Interview

Lawinensymposium: „Fehlerketten im Gelände wahrnehmen“

Interview • 27. September 2017

Am 7. Oktober 2017 findet das 2. Lawinensymposium in Graz statt. Wir haben vorab mit zwei Referenten, einem Bergführer und einem Lawinensachverständiger, über Risiken und Aufklärung gesprochen.

Wintersport: Skitourengeher im freien Gelände
Foto: mauritius images / Zoonar GmbH / Alamy
Wintersport: Skitourengeher im freien Gelände

Das 2. Lawinensymposium der Naturfreunde Österreich und der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) findet am 7. Oktober in Graz statt – und steht auch dieses Jahr wieder ganz im Zeichen von Aufklärung. Ziel ist es, das Risikobewusstsein jener Wintersportler zu steigern, die sich im freien Gelände bewegen.

Dazu kommen in Graz internationale Experten zusammen und referieren über Entwicklungen im Bereich Schnee- und Lawinenkunde, berichten von aktuellen Ergebnissen der Lawinenforschung und informieren über verschiedene Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten.

Wir haben es uns nicht nehmen lassen bereits im Vorfeld mit zwei Referenten des Symposiums zu sprechen: Martin Edlinger, staatlich geprüfter Berg- und Skiführer sowie Abteilungsleiter des Naturfreunde-Referats Skitouren, und Arno Studeregger, Lawinensachverständiger vom Lawinenwarndienst Steiermark, im Gespräch mit Bergwelten.


Bergwelten: Welchen Beitrag kann Aufklärung über Risiken leisten?

Martin Edlinger: Aufklärung ist eine der wichtigsten Methoden, um überhaupt von Risiken im alpinen Gelände zu erfahren. Kommunikationsplattformen – wie etwa das Lawinensymposium – leisten einen großen Beitrag zur Bewusstseinsbildung.

Berg- und Skiführer Martin Edlinger vom Naturfreunde-Referat Skitouren
Foto: Naturfreunde Österreich/Martin Edlinger
Berg- und Skiführer Martin Edlinger vom Naturfreunde-Referat Skitouren

Inwieweit kann ein verbessertes Risikobewusstsein zur Senkung von Unfällen beitragen?

Arno Studeregger: Die Anziehungskraft unserer winterlichen Bergwelt abseits der gesicherten Pisten scheint ungebrochen, die Anzahl der Tourengeher, die das unverspurte Gelände freier Skiräume dem Massenbetrieb in den Skigebieten vorziehen, steigt permanent.

Das Thema Lawine ist seitens der Medien emotional stark besetzt. Das heißt, dass der Informationsfluss von den Lawinenwarndiensten schneller und die Inhalte leichter verständlich transportiert werden. Das hat insofern schon einen wichtigen Effekt, als wenig ausgebildete Wintersportler eher auf Aktivitäten außerhalb der Skipiste verzichten und ausgebildete Alpinisten sich darauf besser vorbereiten.

Wie zuverlässig ist der Lawinenlagebericht? Darf man sich zur Gänze auf ihn verlassen?

Martin Edlinger: Die täglichen Lawinenlageberichte der Lawinenwarndienste stellen eine sehr zuverlässige und qualitativ hochwertige Informationsquelle dar. Die Lawinenwarndienste leisten großartige Arbeit und erleichtern die Tourenplanung von Skitourengehern. Aber Achtung! Der Lawinenlagebericht ist eine Information, die für ein Gebiet von rund 100 km2 gilt.

Das heißt: Der Lagebericht kann nur zur allgemeinen Übersicht herangezogen werden, nicht aber für die Detailplanung und Einzelhangbeurteilung. Im Rahmen der Planung kann man sich sehr gut auf den Lagebericht verlassen. Im Gelände auf Tour stellt der Lagebericht eine tolle Ergänzung für die exakte Einschätzung vor Ort dar.          

Lawinensachverständiger Arno Studeregger vom Lawinenwarndienst Steiermark
Foto: Arno Studeregger
Lawinensachverständiger Arno Studeregger vom Lawinenwarndienst Steiermark

Welche Faktoren müssen bei der Einschätzung der Lawinengefahr berücksichtigt werden?

Martin Edlinger: Die drei Schlüsselfaktoren sind Verhältnisse, Gelände und Mensch. Es geht primär immer darum, sich über diese drei Faktoren ein Bild zu machen, um letztlich eine Entscheidung treffen zu können. Beim Thema Verhältnisse geht es um die Analyse von Lawinenlagebericht, Windsituation und Altschneedecke, beim Thema Gelände setzt man sich mit Hangneigungen, Expositionen und Geländeformen auseinander. Auch Höhenstufen und Geländefallen muss man hierbei berücksichtigen.

Der Faktor Mensch schließlich spielt ebenfalls eine entscheidende Rolle. Mit wem gehe ich auf Tour, welche Risikobereitschaft und welche Erfahrung hat die Gruppe? All diese Fragen wollen geklärt sein, um die Lawinengefahr in Bezug auf den Faktor Mensch einschätzen zu können.

Als Lawinensachverständiger setzt du dich regelmäßig mit Lawinenunfällen auseinander. Wie kann man aus ihnen lernen?

Arno Studeregger: Aus Analysen können komplexe Zusammenhänge eines Lawinenabgangs, die sogenannten Hard Facts, gut herausgearbeitet werden. Allerdings bleiben Faktoren der Entscheidungsfindung, also des Faktors Mensch, zumeist verborgen. Unfallanalysen zeigen uns, dass es keine einzelnen Fehler sind, die zu schweren Unfällen führen, sondern eine ganze Fehlerkette.

Wie wir solche besser wahrnehmen und ehestmöglich stoppen können, lehren uns die Analysen. Sie zeigen auch, dass Unfälle immer wieder nach ähnlichen Mustern verlaufen. Was bleibt ist natürlich auch Pech – oder anders formuliert: Man kann auch zur falschen Zeit am falschen Ort sein. Lawinenunfälle können nicht zu 100% vermieden werden.

Illustration zum Lawinensymposium Graz 2017: Leitfaden zur Einschätzung von Risiken im freien Wintergelände
Foto: Naturfreunde Österreich
Illustration zum Lawinensymposium Graz 2017: Leitfaden zur Einschätzung von Risiken im freien Wintergelände

Du wirst am Lawinensymposium in Graz über das Lawinenunglück am Seckauer Tinken in der Steiermark referieren. Was zeigt die Analyse auf?

Arno Studeregger: Grundsätzlich gibt es 2 Fehler bei einer Skitour: Planungsfehler, also eine Schieflage von Tour und gegebenen Verhältnissen, und menschliches Fehlverhalten. Am 18. Januar 2013 ereignete sich ein tödlicher Lawinenunfall am Seckauer Zinken. Zwei männliche Tourengeher stiegen westlich der sogenannten Südrinne zum Gipfel auf. Aufgrund von schlechter Sicht wählten sie für die Abfahrt nicht die Aufstiegsspur, sondern – zur besseren Orientierung – die Südrinne.

Bereits im unteren Bereich der Südrinne querte der vorausfahrende Skifahrer in Richtung Aufstiegsspur, als sich ein sehr großes Schneebrett löste. Während er sich durch eine Schussfahrt gerade noch zum rechten Rinnenrand retten konnte, wurde sein Kamerad mitgerissen und im Auslaufbereich der Lawine circa 1,2 Meter tief verschüttet. Der unverletzt gebliebene Skifahrer fuhr zum Lawinenkegel ab, konnte seinen Kameraden mittels LVS- Gerät orten und bergen. Für den verunfallten Skitourengeher kam jedoch jede Hilfe zu spät.

Während der Tourenvorbereitung planten sie den flachen Aufstieg über den Rücken zum Gipfel. Auch die Abfahrt war über diesen Weg geplant. Die Planung entspricht in diesem Fall einer richtigen Ableitung der beschriebenen Gefahren aus dem Lawinenlagebericht und somit: einem richtigen Verhalten. Viel Wind, schlechte Sicht und die Geländesituation lassen darauf schließen, dass die Tourengeher sich dann allerdings zur Abfahrt über die Südrinne verleitet sahen. Dort aber lag der Triebschnee. In der Rinne wurden durch starken Wind beachtliche Schneemengen abgelagert. Eine Gesamtschneehöhe von 280 cm konnte mittels Lawinensonde festgestellt werden.


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Was haben die Analysen ergeben und wie können Skitourengeher von ihnen profitieren?

Arno Studeregger: Grundsätzlich kann man festhalten, dass schlechte Sicht und hohe Windgeschwindigkeiten eine Lawinenbeurteilung vor Ort fast unmöglich gemacht haben. Gute Sichtbedingungen gelten als Voraussetzung für eine gute Gefahrenbewertung.

Was würdet ihr euch von Wintersportlern im freien Gelände wünschen?

Martin Edlinger: Die Anzahl der Skitourengeher wird auch in den nächsten Jahren stark steigen. Daher empfehlen wir Aus- und Fortbildungen der unterschiedlichsten Organisationen, um zu lernen und im Zweifel den Hang nicht zu begehen oder zu befahren.

Kann man im Tiefschnee überhaupt jemals zu 100% sicher unterwegs sein?

Martin Edlinger: Der gesamte Bergsport – und dazu gehören eben auch das Befahren und Begehen von Tiefschneehängen – birgt immer ein gewisses Maß an Restrisiko. Man kann ihn nicht zu 100% sicher gestalten. Zu viele unberechenbare äußere Einflussfaktoren spielen eine Rolle. Entscheidend ist die maximale Minimierung des erkennbaren Risikos.

Das gelingt jedoch nur dann, wenn das nötige Hintergrundwissen gegeben ist. Womit wir wieder beim Thema einer fundierten Ausbildung wären. Fakt ist: Hundertprozentige Sicherheit ist nicht möglich, das Risiko auf ein vertretbares Restrisiko zu minimieren dagegen schon.


Hinweis

Das 2. Lawinensymposium 2017 findet am 7. Oktober 2017 von 09:00-17:30 Uhr im Arbeiterkammersaal in Graz statt.

Hier geht es zum Detailprogramm des Symposiums.

Alle weiteren Informationen findet ihr unter: Naturfreunde Österreich.


Tipp

Von der Theorie in die Praxis: Vom 1.-3. Dezember 2017 geht es hinaus in die Praxis und hinein in den Schnee. Die Praxistage Lawinensymposium der Naturfreunde finden in Ramsau am Dachstein mit ausgewählten Experten statt und vermitteln Wissenswertes rund um die Versorgung von Lawinenopfern, der richtigen Vorgehensweise im Falle eines Lawinenabgangs sowie zum Schneedeckenaufbau.

Weitere Informationen: Praxistage Lawinensymposium


2. Lawinensymposium Graz 2017
Foto: Naturfreunde Österreich/ZAMG
2. Lawinensymposium Graz 2017

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