Berg-Know-How

Die 13 Spielarten des Kletterns

Wissenswertes • 1. September 2020
von Simon Schöpf

Einfach nur „klettern gehen“, das wäre ja viel zu einfach. Man muss schon differenzieren: Technisches klettern? Alpinklettern? Gar free climbing? Ja was denn nun genau? Wir erklären euch die kleinen, aber feinen Unterschiede der verschiedenen Spielarten in der Vertikalen.

Alpinklettern am Sellajoch, Südtirol
Foto: Andreas Jakwerth
Alpinklettern am Sellajoch, Südtirol

Es ist schon ein bisschen wie im Biologie-Unterricht: Zuerst einmal müssen wir zwischen den Gattungen unterscheiden, dann kommen die Unterarten. Oder wie war das? Wie auch immer: Uns interessiert hauptsächlich die Unterscheidung zwischen Freiklettern und Technischem Klettern.

1. Freiklettern

Freiklettern ist die heute populärste Form des Kletterns. Wer Freikletterer sein will, der darf im ständigen Kampf gegen die Schwerkraft nur den eigenen Körper und den Fels einsetzen. Klingt soweit logisch, geht aber auch anders: Würde man sich zum Beispiel an im Fels steckenden Haken hochziehen, dann ist das nicht mehr freiklettern, sondern technisches Klettern (aid climbing).

Freiklettern beschreibt also das ominöse englische free climbing. Technische Hilfsmittel und Seil werden lediglich als Absicherung, nicht jedoch zur Fortbewegung genutzt.

Frei wie ein Vogel: Im Klettergarten Moosalm, Ötztal
Foto: Simon Schöpf
Frei wie ein Vogel: Im Klettergarten Moosalm, Ötztal

Aber Achtung: Free climbing bitte nicht mit free solo verwechseln! Letzteres ist eine extreme Spielform des Freikletterns, nämlich ein Klettern ohne jegliche Sicherungen, mit all seinen fatalen Konsequenzen im Falle eines Sturzes.

Und weil es sonst ja viel zu einfach wäre, geben wir euch hier noch einen Überblick über viele weitere Varianten des Freikletterns

1.1. Sportklettern

Wenn man umgangssprachlich von „klettern“ redet, dann meint man wohl meistens Sportklettern. Sportklettern heißt Freiklettern an mit Bohrhaken (Bolts) abgesicherten Routen. Hier steht der – nomen est omen – sportliche Aspekt im Vordergrund, nicht unbedingt das erreichen eines Gipfels wie beim Alpinklettern. Sportklettern entstand in seiner modernen Ausprägung in den wilden 70ern in den USA, die Wurzeln liegen aber in Europa.

Sportklettern mit Aussicht: Der Autor in den Remarkables, Neuseeland
Foto: Simon Schöpf
Sportklettern mit Aussicht: Der Autor in den Remarkables, Neuseeland

Sportklettern kann man in natürlicher Umgebung, also am Fels (Klettergärten), oder auch an künstlichen Anlagen (Kletterhalle). Freiklettern ist beides. Auch gibt es viele Wettkämpfe, die meistens an Kunstwänden durchgeführt werden. 2020 wird man die Kraxler sogar erstmals bei den Olympischen Sommerspielen anfeuern können. Großes Kino.

1.3. Alpinklettern

Alpinklettern ist ebenfalls eine Art der Freikletterei, unterscheidet sich vom Sportklettern aber meist durch die Länge und die Art der Absicherung: Das Ziel ist meist der Durchstieg großer Wände (Mehrseillängentour), anstelle von Bohrhaken findet man „im alpinen“ oft rostige Schlaghaken oder muss seine Sicherungen gar ganz selbst legen.

Der Ausdruck trad climbing / clean climbing wiederum beschreibt ein komplett bohrhakenfreies Klettern an vom Fels vorgegebenen Strukturen, die das Anbringen von mobilen Sicherungsmitteln wie Friends oder Keile erlaubt; oft entlang markanter Risse oder Verschneidungen.

Südwand der Schüsselkarspitze im Tiroler Wettersteingebirge ist berühmt-berüchtigt für ihre anspruchsvollen Alpinrouten
Grundsätzlich folgt jede Form des Klettersports demselben Ziel, die Herangehensweise innerhalb der verschiedenen Kletterarten ist allerdings diffiziler als angenommen. Während bei der beliebtesten Form des Freikletterns, dem Sportklettern, das Bezwingen technischer Schwierigkeiten im Vordergrund steht, widmet sich das Alpinklettern einem weit puristischeren Motiv: dem Gipfel. Doch was versteht man eigentlich unter dem Begriff Alpinklettern?

1.4.  Bigwall-Klettern

Und wer es wirklich ernst meint, der macht Bigwall-Klettern: An den ganz großen Wänden – wie dem El Capitan im Yosemite Nationalpark, USA ­– kann es schon mal vorkommen, dass mehrere Tage für eine Tour benötigt werden. Heißt: Schlafen, essen, Kaffee trinken, mitten in der Wand. Die Topathleten der Szene ringen den 1000-Meter-Wänden immer wieder freie Begehungen ab: Heißt, sie Klettern die Route sturzfrei und ohne das Ziehen an Haken. Meist werden Bigwalls aber durch technische Kletterei begangen, sprich Hakenziehen.

2. Bouldern

Natürlich kann man aber auch mehr in Bodennähe bleiben: Bouldern ist ganz unkompliziert und bedeutet einfach ein Klettern in Absprunghöhe, ohne Seil, ohne Gurt, meist mit einer dicken Matte als Unterlage (Crashpad). Hier liegt der Fokus meist auf wenigen, dafür sehr schweren „Moves“, ein Boulder-„Problem“ gilt es zu knacken. Bouldern kann man sowohl an Naturfelsen als auch am Plastik, wo der Sport in den Metropolen dieser Welt gerade einen fast schon unglaublichen Boom erlebt.

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3. Hallenklettern

Mittlerweile kommt wohl die Mehrzahl aller Kletterer zuerst mit Plastikgriffen in Berührung, bevor es raus an den Fels geht. Dies ist natürlich der komfortabelste und leichteste Einstieg in die Welt der Vertikalen, aber auch Schauplatz für ein Kräftemessen auf Weltklasse-Niveau (Wettkampfklettern). In der Halle kann man Bouldern, Vorstiegsklettern oder Topropeklettern.

4. Speedklettern

Eine etwas eigentümliche Randart des Hallenkletterns ist das Speedklettern: Von vielen gar nicht als „wirkliches Klettern“ angesehen, geht es darum, auf einer standardisierten Route in möglichst kurzer Zeit ans Top zu kommen. Schaut mitunter etwas lustig aus:

5. Deep Water Soloing

Quasi Free Solo Klettern, aber mit (hoffentlich) viel und tiefem Wasser unterm Hintern: DWS, oder Psicobloc, wird gerne an den Klippen Mallorcas oder Thailands betrieben, im Falle eines Sturzes landet der Kletterer mehr oder weniger elegant im Wasser. Platsch.

Auf Wasser geschaut: DWS'n auf Mallorca & Thailand

6. Klettern im besonderen Gelände

Nun gut, oben genannte Kletterarten waren alle durch das Element Fels verbunden, natürlich kann man auch noch auf anderen Strukturen ganz gut klettern:

6.1. Eisklettern

Logisch, auch einen gefrorenen Wasserfall kann man erklimmen. Dazu braucht man weniger die Fingerspitzen, sondern mehr Stahl in Form von Steigeisen und Eisgeräten, der Drang nach oben bleibt aber der selbe.

6.2. Mixed-Klettern

Quasi wie Eisklettern, aber nur halt auch mit Fels zwischendurch. Die ausführliche Erklärung:

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6.3. Klettersteig

Beim Klettersteig geht es nicht um ein freies Klettern am Fels, sondern um ein sich Hocharbeiten an fix verankerten Sicherungsmitteln wie Stahlseilen und Trittleitern. Wie Hallenklettern boomen auch Klettersteige weltweit, vor allem in den Alpen:

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Soviel zu den 13 Spielarten des Kletterns. Oder waren es doch 15? Egal, die Grenzen zwischen den einzelnen Varianten sind sowieso fließen, und viele Kletterer würden sowieso argumentieren, dass Klettern nicht nur als Sport, sondern mehr als ganzes Lebensgefühl zu beschreiben sei. Aber das ist einen eigenen Artikel wert.

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