In memoriam David Lama und Hansjörg Auer

Im Sog der Berge

Aktuelles • 16. April 2020
von Klaus Haselböck

Vor genau einem Jahr hat der Alpinismus mit David Lama und Hansjörg Auer zwei seiner stärksten Protagonisten verloren. Gedanken von Klaus Haselböck aus der Bergwelten Chefredaktion, der die beiden als Journalist langjährig begleitete: über objektive Gefahren, Pokern am Berg und den Reiz Grenzen auszuloten.

David Lama am Stubaier Gletscher, Januar 2018
Foto: Red Bull Content Pool
David Lama am Stubaier Gletscher, Januar 2018

„Wer oft würfelt, nähert sich dem Erwartungswert des Würfelns. Oder für uns Extrembergsteiger gesagt: Wer zu oft ans Limit geht, wird es überschreiten, wird ‚Pech‘ haben, weil er sich dem nichtkalkulierbaren Risiko einmal zu oft aussetzt, oder einfach einen Fehler macht“, schrieb David Lama in seiner Bergwelten-Kolumne 2017. Damals schienen mir solche Gedanken reichlich abstrakt und nichts mit David zu tun zu haben. Zwei Jahre später hat diese mathematische Gesetzmäßigkeit ihre tragische Gültigkeit bewiesen: Am 16. April hatten Lama und der ebenfalls aus Tirol stammende Hansjörg Auer gemeinsam mit dem amerikanischen Spitzen-Alpinisten Jess Roskelley den 3.295 Meter hohen Howse Peak in den kanadischen Rocky Mountains über dessen anspruchsvolle Ostwand bestiegen. Beim Abseilen geriet das Trio offenbar in eine Lawine. Auf jeden Fall konnten sie einige Tage später nur mehr tot geborgen werden.

David Lama
Lawinenunglück in Kanada

Abschiednehmen von drei ganz Großen

Biographisches zu David Lama, Hansjörg Auer und Jess Roskelley, mit denen der Alpinismus drei seiner wichtigsten Leitfiguren verloren hat.

Die Betroffenheit zu diesem Unglück war und ist enorm: Sondersendungen werden im Fernsehen gezeigt, die Anteilnahme in den sozialen Medien scheint grenzenlos und selbst die Regierungsspitze meldete sich sehr früh zu Wort. Denn Lama und Auer waren im Alpinismus, der von der Aufmerksamkeit her längst in der Breite angekommen ist, nicht irgendwelche Namen: Sie galten als Popstars des modernen Extrembergsteigens. Im täglichen Leben ruhige, angenehme und humorvolle Zeitgenossen war ihnen am Berg alles zuzutrauen. Anders als ein Reinhold Messner und ein Peter Habeler, die „Terrible Twins“ der 1970er und 80er Jahre, interessierten sie sich ganz und gar nicht für die Achttausender im Himalaya oder Karakorum, sehr wohl übernahmen sie aber deren Zugang einen Berg möglichst „fair“, also mit minimalen Hilfsmitteln, zu besteigen. Sie drehten das Rad weiter und fanden ultraschwere Linien an bekannten Gebirgszügen mitten in den Alpen, oder exotische Ziele wie eine Annapurna III, ein Lunag Ri und ein Nilgiri. Diese Berge, die bei ihnen das Feuer entfachten, sind bestenfalls Insidern ein Begriff, haben kaum Begehungen, aber verlangen Alpinisten klettertechnisch alles ab. Den Luxus vorab eingerichteter Lagerketten mit Fixseilen, Depots und Höhenträgern, wie man es von aktuellen Everest-Dokus kennt, gibt es dort selbstverständlich nicht.

Popstars des modernen Bergsteigens

Auf so anspruchsvolle Gipfel zu zweit, oder zu dritt zu steigen, setzt schnelle, präzise getimte Vorstöße in die dünne Luft von sechs- bis siebentausend Meter Höhe voraus. Die Ausrüstung ist dann genauso minimal wie der Spielraum für Fehler. „Was wir am Berg machen ist kein russisches Roulette,“ hat David Lama dazu gesagt, „Das hat viel mehr mit Pokern zu tun, wo man darüber nachdenkt, seine Chancen abwiegt und nur im richtigen Moment riskiert.“

Dieser richtige Moment ist manchmal aber nur schwer zu finden: Egal wie akribisch die Planung ausfällt, die objektiven Gefahren in Form von Lawinen, Seracs - also labile Türme aus Gletschereis - und Steinschlag sind an solchen Bergen stets präsent. Und auch für Top-Athleten, die ihren Weg durch gewaltige Eiswände und ein Labyrinth aus Fels-Graten, Rampen und Scharten suchen, nicht beeinflussbar. Neben Leidensfähigkeit und Mut werfen sie vor allem ihr alpinistisches Können in die Waagschale.

Im Alleingang eroberte David Lama 2018 den Lunag Ri in Nepal
Foto: Stefan Voitl
Im Alleingang eroberte David Lama 2018 den Lunag Ri in Nepal

Letzteres hatte David Lama, der Sohn eines nepalesischen Sherpas und einer Österreicherin, erstaunlich schnell erworben. Einst als Wunderkind des Kletterns gefeiert (Lama: „Da habe ich alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt.“) war er noch als Jugendlicher der Welt der Regeln in der Halle müde und begann sich nach den Bergen zu sehnen: „Das Klettern am Fels war für mich immer schon das richtige Klettern, das wahre Klettern.“

In diese Zeit reicht meine erste persönliche Erinnerung an David: Bei einem Medien-Termin wies ein Fotograf den fünfzehnjährigen Profi für ein Bild an, „wie ein Kletterer zu stehen“. Was dem Ahnungslosen jede Sympathie bei David kosten sollte: „Wie stehen Kletterer?“, brummte er sichtlich verstimmt. In ähnlicher Trotzigkeit verkündete der junge Champion des Hallenkletterns mit achtzehn Jahren, er werde den Cerro Torre, eine bizarre, 3.128 Meter hohe Granitnadel in Argentinien, frei, also ohne die Verwendung von Bohrhaken zur Fortbewegung, besteigen. Eine Vorgabe, an der die besten Alpinisten der Welt bislang gescheitert waren, oder diese Idee schlicht für „unmöglich“ hielten. Doch David blieb beharrlich, lernte dazu und im dritten Anlauf, 2012, löste er sein Versprechen ein und kam kletternd durch die scheinbar grifflose Headwall des Cerro Torre. „Eine Weltklasse-Leistung“, konstatierte damals der deutsche Top-Kletterer Alex Huber anerkennend, wohlwissend, dass er die begehrte Linie gerne selber in seinem Trophäenschrank gehabt hätte.

Im dritten Anlauf bezwang David Lama 2012 den Cerro Torre in Argentinien
Foto: Red Bull Content Pool
Im dritten Anlauf bezwang David Lama 2012 den Cerro Torre in Argentinien

Der Ötztaler Hansjörg Auer, 1984 geboren und damit sechs Jahre älter als David Lama, hatte 2007 mit seiner seilfreien Begehung der Marmolata Südwand in Italien für einen Paukenschlag in der Community gesorgt: die 1.220 Meter lange, höchst anspruchsvolle Route „Weg durch den Fisch“ sollte seitdem kein anderer Kletterer erneut in free solo-Manier wagen, zudem gelang ihm 2013 die Erstbesteigung des Kunyang Chhish Ost im Karakorum.

Die alpine Reifeprüfung hatten damit beide bestanden. Lama und Auer spielten nicht nur am selben Level, sondern als alpines Dream-Team auch gemeinsam auf der ganzen Klaviatur des traditionellen Bergsteigens – im Fels, im Eis, in großer Höhe. Durch ihr enormes Können starteten beide von einem ganz anderen Niveau aus als die Generationen vor ihnen. Gebannt warteten ihr Publikum und wir Journalisten, welchen Berg, welcher Wand sie als nächstes den Nimbus des Unmöglichen nehmen würden. „Es gibt vielleicht insgesamt zehn oder zwanzig Bergsteiger auf der Welt, die auf der gleichen Stufe, auf der gleichen Wellenlänge traditionellen Alpinismus betreiben“, hat Messner posthum resümiert.

Ausnahmekönner

Besonders angetan hatte es den beiden der 7.821 Meter hohe Masherbrum in Pakistan. Die noch nie versuchte Nordostwand war das Fels gewordene Abenteuer und symbolisierten alles, wofür Lama und Auer lebten: Entdeckergeist, Wagnis, kurzum: der Vorstoß ins Unbekannte. „Der ist wie die Eiger Nordwand mit einem Cerro Torre noch obendrauf“, beschrieb David den Berg. An diesem Monolith bewies er vor allem, dass er auch warten konnte, dass Geduld zu seinen zentralen Tugenden zählte. Zweimal belagerte Lama seinen Traumberg wochenlang, einmal gemeinsam mit Auer, und kehrte ohne die Chance einer Besteigung nach Österreich zurück. Durch die prekäre Lawinensituation in der Region war das Risiko schlicht zu groß gewesen.

Hansjörg Auer am Masherbrum in Pakistan, Juni 2014
Foto: Red Bull Content Pool
Hansjörg Auer am Masherbrum in Pakistan, Juni 2014

Auch das passte gut zu dem „jungen Wilden“, den ich nie als Hasardeur erlebt habe. David Lama war für mich eine ungewöhnliche Mischung eines ernsten, aber doch fröhlichen, meist überaus bedachtsamen und für sein Alter vielleicht sogar zu reif wirkenden Menschen. Ein gewissenhafter Planer, der nichts dem Zufall überlassen wollte, akkurat jeden Aspekt einer Tour und seiner Ausrüstung hinterfragt hat und stets sehr genau wusste, was er als Bergsteiger nicht wollte. So erzählte er mir, dass er den Ostriß auf der Martinswand, ein Kletter-Klassiker nahe Innsbruck, von der Schwierigkeit her zwar locker schaffen würde, es ihm das Risiko aber keinesfalls wert wäre diesen spontan seilfrei zu gehen. Zu unberechenbar sei dessen Gesteinsqualität, zu sinnlos wäre es, bei so einer Tour das Leben zu lassen.

Die Weltberge sind aber größer als der Ostriß und das unkontrollierbare Risiko ausgewachsener alpiner Touren muss einem so klar strukturierten Menschen wie David Lama zeitlebens sowohl Reiz als auch Ärgernis gewesen sein. Denn die Statistik spricht eine grausam-deutliche Sprache: So hat fast die gesamte Elite der polnischen Extrem-Alpinisten, die zu Messners Glanzzeit vielbewunderte Winterbegehungen und kühne Routen an den Achttausender-Berge umsetzen konnte, ihr Tun nicht überlebt. International gesehen verunglückt rund die Hälfte der Top-Athleten. Trotz besserer Ausrüstung, höherem Können und Wetter-Daten von jedem Punkt des Planeten sind die Berge auch 2019 unberechenbar geblieben.

Denn mit der Leistungsexplosion im Klettern, das heute eine breitere Basis an ganz exzellenten Protagonisten als jemals zuvor hat, wird die Latte höher und höher gelegt. „Bergsteigen in dieser Dimension ist faszinierend. Aber es ist den Angehörigen gegenüber schwer zu vertreten", gab sich Messner zuletzt nachdenklich.

Spiel mit den Grenzen

Für Gerlinde Kaltenbrunner, die als erste Frau ohne künstlichen Sauerstoff alle vierzehn Achttausender-Gipfel bestieg, hat das Überleben im Grenzbereich vor allem mit Glück zu tun: „Egal wie gut, oder wie vorsichtig du ist. Ein erhöhtes Restrisiko bleibt in dem Bereich immer. Und das geht man ganz bewusst ein.“ Seit 2011, dem Abschluss ihres Achttausender-Projekts, ist Kaltenbrunner bewusst auf weniger riskanten Gipfeln unterwegs.

Geht es also auch bei Extrem-Bergsteigern um einen freiwilligen Verzicht auf manche Routen, manche Berge? Ist die Stilistik von minimalistischen Unternehmungen mit so wenig an Puffer generell zu überdenken? Sollte der extreme Alpinismus, bei dem auch die Besten der Besten sterben, reguliert, gar verboten werden? Hätte man Menschen wie David Lama, Hansjörg Auer, Jess Roskelley oder den Schweizer Speed-Bergsteiger Ueli Steck, der 2017 am Nuptse tödlich verunglückt ist, zu einem normalen Leben abseits alpiner Risiken „zwingen“ müssen?

Bedachtsamer, fröhlicher Ausnahmekönner: David Lama
Foto: Red Bull Content Pool
Bedachtsamer, fröhlicher Ausnahmekönner: David Lama

Solche Überlegungen machen deutlich wie sehr Bergsteigen in all seinen Ausprägungen eine Projektionsfläche für Grundfragen der menschlichen Existenz ist: In unserer technisierten Welt erleben viele die Selbstbestimmtheit als zentrale Motivation, um hinaus in die Natur zu gehen: Es gilt der Annehmlichkeiten der Zivilisation ein Schnippchen zu schlagen, zu frieren, obwohl man in der geheizten Wohnungen sitzen könnte, sich Ängsten zu stellen, obwohl man eigentlich gar nicht bedroht ist, selbstgewählte Herausforderungen zu schaffen.

Zu erklären ist so ein Verhalten wohl nur über die Momente großer Intensität, die man in den Bergen auch geschenkt bekommt. Wie intensiv diese sein sollen, oder sein müssen, hat viel mit dem eigenen Lebensentwurf zu tun. Die Sehnsüchte, Träume und Ziele der drei am Howse Peak Verunglückten waren sicher andere als die von gemütlichen Almwanderern, oder Klettersteiggehern. Die Profis Lama, Auer und Joskelley haben die Sicherheit eines 9-to-5-Jobs oder eines ruhigen Lebens gerne gegen den Reiz, den der Aufbruch in den Grenzbereich für sie hatte, getauscht. Inklusive all ihrer persönlichen Risiken und der Schmerzen für die Hinterbliebenen. Auch das gilt es zu respektieren.

Klaus Haselböck ist Mitglied der Bergwelten-Chefredaktion.

TV-Hommage 

ServusTV zeigt die Bergwelten-Doku „Den Himmel erklommen“, eine Hommage an David Lama, Hansjörg Auer und Jess Rosskelley am Montag, den 20. April 2020 um 20:15 in Österreich und um 21:10 Uhr in Deutschland. 

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