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Hundeschlitten
Foto: Thilo Brunner
Hundstage

Schlittenhundefahren in Bayern

• 17. Juni 2016

Schlittenhundefahren kann jeder. Freiheit erleben, Einswerden mit Tier und Natur. Nur braucht es einen, der einem zeigt, wie’s geht. Einen wie Werner Laqua aus dem bayerischen Türkheim.

Achim Schneyder für das Bergwelten-Magazin Winter 2015/16

Die Schlittenhunde ziehen die Gruppe.
Foto: Thilo Brunner
Was Huskys mit Tom Hanks im Film „Forrest Gump“ gemeinsam haben? Sie laufen und laufen und laufen. Dabei können sie ein Vielfaches ihres Körpergewichts ziehen.
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Der Schnee fällt angesichts des Tempos vermeintlich waagrecht, und der Leithund hechelt. Wie auch beim Rest des Vierergespanns die Zunge langsam immer länger wird. Da beginnt auch der abenteuerlustige Neuling zu überlegen, ob eine Diät vielleicht kein Fehler wäre.

Den mutmaßlich leidenden Huskys zuliebe. Nach ein paar Proberunden auf der tief verschneiten Übungswiese darf er erstmals im Rahmen einer längeren Ausfahrt hinten auf dem Hundeschlitten stehen. Aber die Huskys leiden nicht.

Im Gegenteil, sie laufen geradezu für ihr Leben gern – die Alaskan sogar noch ein klein wenig lieber als die Siberian Huskys – und können dabei ein Vielfaches ihres Körpergewichts ziehen. Bei Temperaturen um minus 15 Grad fühlen sie sich dabei am wohlsten. „Hunde hecheln nicht deshalb, weil sie Luft brauchen“, erklärt Werner Laqua nach der ersten ausgedehnten Runde durch das bayerische Wintermärchenland im Grenzgebiet zum Vorarlberger Kleinwalsertal.

„Hunde hecheln, weil das der Kühlung dient. Hunde regulieren den Temperaturausgleich nämlich ausschließlich über die Pfoten und über die Zunge, nicht wie die Menschen, die einfach nur schwitzen.“ Wieder was gelernt, denkt der Neuling und verwirft die Diät.

Werner Laqua aus dem bayerischen Türkheim im Unterallgäu ist Musher. Also Schlittenhundeführer. Woher der Begriff Musher kommt, weiß allerdings auch er nicht genau.

„Es könnte sein, dass er vom französischen Wort marcher, also marschieren, herrührt. Weil der Musher hin und wieder mit einem Bein antauchen, mitmarschieren oder sogar mitlaufen muss, wenn es beispielsweise recht steil bergauf geht. Aber restlos geklärt ist die Herkunft nicht.“

Werner Laqua Schlittenhundeführer.
Foto: Thilo Brunner
Einführung von Schlittenhundeführer Werner Laqua.

Musher werden schon mit acht

In Wahrheit spielt das auch keine Rolle. Was viel spannender und verlockender ist: Musher sein kann nahezu jeder. „Auch wenn er noch so unbeweglich ist“, sagt der Besitzer von 17 Hunden, die auf Namen wie Monty, Struggy, Tonka, Balu, Amigo oder Amrok hören.

Was es braucht, sind winterfestes Schuhwerk, winterfeste Kleidung, dicke Handschuhe und die Lust auf Abenteuer. Und natürlich einen, der über Hunde und einen Schlitten verfügt, der’s einem zeigt und erklärt. Einen wie Werner Laqua eben, denn einfach so einen Schlitten und ein paar Hunde mieten und irgendwo im Wald oder auf der verschneiten Wiese drauflosfahren, ist nirgendwo in Bayern oder Österreich erlaubt.

Werner Laqua veranstaltet einerseits Wochenend-Workshops am Hörnlepass im Kleinwalsertal, andererseits fährt er mit seinem für seine Hunde umgebauten Transporter samt Anhänger für die Schlitten gleichsam überallhin in Bayern – wo dann selbst Kinder ab einem Alter von acht Jahren seine lehrreichen Dienste neugierig in Anspruch nehmen können und für ein paar Stunden Musher sein dürfen.

Der Schlitten.
Foto: Thilo Brunner
Werner Laqua, der Schlittenhundeführer, erklärt den Schlitten.

Draufstellen und Spaß haben

„Ein bisschen ist’s wie Fahrrad fahren“, sagt Werner Laqua. „Hat man es einmal heraußen, hat man es auch fast schon im Blut. Man muss nur begreifen, dass man sein Gewicht verlagern muss, damit man in der Kurve nicht vom Schlitten fliegt.

All denen, die es zum ersten Mal versuchen, sage ich: Draufstellen, wie ein Kind das Hirn ausschalten, instinktiv das Richtige tun und Spaß haben. Und den Kindern sage ich: Macht mal.“ Na ja, ganz so simpel ist es natürlich doch nicht.

Zumindest dann nicht, wenn man nicht auf dem kleinen Lernparcours seine Runden dreht, sondern bereits rausdarf auf die längeren und deutlich anspruchsvolleren Strecken. Da will – und muss – man dann schon wissen, wie die Bremsen funktionieren.

Die Gummibremse zum Beispiel, um Tempo herauszunehmen, oder die Aluminiumbremse, um möglichst abrupt stehen zu bleiben, wenn’s erforderlich sein sollte. Schließlich gibt es noch eine dritte Bremse, den sogenannten Schneeanker, der zum Einsatz kommt, wenn man sich kurz vom Schlitten entfernt.

Vor der Hundeschlittenfahrt am Feuer wärmen.
Foto: Thilo Brunner
Tanja wärmt sich am Lagerfeuer  – so ist es Brauch bei Werner Laqua.
Husky Schlittenhund.
Foto: Thilo Brunner
Michael ­streichelt Balu – einen von insgesamt 17 Hunden, die Werner Laqua besitzt.
Warme Suppe für Husky vor dem Start der Schlittenfahrt.
Foto: Thilo Brunner
Nicht nur für Kursteilnehmer, sondern auch für die Hunde gibt es warme Suppe vor dem Start.

Tanja und Michael, ein junges Paar aus Bayern, kommen unfallfrei von ihrer ersten längeren Runde zurück. Die junge Frau sogar einige Augenblicke vor ihrem Freund. Dann werden erst einmal die zu Eiszapfen gefrorenen Haarsträhnen ausgeschüttelt, die unter der Haube hervorstehen, und schließlich wird nur noch hingebungsvoll geschwärmt.

„Da geht wahrscheinlich nur Fliegen drüber“, jubelt Tanja. „In den ersten Kurven hatte ich zwar noch ein bisschen Angst – nein, Respekt trifft’s eher –, aber dann hab ich mich einfach treiben lassen. Herrlich.“ Und Michael bestätigt: „Es ist genau so, wie Werner sagt: Du musst nur das Hirn ausschalten. Wenn dir das gelingt, wirst du bald eins mit dem Gerät und reagierst intuitiv richtig.“

Beim Schlitten selbst, bei jenem herkömmlichen jedenfalls, der für Freizeit-Schlittenhundeführer wie Tanja oder Michael vorgesehen ist, handelt es sich um einen massiven Schlitten aus Holz, der inklusive Ladefläche, auf der man auch einen „Passagier“ mitnehmen kann, zirka vier Meter lang, 53 Zentimeter breit und zwölf Kilo schwer ist. Wäre er breiter als diese 53 Zentimeter, ließe er sich nicht mehr lenken und kaum mehr um die Kurve bringen.

Erst mal Suppe für die Tiere

Wenn Werner Laqua mit seinen Hunden zum Workshop oder zu einer längeren Ausfahrt bittet, so gibt es im Vorfeld zu allererst einmal Suppe. Nicht jedoch für die Freizeit-Musher, damit sich diese von innen her aufwärmen können, sondern für die Hunde.

Die Musher in spe sitzen derweil rund um ein wärmendes Lagerfeuer – so ist es Brauch bei Werner Laqua. „Bei dieser Hundesuppe handelt es sich bei mir um püriertes Dosenfutter, das mit kaltem Wasser verrührt wird.

Die Hunde brauchen ausreichend Flüssigkeit, denn größere Runden sind für sie durchaus anstrengend. Und etwas im Magen sollten sie auch haben. Andere Musher kochen tatsächlich Suppen aus Knochen und Fleisch.“ 

Ausfahrt mit Hunden und Schlitten.
Foto: Thilo Brunner
Michael auf seinen ersten Runden als Hundeschlittenführer. Wichtig ist, dass das Geschirr den Hunden wie angegossen passt, damit es nur auf das Brustbein Druck ausübt.
Huskys laufen für ihr Leben gern.
Foto: Thilo Brunner
Huskys laufen für ihr Leben gern.

Während die Tiere folglich ihr Frühstück einnehmen, meist handelt es sich um einen dreiviertel Liter, erklärt Werner Laqua die wenigen, aber sehr wesentlichen Befehle, die vor allem von den Leithunden ebenso dann sehr bald entgegen genommen und ausgeführt werden, wenn es sich um ihnen fremde Schlittenhundeführer handelt.

„Ein guter Leithund akzeptiert eine ihm unbekannte Person spätestens nach einer Stunde“, erklärt der 56-Jährige, der – teilweise zumindest – seine eigene Sprache mit den Tieren erfunden hat. So bedeutet „Ha“ für seine Hunde nach links und „Tschi“ das Gegenteil, also nach rechts.

Dazu kommen noch gängige Anweisungen wie „Ready go“ fürs Loslaufen; „Go ahead“, um Tempo zu machen; „Easy go“ fürs Reduzieren des Tempos; „Steh“, um stehen zu bleiben. „Was man Huskys gar nicht erst beizubringen versuchen sollte, sind Befehle wie ‚Sitz‘, ‚Platz‘ oder ‚Fuß‘. Da lachen sie einen nur aus…“

Wenn nun der Laie zum ersten Mal auf einer größeren Runde hinten auf den Kufen eines Hundeschlittens steht, muss er neben dem erwähnten Hirnausschalten eines im Vorfeld verinnerlicht haben: dass er niemals loslässt, wenn er den Schlitten, in einer engen Kurve etwa, unfreiwillig verlässt, was angesichts des schon bei einem Vierergespann erstaunlich hohen Tempos bisweilen passieren kann.

Fahrer bremst den Hundeschlitten.
Foto: Thilo Brunner
Bremsen schaffen Abhilfe. Die Gummibremse ist dazu da, um Tempo herauszunehmen, die Aluminiumbremse, um möglichst abrupt stehen zu bleiben.
Schneeanker zum Befestigen des Schlittens.
Foto: Thilo Brunner
Der Schneeanker kommt zum Einsatz, wenn man sich vom Schlitten entfernt.
Hundeschlitten nimmt Fahrt auf.
Foto: Thilo Brunner
Beim Hundeschlittenfahren geht es im Wesentlichen nur darum, sein Gewicht so zu verlagern, dass man in der Kurve nicht vom Schlitten fliegt. Auf längeren und anspruchsvolleren Strecken ist freilich etwas mehr Know-how gefragt.
Laqua mit seinen Schlittenhunde.
Foto: Thilo Brunner
Es darf gern eiskalt sein. Huskys fühlen sich bei Temperaturen um minus 15 Grad am wohlsten.

Wenn Hunde innerlich grinsen

„Hält man sich nicht am Schlitten fest, kriegen die Hunde das große innerliche Grinsen und hauen ab, so schnell kannst du gar nicht schauen“, erzählt der Lehrmeister von zahlreichen leidvollen Erfahrungen seiner Schüler. Die Hunde selbst laufen in so einem Fall nämlich einfach allein die Runde zu Ende und bleiben bei Start und Ziel wieder stehen.

Dort gibt es dann dennoch ein Leckerli, denn sie haben ja nichts Böses getan, sondern sind lediglich ihrem Instinkt gefolgt. Der Bruchpilot hingegen hat bisweilen einen langen Marsch vor sich. Absolviert man so eine Runde indessen unfallfrei, erlebt man ein Gefühl unbändiger Freiheit. Man spürt die Kraft der Hunde, die gleichsam unbehelligt vor sich hin rennen.

„Das Geschirr muss allerdings wie angegossen passen, damit es nur auf das Brustbein Druck ausübt. Sitzt es nicht perfekt, verspüren die Tiere Schmerzen oder sind sehr schnell ausgepowert. Oder beides“, so Laqua. Der Hundeliebhaber ist den Huskys vor nunmehr 24 Jahren verfallen.

Anfangs fuhr er noch Rennen, erkannte aber im Zuge einer Tour in Schweden, dass er beim Tourenfahren ein Vielfaches an Glücksgefühlen verspürt. „Gefühle, die ich weitergeben möchte“, sagt er. Und daher hält er selbst im Früh- und im Spätsommer Kurse ab.

In diesem Fall freilich mit einem Wagen und auf vier Rädern und nicht mit einem Schlitten auf Kufen, aber auch in der warmen Jahreszeit ist es das Einswerden mit den Hunden und der Natur, das sehr schnell süchtig macht.

Naheaufnahme des Schlittenhunds Nitro.
Foto: Thilo Brunner
Nitro ist drei Jahre alt, Werner Laqua hat ihn vor zwei Jahren aus dem Tierheim geholt.

Der Unendlichkeit nahe

Husky zu sein, respektive so einer, der vor den Schlitten oder Wagen gespannt wird, bedeutet beinahe einen Ganzjahresjob. Wenn Mitte April die Wintersaison zu Ende geht, beginnt das Abtrainieren. Hinter dem Wagen und mit deutlich kürzeren Distanzen.

Lediglich von Mitte Juli bis Ende August tragen die Hunde kein Geschirr und laufen ausschließlich frei. Dann aber geht es wieder mit dem Wagen los, anfänglich maximal 45 Minuten, was einer Strecke von rund sechs Kilometern entspricht.

Mitte oder Ende Dezember endlich, wenn der Winter die Natur – im Idealfall – fest im Griff hat, können die Tiere bereits zwei Stunden Vollgas geben und insgesamt bis zu vier Stunden am Stück laufen. Auch das ist noch lange nicht alles.

Denn der Saisonhöhepunkt findet zwischen Mitte März und Anfang April im Rahmen von zwei Fünf-Tage-Camps meistens in Skandinavien statt. Da bewältigen die Huskys immerhin Distanzen bis zu 60 Kilometern am Tag. „Ein Abenteuer, das dich der Unendlichkeit näherbringt“, sagt Werner Laqua.

Huskys laufen bergauf.
Foto: Thilo Brunner
Laqua und seine Schlittenhunde scheuen auch vor steileren Passagen nicht zurück.
Laqua und seine Huskys kurz vor dem Ziel.
Foto: Thilo Brunner
Erste Ausfahrt mit Hunden: Tanja Schafnitzel und Michael Müller am Schlitten, vorn zwei Alaskan Huskys, hinten ein brauner Siberian Husky.

Infos

Ankommen

Das bayerische Oberstdorf im Grenzgebiet zum Kleinwalsertal in Vorarlberg erreicht man mit dem Auto auf schnellstem Weg von München aus über Landsberg am Lech, Kaufbeuren und Kempten. Die Distanz ­beträgt rund 170 km. Mit dem Zug muss man den Umweg über Augsburg in Kauf nehmen und kommt auf eine Fahrzeit von zirka 2,5 Stunden.

Tage mit Werner Laqua

Der Schlittenhundeführer aus dem Allgäu kommt mit seinen Schlitten und Hunden überallhin, wo man ihn bucht. Einen fixen Standpunkt hat er auch – auf dem Hörnlepass im Kleinwalsertal, wo regelmäßig Kurse stattfinden.
www.huskydays.com

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