fast 900 Höhenmeter sind vom Harz­städtchen Ilsenburg bis zum  Brockengip­fel  zu  überwinden, auf der Route,  die Heinrich Heine 1824 genommen hatte. Er absolvierte den Aufstieg mit zwei Pis­tolen im Gepäck. Es scheint mir ratsam, es ihm gleichzutun. Im Spielzeugladen in Wernigerode habe ich mich mit Waffen und Munition versorgt, damit ich poe­tisch korrekt unterwegs bin.

Die Brocken-Bahn in Sachsen-Anhalt
Foto: Achim Apell
Wie will man am Brockengipfel ankommen: zu Fuß, mit dem Taxi oder mit dem Zug?

Der 1.141,2 Meter hohe Brocken, der höchste Berg Sachsen­-Anhalts, wirkt von unten nicht besonders auffällig. Da er von einer Reihe ähnlich hoher Gipfel umstellt ist, gelingt es nur selten, einen Blick auf ihn zu werfen. Man erkennt ihn aber an seinen Aufbauten – dem Sendemast, dem Hotel und dem kuppeligen Brockenhaus. Vor dem Aufstieg muss man eine Rei­he von grundsätzlichen Entscheidungen treffen: Steigt man westlich über Torfhaus auf, wie es Goethe im Winter 1777  getan hat, oder wählt man Heines Nordostroute durchs Ilsetal, oder hält man sich an Ei­chendorff, der 1805 mit seinem Bruder von Hohne aus startete, oder steigt man von Schierke ins Brockenmassiv ein, wie es mein Onkel Paul 1951 getan hat?

KONZENTRIERTER AUFSTIEG

Ist die Route geklärt, erhebt sich die Fra­ge, wie man oben ankommen will: zu Fuß, mit dem Taxi, mit dem Zug oder mit der Pferdekutsche? Hermann Löns fuhr 1910 mit der Brockenbahn nach oben, und sei­ne Laune wurde mit jedem Höhenmeter schlechter, das gibt zu denken. Anderer­seits war der Mann von Beruf Heidedich­ter und kein Bergpoet.

Zudem muss man sich im Klaren sein, dass der Brockengipfel – ähnlich wie der Mount Everest – wegen Überfüllung ge­schlossen sein kann. An Wochenenden bevölkern Tausende das kahle Gipfelpla­teau, und es kann vorkommen, dass Män­ner dann reihenweise nach hinten kippen. Schuld daran könnte ein rubinroter Kräuterbitter sein, auf dessen Etikett die legendäre Schierker Feuersteinklippe ab­gebildet ist, die der geologisch interessier­te Goethe 1784 genau untersucht hat.

Ich habe mich ganz bewusst für einen sehr späten Aufstieg entschieden,  denn ich will im Schein der untergehenden Sonne oben ankommen, mein Quartier beziehen und mich dann von der auf­ gehenden Sonne wecken lassen.

Unten im Ilsetal herrscht reger Gegen­verkehr, Menschen aller Altersstufen keh­ren zurück in ihre Basislager. Ich muss mit höchster Konzentration aufwärtssteigen, sonst werde ich abgedrängt und stürze in die Ilse, wie es viele Bäume bereits getan haben, die dort kreuz und quer in ver­schiedenen Stadien der Verrottung liegen. An den Oberen Ilsefällen lässt der Rückstau vom Gipfel nach, es wird steiler, bis an der Roten Brücke dann zum ersten Mal der Brockengipfel vor mir auftaucht. In der Bremer Hütte drücke ich mir den Stempel Nr. 6 für die Harzer Wanderna­del ins Notizbuch und stelle wieder fest, dass am Berg kaum etwas so gut schmeckt, wie ein Käsebrötchen, das man seit zwölf Stunden im Rucksack transportiert hat.

Ganz oben am Gipfel des Brockens
Foto: Achim Apell
Ganz oben am Gipfel des Brockens

Kurz hinter der Hermannsklippe kommt der härteste Teil des Aufstiegs, der Hirtenstieg, eine alte Panzerstraße aus der Zeit der russischen Besetzung des Bro­ckens. Seitdem ist der geplagte Berg um ei­nige Tonnen Beton schwerer. Es geht fast drei Kilometer bergauf, die Steigung be­trägt teilweise 15 Prozent, man muss den Körper im richtigen Winkel halten. Wenn man jetzt nach hinten kippt, ist es vorbei.

Ich überquere noch die Gleise der Bro­ckenbahn an einem gefährlichen unbe­schrankten Übergang und stehe schließ­lich auf dem Gipfel, auf einer baumlosen, kreisrunden Fläche, in deren Mitte eine Gesteinsformation aufgebaut wurde, da­ mit das Ganze nicht so kahl aussieht.

SCHÜSSE AUF DEN FERNSEHER

Tief unten zwinkern mir die Straßen­ laternen von Wernigerode, Ilsenburg und Braunlage zu, dass in der Brocken­-Gast­stätte noch ein letzter Teller mit Wildgu­lasch mit Spätzle auf mich wartet.

Hier geht es nicht ganz so bacchantisch zu wie damals, als Heine die Brockengastro­ nomie aufmischte. Da flossen ungeheure Mengen Alkohol, und Menschen starrten selig betrunken vom Brocken hinab in die Dunkelheit. Irgendwann geht Heine nach draußen und schießt seine Pistolen ab, es kommt aber niemand zu Schaden.

So sehr ich mich auch anstrenge, mehr als zwei Bier und einen Kräuterbitter schaffe ich nicht mehr, dann ist Feierabend. Die anderen Gäste sind zwar durchaus angetrunken, aber leider weit vom Exzess entfernt. Der Kellner reicht mir die Zimmerschlüssel und bittet, den Meldeschein sorgfältig auszufüllen.

Der Blick vom Brocken auf Sachsen-Anhalt
Foto: Achim Apell
Der Blick vom Brocken auf Sachsen-Anhalt

Ein letzter Rundgang über den Brocken, wo es, wie Heine richtig bemerkte, nie ganz dunkel wird, dann fahre ich mit dem Fahrstuhl in mein Zimmer im sechsten Stock, wo die Minibar bis zum Rand mit rubinrotglitzernden Kräuterbitterfläschchen gefüllt ist. Kurz vor dem Zubettgehen fällt mir ein, dass ich vergessen habe,  meine Pistolen abzufeuern, und weil ich zu müde bin, schieße ich direkt vom Bett auf den Fernseher. Dann kippe ich nach hinten und schlafe bis zum Sonnenaufgang um 5.46 Uhr. Ein großartiges Schauspiel, das man auf dem Brocken nur sehr selten erlebt.

DÄMONISCHE KRÄFTE

Vergnügungstechnisch ist der Brocken der bestausgestattete Berg in unserem Land, vielleicht nennt man ihn deshalb „Berg der Deutschen“. Neben Hotel, Gaststätte und Museum gibt es eine Wetterstation, einen Sendemast, einen Freiluftausschank, einen Bahnhof, eine Garage für Räumfahrzeuge, und seit zehn Jahren spielt man hier oben „Faust – Die Rockoper auf dem Brocken“. Gegen 11 Uhr muss man außerdem mit dem Erscheinen von „Brocken-Benno“ rechnen, einem Mann, der den Berg rund 8.000 Mal bestiegen hat. Daran sieht man, dass hier oben, wie Goethe schon wusste, dämonische Kräfte am Werk sein müssen.

Etwas benommen steige ich wieder hinab und kann nur knapp der wild pfeifenden Brockenbahn ausweichen, die den heiß ersehnten touristischen Nachschub bringt. Drei Stunden später erreiche ich unverletzt das Basislager in Ilsenburg.

Video zur Etappe

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