Gipfelbericht

7 European Summits: Maggy und Anja auf dem Gran Paradiso

Aktuelles • 11. Juli 2016
von Magdalena Kalus und Anja Kaiser

82 Viertausender gibt es in den Alpen. Die meisten befinden sich in der Mont Blanc-Gruppe oder im Monte Rosa-Massiv. Also dort, wo es auch uns noch im Rahmen unseres 7 European Summits-Projekts hinführen wird. Wir starten erst einmal mit einem gemütlichen Viertausender in den Grajischen Alpen, dem klangvollen Gran Paradiso (4.061 m) in Italien.

Maggy & Anja und der Gran Paradiso vom Rifugio Chabod
Foto: Peak Art Images
Maggy & Anja und der Gran Paradiso vom Rifugio Chabod

Kaum eine Woche nach unserem zweiten Seven Summit, dem Großglockner,  sind wir schon wieder mit gepackten Rucksäcken unterwegs. Dieses Mal aber nicht nur mit Wanderschuhen und Brotzeit, sondern auch noch mit Eispickeln und Steigeisen im Gepäck. Es geht in die Westalpen zu den – wie wir sie nennen – „großen Drei“ der Seven European Summits, den jeweils höchsten Bergen Frankreichs, Italiens und der Schweiz: Dufourspitze, Mont Blanc und Gran Paradiso. Wir wollen aus mehreren Gründen alle drei Berge am Stück besteigen: Der Akklimatisierung wegen und um nur einmal so weit von München aus an- und abreisen zu müssen. Wir starten mit dem Gran Paradiso, also geht es für uns ins Aostatal nach Italien!

Am Parkplatz in Pravieux, einer kleinen Ortschaft oberhalb von Valsavarenche, treffen wir unseren Guide Toni Moßhammer von der Alpinschule Rock’n Roll. Toni war bereits mehrfach auf jenen drei Bergen unterwegs, die unmittelbar vor uns liegen und wird uns die ganze Woche lang begleiten. Wir starten mit einem  Ausrüstungscheck und chaotischem Rucksack-Packen – noch sind wir etwas unorganisiert und nehmen, wie sich später herausstellen wird, viel zu viel Gepäck mit. Toni lässt uns bereitwillig auch noch die dritte Fleecejacke auswählen, ehe wir uns schwer bepackt auf den Weg zum Rifugio Chabod machen. Die Nordroute über die Chabod-Hütte ist im Vergleich zum „Standardaufstieg“ über das Rifugio Vittorio Emanuele etwas länger, dafür aber auch landschaftlich abwechslungsreicher und schöner. Knapp drei Stunden brauchen wir – dann haben wir unsere Bleibe für die Nacht vor dem Gipfelsturm erreicht.

Aufstieg auf den Gran Paradiso: Blick ins Aostatal
Foto: Peak Art Images
Aufstieg auf den Gran Paradiso: Blick ins Aostatal

Am Abend spielt Deutschland gegen Italien im EM-Viertelfinale. Leider gibt es keinen Fernseher im Rifugio, dafür aber italienisches Radio in voller Lautstärke. Die Hütte ist voll bis auf den letzten Platz. Es gibt Pasta mit Nachschlag, die Laune ist gut – auch wenn wir wissen, dass es eine kurze Nacht werden wird. Den Abpfiff des Spiels bekommen wir nicht mehr mit, um 22 Uhr ist Hüttenruhe. Als unser Wecker in der Nacht um halb 3 klingelt, ist das Lager bereits halbleer.

Die Aufregung am Gipfeltag lässt viele nur schlecht oder gar nicht schlafen; jeder will so früh wie möglich aufbrechen. Nach einem kurzen Frühstück sind dann auch wir unterwegs. Wir gewöhnen uns schnell an die Dunkelheit und folgen dem Licht von Tonis Stirnlampe über Geröll, Felsen und Schneefelder. Mit Sonnenaufgang legen wir unsere Steigeisen an und genießen traumhafte Blicke auf das Mont Blanc-Massiv mit seinen gefühlt tausenden Gipfeln.

Gran Paradiso: Gute Laune beim Anlegen der Gletscherausüstung

In unzähligen Serpentinen geht es im Schnee bergan. Wir laufen fast durchwegs auf einem Gletscher, das Gehen am Seil ist darum unerlässlich. Schnell haben wir uns an Tonis Tempo gewöhnt und überholen einige andere Seilschaften, ehe wir eine Schulter knapp unterhalb des Gipfels erreichen. Hier vereint sich unser Aufstiegsweg mit den Aufstiegsspuren vom Rifugio Vittorio Emanuele. Es wird windig und voller: Die Böen mit einer Windstärke von bis zu 50 Knoten sind so heftig, dass wir uns im sprichwörtlichen Sinne bemühen müssen, nicht „umgeweht“ zu werden. Immer mehr Seilschaften kämpfen mit uns gegen die Naturgewalt an – manch ein Bergführer hat Mühe seine Gruppe auf den letzten Metern zu motivieren.

Gran Paradiso: Windiger Fotostopp vor dem letzten Gipfelanstieg

Den höchsten Punkt zum Greifen nahe und voller Willenskaft mobilisieren wir noch einmal unsere Kräfte und stemmen uns gegen den heftigen Wind. Nach kurzer Blockkletterei haben wir es geschafft und stehen auf dem höchsten Punkt Italiens auf 4.061 m. Wir umarmen die weiße Madonna und genießen den Moment.

Ein etwas anderes Gipfelsymbol: Die weiße Madonna am Gipfel des Gran Paradiso

Es ist voll am Gran Paradiso. Kein Wunder, er ist eben ein verhältnismäßig leicht zu besteigender Viertausender. Mit großen Schritten steigen wir zurück ins Tal ab – der Himmel ist wolkenlos, der Wind nimmt ab. Der Gran Paradiso ist ein wirklich schöner Berg: Tolle Panoramen, leckeres Hütten-Essen, technisch unkomplizierte Routen. Er ist der ideale Viertausender für Einsteiger. Uns hat er gezeigt, dass man die Unberechenbarkeit der Berge auch an wolkenlosen, scheinbar perfekten Tag nicht unterschätzen darf – Wind ist unsichtbar.

Bye, bye Paradiso! Maggy und Anja vor dem Paradiso-Massiv

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