Berg-Philosophie

Gipfelfieber: Von blindem Streben und klugem Verzicht

Philosophie • 29. Dezember 2017
von Christina Geyer

Warum Umkehren am Berg ein Kraftakt ist und Gipfelfieber eine Form von Sucht: Wir begeben uns auf eine begriffliche Spurensuche.

Top of the World: Bei Whistler in Kanada
Foto: Blake Jorgenson/Red Bull Content Pool
Top of the World: Bei Whistler in Kanada

Der Mensch ist fehlbar. Und so sind auch die Entscheidungen, die er trifft, nicht immer vernünftig. Das zeigt sich nirgends eindrücklicher als am Berg. Im Vorfeld festgelegte Umkehrzeiten werden regelmäßig verworfen, Risiken zugunsten des Gipfelerfolgs billigend in Kauf genommen. Es gibt verschiedene Begriffe, die dieses Phänomen zu benennen versuchen: Gipfelfieber, Bergsucht oder auch schlichtweg Wahnsinn.

Regelmäßig quälen sich Bergsteiger auch noch am Ende ihrer Kräfte weiter, immer dem Gipfel entgegen – und scheinen völlig gleichgültig ihrem Leben gegenüber zu sein. Dem Außenstehenden erscheint das schnell als leichtsinnig und irrational, als lebensmüde und irre. Aber diese Sichtweise ist verkürzt, nicht zuletzt, weil sie reflexartig unterstellt, dass hier Kandidaten mit einer ausgeprägten Todessehnsucht am Berg unterwegs seien.


Das könnte dich auch interessieren

Tenzing Norgay und Edmund Hillary
Im Jahr 1953 erreichten der neuseeländische Bergsteiger Sir Edmund Hillary und der nepalesische Sherpa Tenzing Norgay erstmals den Gipfel des Mount Everest (8.848 m). Als Hillary einmal gefragt wurde, warum er auf hohe Berge steigt, gab er ganz lapidar zur Antwort: „Weil sie da sind.“ Er hätte auch sagen können: Weil halt. Aber: Wie plausibel ist diese Begründung eigentlich? Ist sie überhaupt ein Grund im herkömmlichen Sinne?

Wahrscheinlicher ist, dass das Gipfelfieber mit ausgeprägter Leidenschaft einhergeht, die alles andere in den Schatten stellt. Sie bewirkt, dass sich die gesamte Wahrnehmung auf das Erreichen des Gipfels verengt, ungeachtet der möglichen Konsequenzen. Risiken müssen dabei nicht zwangsläufig aus Leichtsinn bewusst in Kauf genommen werden, sie können schlichtweg ausgeblendet und verdrängt werden.

Hier ist das Gipfelfieber durchaus mit einer Sucht zu vergleichen, deren Wesen nach sich alles Sehnen auf das konzentriert, was die Sucht begehrt. Und das ist auch im Falle des Gipfelfiebers einleuchtend: Wer Kälte, Erschöpfung und literweise Schweiß in Kauf nimmt, scheint bis zu einem gewissen Grad süchtig zu sein und zwar nach etwas, das einem ausreichend Entschädigung für die Mühen des Aufstiegs in Aussicht stellt.


Das könnte dich auch interessieren

Winter: Zelten im Karwendel-Gebirge
Wer nach Abenteuern sucht, wird in den Bergen fündig. Nicht umsonst sind die großen Expeditionen namhafter Alpinisten untrennbar mit dem Begriff des Abenteuers verbunden. Aber was genau zeichnet ein Abenteuer eigentlich aus? Und warum schwingt dabei immer auch der Hauch von Faszination mit? Eine Spurensuche.

Aufzugeben und umzukehren hieße in dieser Situation: An der eigenen Leidenschaft zu scheitern. Denn der Abbruch einer Gipfeltour bedeutet zugleich, auf die Möglichkeit des Erfolgs zu verzichten. Wer sich zum Abbruch entscheidet, entscheidet sich auch gegen die Option, eventuell doch noch den Gipfel zu erreichen. Eine solche Entscheidung erfordert Umsicht und verlangt, das eigene Wollen hinter die Vernunft zu stellen.

Das Wollen nicht mehr wollen

Man muss sich gewissermaßen dazu durchringen, das eigene Wollen nicht mehr zu wollen oder zumindest nicht so sehr zu wollen wie einen kalkulierbaren, sicheren Abstieg. Wer auf Nummer Sicher geht, gibt dem nüchternen Urteilsvermögen den Vorzug und entscheidet sich bewusst gegen den Drang der Leidenschaften. Und das ist womöglich das noch viel größere Verdienst als das Erreichen des Gipfels. Denn der Verzicht auf etwas, das man liebt und begehrt, setzt einen unwahrscheinlich größeren Krafteinsatz voraus als das blinde, fiebernde Streben nach dem nächsten Gipfel.


Mehr zum Thema

Auf der Dreitorspitze (2.682 m) im Wettersteingebirge
Menschen steigen aus Leidenschaft auf hohe Berge. Sie tun das, weil sie es wollen – nicht aber aus freien Stücken. Hat einen die Leidenschaft nämlich erst einmal gepackt, hat man eigentlich schon keine Wahl mehr.
Wanderer am Berg
Eigentlich ist Einsamkeit ja nichts, was man sich wirklich wünscht. In den Bergen aber ist das anders. Da genießen wir es, allein inmitten von endlosen Gipfelketten zu wandeln. Das hat gute Gründe.
Bergkameradschaft
Die vielbeschworene Bergkameradschaft macht einen wesentlichen Bestandteil des Alpinismus aus. Immer wieder kommt sie zur Sprache, wenn Bergsteiger von ihren Erlebnissen und Abenteuern berichten. Zeit zu fragen, warum das eigentlich so ist und was das Wesen der Bergkameradschaft ausmacht.

Bergwelten entdecken