16.000 Touren,  1.700 Hütten  und täglich Neues aus den Bergen
Eine Familie wandert an Bäumen vorbei.
Foto: Marco Rossi
Ausflugs-Tipp

Stille Tage im Tessin

• 17. Oktober 2021

Jenseits allen Touristenrummels bietet das Onsernonetal Flanierkilometer in schattigen Höhen und
eine Aufbruchstimmung, die schweizweit ihresgleichen sucht.

Uta de Monte für das Bergweltenmagazin Februar 2019

Thomas sitzt auf dem kleinen Balkon der Villa Edera und tippt eifrig auf seinem Smartphone herum. Er seufzt, fährt sich nervös mit den Händen durch den schwarzen Lockenkopf, löscht seine Eingabe und blickt über das geschwungene Eisengeländer ins Onsernonetal. „Wie soll ich das nur beschreiben?“

Thomas beißt sich auf die Unterlippe, dann schaut mich der sportliche St. Galler Jungförster, der zum Biken, Wandern, Baden und Chillen hierhergekommen ist, hilfesuchend an: „Ich will eine Grußkarte verschicken und finde einfach nicht die passenden Worte,
um alles zu erfassen, was ich erlebe.“

Wir sind Gäste eines der wenigen und sicherlich eines der charmantesten Backpacker-Hostels der Schweiz: Die Villa Edera am Eingang zum Onsernonetal ist nicht nur optisch ein Blickfang an Eleganz, sie strahlt gleichzeitig auch das gemütliche Ambiente, den lässigen Lebensstil sowie die weltoffene Atmosphäre aus, die man von Backpacker-Unterkünften in der weiten Welt so kennt.

Nicht zuletzt ihre Lage trägt dazu bei, dass man sich hier ein klein wenig entrückt fühlt: Spitze Zacken in der Ferne winken im Licht des Vollmondes aus Italien herüber; auf der Gegenseite strahlen die Laternen von Locarno und Ascona in den Sommernachtshimmel.

Weit entfernt scheinen die rummelartigen Lidos des Tessin. Und doch liegt das Seitental zum Centovalli nur wenige Fahrminuten nordwestlich von Locarno. Von hier aus haben Naturbegeisterte freien Lauf: Unzählige steinerne Pfade und Wanderwege überziehen die Hügel und durchqueren die schattigen Wälder. Die Flüsse Melézza und Isorno stellen ausgewaschene Naturbecken mit erfrischenden Wasserfällen zum Outdoor-Bad bereit. Kleine Dörfer mit traditionellen Steinhäusern kleben wie Nester an den oberen Hanglagen und recken ihre schlanken, spitzen Kirchtürme imposant in die Höhe.

Das schöne Onsernonetal
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Klar im Kopf, Glück am Berg

Das Tal ist eng, die Fahrbahn schmal, weshalb viele Reisende den Postautoverkehr nutzen, um die Region zu erkunden. Die Straße durchs wilde, fast unberührte Onsernonetal bringt einen gleichsam ans Ende der Welt. Und von dort geht es mit der Seilbahn geradewegs Richtung Himmel, zur Alpe Saléi auf 1.783 Metern. Endstation Paradies, wo man mit einem kräftigen Handschlag von Gianluca begrüßt wird. Der 38-Jährige führt zusammen mit seiner Verlobten, der 29-jährigen Ilenia, die Alpe Saléi.

Die beiden haben sich 2012 in einem buddhistischen Kloster in Italien kennengelernt. Aus den Meditationshallen haben sie wichtige Fähigkeiten mit auf die Alpe gebracht: „Um hier oben glücklich zu sein, um die Schlichtheit und Abgeschiedenheit zu lieben, musst du im Kopf klar sein“, verrät der vollbärtige Yogalehrer aus Mailand mit einem warmen Funkeln in den Augen.

„Ich bin froh, dass ich gelernt habe, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren und mich nicht so schnell aus der Ruhe bringen zu lassen.“ Im Alltag der geschäftigen kleinen Berghütte heißt das für Gianluca und Ilenia: von 6 bis 23 Uhr präsent zu sein, unzählige Bleche Polenta und Obstkuchen anzubieten sowie zahlreiche Übernachtungsgäste und noch mehr Wanderer zu betreuen.

Wanderer erreichen eine kleine Berghütte.
Foto: Marco Rossi
Die Alpe Saléi wird von Mai bis Oktober als kleine, aber feine Berghütte mit Matratzenlager bewirtschaftet. Spezialität des Hauses sind rustikale Variationen aus Tessiner Polenta und Käse der Region.

„Die Alpe lässt uns spüren, dass wir Bewohner der Erde sind“, erklärt Ilenia und wickelt sich den langen blonden Pferdeschwanz, der ihr beim Reden fröhlich ums Gesicht baumelt, um den Finger. Sie brauche keinen Komfort, fügt die gebürtige Zentralschweizerin mit einem Schulterzucken hinzu, als sie auf Netzempfang und Internet angesprochen wird: Der abendliche Blick aus dem Fenster ist ihr „daily soap“ genug – zu gerne beobachtet sie Uhus, Gämsen, Füchse, ja sogar Hirsche in der Abenddämmerung vor ihrer Hütte.

Das – und die Freude an den dankbaren Gesichtern ihrer Gäste – ist der Grund, warum die beiden von Mai bis Oktober die Energie für ihre Arbeit ohne Unterbrechung hochhalten können.

Wer von der Hütte aus hingegen seine Energie loswerden möchte, hat verschiedene Möglichkeiten: Der nahe gelegene Pizzo Zucchero (1.899 m) ist in einer halben Stunde bestiegen, der Pilone (2.191 m) – Grenzberg zu Italien – in einer guten Stunde. Der Weg auf diesen Gipfel führt am idyllischen Lago di Saléi vorbei, der im Hochsommer zum Baden einlädt und einen wunderbaren Weitblick bis zum Lago Maggiore erlaubt.

Lichte Lärchenbestände spenden wohltuenden Schatten, während die Alpenrosen den Blick auf sich ziehen und dicht behangene Blaubeersträucher immer wieder zum Pflücken verleiten. Wem der Besuch mit der Seilbahn zu schnell geht, der kann einen steilen Wanderweg ab Vergeletto wählen oder sich für den bekannteren, fast zweistündigen Aufstieg von der anderen Talseite ab Spruga entscheiden.

Ein Wanderer auf einem felsigen Weg.
Foto: Marco Rossi
Die Wanderwege über der Walsersiedlung Bosco/Gurin sind ein entrücktes Stück Tessin: Steinig und steil führen sie nach oben.

Das touristisch bislang fast übersehene Onsernonetal war in den vergangenen Monaten auch Schauplatz kontroverser Diskussionen unter den Einheimischen. Zusammen mit dem angrenzenden Centovalli und der alpinen Gegend rund um Bosco/Gurin stand es vor der Entscheidung, ob es der zweite Nationalpark der Schweiz werden soll. Das Projekt war über viele Jahre aufgebaut und mithilfe großen Engagements eines Teils der Bevölkerung verfolgt worden. Im Juli dieses Jahres wurde die Bevölkerung zur Urne gebeten – doch die Mehrheit stimmte dagegen.

Eine, die ihre Enttäuschung und ihr Unverständnis darüber nicht verbergen kann, aber deren Elan und Engagement für die Zukunft des Tals ungebrochen scheint, ist Lara Blumer. Die 49-jährige Powerfrau mit spanisch-italienischen Wurzeln wohnt seit 20 Jahren in Berzona.

Lara ist Präsidentin eines Vereins zur Weiterführung der Tradition der Strohverarbeitung im Onsernonetal – ein Projekt, das die Wurzeln eines ehemals sehr wichtigen Wirtschaftszweiges wiederaufleben lässt.

Lara empfängt mich zwischen den dicken Mauern eines Zimmers des ehemaligen Gemeindehauses, das zu einem stilvollen Atelier umgestaltet wurde. „Ich bin sehr stolz darauf, dass ich dieses Kunsthandwerk weitertragen darf“, verrät sie. Und ihr fester Blick aus den dunklen, eng liegenden Augen zeigt, dass die studierte Modedesignerin mit Leidenschaft bei der Sache ist.

Die Wände sind mit eleganten Strohhüten und buntem Strohdekor behängt, es gibt Taschen und allerlei regionale Produkte zu kaufen. Im Eck steht eine längst in die Jahre gekommene Nähmaschine, an der Lara demonstriert, wie aus geflochtenen Strohbändern wahre Designerstücke werden – so schön, dass man nach der Anprobe jedenfalls mit einem neuen Schattenspender nach Hause geht.

Bodenständige süße

In der Zwischenzeit ist auf dem Balkon der Villa Edera die Sonne untergegangen. Ein frischer Windhauch raschelt durch die Bäume. Im Abendlicht gibt es Farina-bóna-Eis als Dessert – eine Spezialität der Region, aus der Manufaktur von Ilario Garbani in Vergeletto: ein einzigartiger Geschmack von gemahlenem und geröstetem Mais, der Süße und Bodenständigkeit vereint. „Einmalig vielfältig? – Ja, genau das trifft es!“, sagt Thomas und stellt seine Grußkarte fertig.

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