Interview

Simon Messner: „Alleine klettern, das ist Freiheit“

Interview • 13. Juni 2019
von Sissi Pärsch

Simon Messner (28) studierte Molekularbiologie, bevor er – trotz Höhenangst – zum spätberufenen Alpinisten und gemeinsam mit Vater Reinhold Messner zum Bergfilmer wurde. Wir haben ihn zum Interview gebeten!

Simon Messner Interview
Foto: Andreas Fuchs
Simon Messner muss nicht aus dem Schatten seines berühmten Vaters treten. Er geht seinen eigenen Weg

Er hat Höhenangst, ist studierter Molekularbiologe und verspürt Freiheit, wenn er ausschließlich für sich selbst klettert. Und er ist Sohn der Südtiroler Bergsteigerlegende Reinhold Messner. Simon Messner (28) erzählt uns im Interview, wie er als Spätzünder einen besonderen Zugang zum Berg fand und wie er vom Laborforscher zum Bergfilmer wurde.

Bergwelten: Simon, Du betonst immer wieder, dass Du kein Profisportler bist – und genau das befreiend auf Dich wirkt. Magst Du das erläutern?

Simon Messner: Als „normaler Alpinist“ spüre ich keinen Druck von außen und kann tatsächlich nur für mich klettern. Darin liegt für mich der Sinn der Bewegung am Berg: Ich mache das für mich und sonst niemanden. Und genau das versuche ich mir zu bewahren. Wenn ich ein paar Monate keine Motivation verspüre – oder wie es momentan der Fall ist – viel arbeiten muss, habe ich auch mal die Möglichkeit zu sagen: Heute bleibe ich Zuhause. Und das ist eine große Freiheit.

Kann man denn als Sohn von Reinhold Messner frei am Berg aufwachsen?

Das geht nur, wenn man nicht die Sackgasse wählt, die darin besteht, dass man glaubt, man müsste das gleiche machen wie der Vater. Bei mir kam das Interesse am Klettern und Bergsteigen überhaupt erst spät auf. Vorher war ich von ganz anderen Sachen begeistert. Mal war es das Fliegenfischen, dann das Reiten, dann die Wüste. Ich hatte auch starke Höhenangst. Mit 17 Jahren hat es mich dann doch gepackt und seither bin ich Alpinist aus Leidenschaft.

Simon Messner Interview
Foto: Philipp Brugger
In der winterlichen Pichelkante am Langkofel

Wie hast Du Deine Höhenangst überwunden?

Gar nicht. Sie ist durchaus noch da. Wenn auch nicht mehr so extrem. Ich habe mich dem immer wieder ausgesetzt, habe es zugelassen und habe dadurch gelernt, mit der Höhe umzugehen. Aber wenn der Wind kommt, dann verunsichert mich das noch immer.

Jetzt muss man auch dazu sagen, dass Du durchaus ein Top-Alpinist bist und viele Erstbegehungen auf Deinem Konto hast.

Nein, diese Formulierung trifft auf mich nicht zu. Aber es reizt mich immer wieder, eine komplett neue Linie zu finden. Das ist für mich eine sehr kreative Tätigkeit. Du schaust dir von unten eine mögliche Route an und versuchst diese zu klettern. Hier sind für mich auch die Emotionen am größten, am nachhaltigsten. Ich habe noch nie einen Bohrhaken geschlagen, auch weil ich glaube, dadurch die nachhaltigeren Emotionen zu wecken. Das gilt auch für mögliche Wiederholer.

Das heißt, Du kommunizierst Deine Erstbegehungen nicht allen?

Nein, wie gesagt: Freiheit ist, wenn man es für sich macht. Vielleicht ist es heute sogar die größere Leistung, eine Leistung nicht zu erzählen. Für mich ist eine Tour – allem voran ein Solo – eine sehr intime Erfahrung, die ich nicht immer teilen will.

Du scheinst ja generell gerne ungewöhnliche Wege zu beschreiten. Du hast Molekularbiologie studiert?

Ja, es ist ein total spannendes Feld. Mich haben schon immer die großen Fragen interessiert. Biologie hat mich fasziniert, weil ich hoffte, Antworten auf gewisse Fragen zu finden. Die ganz essentiellen Lebensfragen: Wie funktioniert das alles? DNA, die Zelle… Und dann hat sich herausgestellt, dass es immer nur komplexer und komplexer wird. Es sind mehr Fragen aufgetaucht, als sich beantworten ließen. Es ist faszinierend. Am Berg hingegen kann ich meinen Kopf abschalten und mich ganz auf die Natur und die Bewegung einlassen.

Simon Messner Interview
Foto: Salewa/ Julian Rohn
Simon Messner

Dann hast Du mit Deinem Vater die Messner Mountain Movie gegründet, eine Filmproduktionsagentur?

Mein Vater kam mit dem Vorschlag. Ich bin sicher der größere Zweifler von uns beiden, aber ich dachte mir: Wieso nicht probieren? Wir haben uns Schritt für Schritt herangetastet. Das Bergsteigen hat so starke Geschichten hervorgebracht, man muss sie einfach erzählen – und man muss sie so erzählen, wie sie stattgefunden haben. Die Alpinhistorie, die vielen Gesichter des Bergsteigens und sein kulturelles Erbe zu erzählen – originalgetreu und am Berg gedreht – das ist unser Ziel.

Welche Rolle kommt dabei wem zu?

Er ist der Geschichtenerzähler, ich kümmere mich um das Administrative. Und ich bin eher der Handwerker, baue z.B. das Requisitenlager auf. Wir lernen beide Schritt für Schritt sehr viel dazu. Ton, Kameraführung, der Schnitt, der bei uns sehr speziell ist, all das entdecken und formen wir für uns. Natürlich mit einem extrem guten Team im Hintergrund.

Nun brichst Du mit Deinem Vater nach Pakistan auf. Was plant Ihr dort?

Wir versuchen uns an einer selbst finanzierten Dokumentation. Mehr möchten wir noch nicht sagen.

Auf einem der unzähligen Wüstentürme in Utah, USA

Und Ihr harmoniert als Vater-Sohn-Gespann problemlos?

Na ja, wir kommen gut miteinander aus, aber wie in jedem Familienunternehmen braucht eben jeder seinen Aufgabenbereich. Es gibt immer wieder Reibereien künstlerischer Natur, aber die wirken sich dann meist positiv aus. Und nach den vier Wochen bleibe ich nochmals einen Monat in Pakistan, um mit zwei Freunden aus Innsbruck zu klettern. 99% der Kletterer wünschen sich ja möglichst wenig zu arbeiten und möglichst viel zu klettern. Das klappt bei mir momentan nicht wirklich, daher freue ich mich auf die kommende Reise umso mehr. Ohne Internet am Berg zu sein bedeutet Ausstieg aus dem Alltag für mich. Das ist das Spannende, das Bleibende – und auch das ist Freiheit.

Vielen Dank für das Gespräch!

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