Extrem-Berge

Die 10 letzten alpinen Herausforderungen

• 28. Februar 2021

Achttausender, Steilwände, Free-Solo-Jahrhundertleistungen: Im Alpinismus wird die Luft für große Pionierleistungen langsam dünn. Die folgenden 10 Abenteuer wären aber noch zu vergeben. Oder waren, müsste man mittlerweile sagen – denn die Bergsteiger-Szene schläft nicht.

Trekking im Karakorum
Foto: mauritius images/ Allan Hartley
Karakorum in Pakistan

Text: Simon Schreyer

Der Alpinismus entwickelte sich mit den großen Herausforderungen seiner verschiedenen Epochen: Das Klettern im sechsten Grad, die großen Nordwände der Alpen, die Achttausender, die höchsten Steilwände, die freien und schließlich die Free-Solo-Durchsteigungen der schwierigsten Routen.

Doch schön langsam wird die Luft dünn. Auf welchen Bergen, Routen und Pfeilern lässt sich eigentlich noch das Unmögliche verwirklichen und Neuland betreten? Welche großen alpinen Herausforderungen bleiben Bergsteigern von heute noch übrig? Wir haben zehn für euch zusammengestellt.

1. Masherbrum, Nordostwand, Pakistan

Nordostwand des Masherbrum
Foto: Andreas Gradl / Red Bull Content Pool
„Fingerzeig Gottes“: Die Nordostwand des Masherbrum im sogenannten Kleinen Karakorum

„Die Nordostwand des Masherbrum ist wie eine Eiger Nordwand mit einem Cerro Torre obendrauf“, meinte David Lama. Er musste es wissen, hatte er doch zwei Expeditionen unternommen, um die 3.500 m hohe Wand in Augenschein zu nehmen.

1960 wurde der 7.821 Meter hohe Berg im Karakorum, der einem Fingerzeig Gottes gleicht, durch eine amerikanische Seilschaft über die Südost-Seite erstbestiegen. Seither haben bereits 15 verschiedene Teams über alle Seiten den Gipfel erreicht. Nur nicht über die Nordostwand, die weiterhin eines der letzten großen Fragezeichen des Alpinismus bleibt.

2. Annapurna III, SO-Pfeiler, Nepal

Südostkante der Annapurna III
Foto: David Lama / Red Bull Content Pool
Die Südostkante der Annapurna III ist einer der mächtigsten Pfeiler des Himalaya. 2016 kamen Lama-Auer-Blümel bis zum zweiten, kleineren Knie in der oberen Hälfte

Wer vom nepalesischen Pokhara rechts am Dreieck des Machapuchare vorbeischaut, sieht ihn: den monströsen Pfeiler, der bis über die 7.500-Meter-Marke aufragt und in Richtung Sonnenaufgang exponiert ist.

In den frühen 1980er Jahren scheiterte eine britische Truppe an diesem 2.800 Meter hohen Monolithen, der Bergsteigern schon beim Anmarsch auf harte Proben stellt und dessen Blätterteig-artiger Fels vom Monsun zerfressen ist. Auch die starke Dreier-Seilschaft Lama-Auer-Blümel musste sich 2016 geschlagen geben.

3. Dhaulagiri, Südwand/ Direttissima, Nepal

Die Südflanke des Dhaulagiri
Foto: Jerome Ryan / Mountains of Travel, www.mountainsoftravelphotos.com
Die Südflanke des Dhaulagiri kurz vor Sonnenaufgang, so wie sie sich auf dem Flug zwischen Pokhara und Jomosom in Mustang zeigt

Der Dhaulagiri („Weißer Berg“) ist ein freistehender 8.000er im zentralen Nepal. Seine 4.000 Meter hohe Südwand leuchtet bis weit ins indische Tiefland.

Ein vierköpfiges Team unter der Leitung von Reinhold Messner unternahm 1977 einen Versuch, trat aber wegen Stein- und Eisschlaggefahr auf wenig mehr als 6.000 Metern den Rückzug an. Dem slowenischen Alleingänger Tomaz Humar gelang die erste Durchsteigung, wobei er aber nach fast einer Woche in der Wand auf der Höhe von 7.200 Metern nach rechts ausweichen musste, da er einer überhängenden, 400 Meter hohen Quer-Rippe aus faulem Fels nicht traute. Die Direttissima vom Wandfuß bis zum 8.167 Meter hohen Gipfel ist also noch ausständig.

4. Mount Everest, Kangshung Face/ Direttissima, Tibet (China)

Lhotse, Chomolungma, Mt. Everest
Foto: Pinterest
Kaum wiederzuerkennen: Lhotse (l.) und Chomolungma/Mt. Everest (r.) von ihrer selten fotografierten Ostseite

Auch der Everest, der am öftesten bestiegene 8.000-er, harrt noch immer der direkten Durchsteigung seiner Ostwand bis hinauf zum höchsten Punkt unserer Erde. Zu exponiert, bei zu hoher Lawinen-Gefahr, sagen die Experten.

Eine britische und eine amerikanische Expedition schafften zwar Routen durch Teile der drei Kilometer breiten und 3.400 Meter hohen Wand, aber nur bis zur Südostgrat-Route. Gerät man hier in eine Notlage, ist ein Rettungsversuch aussichtslos. Bereits Everest-Pionier George Mallory notierte 1922: „Andere Männer, weniger weise, mögen diesen Weg versuchen, wenn sie möchten. Aber, mit Nachdruck, für uns ist das nichts.“

5. Muchu Chhish, Pakistan

Muchu Chhish
Foto: Ali Passu/ wiki commons
Die höchste Erhebung des Muchu Chhish (links im Bild) überragt den nächsten Sattel nur um 263 Meter. Man spricht daher von einer niedrigen Prominenz

Mit 7.452 Metern ist der Muchu Chhish der zweithöchste unbestiegene Gipfel der Welt (nach dem heiligen und deshalb verbotenen Gangkhar Pünsum in Bhutan).

Schwer zugänglich und von zahlreichen Schrunden umgeben, hat sich der Berg im Batura Muztagh im Karakorum erfolgreich gegen seine Besteigung gewehrt. Der bislang letzte, erst zweite, ernstzunehmende Versuch liegt drei Jahre zurück: Pete Thompson aus England kam 2016 bis auf 6.000 Meter, musste aber letztendlich umkehren, da eine unerwartete Passage aus blankem Eis mehr Zeit in Anspruch nahm, als angenommen.

6. Gasherbrum IV, Westwand bis zum Gipfel, Pakistan

Gasherbrum
Foto: Florian Ederer/ wiki commons
Die 2.500 Meter hohe Westwand des G4 (auf Balti r’gashar brum; eigentl. „leuchtender Berg“) hat der gesamten Gasherbrum-Gruppe ihren Namen gegeben

Der G4 kratzt an der 8.000-Meter-Grenze und wurde 1958 von Walter Bonatti und Carlo Mauri erstbestiegen. 1985 wurde seine Westwand über die eleganteste Linie und in vorbildlichem Alpinstil von Wojciech Kurtyka aus Polen und dem Grazer Robert Schauer in sechs Tagen durchstiegen. Noch heute gilt dieser hart am Limit erkämpfte Erfolg als eine der kühnsten Taten im modernen Bergsteigen.

Allerdings kamen die beiden aus Erschöpfung nicht bis zum höchsten Punkt, sondern stiegen nach Erreichen des Nordgipfels über den Nordwest-Grat ab. 1997 stieg ein großes koreanisches Team über den Westpfeiler bis zum Gipfel auf, eine Wiederholung der Kurtyka/Schauer-Route bis zum Gipfel steht jedoch bis heute aus.

7. Karjiang, Tibet (China)

Karjiang, Tibet
Foto: Bruno Gremion
Links, der Karjiang, rechts der Kula Kangri (7.538 m). Beide Berge liegen an der Grenze zwischen Tibet und Bhutan

Der 7.221 Meter hohe Karjiang im chinesisch besetzten Tibet hat mehrere bereits bestiegene Gipfel. Den Schnee seines Südgipfels, der zugleich sein höchster Punkt ist, hat allerdings noch kein Mensch betreten.

Ein japanisches Team unter der Leitung von Nobuhiro Shingo versuchte im Oktober 1986 die Erstbesteigung des Berges, musste aber wegen seiner Schwierigkeit umkehren und begnügte sich mit dem Mittelgipfel (7.216 m). Eine holländische Expedition im Jahr 2001 scheiterte ebenfalls an der Steilheit des Hauptgipfels, der häufig von extremen Aufwinden umstürmt ist.

8. Link Sar, Pakistan

Link Sar Pakistan
Foto: Jonathan Griffith / Alpine Exposures
Der Link Sar liegt genau südlich der Chogolisa, in der Nachbarschaft von K6 und K7, als deren Verbindung (=„link“) das 7.041 Meter hohe Massiv gilt

„Ich bin ein Berliner!“ könnte dieser Berg von sich behaupten, der 1964 von einer deutschen Expedition ausgekundschaftet und „Berlin Peak“ genannt wurde. Durchgesetzt hat sich allerdings die Bezeichnung Link Sar.

Seine Besteigung wurde vom britischen Fotografen und Alpinisten Jon Griffith und verschiedenen Partnern viermal versucht. Letztendlich erreichte er gemeinsam mit Andy Houseman 2016 den Link Sar West (6.938 m). Der spitze Hauptgipfel schwebte weiterhin unberührt und vom Talboden kaum sichtbar über dem wunderschönen Charakusa Valley.

UPDATE

Bis zum Spätsommer 2019. Da wurde der 7.000er nämlich von den US-Amerikanern Steve Swenson, Mark Richey, Chris Wright und Graham Zimmerman über die Südostwand erstbestiegen. Hier der detaillierte Expeditionsbericht.

9. K2 im Winter, Pakistan

K2 Pakistan
Foto: Quazi Ikram Ul
Sogar im Sommer gilt der K2 als ener der schwierigsten und gefährlichsten 8.000er

Fast alle der 14 8.000er wurden bereits zur kältesten Jahreszeit bestiegen. Bis auf den K2 (8.611 m).

Als Spezialist für Winterbesteigungen der höchsten Gipfeln der Erde gilt Simone Moro. Vier hat der zähe Italiener aus Bergamo bereits zur unwirtlichsten Jahreszeit geschafft, gefolgt vom Polen Maciej Berbeka mit drei. Seiner Frau zuliebe verzichtet Moro auf den Versuch, den „Berg der Berge“ im Winter zu besteigen, weil sie mehrmals geträumt hatte, dass er beim Versuch umkommt.

Die Gefahren sind evident: An den riesigen Flanken sammeln sich gewaltige Mengen an Triebschnee, von grausamen Höhenstürmen ganz zu schweigen. Manchmal ist es vielleicht besser, Träume nicht zu verwirklichen, sondern sie als Warnung zu deuten.

UPDATE

Am 16. Januar 2021 schaffte ein zehnköpfiges Sherpateam, was der große Simone Moro niemals gewagt hatte: Die nepalesischen Bergsteiger haben den letzten der 14 Achttausender dieser Erde im Winter bestiegen und schrieben somit Alpingeschichte!

10. Devil’s Thumb, Nordwestwand, Alaska

Devil’s Thumb, Alaska
Foto: D. Klose
Die Nordwestwand des Devil’s Thumb ist die größte Steilwand Nordamerikas. Die Wetter-Bedingungen rund um das Massiv sind naturgemäß mörderisch und extrem wechselhaft

Mitten im Nirgendwo zwischen Alaska und British Columbia steht der Devil’s Thumb. Sogar seine Erstbesteigung durch Fred „Dirtbag“ Beckey über die technisch relativ einfache Ostkante war ein Grenzgang zwischen Leben und Tod. Die Nordwestwand, die 2.000 Meter aus dem sogenannten Witches Cauldron („Hexenkessel“) ragt, drei Klimazonen durchsteigt und im Schnitt 67° steil ist, gilt auch unter den härtesten Bergsteigern als unmöglich.

Fünfzehn Teams hatten bislang das Glück, Konditionen vorzufinden, die überhaupt den Einstieg in die Wand erlaubten. Drei Alpinisten fanden bereits in ihr den Tod. Die Chancen stehen also gut, dass diese Wand für immer unbewältigt bleiben wird.

Anmerkung: Nicht berücksichtigt wurden in diesem Artikel heilige Berge wie der Kailash in Westtibet oder der Gangkhar Pünsum in Bhutan, deren Besteigungen verboten sind, oder solche, deren oberster Gipfelpunkt aus religiösem Respekt bei der Besteigung nicht betreten wurde. Das war beispielsweise beim Machapuchare in Nepal und bei der Nanda Devi in Indien der Fall.

Zum Autor: Simon Schreyer war mehrere Jahre lang als Reporter für das Red Bulletin-Magazin unterwegs. Wenn er nicht gerade an der Überwindung seiner Höhenangst arbeitet, schreibt er über Popkultur, Literatur und ferne Orte. Besonders angetan haben es ihm die Berge und Kulturen des Himalaya, die bereits sein Urgroßonkel Peter Aufschnaiter erforschte.

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