Costa Rica Reise Wandern Cerro Chirripó
Foto: Lucas T. Jahn
Reise

Der steile Weg aufs Dach von Costa Rica

Reise • 25. Mai 2020

Costa Rica ist für seine Traum-Strände und Tropenwälder bekannt, doch das zentralamerikanische Land hat auch richtige Berge zu bieten. Wer den Ausblick vom höchsten, dem 3.820 m hohen Cerro Chirripó, genießen will, sollte die Lebensmaxime der Ticos beherzigen: Niemals verzagen! Anna und Lucas T. Jahn von Rugged Roadtrips können ein Lied davon singen.

Bericht: Lucas T. Jahn

Costa Rica ist voll natürlicher Schönheit. Von traumhaften Stränden bis zu dichtem Urwald, brodelnden Schlammbecken und fruchtbaren Tälern vereint dieses Land alles, wovon Outdoor-Fans träumen – und das auf einer Fläche der Größe von Niedersachsen. Auch Gebirge: Vier Bergketten erschaffen eine Vielzahl abwechslungsreicher Vegetationszonen und einmaliger Mikroklimata.

Einen Monat lang bereisen meine Frau Anna und ich mit Geländewagen und Dachzelt das Land. Nachdem wir bereits Schildkröten beim Schlüpfen beobachtet haben, am Krater eines aktiven Vulkans standen und im unfassbar blauen Wasser des Rio Blanco geschwommen sind, wollen wir unsere schlaffen Schreibtischkörper nun ordentlich auf die Probe stellen. Wir planen den steilen Aufstieg aufs Dach von Costa Rica - den Cerro Chirripó.

Costa Rica heißt Offroad-Abenteuer

Mit 3.820 m thront der im Süden des Landes gelegene Cerro Chirripó über allen anderen Gipfeln Costa Ricas. Ein gut erkennbarer Wanderpfad führt vom kleinen Dorf San Gerardo de Rivas auf 1.219 Metern bis zur Spitze. Die Anzahl der täglichen Wanderer ist streng limitiert und eine Erlaubnis muss im Voraus online beantragt werden. Nachdem wir am Vortag im Nationalparkbüro Anweisungen erhalten, Anträge ausgefüllt und Formulare unterschrieben haben, starten wir unsere Wanderung in aller Früh um 6 Uhr morgens. 14,5 km Wegstrecke und über 2.000 Höhenmeter liegen bis zu unserem Tagesziel, dem Basecamp Albergue Base Crestones, vor uns.

Bereits die ersten Meter machen uns klar, welche Herausforderungen heute auf uns warten. Der Pfad ist unbarmherzig steil und schlammig. Es dauert keine fünf Minuten, bis wir kräftig am Schnaufen sind. Steinige Passagen wechseln sich beständig mit tiefen Schlammsenken ab. Nach kurzer Zeit sind unsere Wanderstiefel von einer dicken Schicht klebrigen Morasts überzogen. Während die Sonne hinter den Berggipfeln aufgeht, beginnen die Vögel zu zwitschern. Der strahlend blaue Himmel lässt uns darauf hoffen, heute oberhalb der Knie trocken zu bleiben.

Ein saurer Start

Mit unserem erzwungenermaßen gemächlichen Tempo kommen wir nur langsam voran. Für den ersten Kilometer brauchen wir beinahe eine Stunde. Bei dieser Geschwindigkeit würden wir das Basecamp erst nach Einbruch der Nacht erreichen. Kurz bevor wir uns entscheiden das Tempo anzuziehen, entdecken wir einen Mandarinenbaum am Wegesrand. In Erwartung einer süßen Erfrischung, kostet Anna beherzt von einer der Früchte. Im Bruchteil einer Sekunde wandelt sich ihr freudestrahlender Blick in Entsetzen und ihr Gesicht läuft hochrot an. Die Mandarine ist ein Wolf im Schafspelz – ihr Geschmack gleicht dem einer unreifen Zitrone. Prustend vor Lachen probiere auch ich ein Stück, nur um kurze Zeit später ebenso saure Grimassen zu schneiden.

Schlamm soweit das Auge reicht

Nach unserem unerwartet säuerlichen Snack gewinnen wir merklich an Höhe. Die anfänglichen Weideflächen weichen einem ursprünglichen Wald. Plötzlich wird das rhythmische Patschen unserer Stiefel im Schlamm von einem lauten Klackern durchbrochen. Wir blicken auf und können gerade noch einem uns entgegenkommenden Packpferd – alle Lebensmittel für das Basecamp werden auf Pferderücken transportiert – aus dem Weg springen. Sein dahinter laufender Besitzer fragt uns gut gelaunt: „Como estas?“. Zwischen unseren mühevollen Atemzügen bringen wir irgendwie ein „Muy bien!“ hervor, woraufhin er nur „Pura Vida!“ ruft. Hinter den zwei unscheinbaren Worten verbirgt sich eine tiefgründige Botschaft. „Pura Vida“ beschreibt am besten die Lebenseinstellung der Ticos, wie sich die Costa Ricaner selbst nennen – man soll das Leben so nehmen wie es kommt, nicht verzagen und dabei stets lächeln.

Packpferde bringen alle Lebensmittel zur Hütte

Diesen Rat nehmen wir uns sofort zu Herzen, als eine dicke Nebelwand über uns hereinbricht und die ersten Regentropfen fallen. Es dauert viele weitere Stunden bis wir den Schlamm endlich hinter uns lassen und sich der Wald lichtet. Ab und an reißen die Wolken auf und geben den Blick ins Tal frei. Freudig rufe ich zu Anna:
„Schau mal - Moos!“
„Und, was sagt uns das?“
„Dass wir immer weiter hochgehen!“
„Ach, das merke ich nicht nur am Moos.“

Mit „Pura Vida“ aufwärts

Nach beinahe 11 Stunden Wanderung verlangt uns der letzte Anstieg noch einmal alles ab. Auf über 3.000 Höhenmetern ist die Luft merklich dünner. Das Atmen fällt schwer, doch bald darauf erblicken wir erfreut das Basecamp. Auf 3.410 m ist die Albergue Base Crestones das Tagesziel für die Mehrheit der Besucher des Parks. Von hier aus lassen sich eine Vielzahl an Berggipfeln in unmittelbarer Umgebung besteigen. Nach einer eiskalten Dusche, einem herzhaften Abendessen und einer netten Unterhaltung mit anderen Wanderern gehen wir frühzeitig ins Bett, denn die Nacht wird kurz.

Costa Rica oberhalb der Baumgrenze

Um 1:30 Uhr klingelt der Wecker. Schlaftrunken ziehen wir unsere Wandersachen an und packen Handschuhe, Schal und Mütze in den Rucksack. Im Dunkel der Nacht geht es in Richtung Cerro Chirripó, denn wir wollen den Sonnenaufgang vom Gipfel erleben. Fünf Kilometer Wegstrecke und weitere 470 Höhenmeter liegen vor uns.

Nach wenigen hundert Metern merkt Anna, dass sie sich am Vortag das Knie verdreht hat. Die einzig vernünftige Entscheidung ist die Rückkehr zur Hütte. Kurz darauf beginne ich den Aufstieg aufs Neue, nun allein. Ich bin umgeben von pechschwarzer Nacht. Kein Vogel oder Insekt gibt einen Laut von sich, nur meine Schritte durchbrechen die stille Einsamkeit. Im schwachen Licht des abnehmenden Halbmonds erkenne ich nichts als Schemen, die gesamte Welt spielt sich im Schein meiner Stirnlampe ab.

Die letzten Meter auf dem Weg zum Gipfel werden zu einer echten Kletterpartie. Meine Lungen lächzen nach Sauerstoff während ich mich an den steilen Steinpassagen heraufziehe. Auf dem Gipfel angekommen, werde ich freudig begrüßt und von anderen Wanderern in Empfang genommen. Einige von Ihnen sind so zeitig gestartet, dass sie bereits seit einer Stunde in der Eiseskälte ausharren. Trotz Costa Ricas Lage in den Tropen, sinken die Temperaturen auf dem Gipfel des Cerro Chirripó bei starkem Wind regelmäßig unter den Gefrierpunkt.

Zwischen Pazifik und Karibik

Keine zehn Minuten nach meiner Ankunft, bricht die Sonne durch die Wolkendecke und badet die Landschaft in ihrem goldenen Morgenlicht. Die Temperatur steigt spürbar, nur der Wind lässt nicht nach. Vom Gipfel aus blickt man weit in alle Richtungen, an klaren Tagen kann man sowohl den Pazifik als auch die Karibik sehen. Direkt unterhalb des Gipfels liegen mehrere kleine Bergseen.

Cerro Chirripó: Vollkommen alleine auf dem Dach von Costa Rica

Es dauert nicht lange und ich bin wieder vollkommen allein. Alle Anderen haben sich bereits auf den Rückweg ins Tal begeben. Ich verweile noch eine halbe Stunde und genieße den Blick auf die tanzenden Wolken, bevor ich für ein wohlverdientes Frühstück zur Hütte zurückkehre.

Im Verlauf des Nachmittags besteige ich noch Costa Ricas zweithöchsten Gipfel, Cerro Ventisqueros, bevor wir am nächsten Morgen gemeinsam den Rückweg ins Tal antreten. Bei strahlendem Sonnenschein genießen wir noch einmal den Blick auf die malerische Landschaft und wissen: er hat sich gelohnt, der steile Weg aufs Dach von Costa Rica.

Die komplette Reise im Video


Infos und Adressen: Costa Rica, Zentralamerika

Reisezeit und Klima

Das Klima Costa Ricas ist ebenso vielfältig wie seine Landschaften. Das tropische Land ist von geringen Temperatur- und starken Niederschlagsschwankungen geprägt. Die Trockenzeit reicht von Dezember bis April, die Regenzeit von Mai bis November. An den Küsten ist es ganzjährig feuchtwarm, im bergigen Zentraltal dagegen angenehm. Generell eignet sich die Trockenzeit besser für Besuche. Doch natürlich lassen sich echte Abenteurer nicht von ein bisschen Sturzregen abschrecken.

An- und Einreise

Bei einem Aufenthalt von bis zu drei Monaten reist man mit einem mindestens sechs Monate gültigem Reisepass visumfrei ein. Mehrere Fluggesellschaften verbinden Deutschland und Österreich mit Costa Rica, z.B. Lufthansa per Direktflug von Frankfurt oder Condor etwas umständlich via Santo Domingo (Dominikanische Republik).

Gesundheit und Sicherheit

Costa Rica gilt als sicheres Reiseland. Jedoch sollten Besucher stets Vorsicht walten lassen, keine Wertsachen im Auto zurücklassen und nicht als hilflose Touristen durch große Menschenmengen irren. Taschendiebstähle sind vor allem in der Hauptstadt San José und den Tourismushochburgen an der Pazifikküste verbreitet. Von Reisen bei Nacht ist generell abzuraten. Aktuelle Reiseinformationen gibt es beim Auswärtigen Amt/ Außenministerium.

Neben den Standardimpfungen, wie Tetanus und Hepatis A, erfordert ein Besuch Costa Ricas keine weiteren Impfungen. Gegen stechwütige Mücken schützen lange Kleidung und dick aufgetragenes Insektenspray. Eine Auslandskrankenversicherung ist Pflicht. Vom übermäßigen Leitungswasserkonsum ist eher abzuraten.

Übernachten und Camping

Die Auswahl an Unterkünften in Costa Rica ist enorm. Von luxuriösen Urwald-Lodges bis zu einfachen Cabinas finden alle Reisenden wonach sie suchen. Camping ist in Costa Rica kaum verbreitet, gut ausgestattete Campingplätze sucht man meistens vergeblich. Wildes Campieren ist weder offiziell erlaubt noch verboten, wird aber fast überall toleriert. Erfreulich: An vielen Orten ist das Campen am Strand erlaubt. Einen komplett privaten Strand gibt es in Costa Rica rechtlich nicht. Die ersten 50 Meter ab der Flutlinie können von jedem frei genutzt werden. Apps wie iOverlander geben Aufschluss über geeignete Campingplätze. Wie immer gilt: Bedacht handeln.

Straßenverhältnisse

Highways und Verbindungsstraßen sind allgemein in einem guten Zustand, Schotterstraßen dagegen häufig von Schlaglöchern durchzogen. Der Fahrstil der Einheimischen reicht von wagemutig bis lebensmüde. Riskante Überholmanöver auf engen, kurvigen und nebeligen Bergstraßen sind eher die Regel als Ausnahme. Die Hauptstadt San José ist berüchtigt für ihr Verkehrschaos und sollte gemieden werden. Im ländlichen Bereich versperrt hier und da eine Rinderherde den Weg. In Costa Rica gilt Rechtsverkehr. Ein internationaler Führerschein ist zu empfehlen.

Mietwagen

Nomad America bietet eine gute Auswahl an Geländewagen, von Suzuki Jimny bis Land Rover Defender, samt Dachzelt und Campingausrüstung zum Verleih. Abholung direkt am Flughafen, kostenloses Mobiltelefon zur Navigation und Kommunikation vor Ort.

Sprache

Die Landessprache in Costa Rica ist Spanisch. Englisch ist in den Touristenhochburgen verbreitet, im Rest des Landes sind spanische Grundkenntnisse äußerst empfehlenswert. 

Mehr Infos

Mehr Informationen und Videos gibt es auf unserem YouTube Kanal und auf unserer Webseite.

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