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Messners Philosophikum

Der Felshaken vom Dorfschmied

Magazin • 2. November 2021
3 Min. Lesezeit

Über die schwierigste Kletterstelle meines Lebens: Wie ich am 6. und 7. Juli 1968 mit meinem Bruder den Mittelpfeiler am Heiligkreuzkofel in den Dolomiten eröffnete.

Reinhold Messner für das Bergweltenmagazin April 2016

Immer wenn mein Bruder Günther und ich eine Erstbegehung planten, waren wir zuerst beim Dorfschmied Franz Steiner in St. Peter im Villnösstal. Ein kräftiger Mann mit großen Händen, der ein Faible für uns Kletterer hatte. Deshalb blieb er immer hilfsbereit, bis wir wieder abzogen aus seiner rußigen Werkstatt.

„Wo geht es dieses Mal hin?“, fragte er. „Und was brauchts?“

„Am Heiligkreuzkofel im Gadertal haben wir letztes Jahr den Livanos-Pfeiler geklettert. Gleich rechts daneben steht noch ein Pfeiler – 600 Meter hoch, im oberen Teil senkrechte Wand, wenig Ritzen.“

„Wenn’s keine Risse im Fels hat, brauchts doch keine Haken.“

„Richtig, aber da und dort wird schon ein Felsloch, ein Riss zu finden sein. Sonst können wir uns nicht sichern.“

„Also, wie viele und welche Art Mauerhaken brauchts?“

„Zwanzig: ein paar kleine und zehn normale. Auch ein paar U-Haken, wie sie die Amerikaner jetzt haben.“

„Ja“, sagte Günther, „aus gebogenem Blech. Im Yosemite sind sie der letzte Schrei.“

„Und wie sehen die aus?“

„So fünfzehn Zentimeter lang, leicht konisch und vielleicht fünf breit.“

Steiner schnitt ein Blechstück zurecht, bog es über die Spitze am Amboss und bohrte oben ein Loch ins doppelte Eisen.

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Ein uralter, rostiger U-Haken.
Foto: Roland Vorlaufer
40 Jahre nach der Erstbegehung schenkte mir der Bergführer Ivo Rabanser den U-Haken von der Schlüsselstelle am Heiligkreuzkofel. Heute ist er im MMM Corones zu sehen.

„Der U-Haken ist etwas für einen breiten Riss, stelle ich mir vor“, sagte der Schmied. „Bis zum nächsten Mal, Buben“, verabschiedete sich Franz Steiner. „Und aufpassen“, rief er uns nach.

Am gleichen Nachmittag stiegen wir in den Mittelpfeiler am Heiligkreuzkofel ein. In Wandmitte wurde biwakiert. Am Tag darauf, es war ein Sonntag, kletterten wir hoch oben in der Gipfelwand. Hundert Meter unter dem Ausstieg, glatte, senkrechte Platten, die Schlüsselseillänge.

Günther, an zwei Haken gebunden, sicherte mich, während ich mich an kleinen Leisten und Löchern höher und höher schob. Fast war ich mit meiner Kletterkunst am Ende. Ein winziges Loch fand ich, zwei Zentimeter tief oder drei, schlug einen kurzen Messerhaken als Zwischensicherung ein. Er hielt. Weiter, noch ein Sicherungsstift.

Fünf Meter weiter ein dritter, ein vierter. Dann endlich wieder ein paar gute Griffe. Ich steckte den Hammer in den Gürtel. An einer feinen Ritze im Grund einer seichten Verschneidung konnte ich mich höher schwindeln, erreichte ein schmales Bändchen – gerade noch rechtzeitig. Beinahe wäre mir die Kraft ausgegangen. Ich stand 35 Meter senkrecht über meinem Bruder.

Nun war endgültig Schluss. Eine glatte Platte, in der keine Ritzen und kaum Griffe waren, versperrte mir den Weg. Vier Meter weiter oben sah ich einen Riss. Bis dorthin musste ich kommen!

Ich versuchte es wieder und wieder. 30 Minuten lang. Ich bin keinen Zentimeter höher gekommen. Wieder trocknete ich die Fingerspitzen. Es musste gehen! Nur diese vier Meter! Hoch oben war ein kleiner Griff. Als ich ihn hatte, konnte ich nicht mehr zurück. Ich setzte den rechten Fuß hoch, aufstehen – ein Balanceakt –, mit der linken Hand die abschüssige Leiste erreichen und durchziehen. Es folgten ein paar hektische Bewegungen, und ich stand hechelnd auf einem Standplatz unter einem handbreiten Riss.

Ein Eindruck, der ein Leben lang bleibt. Nachdem ich durchgeatmet hatte, hämmerte ich unseren U­-Haken in den Spalt, fand eine Ritze für eine zweite Verankerung und ließ Günther nachkommen. Wir hatten das Schwierigste unter uns und turnten senkrecht in den Nachmittagshimmel hinein.

Ich weiß heute nicht mehr, wie ich über die Schlüsselstelle hinaufkam. Ich weiß nur, wie ich oben stand, gelöst, voller Freude, und wie einfach alles schien.

Vierzig Jahre nach der Erstbegehung schenkte mir der Bergführer Ivo Rabanser aus dem Grödental den U­-Haken vom Standplatz oberhalb der Schlüsselstelle.

Dieser Haken, ein großer rostiger Profilhaken mit Schlinge, ist für mich weit mehr als ein Stück Metall, erinnert er mich doch an einen Augenblick der Erleichterung nach der Überwindung der schwierigsten Kletterstelle meines Lebens.

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